Nr. 43/2005 vom 27.10.2005

Die Gefahr aus den Megastädten

Die europäischen Staaten haben eine besondere Verantwortung bei der Bekämpfung der Vogelgrippe. Sie dürfen nicht länger Zeit mit nationalistischer Politik verlieren.

Von Mike Davis

Die Vogelgrippe begehrt Zutritt nach Europa und wird nicht abgewiesen werden können - auch wenn Tierärzte und Gesundheitsbehörden tapfer versprechen, die Grenzen dichtzumachen und Ausbrüche im Keim zu ersticken. Das Virus H5N1 hat eine fast unbezwingbare Macht.

Schon letztes Jahr hatten erfahrene Forscher davor gewarnt, dass die Vogelgrippe bei Wildvögeln und domestiziertem Geflügel nicht mehr ausgemerzt werden kann. Diesen Frühling entdeckten chinesische Forscher eine riesige Epidemie am Qinghai-See in Westchina. Zu Beginn war die Seuche auf eine kleine Insel in dem riesigen Salzsee beschränkt, wo Gänse plötzlich unter Krämpfen zusammenbrachen und starben. Doch schon Mitte Mai war die ganze Vogelpopulation des Sees angesteckt, tausende von Vögeln starben. Ein Ornithologe nannte es die grösste und tödlichste Vogelgrippe, die je bei Wildvögeln beobachtet worden ist.

Yi Guan, der Leiter des weltbekannten Vogelgrippe-Forscherteams in Hongkong, das seit 1997 eine Pandemie zu verhindern sucht, beklagte sich im Juli in der britischen Tageszeitung «The Guardian» über die ungenügende Reaktion der chinesischen Behörden auf den Flächenbrand am Qinghai-See. In einem Artikel in der Zeitschrift «Nature» enthüllten Yi Guan und seine Kollegen, dass der Bakterienstamm von Qinghai wahrscheinlich seinen Ursprung in kürzlich aufgetretenen Fällen von Vogelgrippe in Südchina hat, über die offiziell nie berichtet worden ist. Damit bestätigte sich der Verdacht, dass die chinesischen Behörden weiterhin den Ausbruch von Seuchen vor dem Rest der Welt verbergen - ähnlich wie das 2003 mit Sars geschehen war. Die Bürokratie reagierte auf die wissenschaftliche Redlichkeit von Yi Guan mit Repression: Sie schloss eines seiner Laboratorien an der Shantou-Universität und verlieh dem konservativen Landwirtschaftsministerium neue Kompetenzen bei der Grundlagenforschung in der Veterinärmedizin.

Während Peking Forschungsresultate unter Verschluss hielt, breitete sich das menschliche Epizentrum der Vogelgrippe aus: Mitte Juli bestätigten die indonesischen Gesundheitsbehörden, dass ein Vater und seine kleinen Töchter in einem reichen Vorort von Jakarta an Vogelgrippe gestorben waren. Besonders verstörend daran ist, dass kein Kontakt der Familie mit Geflügel bekannt ist.

Ausgeklügelte Suchmaschine

In der Zwischenzeit hatten sich die Vögel vom Qinghai-See in ihre Winterquartiere auf fünf Kontinenten aufgemacht. H5N1 tauchte vereinzelt in der Umgebung der tibetischen Hauptstadt Lhasa auf; wurde in der westlichen Mongolei und in Kasachstan entdeckt und begann Hühner und Wildhühner nahe des sibirischen Nowosibirsk zu töten - also auf halbem Weg zum Schwarzen Meer und nach Südeuropa. Als Nächstes könnte die Seuche im Nildelta, in Südindien, in Bangladesch, Australien, Alaska, Nordkanada und schliesslich der ganzen Welt ankommen.

Robert Wallace untersucht an der University of California, wie sich eine Grippepandemie ausbreiten könnte. Wallace sagte zu mir, H5N1 sei eine «darwinistische Suchmaschine, die ausgeklügelter ist als Google». Nach Wallace gibt es mehrere Wege, wie das Virus uns überlistet. Erstens bewege sich das Virus unterhalb des «sozialen Radars»: Menschen sind noch keine angesteckt, aber der Bakterienstamm sät sich grossflächig aus. Er verändert sich nicht nur auf der molekularen, sondern auch auf der epidemiologischen Ebene. Zweitens erweitert das Virus die «Operationsbasis für eine Pandemie», indem es sich geografisch ausbreitet und mehr und mehr Hühner ansteckt. Die Strategie der Weltgesundheitsorganisation WHO, ein verseuchtes Gebiet mit dem Medikament Tamiflu zu «imprägnieren», sei zwecklos, wenn H5N1 weltweit präsent ist. Drittens wird das Virus bei seiner weltweiten Ausbreitung auch auf Länder übergreifen, die keine Erfahrung mit der Entdeckung von Seuchenherden und dem Umgang damit haben.

Vervielfachung der Krisenherde

Entscheidend ist, dass jeder neue Vorposten von H5N1 eine weitere Gelegenheit für das sich schnell entwickelnde Virus ist, das Gen oder - noch einfacher - die Aminosäure zu bilden, die es braucht, um die verwundbaren Menschen zu massakrieren. Diese exponentielle Vervielfachung von Krisenherden und «stillen Reservoirs» ist der Grund dafür, dass in den Gesundheitsministerien auf der ganzen Welt die Alarmglocken läuten.

