Nr. 07/2009 vom 12.02.2009

Nicht nur Kampfgeist macht den Menschen aus

Einige der abscheulichsten Theorien des 20. Jahrhunderts beriefen sich auf Darwins Evolutionstheorie. War Darwin selber Sozialdarwinist?

Von Joachim Bauer

Keine Frage: Charles Darwin war einer der grossen Aufklärer am Beginn der Moderne. Seine Abstammungslehre formulierte, dass die menschliche Spezies mit allen anderen Lebewesen durch einen gemeinsamen Stammbaum verbunden ist. Darwins Erkenntnis, dass sich das Leben auf unserer Erde als evolutionärer Prozess entwickelte und nicht Schöpfung im naiven Sinne der biblischen Erzählung war, ist unumstösslich.

Mindestens ebenso weitreichend wie die Erkenntnis des Evolutionsprinzips waren die Folgen, die Darwins weitere Theorien hatten. «Wie jedes andere Tier ist auch der Mensch ohne Zweifel auf seinen gegenwärtigen hohen Stand durch einen Kampf um die Existenz gelangt, und wenn er noch höher fortschreiten soll, muss er einem heftigen Kampf ausgesetzt bleiben. Es muss für alle Menschen offene Konkurrenz bestehen», schrieb Charles Darwin in der Zusammenfassung seiner im Jahre 1871 erschienenen «Abstammung des Menschen». Inspiriert durch Darwin griffen zahlreiche vornehmlich deutschsprachige Mediziner, Biologen, Philosophen und Publizisten zur Feder. Eine Serie von Bestsellern jener Jahre verkündete den Abschied von der humanistischen Ethik, der zufolge nicht nur jeder Mensch ein Recht auf Leben besitzt, sondern Stärkere den Schwächeren beizustehen haben. Darwin, der 1882 starb, konnte auf die Rezeption seines Opus mit ihren teilweise fatalen Folgen kaum mehr Einfluss nehmen.

«Zufluchtsstätten für Schwache»

Zwischen 1871 und 1933 haben, unter ausdrücklicher Berufung auf Darwin, Autoren wie Ernst Haeckel, Ludwig Büchner, Alfred Ploetz, Wilhelm Schallmeyer, Alexander Tille, Friedrich von Bernardi, Auguste Forel, Eugen Fischer, Fritz Lenz oder Hans Friedrich Karl Günther (auch «Rasse-Günther» genannt) eine neue, scheinbar biologisch begründete Moral formuliert. Bereits 1905 wurde die «Gesellschaft für Rassenhygiene» gegründet, die mit grossem Erfolg in alle gesellschaftlichen Bereiche hineinwirkte.

In einer Rede anlässlich von Darwins 100. Geburtstag rühmte der Medizinprofessor Max von Gruber das Prinzip von Kampf und Auslese, da es «die Missgebildeten, die Schwachen und die Minderwertigen» beseitige. Behinderte waren für ihn eine «enorme Last» und «eine fortwährende Gefahr für die Gesunden». In einem mit dem Strafrechtler Karl Binding im Jahre 1920 publizierten, viel beachteten Buch über «Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens» bedauerte der Psychiatrieordinarius Alfred Hoche, dass das in Deutschland damals (noch) geltende Recht die Tötung von Menschen, die aufgrund unheilbarer und schwerer geistiger Behinderungen «vollständig wertlos» seien, verbiete. Darwinistische Biologen, Mediziner und Publizisten haben zwischen 1871 und 1933 den Boden für die ungeheuren Verbrechen bereitet, die dann folgen sollten.

Inwieweit trägt Darwin selbst Verantwortung für diese Entwicklung? Darwin hat solchen Interpretationen seines Werks zumindest Vorschub geleistet - denn sein Werk enthält durchaus «sozialdarwinistische» Passagen: «Bei den Wilden werden die an Geist und Körper Schwachen bald beseitigt. (...) Auf der anderen Seite tun wir zivilisierten Menschen alles nur Mögliche, um den Prozess der Beseitigung aufzuhalten. Wir bauen Zufluchtsstätten für die Schwachsinnigen, für die Krüppel und die Kranken; wir erlassen Armengesetze und unsere Ärzte strengen sich an, das Leben eines jeden bis zum letzten Moment zu erhalten. Es ist Grund vorhanden anzunehmen, dass die Impfung Tausende erhalten hat, welche in Folge ihrer schwachen Konstitution früher den Pocken erlegen wären. (...) Niemand (...) wird daran zweifeln, dass dies für die Rasse des Menschen in höchstem Masse schädlich sein muss», schreibt Darwin 1871.

Einer der eifrigsten Darwinisten unserer Zeit, der Soziobiologe Richard Dawkins, wurde 1976 mit seinem Bestseller «Das egoistische Gen» weltberühmt. Dawkins postulierte einen «Egoismus» der Gene. Lebewesen seien von Genen gebaute «Maschinen», deren implizite Bestimmung es sei, die in ihnen befindlichen Gene maximal auf der Erde zu verbreiten. «Ein Affe», so Dawkins, «ist eine Maschine, die für den Fortbestand von Genen auf Bäumen verantwortlich ist, ein Fisch ist eine Maschine, die Gene im Wasser fortbestehen lässt.» Diese These hat sich in vielen Köpfen festgesetzt und ist bis heute einflussreich.

