Nr. 03/2006 vom 19.01.2006

Die syrischen Siegel

Der syrische Fotograf und Galerist Issa Touma kämpft gegen die herrschende Partei und die Geheimdienste. Eine Bürokratiegroteske.

Von Armin Köhli, Aleppo

Jetzt ist sie wieder offen. Die Siegel der Stadt Aleppo, die Eingang und Hintertür der Galerie Le Pont fast vier Monate lang geschlossen hielten, sind endlich entfernt. Am vorletzten Dienstag, am 10. Januar, konnte Issa Touma seine Galerie wieder betreten. Er musste erst einmal putzen. Touma kennt das Putzen nach einer behördlichen Schliessung bereits. Seit drei Jahren schon kämpft er einen ungleichen Kampf um seine Galerie und um die alljährlichen internationalen Ausstellungen, die er organisiert: das Fotografie- und das Frauenkunstfestival. Touma kämpft gegen die in Syrien herrschende Baath-Partei, gegen die Geheimdienste, gegen den bürokratischen Apparat. Oder besser: gegen einen grossen Teil dieser mächtigen Institutionen.

Damaskus, 18. Dezember 2005. Touma ist in die Hauptstadt gekommen, um das Urteil in seinem Prozess zu erfahren. Kläger ist Issa Touma. Angeklagt sind der Premierminister der syrischen arabischen Republik, der Kulturminister, der Minister für Lokalverwaltung und der Gouverneur von Aleppo. Es sei festzustellen, dass die Schliessung der Galerie willkürlich und ohne rechtliche Grundlage war, forderten Touma und sein Anwalt Abderrahman al-Alaf. «Ich habe gewonnen», sagt Touma nach der Urteilsverkündigung strahlend. «Und zwar zu hundert Prozent!» Jetzt könne er die Galerie also wieder öffnen, vielleicht schon am 22. Dezember. Doch so schnell wird es nicht gehen. Die Bürokratie weiss sich trotz Gerichtsurteil zu wehren.

«Meine Probleme begannen am 2. Februar 2003», erzählt Touma. An diesem Tag bedeutet man ihm, dass er als Galerist nur noch mit Erlaubnis der Baath-Partei agieren solle. Touma weigert sich, sich unterzuordnen. Sein Mittel heisst von nun an Verblüffung. So sucht er erst einmal Hilfe von unerwarteter Seite. «Ich antwortete ihnen, selbst wenn ich um Erlaubnis bitten würde - was wollten sie tun, wenn ausländische Botschaften etwas in der Galerie organisieren? Glauben Sie, dass die die Bewilligung der Partei einholen werden? Und ich rannte sofort von Botschaft zu Botschaft.» Als Erste unterstützt ihn die belgische Botschaft in Damaskus. Sie will eine Ausstellung veranstalten. «Die Belgier beantragten die Bewilligung natürlich direkt beim Kulturministerium. Die damalige Ministerin geriet dadurch zwischen die Fronten und zögerte. Die Belgier zeigten sich ziemlich verärgert, als sie drei Tage vor der Eröffnung noch keinen Bescheid hatten.»

Die Welt der Partei

«Ich verstehe einfach nicht, warum sich all diese Leute für Sie interessieren. Warum schreiben internationale Zeitungen über Sie und das Aleppo-Festival? Ich bin sicher, die verfolgen eine politische Agenda. Schauen Sie, meine Herkunft ist beduinisch. Ich verstehe nichts von Kultur, aber ich weiss, dass diese Leute Sie gegen Ihr Land ausspielen. Ich habe nichts gegen Sie, Sie sind ein bekannter Künstler, doch Sie hören besser auf mit Ihren Aktivitäten, und das Kulturministerium übernimmt die Organisation Ihres Festivals. Sie vertreten ja sowieso nicht den Staat. Wer hat Sie überhaupt ernannt als Festivaldirektor? Wer erlaubte Ihnen, all diese Künstler in der ganzen Welt zu kontaktieren? Sie hätten besser vorher unsere Zustimmung gesucht.»

A.N., Direktor des Politischen Geheimdienstes von Aleppo, am 28. August 2004, nach einem Gedächtnisprotokoll von Issa Touma.

