Nr. 33/2005 vom 18.08.2005

Firmengeheimnis trotz Pandemiegefahr

Eine Grippe-Pandemie droht. Immer mehr Staaten und Konzerne decken sich im grossen Stil mit dem Medikament Tamiflu ein. Doch nur eine Firma stellt es her und bestimmt den Preis.

Von Daniel SternMail an AutorIn

GesundheitsexpertInnen warnen immer eindringlicher vor dem möglichen Ausbruch einer Grippe-Pandemie. Die asiatische Vogelgrippe mit der schlichten Bezeichnung H5N1 breitet sich anscheinend unaufhaltsam gegen Westen aus - schon spricht man davon, dass sibirische Enten das Virus auf ihrer Winterreise nach Westeuropa einschleppen könnten.

Bislang ist das H5N1-Virus, gegen das Menschen die übliche Gripperesistenz fehlt und das in Asien bislang weit über fünfzig Menschenleben gefordert hat, nicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Allerdings wird befürchtet, dass eine leicht mögliche Virenmutation dies bald ändern könnte. Der Schweizer Epidemiologe Robert Steffen sagt zur Gefahr einer möglichen Pandemie: «Es ist nicht die Frage, ob, sondern nur die Frage, wann.» Wenn nicht das H5N1-Virus zuungunsten der Menschen mutiere, so irgendwann ein anderer Grippestamm. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) würde eine solche Grippe-Pandemie zwischen zwei und fünfzig Millionen Tote fordern.

Der Schweizer Pharmakonzern Roche besitzt mit seiner antiviralen Arznei Tamiflu die Rechte für das derzeit wichtigste Medikament im Kampf gegen die Grippe-Pandemie. Antivirale Medikamente sollen nach den Plänen der WHO im grossen Stil gegen die drohende Pandemie eingesetzt werden. Sobald eine gefährliche neue, von Mensch zu Mensch übertragbare Grippe um sich greift, soll die Arznei vorbeugend an das Gesundheitspersonal in den betroffenen Gebieten abgegeben werden. Ausserdem würden alle Infizierten sowie die Personen in deren weiterem Umfeld behandelt werden. Die WHO hat deshalb die Staaten aufgerufen, Vorräte mit antiviralen Grippemedikamenten für bis zu einem Viertel ihrer Bevölkerung anzulegen. Neben Tamiflu kommt auch das Medikament Relenza des US-Konzerns GlaxoSmithKline infrage. Dieses muss jedoch inhaliert werden und wird deshalb viel weniger nachgefragt.

Zwei vorletzte Woche in den renommierten Wissenschaftszeitschriften «Science» und «Nature» veröffentlichte Studien geben der wirkungsvollen Eindämmung einer etwaigen Grippe-Pandemie gute Chancen, wenn schnell gehandelt wird. Ausschlaggebend sei, dass innert weniger Monate nach Auftauchen des neuen Grippevirus ein Impfstoff dagegen entwickelt werden kann, der dann im grossen Stil die Bevölkerung vorbeugend schützen soll. Tamiflu - und auch Relenza - fällt dabei die Aufgabe zu, bis zu diesem Zeitpunkt die massenhafte Ausbreitung des Virus zu verhindern.

Schweigsame Roche

Allerdings hapert es mit der weltweiten Aufstockung der Tamiflu-Bestände beträchtlich. Tamiflu ist sehr teuer und das Angebot knapp. Roche hat ausser dem Pflichtlager mit Tamiflu für ein Viertel der Schweizer Bevölkerung keine grossen Vorräte. Wer im grossen Stil bestellt, muss laut Roche-Sprecherin Martina Rupp zwischen einem und zwei Jahren warten. In den letzten Monaten haben rund 25 - zumeist reiche - Staaten ihre Bestellungen abgegeben. So hat etwa Britannien am 1. März 14,6 Millionen Packungen bestellt - jede gefüllt mit zehn Pillen (was für fünf Tage reicht). Laut Vicky Wyatt, der Sprecherin des britischen Gesundheitsministeriums, kostet das Britannien 27 Franken pro Packung. Roche verdiente somit an diesem 1. März auf einen Schlag knapp 400 Millionen Franken. Allerdings hat sich das nicht auf die Halbjahresrechnung 2005 niedergeschlagen. Dort wurde zwar eine Verdreifachung des Tamiflu-Umsatzes auf 580 Millionen ausgewiesen - aber davon stammten allein 236 Millionen aus Japan, wo eine «normale» Grippe wütete. Roche verbucht seine Einnahmen erst bei Auslieferung.

