Nr. 50/2005 vom 15.12.2005

Variationen über das Lebendige

Der englische Theologe und Biologe hat die Evolutionstheorie begründet, der zufolge sich das Leben auf der Erde ohne Schöpfergott entwickelt hat. Doch wie darwinistisch ist Darwin?

Von Peter Schneider

Viele Schmetterlinge bestechen durch ihre Schönheit. Der Birkenspanner macht seine fehlende äussere Attraktivität wett durch wissenschaftlichen Ruhm. Das unscheinbare Tier, in der Regel weiss mit kleinen schwarzen Sprenkeln gefärbt, gilt nämlich als der anschaulichste Beweis für die Richtigkeit der darwinschen Evolutionstheorie: Als in der Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts im englischen Industriegebiet wegen der Luftverschmutzung während einiger Jahrzehnte die hellen Baumstämme dunkler wurden, veränderte auch die dortige Birkenspannerpopulation ihre Farbe: Aus den meist weisslichen wurden vorwiegend schwarz gefärbte Schmetterlinge.

Der sonst wegen der langen Zeiträume unsichtbar verlaufende Vorgang der «natürlichen Zuchtwahl» durch Selektion war für einmal im Zeitraffertempo und daher deutlich sichtbar abgelaufen. Die Selektion ereilte die Schmetterlinge in Gestalt der sie fressenden Vögel. Während diese in den hellen Zeiten bevorzugt die für sie leichter aufzuspürenden dunklen Varianten herauspickten und so von der Fortpflanzung abhielten, verhielt es sich in der Zeit der Verdunkelung umgekehrt. Je dunkler eine Mutation war, desto grösser war nun ihre Überlebenschance und damit die Chance, sich zu vermehren und die Eigenschaft der dunklen Färbung an die Nachkommen weiterzugeben. Aus dem vormaligen und durch baldigen Tod bestraften «Fehler» war eine nützliche «Anpassung» an eine veränderte Umwelt geworden. Kurz: Entwicklung vollzieht sich durch die Ausmerzung der an die Umwelt schlechter angepassten Variation.

Keine Widerlegung

Die schöne Geschichte hat, wie eine neuere Nachprüfung der empirischen Daten ergeben hat, indessen einige Haken: vor allem den, dass Birkenspanner sich kaum jemals tatsächlich auf den Baumstämmen aufhalten, an die sie so perfekt angepasst scheinen. Ausserdem hatten die hellen Varianten der Birkenspanner bereits wieder zugenommen, bevor der Rückgang der Luftverschmutzung erneut eine Aufhellung der Baumstämme mit sich brachte. Was immer aus diesen einzelnen Forschungsergebnissen folgen mag: Diese empirische Korrektur, die auch ihrerseits irgendwann durchaus wieder korrigiert werden könnte, bedeutet keineswegs eine Widerlegung des Darwinismus. Sie spricht höchstens für die Notwendigkeit, ein früheres Paradebeispiel durch ein geeigneteres zu ersetzen. Und erst recht stellt sie keine Stärkung der Position der Schöpfungsgläubigen dar. Denn weder die alte Version der Birkenspannergeschichte noch die neue fügen sich plausibel in das an sich nicht evidente Konzept einer göttlichen Einzelschöpfung der Arten. Den darwinistischen Wissenschaftler kostet die neue Faktenlage folglich nicht mehr als lediglich eine weitere Modifikation seiner Theorie. Sie zwingt ihn also zu nichts anderem als zu dem, wovon seine Theorie ohnehin handelt: zu besserer Anpassung (an die empirische Realität) in einem Prozess von Trial and Error. Mit anderen Worten: Das Prinzip der darwinschen Theorie lässt sich elegant auf die Entwicklung der Theorie selbst (und die Entwicklung von Theorien überhaupt) übertragen. Stark und erfolgreich im «Kampf ums Dasein» ist nicht die Theorie, die auf der Annahme einer in ihr enthaltenen endgültigen Wahrheit beruht, sondern diejenige Theorie, die möglichst offen ist für Variationen ihrer selbst.

