Nr. 16/2021 vom 22.04.2021

Dieses Geld kommt schon dreckig zur Welt

Die Kryptowährung Bitcoin verschlingt gigantische Strommengen. Wer mit dem neuen Geld reich werden will, nimmt das in Kauf. Exkursionen zu jenen, die den grossen Versprechungen glauben.

Von Benjamin von Wyl, Florian Wüstholz (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

Es ist höllisch laut. Dutzende Ventilatoren und Hunderte Rechner rattern. Unterm Dach wird der Strom verbraucht, den das Kraftwerk weiter unten erzeugt. Eine Feuertreppe auf der Rückseite eines Aargauer Wasserkraftwerks führt ins Halbdunkel einer der letzten Schweizer Bitcoin-Minen. Die Farbe löst sich von der Decke, aber die Computer sind neu. Sie «schürfen» rund um die Uhr Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum. Im Nebenraum türmen sich leere weisse Kunststoffverpackungen bis zur Decke.

«Es ist faszinierend, dass ich einen Computer einstecken kann, und er druckt Geld», sagt Yves Hörler. Dafür brauche es bloss Internet, Elektrizität und frische Luft. Diese «Bitcoin-Farm» funktioniert fast komplett automatisch. Wenn es ein Problem gibt, bekommt Hörler eine Meldung aufs Handy. Das letzte Mal war er vor sechs Wochen hier.

Das Schürfen von Bitcoins ist für den 32-Jährigen eine Nebenbeschäftigung. Angesichts der absurden Kursschwankungen von Kryptowährungen würde er «ganz schlecht schlafen», wäre es sein Hauptberuf. Manchmal winke ein Tagesprofit von 100 000 Franken, manchmal Verluste in derselben Höhe. Die Computer gehören ihm nicht selbst, sondern den AnlegerInnen seiner Firma. Eine Person hat zwei Millionen Franken investiert, die meisten weniger. Auch wenn jemand ein einzelnes Gerät für 10 000 Franken schürfen lassen will, fährt Hörler aus der Ostschweiz an, um die Anlage zu zeigen. Das Persönliche, der Austausch sei ihm wichtig.

Das Wasserkraftwerk könnte knapp 20 000 Einfamilienhäuser mit Strom versorgen. Hörlers Firma zweigt ungefähr ein Zehntel davon ab. Dass er «zu hundert Prozent auf Wasserkraft» setzen kann, macht Hörler stolz. Den Stromverbrauch nimmt er in Kauf. Auch das Schürfen von Diamanten und Gold zerstöre die Umwelt. Öl und Kohle ebenso. «Alles ist irgendwie ein Geschäftsmodell. Irgendjemand macht es sowieso, warum soll nicht ich es so ökologisch wie möglich machen?», findet der Unternehmer.

Ohne Billigstrom kein Profit

Der Stromverbrauch von Bitcoin ist gigantisch, das System global: In über sechzig Ländern werden in relevanter Menge Bitcoins geschürft. Wie effizient sind die Geräte? Laufen sie mit Kohle- oder Wasserstrom? Gemäss einer Schätzung des Centre for Alternative Finance der Universität Cambridge von Ende März 2021 verbraucht Bitcoin aktuell etwa 140 Terawattstunden (TWh) jährlich. Das ist vergleichbar mit dem Stromverbrauch von Malaysia mit seinen dreissig Millionen EinwohnerInnen; es ist weit mehr als der doppelte Verbrauch der Schweiz. Und er steigt rasend schnell: Im Dezember 2020 schätzte das Centre for Alternative Finance den Jahresverbrauch noch auf gut 100 TWh.