Beim Basler Pharmakonzern will man den Packungspreis von 27 Franken bei Grossbestellungen nicht bestätigen. Martina Rupp sagt lediglich: «Alle Staaten müssen gleich viel bezahlen. Der Preis ist jedoch wesentlich tiefer als im Einzelhandel.» Zudem gebe Roche Tamiflu auch als reines Pulver ab, noch nicht als Pille gepresst und verpackt, dann sei es nochmals billiger. In einer Schweizer Apotheke kostet eine Packung Tamiflu achtzig Franken. Ein Preis, den an Grippe Erkrankte noch bereit seien zu zahlen, wie MarketingexpertInnen berechneten. Denn obwohl das Medikament rezeptpflichtig ist, werden seine Kosten nicht von den Krankenkassen übernommen.

Roche gibt nicht an, welche Menge Tamiflu es in diesem Jahr maximal produzieren kann. «Das ist eine Information, die wir nicht veröffentlichen», sagt Martina Rupp. Man habe jedoch die Produktion allein letztes Jahr vervierfacht, und sie werde weiter ausgebaut. Das Medikament werde zurzeit an verschiedenen Standorten in Europa und den USA hergestellt, es werde auch mit Drittfirmen gearbeitet. Rupp hält aber fest, dass alle gleich behandelt würden: Ausgeliefert werde nach Reihenfolge des Bestellungseingangs.

Problematische Monopolstellung

Nicht nur Staaten bekunden Interesse: Martina Rupp bestätigt, dass Roche auch verschiedenen multinationalen Konzernen Tamiflu verkauft. Namen will sie keine nennen. Die britische Gesundheitsfirma International SOS, die Firmen wie Coca-Cola in Gesundheitsfragen unterstützt, rät ihren Klienten, sich mit Tamiflu einzudecken. Damit könnten die Angestellten geschützt werden und die Geschäfte würden auch bei einer Pandemie weiterlaufen können. Nicht überall kommen solche Ratschläge gut an. Ben Schwartz vom US-Gesundheitsministerium etwa befürchtet gemäss der US-Zeitung «Atlanta Journal-Constitution», dass so das knappe Gut Tamiflu an den falschen Orten gehortet werde - dort, wo in einer Krise die Gesundheitsbehörden keinen Zugriff darauf hätten.

Die faktische Monopolstellung von Roche im Kampf gegen eine mögliche Grippe-Pandemie wird zunehmend kritisiert. RepräsentantInnen von zwölf asiatischen Staaten haben letzte Woche beschlossen, gemeinsame Lager von antiviralen Grippemedikamenten anzulegen. Die Rede ist von mehreren Millionen Packungen Tamiflu. Allerdings war einigen RegierungsvertreterInnen die Abhängigkeit von einer Pharmafirma in Basel nicht geheuer. Für den philippinischen Gesundheitsminister Francisco Duque «grenzt es an Unmoral», dass ein einzelner Konzern allein die Pille produzieren kann. Er forderte Roche auf, auf das Patent zu verzichten, damit auch andere Firmen Tamiflu produzieren könnten. Martina Rupp sagt dazu: «Roche ist sich seiner grossen Verantwortung bewusst. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass ein Medikament gegen eine Grippe-Pandemie eingesetzt werden kann.» Auf die Patentrechte wolle Roche jedoch nicht verzichten. «Die Produktion ist sehr komplex, und wir haben sechs, sieben Jahre Erfahrungen damit; andere Firmen müssten sich dieses Know-how erst aufbauen. Es ist am effizientesten, wenn wir weitermachen.» Roche hat auch angekündigt, der WHO eine bestimmte Menge Tamiflu zu schenken. Entsprechende Verhandlungen seien im Gange, mehr dazu ist weder von Roche noch von der WHO zu erfahren.