Touma hatte in den letzten drei Jahren unzählige Sitzungen mit Geheimdienstlern. Das vorläufig letzte Gespräch fand am 21. Dezember 2005 statt: Der neue Direktor der Allgemeinen Sicherheit in Aleppo hatte ihn vorgeladen. «Es war eine Art Kennenlerntreffen. Er wollte einfach wissen, wer ich bin. Dabei war er ganz nett und versprach, dass meine Probleme bald gelöst sein würden. Aber das sagten sie alle.» Touma schafft es immer wieder, sich der Logik der nackten Macht zu entziehen. Er provoziert die drei Geheimdienste, wie er kann. Durchaus nicht höflich, aber immer in ernstem Ton spricht er mit den Geheimdienstlern und macht sich über sie lustig. Solche Doppelbödigkeit scheinen sie nicht zu verstehen; sie wissen kaum, wie sie reagieren sollen. Den Wunsch der WOZ, seinen Intimfeind, den Direktor der Politischen Sicherheit, zu interviewen, leitet Touma lachend an den Geheimdienst weiter - und löst dort anscheinend blankes Entsetzen aus.

Aleppo, 25. Dezember 2005. In den christlichen Vierteln der Stadt sind ganze Strassenzüge mit stilisierten Christbäumen, Weihnachtsmännern und langschweifigen Sternen aus blinkendem Neon aberwitzig geschmückt.

Aus jedem Ghettoblaster, Autoradio und Restaurant dröhnen zahllose Variationen von «Jingle Bells» und «We Wish You a Merry Christmas». Die ganze (christliche) Welt telefoniert und beglückwünscht sich gegenseitig. MuslimInnen rufen ChristInnen an und gratulieren. Touma - als Sohn einer armenisch-christlichen Mutter und eines griechisch-orthodoxen Vaters sozusagen ein «doppelter» Christ - erhält beim Mittagessen einen Anruf vom ehemaligen Premierminister Mohammed Miro. Miro, früher Gouverneur von Aleppo, sei verrückt nach Kultur, erzählt Touma. Als Premierminister, der von 2000 bis 2003 amtierte, stand Miro für das weltoffene Syrien. Er wurde bald entmachtet. Später ruft ein hoher Geheimdienstler an. Touma ist ein Einzelkämpfer, doch einsam ist er dabei nicht. Selbst im Machtapparat hat er FreundInnen, die ihm helfen, ihm Tipps geben. Touma berichtet allen, mit denen er spricht, vom gewonnenen Prozess. Vor Weihnachten ist jedoch nichts mehr passiert. Nun freut er sich auf Montag, wenn die Feiertage vorbei sind - und die Galerie wieder eröffnet werden soll.

Der heute 42-jährige Touma gründete die Galerie Le Pont vor elf Jahren. Sein Aktivismus brachte Wind in die verstaubte Kulturszene der Stadt, wo Kultur vor allem staatstragend und traditionell verstanden wurde. Die Festivals veranstaltete er ausser in der Galerie etwa in einem alten Elektrizitätswerk oder einem historischen Militärgebäude. Für solche in Aleppo noch ungewöhnlichen Ausstellungsorte brauchte es lange Verhandlungen - und nicht zuletzt die Unterstützung des damaligen Gouverneurs Miro. Die kleine Galerie veränderte das Aleppiner Kulturleben. Damit begannen auch Toumas Probleme. «Die hiesigen Parteichefs sahen, dass in der Stadt etwas wuchs, worüber sie keine Kontrolle hatten», erzählt er. «Das ertragen sie nicht. Sie müssen das Gefühl haben, dass sie alles kontrollieren. In diesem Land sollte sich jede Persönlichkeit bei der Partei melden, ihren Arsch küssen, ihr zeigen: Du bist mein Gott.» Heute seien die Schikanen gegen ihn eine Art Selbstläufer. «Sie wissen wahrscheinlich nicht einmal mehr, warum sie sich mit mir rumschlagen, wie das alles begonnen hat.»

