Nr. 19/2006 vom 11.05.2006

Ausnahmezustand

Wenn es plötzlich einen selber trifft. Wie geht es einer Gewerkschaftsangestellten, die entlassen worden ist? Und was sagen die Beteiligten?

Von Monika Joss

Alltägliche Mittagspause für die einen: In der Kantine stellen sich die Angestellten in die Reihe, fassen Besteck und ein Tablett und wählen das gute Menü zum vernünftigen Preis. Sie setzen sich zu den KollegInnen an den Tisch und lassen sich im Strom der Gespräche mittreiben. Ausnahmezustand für die anderen: Anna Huber* sitzt am Kantinentisch mit dabei und gehört doch nicht mehr ganz dazu. Vor einigen Tagen hat sie erfahren, dass sie ihre Stelle bei der Gewerkschaft Unia aus wirtschaftlichen Gründen verlieren wird. «Jede Fusion bedeutet Stellenabbau», sagt sie, «aber ich dachte nicht, dass ich selber betroffen sein könnte.»

Ihr oberster Chef war am Tag ihrer Kündigung in den Ferien. Die direkte Vorgesetzte schickte Anna Huber eine SMS, um sie in ihr Büro zu rufen. «Jetzt bin ich dran», dachte sie. Das Entlassungsgespräch dauerte vielleicht zwei Minuten. Danach weinte sie, ging nach Hause und stritt sich ohne Grund vor ihrem Kind mit ihrem Mann. Er ist arbeitslos - ihre ganze Familie hängt von ihrem Einkommen ab.

«Ich bin psychisch abgestürzt», sagt Anna Huber. Es ist für sie unmöglich geworden, die Zukunft zu planen. Die junge, robust wirkende Frau wird von Albträumen geplagt. Schleichend änderte sich nach der Kündigung die Stimmung am Arbeitsplatz. «Am Anfang waren die KollegInnen solidarisch», sagt Anna Huber, «heute sagen mir einige nicht einmal mehr hallo.» Die Davongekommenen müssen weitermachen, und niemand kann wohl der Versuchung widerstehen, Gründe zu finden, warum es die andere und nicht einen selber traf.

Der Schock

Anna Huber wirkt nervös und gleichzeitig gefasst. Sie ist eine Frau im Schockzustand. «Ich bin wütend. Die Geschäftsleitung hat einfach so über meine Zukunft entschieden. Die, welche so häufig das rücksichtslose Vorgehen von Unternehmen kritisieren, verhalten sich genau gleich. Die Rechnung bezahlen die Entlassenen.»

Stellenabbau bei einer Gewerkschaft ist nichts Neues. Eine Entlassungswelle wie bei der Unia sei hingegen ein Spezialfall, sagt der Gewerkschaftshistoriker Bernard Degen von der Universität Basel. Der Personalbestand einer Gewerkschaft stehe in direktem Zusammenhang zur Mitgliederzahl, die Schwankungen unterlegen sei. Doch diese Schwankungen sind laut Degen langsam. Seit den siebziger Jahren nehme der Personalbestand von Gewerkschaften schleichend ab, was zu kleinen, unspektakulären Veränderungen wie etwa zur Schliessung von Regionalsekretariaten geführt habe. «Dies konnte meist mit Pensionierungen und natürlichen Abgängen aufgefangen werden. Auf solche Art gingen weit mehr Stellen verloren als durch die heutigen Entlassungen bei der Unia, nur dass das niemandem auffiel», sagt Degen.

Die Erklärung

Angesichts dieser Tatsache stellt sich die Frage: Weshalb musste die Unia zum drastischen Schritt der Entlassungen greifen, wenn der Mitgliederbestand doch nur langsam abnimmt? Gab es eine Notsituation? Weshalb musste der Imageschaden in Kauf genommen werden, den Entlassungen unweigerlich mit sich führen?