Neoliberale Biologie?

Gene machen laut Dawkins auch den Menschen zu einem egoistischen Akteur: «Gene in den Körpern von Kindern werden aufgrund ihrer Fähigkeit selektiert, Elternkörper zu überlisten; Gene in Elternkörpern werden umgekehrt aufgrund ihrer Fähigkeit selektiert, die Jungen zu überlisten. Ich sage», schreibt Dawkins, «dass die natürliche Auslese tendenziell Kinder begünstigen wird, die so handeln, und dass wir daher, wenn wir frei lebende Populationen beobachten, im engsten Familienkreis Betrug und Eigennutz erwarten müssen.» Auch hier wird unter dem Anschein der Wissenschaftlichkeit ein Menschenbild propagiert. Welch ein Zufall, dass es wunderbar zu einer neoliberalen Weltwirtschaftsordnung passt, die als das zur Natur des Menschen angeblich ideal passende System gepriesen wurde und wird. Tatsächlich sind Gene nicht egoistisch, sondern molekulare Kommunikatoren und Kooperatoren.

Doch: Wer nur diese Seite sieht, wird Darwin nicht gerecht. Denn Charles Darwin beschrieb den Menschen sehr unterschiedlich aus zwei Blickwinkeln. Die meisten bringen den Namen Darwins mit dem in Verbindung, was er über den Menschen als Spezies schrieb: «Der Mensch prüft mit skrupulöser Sorgfalt den Charakter und den Stammbaum seiner Pferde, Rinder und Hunde, ehe er sie paart. Wenn er aber zu seiner eigenen Heirat kommt, nimmt er sich selten oder niemals solche Mühe. (...) Doch könnte er durch Auswahl nicht bloss für die körperliche Konstitution und das Aussehen seiner Nachkommen, sondern auch für ihre intellektuellen und moralischen Eigenschaften etwas tun. Beide Geschlechter sollten sich der Heirat enthalten, wenn sie in irgendeinem besonderen Grade an Körper oder Geist minderwertig wären. (...) Alles, was uns diesem Ziele näher bringt, ist von Nutzen. (...) Wenn die Klugen das Heiraten vermeiden, während die Sorglosen heiraten, werden die minderwertigen (englisch ‹inferior›) Glieder der menschlichen Gesellschaft die besseren zu verdrängen streben.»

Auf die Füsse gestellt

Wenn aber Darwin nicht die Spezies, sondern den einzelnen Menschen betrachtet, erscheint dieser in völlig anderem Licht. Der einzelne Mensch war für Darwin keineswegs ein auf Konkurrenzkampf und Egoismus ausgerichtetes Wesen. Diese Sichtweise findet sich in Darwins Büchern «Über den Ausdruck von Emotionen beim Menschen und anderen Lebewesen» (1872) und in seiner 1876 verfassten, 1884 publizierten Autobiografie. Hier äusserte Darwin, dass alle Lebewesen primär nach Glück streben und dass der Mensch dieses findet, wenn er seinen - wie Darwin es nannte - «sozialen Instinkten» folgt. «Die höchste Befriedigung stellt sich (beim Menschen) ein, wenn man ganz bestimmten Impulsen folgt, nämlich den sozialen Instinkten. (...) Die Liebe derer zu gewinnen, mit denen er zusammenlebt, (...) ist (für den Menschen) ohne Zweifel die grösste Freude auf dieser Erde.»

Von einem menschlichen «Aggressionstrieb» ist bei Darwin an keiner Stelle die Rede. Menschliche Aggression war für ihn kein primärer Instinkt, kein Triebbedürfnis, sondern ein reaktives Phänomen. Der «Aggressionstrieb» war eine spätere Erfindung von Sigmund Freud und Konrad Lorenz. Die moderne Neurobiologie gibt hier eher Darwins Position recht.

Darwin beschrieb die Situation des Menschen also einerseits als Spezies, die von der Evolution unter Selektionsdruck gestellt ist. Andrerseits sah er ihn als Individuum, bei dem nicht Kampfeslust, sondern soziale Instinkte im Vordergrund stehen. Für Darwin war dies kein Widerspruch: Er sah soziale Eigenschaften als eine Errungenschaft, die einer Art helfen könne, den Kampf ums Überleben besser zu bestehen.

Ich schlage in meinem Buch «Das kooperative Gen» vor, Darwin und den Darwinismus vom Kopf auf die Füsse zu stellen: Nicht Konkurrenz und Kampf, sondern Kooperation und Bindung scheinen mir die primären und zentralen biologischen Prinzipien zu sein. Konkurrenz und Kampf sehe ich als evolutionär spätere Phänomene, die erst dann ins Spiel kommen, wenn vitale Ressourcen knapp werden oder soziale Bindungen bedroht sind.

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