Den grössten Teil des Stroms verschlingt das Schürfen, das Geschäft von Hörler: viele Computer, die Rechenaufgaben lösen, bis das Bitcoin-System erneut eine digitale Münze ausspuckt. Hörlers Öko-Bitcoins fliessen in ein System, das zu einem hohen Anteil von günstigem Kohlestrom aus Kasachstan, Russland und China am Laufen gehalten wird. Denn je günstiger der Strom und je höher der Bitcoin-Kurs, desto profitabler das Schürfen. Zwei Drittel der für Bitcoin ratternden Rechner stehen in China; innerhalb Chinas stehen die meisten davon in der uigurischen Provinz Xinjiang. Dort fusst die Stromproduktion – wie in Kasachstan, wo ebenfalls viele Farmen stehen – auf Kohle und Gas. Immerhin 39 Prozent des für Bitcoin eingesetzten Stroms sei erneuerbar – so die Schätzung der «3rd Global Cryptoasset Benchmarking Study» der Universität Cambridge vom September 2020.

Im Jahr 2140 wird der 21-millionste und letzte Bitcoin «geschürft» sein. So hat der mysteriöse Bitcoin-Erfinder mit dem Pseudonym Satoshi Nakamoto die Kryptowährung programmiert. Etwa alle zehn Minuten wird eine Handvoll neuer Bitcoins ins System eingespeist – alle vier Jahre halbiert sich die Belohnung, die MinerInnen erhalten. Solange sich das alles finanziell lohnt, wird auch der Stromverbrauch weiter steigen.

Wie verheerend sich der Stromhunger von Bitcoin-Farmen auswirken kann, veranschaulichten flächendeckende Stromausfälle zu Jahresbeginn im Iran. Eine Bitcoin-Farm im Südosten des Landes verursachte wohl durch plötzlich steigenden Stromverbrauch mehrere Blackouts in Teheran, Maschhad und Täbris. In der Folge stoppte die staatliche Elektrizitätsgesellschaft vorerst alle Bitcoin-Schürferei; für Informationen zu unbewilligten Bitcoin-Farmen setzte die Regierung eine Belohnung aus. Bereits 2018 führte die kanadische Provinz Québec ein Moratorium für neue Farmen ein. Und die chinesische Provinz Innere Mongolei verbietet das Schürfen seit April – aus Furcht, die innerchinesischen CO2-Reduktionsziele zu verfehlen.

Eine einzige Bitcoin-Überweisung sorgt gemäss dem «Bitcoin Energy Consumption Index» des niederländischen Ökonomen Alex de Vries aktuell für einen CO2-Ausstoss von knapp 400 Kilogramm – so viel wie ein Flug von Zürich nach Moskau. Jüngst kam de Vries gar zum Schluss, dass Bitcoin-Farmen im momentanen Hype annähernd so viel Strom verbrauchen wie alle anderen Rechenzentren der Welt zusammen. Bitcoin-Fans bestreiten dies und verweisen etwa auf den Ende 2019 erschienenen «Bitcoin Mining Network Report» der kryptoaffinen Gruppe Coin Shares Research: Fast drei Viertel des Stroms für Bitcoin stamme aus erneuerbaren Quellen – und ein Grossteil der verwendeten Energie würde ansonsten ungenutzt verpuffen.

Ob das stimmt, ist mehr als fraglich. Lena Klaassen doktoriert seit Februar an der ETH Zürich in der Gruppe Climate Finance and Policy. Zuvor arbeitete sie an mehreren internationalen Studien mit, die sich mit der Entwicklung des Stromverbrauchs und der Klimabelastung von Bitcoin beschäftigen. Klaassen sagt: «Wenn mit nachhaltigem Strom geschürft wird, fehlt diese Energie in vielen Fällen womöglich anderswo.» Damit Bitcoin-Farmen in Zukunft ökologischer werden, müsste der ganze Stromsektor «schnell und flächendeckend dekarbonisiert» werden, meint sie. «Miner suchen vor allem nach günstigem Strom, nicht per se nach erneuerbarem. Sie wollen ihre Hardware aus ökonomischen Gründen konstant am Laufen halten.»

Die Berechnung des Stromverbrauchs ist kein einfaches Unterfangen – vergleichbar mit dem Versuch, die CO2-Bilanz von Banken zu kalkulieren. Einer der wichtigsten Ausgangspunkte für Forschungsansätze wie jenen von Klaassen ist die Rechenleistung des Bitcoin-Netzwerks. «Diese ist relativ gut dokumentiert. Wir können den Minimalverbrauch berechnen, wenn wir optimistisch annehmen, dass alle die effizienteste Hardware verwenden.» Alternativ könne der aktuelle Marktpreis als Ausgangslage dienen. «Damit Mining profitabel ist, müssen die lokalen Stromkosten gedeckt sein.»