Mediensprecher Nico Lutz: «Für die Gewerkschaft Unia ist der Stellenabbau eine logische Konsequenz des Zusammenschlusses von Smuv, GBI und VHTL zur Unia. Es war auch ein Ziel der Fusion, mit weniger Mitteln die gleichen oder sogar mehr Leistungen für die Mitglieder zu erbringen. Die Vorgängerorganisationen wiesen Defizite auf, die auf den Mitgliederrückgang in den neunziger Jahren - bedingt durch den Strukturwandel in der Wirtschaft - zurückzuführen sind. Die Kosten zu senken, bedeutet in einer Gewerkschaft, deren Ausgaben zu über zwei Dritteln aus Löhnen bestehen, auch Stellenabbau.»

Auf der einen Seite Anna Huber, auf der anderen diejenigen, die ihre Entlassung zu verantworten haben. Jemand hat ja über die Entlassung entschieden und die Kündigung ausgesprochen.

Peter Bauer* war einer von ihnen. Die Spitze der Unia setzte die finanziellen Vorgaben für die Regionen fest. Peter Bauer als Regionalvertreter hatte keine andere Wahl, als zum letzten Mittel, der Kündigung, zu greifen, wollte er die Vorgaben einhalten. «Wir leben von Mitgliederbeiträgen und müssen mit diesen verantwortungsvoll umgehen. Wir müssen den Laden zum Laufen bringen. Es gab kein anderes Sparpotenzial als beim Personal», sagt er und erklärt, nach welchen Kriterien die Entlassungen vorgenommen wurden. Dabei ging es etwa um die Differenz zwischen Aufwand und Ertrag, sprich um das Verhältnis von Lohn und betreuten Mitgliedern. Auch die politische Nähe zur Unia habe eine Rolle gespielt. Persönliche Präferenzen hätten in diesen Überlegungen keinen Platz gefunden. «Dies war einer der schwierigsten Entscheide, die ich in meinem Berufsleben je fällen musste», sagt Bauer.

Ist Anna Huber schuld, dass sie entlassen wurde? «Nein», sagt der Regionalvertreter Peter Bauer, «die Entlassenen sind prinzipiell nicht schuld. Punkt. Der Grund liegt in den Finanzen, nicht in der Person.»

Die Härte

Doch bei jedem Stellenabbau gibt es meistens auch Härtefälle. Obwohl niemand will, dass etwa eine alleinerziehende Mutter eine Kürzung ihres Arbeitspensums hinnehmen muss. Oder dass ein anerkannter Flüchtling ohne formale Schulbildung und mit denkbar schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt die Kündigung erhält. Zuletzt geschieht es dann doch, weil es alle zulassen, denn das ist zumindest kurzfristig der einfachste Weg. Die Entlassungen bleiben den Abwägungung der einzelnen Vorgesetzten und damit doch auch ein bisschen dem Zufall überlassen.

Nico Lutz von der Unia: «Für die Mehrzahl der Personen, deren Stelle wegfällt, wurden Alternativen gefunden: Mehr als die Hälfte wird über ordentliche und frühzeitige Pensionierungen aufgefangen. Für Einzelne konnten wir intern eine Stelle anbieten oder haben wir mitgeholfen, extern eine Stellung zu vermitteln.»

Gewerkschaftsangestellte müssen darauf vertrauen, dass die Entscheidungen von oben richtig sind. Doch seit die Kündigungen ausgesprochen wurden, steht dieses Vertrauen auf dem Spiel. Selbst gestandene Mitarbeiter geraten ins Grübeln. Wer die Communiqués der Unia während der letzten zwei Jahre studiert, stellt fest, dass sie über die Entlassungen durchaus transparent informierte. Doch längst nicht alle MitarbeiterInnen teilen diese Meinung. Auch beurteilen viele die Fusion heute kritischer als zu Beginn. «Wurden wir an der Nase herumgeführt?», heisst es plötzlich. «Wurde mit dem Geld gewurstelt?» Einige Angestellten erinnern sich daran, wie eigens für die Fusion teures Werbematerial gedruckt wurde und wie sie schon damals gedacht hätten, dies sei nicht vernünftig. Allerdings habe man damals nichts gesagt, und das bereite heute schlaflose Nächte, sagt ein Mitarbeiter.