Natürlich gibt es SkeptikerInnen, die argumentieren, die Vogelgrippe sei eine rein «theoretische Bedrohung», und die die Existenz eines «Faktors X» vermuten, der die Übertragung des Virus auf den Menschen verhindert. Tatsächlich sind viele Forscher erstaunt, dass noch keine Pandemie ausgebrochen ist. Aber es gibt wenig Hinweise für die Existenz dieses «Faktors X»: Ein riskantes wissenschaftliches Experiment vom August hat bestätigt, dass es erschreckende Ähnlichkeiten gibt zwischen der Vogelgrippe und der Grippeepidemie von 1918, bei der 40 Millionen bis 100 Millionen Menschen starben. Ein Jahrzehnt haben Jeffrey Taubenberger und sein Team am Washingtoner Armed Forces Institute of Pathology Lungengewebeproben von Opfern der Grippe von 1918 untersucht. Diesen Sommer gelang es ihnen, das ganze Genom des Virus zu entschlüsseln. Das schockierende Ergebnis war, dass es sich beim Virus von 1918 um einen Bakterienstamm der Vogelgrippe handelte, der seine Übertragbarkeit auf Menschen durch überraschend simple Mutationen erlangt hatte und nicht etwa durch die Verbindung von Vogelgrippe mit einem menschlichen Grippevirus. Das bedeutet, dass H5N1 sich gar nicht mit den Genen eines menschlichen Virus vermengen muss. Es kann eine pandemische Beschleunigung durch die eigene, bescheidene Entwicklung erlangen.

Jetzt, da H5N1 an den Rändern Europas angekommen ist, müssen offizielle Warnungen von der WHO und unzähligen Experten, eine Pandemie stehe unmittelbar bevor, ernst genommen werden. «Unmittelbar» - das kann diesen Winter bedeuten oder 2007.

Lange haben die EU-Gesundheitsminister so gehandelt, als gebe es die EU nicht. Jede Regierung prüfte die Gefahr unabhängig von der anderen und reagierte entsprechend darauf. Überdies arbeiten die europäischen Regierungen gegeneinander: Sie konkurrieren um die knappen Grippemittel und streiten sich darüber, ob die Hühner eingesperrt werden sollen oder nicht. Und vor allem hat die EU nicht zur Kenntnis genommen, dass alle Produktionsstätten zur Herstellung von Tamiflu und auch alle wichtigen Impfstofffabriken auf europäischem Boden stehen.

Die Überwachung des Geflügels ist wichtig. Doch wirklich entscheidend ist die Rolle der riesigen, in Europa ansässigen Pharmakonzerne. Als Anfang des Jahres Thailand und Südafrika an einer WHO-Konferenz die Frage nach der Produktion von Tamiflu-Generika in der Dritten Welt aufwarfen, taten sich Frankreich und die USA zusammen und blockierten die Anfechtung des Monopols des Schweizer Pharmamultis Roche.

Als ich im August das Influenzaprogramm der WHO in Genf besuchte, sagte man mir, die WHO habe vorläufig jegliche Hoffnung auf einen weltweiten Impfstoff gegen Vogelgrippe aufgegeben - vor allem, weil sie nicht mit der Bereitschaft der EU rechne, ihre Impfstoffproduktion mit voller Kraft voranzutreiben.

Versäumnisse der USA

In den USA stehen die Dinge noch schlimmer: Bushs «Homeland Security»-Staat hat es versäumt, Vorräte an antiviralen Mitteln anzulegen oder die Kapazitäten zur Impfstoffproduktion wieder aufzubauen - nachdem Milliarden Dollar für eine imaginäre Bedrohung durch Bioterrorismus und für die «Erziehung zur Abstinenz» zum Fenster hinausgeworfen worden sind. Es ist zu erwarten, dass Washington die AmerikanerInnen, besonders wenn sie arm und schwarz sind, im Stich lassen wird.

Doch Europa strebt angeblich nach einem anderen Modell der Zivilisation als dem der neoliberalen Brutalität und Vernachlässigung, das man zurzeit in den Strassen von Bagdad und New Orleans beobachten kann. In Bezug auf die Vogelgrippe würde diese moralische Verantwortung bedeuten, dass die EU ihre ausserordentlichen pharmazeutischen und wissenschaftlichen Kapazitäten zum Wohle der gesamten Menschheit mobilisiert.

Die gefährlichste Wanderung des H5N1-Virus in den letzten Wochen ist seine unerbittliche Bewegung in Richtung der Megastädte in Afrika und Südasien. Der unmittelbar bevorstehende Zusammenprall von städtischer Armut und Vogelgrippe ist explosiv und äusserst Besorgnis erregend.

Slums als Risiko

Das dringend nötige gemeinsame Handeln der europäischen Staaten würde aber nicht mehr viel nützen, falls eine Seuche vergleichbar mit derjenigen von 1918 in den riesigen Slums von Kinshasa oder Bombay ausbrechen würde. Da können alle Hühner Europas sicher eingesperrt sein - wenn sich das H5N1-Virus bei der bereits von HIV verheerten Bevölkerung südlich der Sahara einnistet, sitzt es schon bald im nächsten Flugzeug nach Rom, London oder New York.

Weder ein festungsähnlicher epidemiologischer Nationalismus noch die idiotische Ehrfurcht vor den Profiten der Pharmariesen (vor allem von Roche) dürfen das Prinzip der menschlichen Solidarität angesichts der kommenden Seuche(n) über den Haufen werfen. Unser gemeinsames Überleben verlangt nach einer adäquaten Versorgung mit Impfstoff, antiviralen Mitteln und Antibiotika. Es ist ein Menschenrecht. Es ist eine Schande, dass hunderte Millionen von Armen zurzeit nicht einmal Zugang zu Trinkwasser oder Aspirin haben. Das ist aber keine Entschuldigung dafür, im Bestreben nachzulassen, so schnell wie möglich einen weltweit zugänglichen Grippeimpfstoff zu entwickeln.

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