Das Problem: Niemand hat eine Übersicht, wo die Farmen genau stehen und was sie für ihren Strom bezahlen. Die BetreiberInnen seien nicht gerade kooperativ. «An verlässliche Daten zu kommen, ist nicht einfach. Die Miner halten sich sehr bedeckt», sagt Klaassen. Auch Hörler wollte der WOZ nicht verraten, zu welchem Vorzugspreis er Elektrizität in Geld umsetzt. Und er beharrte darauf, dass der genaue Standort des Wasserkraftwerks «aus versicherungstechnischen Gründen» nicht genannt werden dürfe.

Bitcoin-Spende fürs Klima?

Als Zahlungsmittel führt der Bitcoin ein Schattendasein. In der auch wegen Corona unsicheren Lage legen aber viele Leute einen Teil ihrer Ersparnisse in Bitcoin an. Das steigert die Nachfrage. Mittlerweile kann man an jedem SBB-Automaten Franken in Bitcoins wechseln. 1500 Personen tun das pro Monat, heisst es bei den Bundesbahnen. Bald soll man Bitcoin-Gutscheine an jedem Kiosk und im Manor kaufen können. Auch der Onlineversandhandelsriese Digitec Galaxus akzeptiert Bitcoins. Etwa 200-mal pro Woche schieben KundInnen Bitcoins über die digitale Warentheke. Und auf der Crowdfunding-Plattform Wemakeit können Klimaschutzprojekte mit Bitcoins unterstützt werden. Das Hilfswerk SOS Kinderdorf akzeptiert Spenden in Bitcoin und anderen Kryptowährungen. Im Kanton Zug können seit diesem Jahr gar Steuern bis 100 000 Franken in Bitcoin beglichen werden. Schon seien erste Zahlungen eingegangen.

Wer dem Bitcoin den Weg bereitet, ist sich sicher, dass etwas Grosses am Kommen ist: Der Kioskkonzern Valora zeigt sich auf Anfrage überzeugt, dass «die Nachfrage nach Bitcoin-Produkten in den kommenden Jahren stark» steigen werde. Fast wortgleich antwortet Manor. SOS Kinderdorf sieht «eine interessante neue Spenderzielgruppe»; das Hilfswerk erhofft sich als «First Mover» Vorteile: Vor allem von der Szene der «jungen Investoren und E-Sportler», die «ihre Gewinne gerne in eine gute Sache investieren», erwartet man dort Kryptospenden. Digitec Galaxus rechnet damit, dass der Bitcoin «in Zukunft ein relevantes Zahlungsmittel werde». Und der staatlichen SBB habe ein «Markttest» die Nachfrage bestätigt.

Angesichts der Stromverschwendung geben sich die Unternehmen betroffen. Die SBB hofft auf «weltweit grosse Anstrengungen», um den Energiebedarf zu senken. «Der hohe Energieverbrauch von Bitcoin und anderen Kryptowährungen begeistert uns nicht», schreibt Digitec Galaxus. Auch Valora will gemäss Nachhaltigkeitsbericht die «eigenen Impacts auf die Umwelt verringern». Der «Gratwanderung» mit den Bitcoin-Gutscheinen sei sich der Kioskkonzern bewusst. Bei SOS Kinderdorf heisst es, wer eine «lebenswerte Zukunft für alle Kinder» wolle, denke auch an eine gesunde Umwelt. Der grösste Teil der Kryptospenden erfolge aber in der Währung Ethereum – die allerdings fast ebenso schädlich ist. Bei Wemakeit fand innert zehn Tagen und trotz Nachfragen niemand Zeit, die Frage zu beantworten, wie das Engagement für Klimaschutz mit dem Bitcoin als Zahlungsmittel zusammengeht.

