Nr. 49/2005 vom 08.12.2005

Ein Kiosk macht Schule

Valora schliesst viele ihrer Kioske. Das kam den KantischülerInnen im Appenzellischen Trogen gerade recht.

Von Sabina Brunnschweiler

«Die Trogener sind nicht die typisch ländlichen Kunden», sagt Robin King, 19-jährig, Kantischüler und Kioskbetreiber. Stumpen werden hier zum Beispiel selten verkauft. Trogen - in den Appenzeller Voralpen gelegen - ist anders als die Dörfer in der Nachbarschaft. Erstens verbreitet seit Ende des Zweiten Weltkrieges das Pestalozzi-Kinderdorf seine Atmosphäre. Zweitens hatten im 18. und 19. Jahrhundert die Zellwegers das Sagen im Dorf. Mit dem Verkauf von Leinen und Baumwolle reich geworden, liess sich die Familie am Trogener Dorfplatz städtische Paläste bauen. Sie verkehrten in europäischen Königshäusern und hatten im Appenzellischen wichtige Ämter inne. Heute sitzt noch ein Drittel der kantonalen Verwaltung in Trogen und nicht in Herisau, dem Kantonshauptort. Die Familie Zellweger soll einen intellektuellen Geist ins Dorf gebracht haben. 1821 gründete sie die Kantonsschule Trogen.

Ein Dutzend Postautos hält morgens auf dem Bahnhofplatz und entlädt die KantonsschülerInnen aus allen Ecken des äusseren Appenzell. Insgesamt sind es rund 600. Die Gruppe bewegt sich langsam in Richtung Hauptstrasse, wo der Verkehr Morgen für Morgen zwanzig Minuten stillsteht. Samuel Eugster, Trogener Kaufmann, mag es, wenn der Bahnhofplatz belebt ist. Er ist Mitglied der lokalen Wirtschaftsförderung und kümmert sich dort insbesondere um die Akte «Bahnhofplatz». «Wo man etwas kaufen kann, halten sich die Leute auf», sagt er. Deshalb hatte er die Idee, den Kiosk am Bahnhofplatz zu einem Geschäft mit Cafeteria auszubauen, einem «Bahnhofshop». Und es war seine Idee, KantonsschülerInnen ins Betriebsteam zu integrieren. Aber die Valora durchkreuzte seine Pläne. Anfang September verkündete der Basler Handelskonzern, er wolle den Trogener Kiosk auf Ende Oktober schliessen. «Jetzt erst recht!», sagten sich Samuel Eugster und Rektor Willi Eugster. Gemeinsam mit Wirtschaftslehrer René Langenegger entschieden sie, vorerst den Kiosk zu übernehmen und das Shopprojekt auf später zu verschieben. Sie gründeten eine GmbH. Zwei Trogener Privatpersonen sind die Geldgeber, der eine: Samuel Eugster. Und die jeweilige Wirtschaftsmaturaklasse leitet gemeinsam mit der Diplomfachabschlussklasse den Betrieb. Nur sechs Tage blieb der Kiosk geschlossen.

Jedem Dorf seinen Kiosk

«Ich war nicht überrascht», sagt Hildegard Kronschläger. Sie arbeitet seit zwei Jahren als Teamleiterin im Trogener Kiosk, schon insgesamt vierzehn Jahre bei Valora. Die Rheintalerin hat als Einsatzteamleiterin schon viele Ostschweizer Kioske von innen gesehen. «Da entwickelt man ein Gefühl dafür, was für die Grossfirma noch rentiert.» Im Appenzellischen hat Valora mehrere Filialen aufgegeben. Kolleginnen in Heiden oder Wolfhalden bekamen aber alle eine Stelle angeboten. Übrigens auch Hildegard Kronschläger. «Eine Traumstelle», betont sie. Trotzdem blieb sie in Trogen. Die neuen BetreiberInnen haben alle drei Kioskfrauen zu den gleichen Bedingungen wieder eingestellt. Hildegard Kronschläger reizt die Zusammenarbeit mit den SchülerInnen. Zudem sei sie von der Trogener Kundschaft so gut aufgenommen worden, sie wolle jetzt niemanden im Stich lassen. Wenn sie von neuen Kioskschliessungen hört, sind es nicht in erster Linie die gestrichenen Arbeitsstellen, die Hildegard Kronschläger Sorgen bereiten. «Der Kiosk ist ein Treffpunkt», sagt sie, «und wenn es in den Dörfern keinen Kiosk mehr gibt, sind sie bald ganz ausgestorben.»

Kanti der Beatgeneration

Noch in den siebziger Jahren gab es zahlreiche Geschäfte in Trogen. Fünf Metzgereien etwa, sogar zwei Buchläden gab es hier. Familien aus der ganzen Schweiz, auch Schweizer DiplomatInnen im Ausland, schickten ihre Söhne und Töchter nach Trogen an die Kanti. Diese wohnten bei Lehrern im Dorf, meist in Gruppen. Zudem gab es das Konvikt für fünfzig Schüler. «Es war teilweise städtischer hier oben als in St. Gallen», erinnert sich Matthias Weishaupt, der Leiter der Kantonsbibliothek. Was dem Gewerbe mehr Umsatz bescherte, liess die Jugend stärker am Zeitgeschehen teilhaben. Gerade in den sechziger Jahren brachten auswärtige SchülerInnen die neuen Bücher, Kleider und Schallplatten aus den USA in die Trogener Internatszimmer. Piet Loppach (heute Fotograf in New York) mischelte damals vorne mit, Ron Kutz (heute Soundingenieur, unter anderen von Züri West) oder Stefan Signer (bekannt geworden durch seine Band Infrasteffs Futztz). Wenn in der Ostschweiz tatsächlich irgendwo der Geist der Beatgeneration aufgetaucht ist, lassen sich die Spuren fast immer auf die Kanti Trogen zurückführen.

Heute gibt es noch eine Metzgerei im Dorf. Ende Jahr schliesst die letzte Papeterie. Die SchülerInnen stammen nun hauptsächlich aus dem Kanton und kehren abends nach Hause zurück. Höchstens frühmorgens am Bahnhofplatz wird man noch an die alten Zeiten erinnert.

Die Kantonsschule Trogen findet aber weiterhin nationale Beachtung. Ihre Ausbildung im Fach Wirtschaft und Recht gilt in der Schweiz als vorbildlich. Alle SchülerInnen erhalten im Rahmen des Grundlagenfachs Geistes- und Sozialwissenschaften eine wirtschaftliche Ausbildung, unabhängig davon, welches Schwerpunktfach sie wählen. Zudem beteiligt sich die Schule am Projekt Young Enterprises Switzerland, das mit SchülerInnen virtuelle Firmen gründet, die gegeneinander in den Wettbewerb treten. Mit der Übernahme des Bahnhofkiosks ist die Kantonsschule noch einen Schritt weiter gegangen.

Die Strategie der jungen UnternehmerInnen ist vor allem, der Standardisierung der Valora-Kioske entgegenzutreten. «Ihr Kiosk am Gleis» haben sie das Geschäft getauft, mit der Betonung auf «Ihr». Das Sortiment soll den KundInnen angepasst werden. Von Valora beziehen sie nur noch einen Teil der Waren. «Hildegard Kronschläger ist dabei Gold wert», sagt Robin King. Niemand wisse besser, was die TrogenerInnen kaufen. Kronschläger schätzt hingegen die Ideen der Jungen: «Sie sind angenehm unvoreingenommen.» Bisherige Änderungen im Sortiment sind die Senkung der Getränkepreise, die Aufnahme von Sandwichs und Chäschüechli (von den Bäckern im Dorf) sowie von Appenzeller Spezialitäten, und zudem werden am Kiosk bald auch Bücher verkauft. Und falls das Geschäft dann tatsächlich einmal Gewinn abwirft? «Dann fliesst er zuerst mal in die Klassenkasse», sagt Samuel Eugster.

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