Nr. 49/2005 vom 08.12.2005

Aus Lust an der Sache

Zum Tod der feministischen Wissenschaftlerin und Archivarin.

Von Esther Nünlist

Die Nachricht kam viel zu früh. Mit Herzblut lebte, kämpfte und arbeitete sie. Nun ist sie tot.

Regula Schnurrenberger war imponierend, nicht nur als Freundin und Weggefährtin, sondern auch als unermüdliche politische Akti­vis­tin und feministische Archivarin und Wissenschaftlerin. Als rigide Moralvorstellungen die Öffentlichkeit prägten, Frauen nur für Kinder und Küche zuständig waren, Lesben als krank und pervers diffamiert wurden, stand sie auf, zusammen mit anderen starken Frauen, und kämpfte für eine neue Gesellschaftsordnung.

In einem lesbischen Trachtenchor zog sie singend durch die Stadt, in einer anarchistischen Frauengruppe suchte sie nach neuen Wegen. 1979 schrieb sie in einem Aufsatz: «Ich habe Lust, mich als Feministin mit den Wissenschaften herumzuschlagen. Ich habe 26 Jahre Erfahrungen, um Theorien auf ihren Wahrheitsgehalt in Bezug auf mich zu prüfen. Oder zu verallgemeinern mit den Erfahrungen anderer.

Dieses Begehren begleitete sie ihr Leben lang. An ihrer Lizenziatsarbeit schrieb sie mit mehreren Unterbrüchen über Jahrzehnte hinweg. Die Arbeit wurde zu ihrer Aufgabe, ihrer Passion. Längst war sie über eine Abschlussarbeit hinausgewachsen, doch von hohen Ansprüchen angetrieben, stiess sie immer wieder auf andere Theorien und überdachte ihren Ansatz von neuem. Was sie tat, machte sie aus Lust an der Sache. Früh arbeitete Regula in der Redaktion der «Lesbenfront», die später «FrauOhneHerz» und «die» hiess.

25 Jahre blieb sie der Zeitschrift treu. Mit System bewahrte sie Schriftliches bis zu jedem kleinen Flyer auf und gründete das Archiv für Frauen- und Lesbengeschichte mit, welches seit Anfang Jahr in das in Zürich beheimatete Schweizerische Sozialarchiv integriert ist. Durch ihr unentwegtes Suchen und Entdecken neuer Zusammenhänge wurde sie zu einer Historikerin aus Leidenschaft. Ihr Fundus an Wissen und Material machte sie zu einer zentralen Informationsstelle für Lesbengeschichte im In- und Ausland. Ihre Erkenntnisse gab sie in zahlreichen Publikationen und Vorträgen zum Besten.

2002 präsentierte sie ihren wissenschaftlichen Schatz in der Ausstellung «Unverschämt» im Stadthaus Zürich. Regula Schnurrenberger brillierte mit breit gefächertem Wissen, unkonventionellen Ideen, Stärke, Freude an der Sachlichkeit und Selbstironie. Mit dem Sterben hat sie sich befasst, wie sie ihr Leben lebte. Mutig entschied sie sich gegen einen dritten Chemozyklus. Die Lücke, die Regula hinterlässt, ist enorm: allem voran die menschliche. Die lässt sich nicht in Worte fassen. Die Lücke von Regulas Arbeit dagegen lässt sich benennen, denn ihr einzigartiges Engagement ist abgerissen. Letzten Mai begeisterte sie ihr Publikum mit einem Vortrag über Frauenpaare um 1900. Im Herbst erschien ihr Artikel «Gemeinsam ins Zentrum 1974– 1989» im Buch «Frauen im Zentrum – Fotos und Texte zu 30 Jahren Frauenzentrum Zürich». Was uns durch ihren Tod entgeht, können wir nur erahnen. Regula Schnurrenberger starb am 20. November [2005] im Alter von 52 Jahren.

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