Anders der Kanton Zug, der sich schon lange als «Crypto Valley» positioniert. «Wir in Zug sind ein Pionier der Blockchain-Technologie und haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Verwendung von Kryptowährungen im täglichen Leben kontinuierlich zu fördern und zu vereinfachen», so der Zuger SVP-Finanzdirektor Heinz Tännler gegenüber der WOZ. Mit den neuen Firmen und Arbeitsplätzen solle auch das «Gemeinwohl» gesteigert werden. Der Bitcoin und andere Kryptowährungen sind hier also eine Art Staatsräson. Für Tännler, der auch den Branchenverband Blockchain Federation präsidiert, ist die Energiebilanz «ein Thema, das man sorgfältig analysieren muss». Auch er verweist auf den idealisierenden Report von Coin Shares Research und schwärmt von den «hochmobilen» MinerInnen, die weltweit überflüssige Energie ausmachten und dort ihre Farmen aufbauten.

Der Traum von der freien Währung

Für viele, die den Bitcoin handeln, sparen oder schürfen, spielt die tief verankerte anarchokapitalistische Erzählung eine Rolle: Der Bitcoin ist eine Währung ohne Zentralbank und Staat. Sie wird dezentral von vermeintlich freien Individuen am Markt reguliert. «Heute ist dieses Märchen praktisch vorbei», glaubt die Geschichtsprofessorin Monika Dommann, die sich mit der Szene auseinandergesetzt hat. Es dominieren grosse Player. So investierte im Februar Tesla 1,5 Milliarden US-Dollar in den Bitcoin. Immer wieder gibt es Transaktionen über mehrere Hundert Millionen Dollar. Dennoch sei der «kulturelle Aspekt» dieser libertären Prägung fürs Selbstverständnis nach wie vor wichtig, sagt Dommann. «Sie fühlen sich als Teil einer grossen Veränderung der Welt.» Gerade antizentralistische Regionen wie die Innerschweiz oder das Wallis seien womöglich besonders anschlussfähig für solche Theorien und Erzählungen.

Vor einigen Jahren hoffte Gondo am Simplonpass auf einen zweiten Goldrausch mit einer Kryptowährungsfarm, wie sie Hörler betreibt. Vom Hype ist heute kaum etwas übrig. Dafür hat sich die Gemeinde Zermatt vor zwei Jahren einen Bitcoin-Wechselautomaten ins Dorf gestellt und akzeptiert seither Steuerzahlungen in Bitcoin. Mit wenig Erfolg. «Der Anteil an den Steuerzahlungen ist verschwindend klein», heisst es bei der Mitte-Gemeindepräsidentin Romy Biner-Hauser. Konkret: Drei Überweisungen habe es gegeben. Nicht einmal Bitcoin-Fans aus dem Wallis ziehen deswegen nach Zermatt.

Auch Samuel Hirschi vom Bitcoin-Büro Goms nicht. Sein «Büro» im Oberwalliser Dorf Münster soll ein Treffpunkt sein – und wirkt eher wie ein Zwischenraum, in dem jemand nur vorläufig lebt. Hirschi serviert Sirup. In einer Ecke stapeln sich Schuhe und Kleider, in einer anderen die handgeschriebenen Notizen für seine Idee einer Handy-App. Dazwischen liegen stapelweise Sammelkarten des japanischen Yu-Gi-Oh!-Spiels. «End war – buy Bitcoin» steht auf einem von vielen Bitcoin-Werbestickern: Beende Krieg, kaufe Bitcoin. Mangels Stühlen sitzt der 26-Jährige auf der Fensterkante, während er erzählt, was ihm der Bitcoin bedeutet: alles.

Er gebe BesucherInnen bloss «Ideen, wie man investieren könnte», sagt Hirschi. Er sei kein Finanzberater. Seine Idee ist simpel: in den Bitcoin investieren. Was erhofft er sich davon? «Frei sein», also finanzielle Unabhängigkeit. Gerne würde Hirschi in Bern oder Griechenland «eine Lebensgemeinschaft» aufbauen – mit «jungen Erfindern, die Lust haben, etwas Tolles zu kreieren». Bis dahin arbeitet er im Dorf am Skilift und legt alles, was er vom Lohn abzwacken kann, in Bitcoin an.

Hirschi strahlt missionarischen Eifer und verträumte Freundlichkeit gleichermassen aus. Im Vorfeld des Gesprächs schickt er das «beste Video» zum Bitcoin: «Ten Million Dollar Bitcoin End Game». Darin erklärt eine Stimme, warum der Bitcoin die Zukunft bedeute. Weil Zentralbanken Geld aus dem Nichts schüfen, gebe es Staatsschulden, Hyperinflation, Finanzkrisen, Rezession. Dazwischen erklären Twitter-Gründer Jack Dorsey und der rechtslibertäre Investor Peter Thiel, warum der Bitcoin das Finanzsystem auf den Kopf stellen werde. Die Inhalte sind selektiv kombiniert und stützen eine Erlösungserzählung: Wie das Internet vor dreissig Jahren werde der Bitcoin gegenwärtig unterschätzt und der «Endzustand der Innovation» verkannt.

Hirschi bezeichnet sich als «politisch gemässigt». Er will weder die Regierung stürzen noch alle Zentralbankwährungen abschaffen. Zumindest den Schweizer Franken mag er. «Aber was ist mit Ländern wie Venezuela, Argentinien oder dem Iran, wo du eine Inflation von hundert Prozent oder mehr pro Jahr hast?» Anders als das Geld, das wir im Alltag verwenden, ist die Menge an Bitcoins strikt beschränkt.

Deshalb halten Gläubige wie Hirschi den Bitcoin für ein Instrument, das Gerechtigkeit schafft: Im jetzigen Geldsystem würden die Reichen, die in Firmen oder Immobilien investierten, reich bleiben. Alle anderen würden wegen der Inflation konstant Geld verlieren. Der Bitcoin nehme es den Reichen und gebe es allen. Dass Elon Musk und Hedgefonds in der Bitcoin-Spekulation mitspielen, übergeht Hirschi. Dass der Bitcoin gerade in Venezuela auch ein Mittel der Reichen ist, um Geld ins Ausland zu schaffen und internationale Sanktionen zu umgehen, scheint er nicht zu wissen. Die extremen Kursschwankungen beunruhigen ihn kaum. Langfristig müsse der Kurs steigen. «Bitcoin ist Gold 2.0. Man hat alle guten Eigenschaften von Gold genommen und die schlechten ausgemerzt. Bis 2030 wird der Bitcoin grösser sein als Gold», glaubt Hirschi.

Hirschi hofft, dass seine Bitcoins bald wertvoll genug sind, dass er sich davon ein Haus kaufen und vom Gewinn seiner Anlagen leben kann. «An diesem Ziel sehe ich nichts Schlechtes. Am Ende schadet der Bitcoin einfach niemandem.» Was ist mit den Unmengen Strom? «Das Bankensystem und das Schürfen von Gold verbrauchen viel mehr», antwortet er. Zum Abschluss des Treffens gemahnt Hirschi auf seine Weise an Privilegien: «Es ist einfach, andere Leute zu kritisieren, wenn wir hier ein Dach über dem Kopf haben und eine stabile Währung geniessen.» Für Hirschi sind Umweltbedenken also ein Privileg. Er findet es «nicht fair», den Bitcoin zu verbieten, «nur weil er ein wenig Strom verbraucht».

Bausparen mit dem Bitcoin

Einen analytischeren Blick auf den Bitcoin hat der 27-jährige Lino Imhof aus Brig. Mit ein paar Freunden startete der gelernte Möbelschreiner vor ein paar Jahren mit Online-Währungshandel. «Du spielst gegen Banker, die Milliarden haben», erzählt Imhof. «Der eine handelt mit Öl und Rohstoffen, der andere mit Futures. Ich handle mit Währungen und bin im Kryptobereich tätig.» Erst kürzlich hat der Trader-Freundeskreis dieses Büro bezogen, das Wichtigste ist eingerichtet: vier Bildschirme pro Arbeitsplatz. Auf einem Whiteboard ist der schlechteste Trade der Woche aufgelistet.

