Intelligent Design : GlaubenskriegerInnen

Nr.  3 –

DarwinistInnen sehen sich von einer neuen Theorie herausgefordert. Sie wie ihre GegnerInnen kämpfen gegen Windmühlen.

Jüngst in Berlin, Humboldt-Universität, der Hörsaal ist zum Bersten voll: Richard Dawkins, einer der prominentesten Evolutionsbiologen, hält einen Vortrag vor Gleichgesinnten. Dawkins ist ein angenehmer, zurückhaltender Redner, weich in der Argumentation, offen gegenüber allerlei Fragen aus dem Publikum und immer bereit, den provisorischen Charakter der Theorie einzugestehen. Doch mit einem Mal verhärten sich seine Worte: Angesprochen auf den Disput rund um Intelligent Design (ID, vgl. Kasten «Der Kern der Ideologie») in Amerika, kugelt er sich ein und fährt nach allen Seiten ironische Spitzen aus. Die Lacher im Saal sind ihm sicher, man ist sich einig in der Geringschätzung des Widersachers.

Immer wieder wird in den USA vor Gericht darüber gestritten, ob die darwinistische Vorstellung von der Entstehung der Arten als Einzige an den Schulen gelehrt werden solle. Bereits 1925 («Affenprozess» von Dayton) haben religiöse Kreise das Recht eingefordert, ihre Sicht in den Lehrplan aufzunehmen, dann wieder 1968 und 1987. Als KreationistInnen waren sie zuletzt aufgetreten, als VerteidigerInnen der Creation, des Schöpfungsmoments also. 1987 erlitten sie eine grosse Niederlage, als das Bundesgericht entschied, die Schöpfungslehre habe nichts im Biologieunterricht zu suchen, da es sich dabei um Religion und nicht um Wissenschaft handle.

Unüberschaubare Front

Der bisher letzte Entscheid fiel in Dover, Pennsylvania, kurz vor Weihnachten. Distriktrichter John Jones gab einer Klage von Eltern von Schulkindern statt und entschied, Intelligent Design (ID) sei eine religiöse Lehre. Da solche an den öffentlichen Schulen der USA nicht gelehrt werden dürfen, bedeutet das Urteil die Verbannung von ID aus dem Schulunterricht. Dabei hatten sich die GegnerInnen der Evolutionstheorie nach Charles Darwin gehütet, das Banner der Religion voranzutragen. Als Zeuge der Verteidigung sassen diesmal keine Pastoren im Gerichtssaal, sondern ein Professor der Biochemie. Richter Jones aber befand, die ID-VertreterInnen hätten «wiederholt gelogen», um ihre wahren Motive zu verschleiern.

Doch der oft gehörte Einwand, es handle sich bei ID um nichts weiter als einen Deckmantel für den guten alten Kreationismus, greift zu kurz. Tatsächlich ist die Front gegen den Darwinismus diesmal schwer zu überschauen. Natürlich mischen auch (finanzkräftige) religiöse FundamentalistInnen wieder mit, die ihren heiligen Feldzug gegen die Wissenschaft überall dort führen, wo diese einer wörtlichen Auslegung der Bibel widerspricht. Doch die eigentlichen ID-VerfechterInnen treten zurückhaltend und kompromissbereit auf. Sie bestreiten Darwins Theorie nicht rundweg, sie bezweifeln nur ihre Vollständigkeit. Biochemie-Professor Michael Behe, einer der prominentesten ID-Verfechter, gesteht dem Darwinismus im Zeugenstand «teilweisen Erklärungswert» zu, macht aber «Lücken und Widersprüche» aus.

Ein erstaunlich lapidarer Befund: Lückenlose, widerspruchsfreie Theoriegebilde gibt es nicht, und auch die Grundmauern der Wissenschaft werden hin und wieder auf ihre Stabilität hin überprüft. Auch die Evolutionstheorie ist nicht in Beton gegossen, sie wird dauernd verfeinert und neuen Erkenntnissen aus der Molekularbiologie angepasst. Offene Fragen gibt es mehr als genug: Was genau ist ein Gen? Ist Angelerntes vielleicht doch vererbbar? Funktionieren die evolutionären Prinzipien auch ohne sexuelle Fortpflanzung? Die Evolutionsforschung ist sehr lebendig, und das heisst eben: noch alles andere als abgeschlossen.

Donquichotterien

Tatsächlich kämpfen beide Seiten gegen Windmühlen. Die Mängel, die das ID-Lager der Wissenschaft nachzuweisen versucht, sind letztlich gerade die Triebkräfte eines vitalen Forschungszweigs. Dagegen hatten die KreationistInnen einen souveräneren Standpunkt: Sie setzten der wissenschaftlichen Weltsicht einfach ein anderes, in sich unangreifbares Wahrheitsfundament entgegen: die Bibel.

Das ID-Lager läuft dagegen Gefahr, seinen «Designer» (das Wort «Gott» wird vermieden) zu einem, wie es der Chemiker Charles Coulson einmal genannt hat, «Gott der Lücken» zu machen, der dann zum Zug kommt, wenn die Wissenschaft keine konsistente Theorie anbieten kann. Dass sie einen derart gestutzten Gott zur Komplettierung der darwinistischen Lehre bemühen, würden die ID-AnhängerInnen natürlich nie zugeben, und so machen sie denselben Fehler, der auch NaturwissenschaftlerInnen nur allzu leicht passiert: Sie versuchen die Inkonsistenz einer Theorie aus sich selbst heraus nachzuweisen. Sie glauben, so etwas wie einen umgekehrten Gottesbeweis bei der Hand zu haben, indem sie zeigen, dass die Lücken unmöglich mit Darwin und Konsorten geschlossen werden können.