Allerdings verfügt Roche nicht alleine über die Patentrechte von Tamiflu. Die eigentliche Patentinhaberin ist die US-Firma Gilead. Und die macht jetzt stark Druck auf Roche. Am 23. Juni hat Gilead angekündigt, dass die Firma ihren Vertrag mit Roche auflösen wolle. Gilead wirft Roche vor, zu wenig für die Vermarktung des Medikamentes getan zu haben. Die Firma hatte 1996 - damals noch mit dem heutigen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als Verwaltungsratspräsidenten - Roche die Rechte an Tamiflu in Lizenz abgegeben, weil der weitaus grössere Konzern wesentlich mehr Know-how für die Weiterentwicklung und Vermarktung von Arzneien besitzt.

Gilead entwickelte Tamiflu unter anderem aufgrund von Entdeckungen australischer Wissenschaftler an der Monash-Universität in Parkville sowie von Forschungsresultaten der US-Universität von Michigan. Nach Abschluss des Vertrages musste Roche schätzungsweise weit über hundert Millionen Franken in die klinischen Tests mit Menschen investieren, bis das Medikament schliesslich seine Zulassung bekam. Gilead kassierte mit Abtreten der Patentrechte zwölf Millionen Franken sofort und rund fünfzig Millionen mit dem Erreichen bestimmter Entwicklungsziele. Seit Tamiflu im Einzelhandel verkauft wird, erhält Gilead umsatzabhängige Lizenzgebühren. In den ersten drei Monaten dieses Jahres waren das allein rund 45 Millionen Franken. Ob Gilead jetzt selbst die Tamiflu-Produktion in die Hand nehmen will oder einfach höhere Lizenzgebühren von Roche herausschlagen will, ist offen. Die beiden Firmen stecken zurzeit in Verhandlungen. Über deren Stand wird geschwiegen.

Mittel gegen die Grippe

Das Grippemittel Tamiflu kann gegen unterschiedliche Grippetypen eingesetzt werden. Das ist einer der grossen Vorteile dieses Medikamentes. Allerdings nützt auch Tamiflu nicht in jedem Fall. Das Roche-Medikament wirkt sowohl vorbeugend wie auch bei einer bereits ausgebrochenen Erkrankung. Die Arznei vermag die durchschnittliche Krankheitsdauer laut Roche um durchschnittlich 1,3 Tage zu verkürzen.

Für das Bundesamt für Gesundheit ist das allerdings zu wenig wirksam. Es hat den Antrag von Roche abgelehnt, das Medikament auf die Liste der kassenpflichtigen Arzneien zu setzen. Herkömmliche Grippeimpfungen können vorbeugend gegen die üblicherweise auftretenden Grippeviren helfen, sie sind jedoch etwa gegen die lebensgefährliche Vogelgrippe H5N1 nicht wirksam. Zurzeit wird weltweit intensiv an einem Impfstoff geforscht, der dagegen eingesetzt werden kann. Verschiedene Pharmafirmen haben Gelder von westlichen Industriestaaten erhalten, um möglichst rasch einen solchen Stoff zu entwickeln. Allerdings stehen auch hier die ForscherInnen vor dem Problem, dass sich das Virus, sollte es von Mensch zu Mensch übertragbar werden, so stark verändert, dass ein neu entwickelter Impfstoff nichts mehr nützt. ExpertInnen rechnen damit, dass es nach Ausbruch einer Pandemie drei bis sechs Monate dauert, bis ein sicher wirksamer Impfstoff vorliegt.

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