Nr. 47/2005 vom 24.11.2005

Wider den Tunnelblick

Wir stimmen weder darüber ab, ob Gentechnik gefährlich sei, noch wählen wir zwischen Wissenschaft und Ideologie. Es geht um eine notwendige Denkpause.

Von Marcel Hänggi

Unsere Kenntnisse der Gene sind, über fünfzig Jahre nach der Entdeckung der Struktur der Erbsubstanz, immer noch bruchstückhaft. Die reduktionistische Genetik «kann eine Art Tunnelblick aufzwingen», schrieb das Wissenschaftsmagazin «Scientific American» unlängst. «Ein Kraut wirft Schulbuch-Genetik über den Haufen», titelte die Zeitschrift «Nature».

Angesichts solcher Unsicherheiten verwundert es nicht, dass zu fast jeder wichtigen Frage betreffend Gentechnik kontroverse Studien existieren. Kontaminiert nun gentechnisch veränderter Mais alte mexikanische Maissorten - oder nicht? Beide Aussagen standen in renommierten Wissenschaftsjournalen (siehe WOZ Nr. 43/05). Und nun wird bekannt, dass in Australien ein Freisetzungsversuch mit gentechnisch veränderten Erbsen abgebrochen wurde, weil Mäuse, die die Erbsen assen, an einer Lungenentzündung erkrankten. Der Leiter des Versuchs schreibt, die Mäuse seien «wahrscheinlich» wegen eines veränderten Proteins der Gentech-Erbsen erkrankt. «Beweisen» kann er es nicht.

Die Durchschnitts-StimmbürgerInnen können unmöglich beurteilen, wo die Wahrheit liegt (darüber stimmen wir am Sonntag übrigens gar nicht ab). Die Gentech-BefürworterInnen haben mit einigem Erfolg das Bild gezeichnet,wonach es bei der Gentechfrei-Initiative um einen Kampf Wissenschaft versus Ideologie gehe. Von «sektiererischer Grundhaltung» der InitiantInnen war in der «NZZ am Sonntag» zu lesen. Wie oft haben wir den Satz gelesen und gehört: Die Forschung lehnt das Moratorium ab.

Uns WissenschaftsjournalistInnen geht es nicht viel anders als den meisten: Sie sind keine WissenschaftlerInnen. Aber wir können mit WissenschaftlerInnen reden. Und da verlangt die journalistische Redlichkeit zumindest eines: anzuerkennen, dass es «die» Wissenschaft nicht gibt.

Nicht alle ForscherInnen lehnen das Moratorium ab. Dafür ist beispielsweise die Agrarökonomin Angelika Hilbeck, unser Monatsinterview-Gast. Dafür sind auch rund 80 WissenschaftlerInnen, die einen entsprechenden Aufruf unterzeichnet haben. Auf der anderen Seite haben 200 ForscherInnen einen Aufruf gegen das Moratorium unterschrieben, darunter viel Prominenz. 200 gegen 80? Das Zahlenverhältnis drückt lediglich aus, was von einer Forschung, die von der Industrie mitfinanziert ist und die nach kommerzieller Anwendung schielt, zu erwarten ist.

Gewiss: Landwirtschaft mit transgenen Pflanzen funktioniert. «Da lacht dem Praktiker das Herz», sagt Gottlieb Glöckner, einer der ersten Bauern, die in Deutschland gentechnisch veränderte Pflanzen anbauten, wenn er heute von der Ernte seines Syngenta-Bt-176-Maises erzählt. Das Herz hörte ihm zu lachen auf, als die damit gefütterten Kühe krank wurden und starben. Doch das war bloss unwissenschaftliche Praxiserfahrung, weshalb der Fall für viele WissenschaftlerInnen nicht existiert. Denn überhaupt, wie Klaus Ammann vom Botanischen Garten der Uni Bern schreibt, ist die Bevölkerung «geradezu ins Risiko verliebt».

Ins Risiko verliebt? Vielleicht ist die Bevölkerung eher gebranntes Kind, was Technologierisiken angeht. Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe haben die Ozonschicht durchlöchert, das Pestizid DDT hat Tiere und das Medikament Contergan Menschen vergiftet. Nicht vergessen sind Three Miles Island, Tschernobyl, Seveso, Schweizerhalle, Bhopal ... Das Klima kippt, und wenn der Wald nicht gestorben ist, so lag das ausser an der Deindustrialisierung gerade auch daran, dass Warnungen ernst genommen wurden.

Vermutlich - hoffentlich - wird die Gentechnik zu keinem zweiten Tschernobyl führen. Man sollte aber aus den Fehlern der Vergangenheit so viel gelernt haben, dass man die Risiken sorgfältig abschätzt. Das ist bisher nur unzureichend geschehen. Nun las man zwar mancherorts, den InitiantInnen gehe es gar nicht um eine Abklärung der Risiken, sie wollten die Agro-Gentechnik vielmehr auf immer und ewig verhindern, das Moratorium sei deshalb ein «Etikettenschwindel». Na wenn schon? Wir stimmen am Sonntag nicht über die «wahren Beweggründe» der InitiantInnen ab, sondern über einen Initiativtext.

Vielleicht wird sich die Gentechnologie zu einem Segen der Menschheit entwickeln. Im Moment aber hat sie auf den Feldern nichts verloren, aus dem gleichen Grund, aus dem die WOZ auch AKW immer abgelehnt hat: AKW funktionieren, sie produzieren Strom seit Jahren, aber solange niemand weiss, was mit dem Abfall geschehen soll, ist die Technologie nicht zu Ende gedacht. Die Gentechnologie wird dann «fertig» sein, wenn wir wissen, was in der Pflanze auf molekularer Ebene wirklich geschieht. Und wenn die Risiken für Mensch und Umwelt abschätzbar sind. Wenn die Molekularbiologie ihren Tunnelblick überwunden hat.

Dazu will das Moratorium Zeit gewinnen. Um nichts anderes geht es.