Der Christ und die Sufis

Als Kämpfer ist Touma ein Selbstdarsteller; das muss er wohl sein, bei der direkten Art der Konfrontation, die er ständig sucht. Manchmal scheint er wie besessen von seinem endlosen, unfreiwilligen Kampf. Ganz anders ist Touma, der Fotograf. Er sucht die Orte auf, die Syriens Reichtum zeigen, unerwartete, unbekannte Orte. Er fotografiert das Aussergewöhnliche des syrischen Alltags. Oft hält er Traditionelles fest, wirken seine Bilder wie Überlieferungen, altertümlich, manchmal gar archaisch. Er fotografiert in einer Seifenfabrik, in der die begehrte Aleppiner Olivenölseife wie seit Jahrhunderten in Handarbeit hergestellt wird. Er schummelt sich bei der Einweihung des pompösen Parteigebäudes aufs Dach und fotografiert das Blut der für das Festmahl geschlachteten Tiere, das auf der Strasse einen See bildet. Seine eindrücklichsten Bilder sind jene der jährlichen Sufi-Festivals, an denen sich die islamischen Mystiker in Trance beten und trommeln, Einzelne sich einen Dolch durch den Körper stossen, ohne zu bluten.

Für diese Bilder lässt er sich Zeit. Touma, der Christ, geht bei Dschamal Eddin Hilali, dem höchsten Scheich der Hilali-Sufis, ein und aus. Die jahrhundertealte Sufi-Moschee in Aleppo, der Hilali vorsteht, ist ein architektonisches Meisterwerk und vermutlich einzigartig in der islamischen Welt. Längst hat Hilali ein Film- und Fotografierverbot durchgesetzt - Issa Touma darf fotografieren, weil er sich über Jahre auf die Menschen eingelassen hat. Er fotografiert auch in der Hinterhofmoschee von Scheich Mohammed Hardan im verruchten, verrufenen Armenviertel Bab Nirab. Der siebzigjährige Hardan ist ein wilder, geschminkter Sufi-Scheich. Der kleine Gebetsraum ist ganz in Grün gehalten, an den Wänden hängen Tamburine und Tschinellen, Fotos sowie Schwerter und Dolche. Der Scheich geht nie ohne Dolch aus dem Haus. Modern sind in diesem Raum nur das Megafon, mit dem rezitiert wird, die tickende Uhr, deren Zeiger sich nicht bewegen, und ein Telefon, so grün wie das Mikrofon des Megafons. Ein Ölofen heizt gewaltig, darauf wird bitterer Kaffee gekocht und in kleinsten Schlucken aus einer einzigen Tasse gereicht. Beim Gebet geben die Tamburine den Rhythmus vor, sie werden immer schneller, die Männer rezitieren Koranverse, stöhnen bei höchstem Tempo manchmal nur noch «Allah», dann gibt es eine Pause, ruhige Gebete, und schon geht es wieder von neuem in den ekstatischen Rhythmus. Touma, als Einziger, fotografiert.

Die kleine Rache

26. Dezember. Touma wirkt völlig niedergeschlagen. Gemeinsam mit seinem Anwalt al-Alaf wollte er das Gerichtsurteil beim Gouverneur eintragen lassen. Doch dort beschied man ihnen, dass die Galerie gar nicht geschlossen worden sei. Al-Alaf, dem der erstaunliche Sieg im Prozess gelungen war, kann den wütenden Touma knapp davon abhalten, die Siegel selber aufzubrechen. Denn er bleibt zuversichtlich: «Sie werden das Urteil respektieren müssen.» Die Gerichte in Syrien hätten sich verbessert, auch wenn die Menschenrechte noch nicht einklagbar seien. Sei die Galerie Le Pont wieder offen, werde sie auch offen bleiben. Er behält vorläufig Recht: Der Gouverneur muss schliesslich zugeben, dass die Galerie versiegelt wurde - und sie wieder öffnen lassen. Doch er schafft es, dies zwei weitere nervtötende Wochen zu verschleppen.

Ausser Putzen machte Touma in der Galerie zunächst einmal gar nichts. Erst in diesen Tagen, nach den islamischen Feiertagen zum Opferfest, beginnt er, neue Ausstellungen zu planen. Er will sicher sein, dass sich die Geheimdienstler nicht schon etwas Neues haben einfallen lassen. Ohne Probleme kann Touma nicht leben, sagt sein Freund, der Maler Jakub Ibrahim. Touma erwidert: «Ich muss immer einen Schritt voraus sein. Sonst haben sie mich.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch