Nr. 02/2011 vom 13.01.2011

Wie wird man links in Ausserrhoden?

Letzte Woche sprach Matthias Weishaupt über seine Tätigkeit als Bauernforscher. Nun erzählt er, wie er weggehen musste, um die Ausser­rhoder Politik schätzen zu lernen. Und wie er trotzdem noch immer eine andere Meinung vertritt.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Matthias Weishaupt: «Ich glaube, Linkssein hat viel damit zu tun, dass man über Ungerechtigkeiten wütend wird – immer wieder.»

WOZ: Letztes Mal sprachen wir über den Bauern als ideologische Kampffigur in der Geschichtsschreibung. Sie möchten nun Landammann werden. Woher stammt diese Figur?
Matthias Weishaupt: Als Landammann wird seit dem Mittelalter der Vorsteher der Regierung bezeichnet. Vor der Gewaltentrennung leitete der Landammann auch den Rat und das Gericht. Er war die mächtigste Amtsperson im Land und konnte über Leben und Tod entscheiden. Heute hat er die Aufgabe, die Regierungsratssitzungen vorzubereiten und zu leiten. Dann vertritt er die Meinung der Gesamtregierung in der Öffentlichkeit. Seit der Abschaffung der Landsgemeinde wird der Landammann in Ausserrhoden an der Urne gewählt, jeweils für vier Jahre. Anders als viele andere Kantone kennen wir beim Regierungschef kein Turnusprinzip. So war es möglich, dass immer die grösste Partei, die FDP, den Landammann beziehungsweise zweimal die Frau Landammann stellte.

Nun tritt die FDP nicht zur Wahl an, erstmals könnte mit Ihnen ein Linker Regierungschef werden. Wie wird man überhaupt in Appenzell Ausserrhoden zum Linken?
Meine Eltern haben das Konvikt der Kantonsschule in Trogen geleitet. Die Schüler, die im Internat lebten, kamen nicht nur aus Ausserrhoden, sondern aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland. So habe ich das Jahr 1968 als kleiner Junge miterlebt: Aus den Zimmern tönte der Sound von Jimi Hendrix, Bob Dylan, Deep Purple. Das gab mir früh Einblick in andere Welten, macht einen aber noch nicht zum Linken.

Was machte Sie dann zu einem Linken?
Ein korrupter Französischlehrer, der Schülerinnen und Schüler schlug und Pflichtlektüre zu überhöhten Preisen weiterverkaufte. Und die bittere Erfahrung, dass dieser Sadist vom Rektorat und vom Regierungsrat gedeckt wurde. Dann der Einsatz für das Frauenstimmrecht Anfang der 1980er-Jahre, unter anderem als Plakatkleber für die vom Künstler H.R. Fricker erfundene Kampffigur «Ida Schläpfer». Ich glaube, Linkssein hat viel zu tun mit dem Unverständnis für jegliche Ungerechtigkeiten. Dass man darüber wütend wird, immer wieder.

Ausserrhoden galt, zumindest bis in die neunziger Jahre, als liberal.
Tatsächlich ist Ausserrhoden ein weltoffener Kanton. Es war im 18. Jahrhundert die am stärksten industrialisierte Gegend Europas. Der Grundstoff, aus dem hier alles gewoben ist, sind Textilien. Den politischen Ton bestimmten die Liberalen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelang es dem legendären Weberpfarrer Howard Eugster-Züst, die Heimarbeiter, die Weber und Sticker in ihren «Hämetli», zu organisieren und ihnen mit einer eigenen Presse eine Stimme zu geben. Nicht nur für die schweizerische, sondern auch für die europäische Arbeiterschaft war dies etwas Einmaliges. 1908 erkämpfte die SP mit Howard Eugster-Züst einen Sitz in der Regierung.

Trotz dieser Offenheit haben Sie den Kanton verlassen.
Nach der Matura empfand ich den Kanton als eng, das Frauenstimmrecht war immer noch nicht eingeführt. Während des Studiums in Zürich lebte ich in einer WG mit Linken und Feministinnen in St. Gallen, engagierte mich bei der Gründung des Bio-Genossenschaftsladens. Den Kampf für das Frauenstimmrecht in Ausserrhoden unterstützte ich von aussen weiter.

Wie wurden Sie später Regierungsrat?
1998 erhielt ich die Stelle als Kantonsbibliothekar, allerdings erst im zweiten Anlauf: Ein Linker als Kantonsbibliothekar war im eben nicht immer so liberalen Ausserrhoden keine Selbstverständlichkeit. Parteipolitisch hielt ich mich anfänglich zurück, doch ich konnte beweisen, dass auch ein Linker ein guter Kantonsbibliothekar sein kann. Als die SP 2003 ihren Sitz in der Regierung an die SVP verlor, gründete ich in Teufen, Bühler und Gais die SP Rotbach. Und als die SP 2006 den Regierungssitz im dritten Anlauf zurückholen wollte, war meine Kandidatur erfolgreich. Seitdem gebe ich im Regierungsrat den Linken, Grünen und Sozialliberalen eine Stimme.

Und wird diese Stimme in der Regierung gehört?
Ich finde die Konkordanzdemokratie mit einer Kollegialbehörde ein gute Einrichtung. Sie entspricht zwar nicht meinen sozialrevolutionären Zielen von früher. Aber die hochdifferenzierte Machtteilung, zwischen den Gewalten, auf den verschiedenen Ebenen, schafft eine Stabilität, die für alle viele Vorteile bringt. Die Mehrheitsverhältnisse in der Ausserrhoder Regierung sind eindeutig: vier FDP, zwei SVP, ein SP – sechs gegen einen. Und es ist klar: Wenn man Mitglied einer Kollegialbehörde ist, muss man die Regeln akzeptieren. Es ist sehr speziell, als SP-Regierungsrat bürgerliche Mehrheitsentscheide mitzutragen. Trotzdem kann ich sagen: Die andere Stimme wird gehört, trägt Wichtiges zur Meinungsbildung bei und kann immer wieder einen Umschwung bewirken. Es hätte einen besonderen Reiz, sowohl die Stimme dieses anderen Ausserrhodens in der Regierung zu sein und gleichzeitig als Landammann den bürgerlichen Regierungsrat zu präsidieren.

Wie hoch schätzen Sie Ihre Wahlchancen als Landammann ein?
Ich bin das jüngste Regierungsmitglied, mein Gegenkandidat von der SVP das älteste. Und ich vertrete jenen offenen sozialliberalen Geist, der diesen Kanton in guten Zeiten geprägt hat. Die Wahlchancen erachte ich als gut.

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