So wirklich erklären, wie er in den Währungs- und Bitcoin-Handel geraten ist, kann der Handwerker aus linksalternativem Elternhaus nicht. «Ich bin kein Glücksspielertyp», erklärt Imhof, der ebenfalls nicht vom Gewinn der Kryptowährungen lebt. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich mit Jobs in Landwirtschaft und Naturschutz. Vielleicht sei das Verlangen nach finanzieller Unabhängigkeit in allen Menschen angelegt – «auch wenn dieses materialistische Zeug scheisse ist. Blöd gesagt, ist es ja nicht die Schuld des Bitcoins, dass es in unserer Gesellschaft um Kapitalsteigerung geht.»

Wie für Hirschi ist auch für Imhof das Aufbegehren gegen die etablierte Finanzwelt ein Antrieb: Die Zerstörung des Geldsystems wäre für ihn ein «schöner Nebeneffekt» des eigenen Wohlstands. «Alle unsere Währungen sind auf Inflation ausgerichtet, das ist alles andere als nachhaltig.» Falls der künstlich verknappte Bitcoin je ein Zahlungsmittel im Alltag würde, wäre das für die Umwelt «auch wieder sehr gut». Dann, «wenn es sich für Hedgefondsmanager lohnen würde, ihr Geld zu behalten, statt es in eine chinesische Sklavenfirma für Profit zu stecken». In der Zwischenzeit könnten sich auch ein paar kleine Leute mit dem Bitcoin ihre Träume erfüllen. Wie Hirschi erhofft sich Imhof durch seine Bitcoin-Investments «ein wenig Freiheit»: Er will ein Jahr reisen können, eines Tages ein Haus besitzen. Im Gespräch mit den jungen Männern wirkt der Bitcoin wie das anarchokapitalistische Pendant zum Bausparvertrag der neunziger Jahre.

Die Folgen seines Tuns beschäftigen Imhof. Entsprechend kritisch betrachtet er die Kryptoszene: «Du findest Zehntausende Videos dazu, wie du mit Bitcoin reich wirst, und solches Blabla. Aber zu den ökologischen Aspekten gibt es kaum was.» Auch Imhof bringt den hohen Anteil erneuerbarer Energie beim Bitcoin zur Sprache. Seit sechs Jahren sei er nicht geflogen, sein Auto nutze er kaum – abgesehen vom Kryptogeschäft habe er einen «extrem kleinen ökologischen Fussabdruck». «Bis der letzte Bitcoin geschürft ist, geht der Energieverbrauch wohl kaum zurück», glaubt er. Dass man nicht 120 Jahre warten kann, ist Imhof klar.

Darum braucht es Druck. SP-Nationalrat Fabian Molina hat in der Frühjahrssession ein Postulat eingereicht, das vom Bundesrat fordert, einen Bericht über den Energieverbrauch von Kryptowährungen, denen die energieintensive Struktur von Bitcoin zugrunde liegt, zu erstellen und weniger klimaschädliche Alternativen zu fördern. Was kann man darüber hinaus tun?

Ein Verbot von Bitcoin-Farmen in der Schweiz brächte nichts. Zwar lebt mindestens ein Bitcoin-Milliardär im Land; geschürft wird ausser im Aargauer Wasserkraftwerk aber kaum. Wie schon beim alten Geld ist die Schweiz auch bei diesem neuen Geld eine Hochburg grauer Energie. Die Regulierung ist schwierig. Ökologische Auflagen sind unmöglich, da es schlicht keine Körperschaft gibt, der man Bedingungen stellen kann. Der Bitcoin ist, noch stärker als andere Kryptowährungen, ein extrem dezentrales System: Es wird allein von Angebot und Nachfrage und dem Versprechen von Knappheit bestimmt – es ist der reine Markt aus neoliberalen feuchten Träumen.

Wenn sich also das liberale Versprechen, dass Probleme vom Markt gelöst werden, irgendwo unter Laborbedingungen beweisen müsste, dann beim Bitcoin. Doch auch hier betrifft die Umweltzerstörung alle; die Gewinne geniessen wenige. Leider findet das Experiment auf dem Planeten und nicht in einem Reagenzglas statt.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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