Nr. 49/2005 vom 08.12.2005

Ein charismatischer Ideologe

Der Rechtspopulist outet postum sein Netzwerk.

Von Jürg Frischknecht

Elf Jahre war James Schwarzenbach der meistgenannte Politiker der Schweiz. 1967 wurde der Quereinsteiger überraschend Nationalrat, 1970 wühlte «seine» Überfremdungsinitiative die Schweiz auf, 1971 zogen sieben Republikaner triumphierend ins Parlament ein – der Höhepunkt. Der Rest war Streit, Intrige und Abstieg – und schliesslich eine Krankheit, die den Soloplayer 1978 von der Politbühne holte.

Schwarzenbach vollzog den Rückzug radikal und rasch. Noch bevor ein farbloser Nachfolger in den Nationalrat nachrückte, übergab er seinen politischen Nachlass dem Schweizerischen Sozialarchiv und verfügte, dieser solle nach seinem Tod «jedermann ohne Einschränkungen» zugänglich sein.

So warteten in Zürich Stadelhofen fünfzig säurefreie Archivschachteln anderthalb Jahrzehnte geduldig, bis es so weit war. Der Sohn einer zwinglianischen Zürcher Industriellendynastie und Cousin Annemarie Schwarzenbachs, der sich mit 22 katholisch taufen liess und fürderhin ein Leben lang alles Gotteslästerliche in Wort und Schrift bekämpfte, vom Geist der Französischen Revolution über die 1848er Schweiz bis zum Kommunismus, starb 1994 in St. Moritz, seinem Alterssitz.

Endlich auch das Original

Bis heute hat erst eine den Fundus voller Fundsachen systematisch ausgewertet: die Historikerin (und heutige Bundeshausredaktorin) Isabel Drews für ihre Lizenziatsarbeit, die sie 2000 bei Urs Altermatt schrieb. Eingeflossen ist die Studie letztes Jahr ins Schwarzenbach-Kapitel von Thomas Buombergers «Kampf gegen unerwünschte Fremde». Nun liegt zum Glück Drews aktualisiertes Original vor: «‹Schweizer erwache!› – Der Rechtspopulist James Schwarzenbach (1967–1978)».

Kein Schweizer Politiker zuvor war in den Medien so präsent wie Schwarzenbach vor und nach 1970. Damals trieb die Überfremdungsinitiative, welche beinahe die Hälfte der hier lebenden AusländerInnen ausweisen wollte, die Schweizer Männer in Scharen an die Urne und erzielte gegen das gesamte politische und publizistische Establishment sensationelle 46 Ja-Prozent. Sie scheiterte, doch etablierten sich damit – früher als in andern europäischen Ländern – rechtspopulistische Protestparteien, die Nationale Aktion und die Republikanische Bewegung.

Eine Generation später liegt nun ein flüssig geschriebenes Standardwerk vor. Es liefert eine überzeugende Analyse des Phänomens Schwarzenbach und ist obendrein gespickt mit kleinen Enthüllungen, mit bisher unbekannten Informationen zu Schwarzenbachs Hintergrund. Der biografische Teil – «Aufstieg und Scheitern eines Politikers» – deckt weit mehr ab als die elf Jahre auf der eidgenössischen Politbühne. Der gewichtige zweite Teil dokumentiert die «politischen Netzwerke und Strategien». Schliesslich erhellt Drews materialreich (aber nicht ausufernd) «Schwarzenbachs Ideologie».

Altnazis und Antisemiten

Der ultrakatholische Konvertit James Schwarzenbach war zeitlebens ein Einzelkämpfer. Mit 56 nahm er den Kampf gegen «die in Bern» auf – «Mit dem Rücken zur Zukunft», wie Carl Holenstein seine Monografie über den helvetischen Störenfried nannte. «Im Rücken das Volk», antwortete Schwarzenbach 1980 in seinem letzten Buch.

Die Botschaft «Im Rücken das Volk» war wohl auch das Motiv des Aussenseiters, die gesammelte Polit-Korrespondenz in ein Archiv-Schaufenster zu stellen. Es darf bezweifelt werden, dass alle «eingelieferten» Korrespondenzpartner davon angetan gewesen wären. Auch wenn Drews Namen zurückhaltend preisgibt, werden doch reihenweise Personen aus der «Grauzone zwischen Rechtskonservatismus bis Rechtsextremismus» (so ein erhellender Abschnitt) geoutet.

Dr. phil. Schwarzenbach, Anhänger der vorliberalen Eidgenossenschaft und der Diktaturen in Spanien und Portugal, verkehrte auch mit Alt- und Neonazis und mit Antisemiten, etwa mit SS-Obersturmbannführer Franz Riedweg in München (der einst in der Schweiz «Die rote Pest» bekämpft hatte), mit dem Altfaschisten Gaston-Armand Amaudruz in Lausanne oder mit dem welschen Arzt James-Albert Mathez, Autor eines berüchtigten Hetzwerks. Damals traf Schwarzenbach den eingefleischten Antisemiten klandestin, hinterher spielte er die Korrespondenz mit diesem der historischen Forschung zu.

Bemerkenswert ist, dass sich Schwarzenbach auch selbst outet. Zu Lebzeiten ging er gerichtlich gegen alle vor, die ihn als Frontisten oder Antisemiten bezeichneten. Postum belegen seine eigenen Unterlagen, wie nahe er genau diesen Milieus stand – wenn auch als gut imprägnierter Katholik mit einer gewissen Distanz.

Schlüer, Schwarzenbachs Zögling

In der Öffentlichkeit wird Schwarzenbach vor allem als rhetorisch versierter, für viele charismatischer Politiker in Erinnerung bleiben. In erster Linie war er jedoch Ideologe, der zeitlebens für seine (rückwärts gewandten) Ideen kämpfte. Eine eigene Zeitung zu haben, war ihm das Wichtigste – was dem wenig erfolgreichen Geschäftsmann jeweils nur wenige Jahre gelang. Von 1970 bis 1978 war «Der Republikaner» sein persönliches Sprachrohr; die Leitartikel stammten ausschliesslich von ihm – mit einer Ausnahme. Während einer krankheitsbedingten Zwangspause rückte Ulrich Schlüer, der junge Sekretär der autoritär geführten Republikanischen Bewegung, auf die Frontseite vor. Von Schwarzenbach habe er gelernt (vertraute Schlüer einst der WOZ an), noch wichtiger als der Aufbau einer Partei (wo viele dreinreden) sei ein eigenes Organ, mit dem man seine Überzeugungen nach aussen tragen könne. Nur wenige Wochen, nachdem Schwarzenbach den «Republikaner» einstellte, lancierte Schlüer 1979 die «Schweizerzeit» und dockte dann, wie manche andere Republikaner, bei Blochers SVP an. Schlüers aktueller Werbeslogan könnte von seinem Lehrmeister stammen: «Medien-Eintopf droht. Die ‹Schweizerzeit› ist bald die letzte Alternative.»

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