GegnerInnen der Homöopathie behaupten, diese könne nicht funktionieren, da es keinen wissenschaftlich anerkannten Wirkungsmechanismus dafür gebe. Das ID-Lager wirft der Evolutionstheorie nach demselben Argumentationsmuster vor, sie könne keine Erklärung liefern für die Entwicklung der Komplexität des Lebens. Kann sie es aber prinzipiell nicht - oder vergessen diese Leute da einfach leichtfertig ein «noch»? Es ist nicht einzusehen, weshalb nicht eines Tages ein Wirkungsmechanismus für die Homöopathie gefunden werden könnte, und ebenso wenig kann man heute schon wissen, dass die Evolutionstheorie an den noch offenen Fragen grundsätzlich scheitern wird. Nichts deutet darauf hin.

Doch auch die BiologInnen haben ihre Windmühlen, und die stehen, noch seltsamer, im eigenen Haus. Hier wird ein Diskurs vermieden, der in anderen Disziplinen ganz selbstverständlich geführt wird. Eine Teilchenphysikerin wird, ohne das Gefühl zu haben, ihre Seele zu verkaufen, auch auf Lücken und Widersprüche in ihrem Theoriegebäude verweisen. PhysikerInnen «am Rande» des Wissbaren haben oft die Demut, eine wissenschaftlich nicht erklärbare Domäne zuzulassen. Es mag ihr Glück sein, dass die Theorie vom Urknall eine weniger prominente Rolle im Schullehrplan spielt als der Darwinismus, doch Tatsache ist, dass das zweite grosse naturwissenschaftliche Genesismodell ein wesentlich entspannteres Verhältnis zur Religion pflegt.

Die Biologie dagegen hat sich, nachdem sie zunächst die Physik als Leitwissenschaft abgelöst hatte, vor gut fünfzig Jahren vom offen geführten Kampf um die Deutungshoheit über Mensch und Welt zurückgezogen und sich ins Labor verkrochen. Es galt, die molekularen Grundlagen des Lebens aufzuklären, da waren Querelen philosophischer Art nur mehr Zeitverschwendung. Eine grosse Kontroverse, der so genannte Vitalismusstreit, spaltete bis Mitte des letzten Jahrhunderts die BiologInnen, dann wurde sie fast über Nacht aus den Traktanden gestrichen. Kann das Leben allein aus physikalisch-chemischen Prinzipien erklärt werden? Die VitalistInnen bezweifelten das und postulierten eine zusätzliche, oft nicht genauer spezifizierte Lebenskraft. Sie wollten dieser Kraft nachspüren und damit die Biologie methodologisch auf eine ähnlich konsistente Stufe heben wie die Physik; eine Lücke im biologischen Erklärungsgebäude war erkannt und wurde offen diskutiert.

Die Stunde der Moleküle

Nach dem Zweiten Weltkrieg dann: Auftritt Molekularbiologie; 1953: Auftritt Francis Crick und James Watson mit der Entdeckung der Struktur der DNA (Erbsubstanz). Ein molekularer Mechanismus nach dem anderen wurde aufgeklärt, der lebende Organismus schien seine Geheimnisse allmählich preiszugeben. Der Vitalismus fand sehr bald keine Erwähnung mehr - spurlos verschwunden war er dennoch nicht.

Es gibt so etwas wie Dialekte in der Wissenschaft, jede Disziplin hat ihr eigenes Idiom. Wer den MolekularbiologInnen aufmerksam zuhört, dem wird die häufige Verwendung von Metaphern auffallen, wenn sie das Funktionieren der Zellmaschinerie erklären. Sehr oft verweisen diese Metaphern auf menschliche Eigenschaften oder Tätigkeiten: Sie sind anthropomorph. Ein klassisches Beispiel dafür ist die so genannte DNA-«Erkennung» durch Proteine, worunter man deren Anlagern an ganz bestimmte Abschnitte am DNA-Strang versteht. «Erkennen» impliziert nun eigentlich einen bewussten Vorgang, ein Sehen und Als-richtig-Befinden; Dinge also, die ein Protein nicht leisten kann. Ein Protein tut, korrekt gesagt, gar nichts: An und mit ihm kommen nur atomare Wechselwirkungen zum Zug. MolekularbiologInnen stört das wenig, ihr Fachvokabular strotzt vor ähnlichen Bildern, welche die kleinen Protagonisten, auf die alle Vorgänge im Körper zurückgeführt werden, klüger machen, als sie sind. Man kann darin einen Zufall sehen oder eben ein Überbleibsel des Vitalismus, ein implizites Eingeständnis, dass im Körper eine Maschinerie am Werk ist, die in ihrer Komplexität mit physikalischen Mitteln auch heute noch schwer zu fassen ist.

Dogmenanfällig

Es ist nicht zu übersehen, dass die Molekularbiologie mit allzu grossen Schritten vorangestürmt ist auf dem Weg zu einer neuen Leitwissenschaft. Hat man damals mit der Entschlüsselung der DNA-Struktur tatsächlich das «Geheimnis des Lebens» gelüftet? Je mehr man über die Gesetze der Vererbung weiss, desto komplexer wird das Bild. Die Ironie der Geschichte: Die Biologie ist dabei - Opfer ihres eigenen Erfolges - selbst anfällig für Dogmen geworden. Vor Gericht nun mit dem Anspruch anzutreten, ihre Unangreifbarkeit unter allen Umständen zu verteidigen, muss auch manch skeptischem Forscher ein wenig unheimlich vorkommen.