Darwin war nicht der erste Evolutionist. Aber der durchsetzungsfähigste. Bereits ein halbes Jahrhundert vor der Veröffentlichung der «Entstehung der Arten» hatte Jean-Baptiste Lamarck seine Theorie der Evolution vorgelegt. Lamarck formulierte zwei Entwicklungsgesetze. Erstens: Es gibt ein inneres Streben in jedem Organismus, sich der Umwelt immer besser anzupassen. Zweitens: Die durch den häufigen Gebrauch bewirkte Veränderung eines Organs wird auf die Nachkommen vererbt. Lamarcks Modelltier, die Giraffe, hat darum einen langen Hals, weil ihre Vorfahren sich durch Generationen hindurch nach den hohen Blättern an den Bäumen gestreckt haben. Lamarcksche Argumentationsfiguren finden sich bei Darwin an nicht wenigen Stellen: «Es ist allgemein bekannt», heisst es etwa ganz undarwinistisch und sehr lamarckistisch, «dass Uhrmacher und Kupferstecher sehr leicht kurzsichtig werden, während Leute, die viel im Freien leben und besonders Wilde, im Allgemeinen weitsichtig sind. Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit neigen sicher zur Vererbung. Die Inferiorität der Europäer in Bezug auf das Gesicht und die anderen Sinne im Vergleich mit Wilden ist ohne Zweifel die gehäufte und vererbte Wirkung eines in vielen Generationen verminderten Gebrauchs ...»

Gewünschte Kausalität

Der Weg vom Darwinismus zum heute gültigen und um die Theorie des Gens bereicherten Neodarwinismus aber geht einher mit einer konsequenten Ausmerzung solcher lamarckistischer Einsprengsel, die dem strikt kausalen Erklärungsmuster der Wissenschaft zuwiderlaufen. Denn Lamarcks Kausalität wird durch einen Wunsch in Gang gesetzt, und ein Weltbild, in dem Veränderungen auf Wünschen von Subjekten beruhen, scheint nicht eben wissenschaftlich.

Die Pointe der darwinistischen Erklärung der Evolution hingegen liegt darin, dass sie die Möglichkeit bietet, die Entstehung von Zweckmässigkeit durch einen rein kausalen Prozess zu erklären, der seinerseits völlig blind gegenüber Zwecken und Zielen ist: Der Birkenspanner weiss nichts von seiner Farbe und deren Vor- und Nachteilen; und der Vogel, der ihn frisst, ahnt nicht, was er damit für die Zukunft der Birkenspanner bewirkt.

Darwins Theorie und ihre vielen Fortschreibungen entwerfen das Bild eines Schöpfungsplans sowohl ohne Schöpfer als auch ohne Plan. Die Evolution vollzieht sich an zufälligen und durch zufällige Objekte. Notwendigkeit erweist sich als eine Funktion der vielen Zufälle, denen diese Objekte unterliegen. Doch mindestens in der Position des erklärenden Theoretikers hat das vom Aussterben bedrohte Subjekt in Darwins wissenschaftlicher Welt überlebt, und wenigstens für den kurzen Moment eines innehaltenden Rückblicks rezentriert sich der so unbestimmte, von Mikrokausalitäten diktierte Prozess der Evolution noch einmal auf den Standpunkt des betrachtenden Subjekts hin. «Die Welt scheint sich lange auf die Ankunft des Menschen vorbereitet zu haben, wie oft bemerkt worden ist; und dies ist in einem gewissen Sinne durchaus wahr; denn er verdankt seine Entstehung einer langen Reihe von Vorfahren. Hätte ein einziges Glied in dieser langen Kette niemals existiert, so würde der Mensch nicht genau das geworden sein, was er jetzt ist»: ein Wesen, das seit dem Eintritt in die Ära der Wissenschaft zwar immer wieder versucht, von sich selbst zu abstrahieren, aber nur, wo es an dieser Abstraktion scheitert, überhaupt zu Erkenntnissen fähig ist.

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