Der Nutzen

Wäre es für Anna Huber ein Trost zu wissen, dass ihre Entlassung der Gewerkschaft etwas nützt? Dass ihr Arbeitgeber in einer Notsituation gehandelt hat? Ist es überhaupt möglich - auch mit den besten Absichten - Leute auf humane Art und Weise auf die Strasse zu stellen? Tatsache ist: Niemand kann heute mit Bestimmtheit sagen, ob sich die Fusion und die damit verbundenen Entlassungen lohnen werden. Die einfache Rechnung, dass mit einer Fusion Kosten gesenkt werden können, halte dem Test der Wirklichkeit nicht immer stand, sagt Fred Henneberger, Direktor am Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitsrecht der Universität St. Gallen. «Es gibt viele Belege von gescheiterten Fusionen in der Privatwirtschaft. Bis heute fehlt auch der schlüssige Beweis für erfolgreiche Gewerkschaftsfusionen.» Henneberger kennt die Situation in Deutschland, wo mit der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) schon länger eine grosse fusionierte Gewerkschaft besteht. Seine Bilanz ist eher ernüchternd. Eine grosse Gewerkschaft gewinne zwar an Mitgliedern, die - wegen der Doppelmitgliedschaften - dennoch kleiner sei als die Summe der Mitglieder aus den vormaligen Einzelgewerkschaften. Gleichzeitig verliert sie laut Henneberger an Profil. Denn wenn die gleiche Gewerkschaft wegen der unterschiedlichen Interessen für die einen ArbeitnehmerInnen um bessere Löhne kämpft, für die zweiten um bessere Weiterbildungsmöglichkeiten und für die dritten um eine Verkürzung der Arbeitszeit, wird die Interessenvertretung schwierig. Die Gewerkschaft Verdi kann sich laut Henneberger trotz - oder eben wegen - ihrer Grösse nicht besser durchsetzen als ihre kleineren Vorgängerinnen. Erst die Umsetzung der Fusion zeige, ob die Rechnung wirklich aufgehe.

Immerhin belegt Unia mit Zahlen, dass sie den Mitgliederschwund vorerst stoppen konnte. Führt die abgebaute Stelle von Anna Huber wenigstens zu Kosteneinsparungen? Das ist nicht zwingend der Fall. Eine Studie der Universität Zürich zeigt, dass Firmen, die früher Personal entlassen haben, überdurchschnittlich viele Kündigungen hinnehmen müssen, wenn sich der Arbeitsmarkt entspannt. Die Mitarbeitenden vergessen nicht. Es kann also durchaus sein, dass die Kosten, die einmal durch Entlassungen gespart wurden, später mit teurer Personalsuche und Einarbeitungszeit wieder anfallen. Anna Hubers Entlassung ist das letzte Glied in einer Kette von Entscheidungen, von denen die Unia noch nicht weiss, ob sie «richtig» war. Möglicherweise war es auch ein Fehler. Irren ist menschlich. Es macht keinen Sinn, Schuldige zu identifizieren, möchte man leichthin sagen. Doch für Anna Huber sieht es anders aus. Sie ist «unschuldig» und wird doch bestraft, indem sie ihre Stelle verliert. Sie hat einfach Pech gehabt und muss die Konsequenzen von Entscheidungen tragen, an denen sie nicht beteiligt war. Doch eine Lösung muss sie nun ganz allein suchen. «Ich kann mich nicht verteidigen», sagt sie. Sie, die ihre Mitglieder jahrelang zum Kämpfen aufgefordert hat, will sich jetzt nicht für ihre eigenen Rechte einsetzen. Das würde der Gewerkschaft schaden, der sie sich immer noch verpflichtet fühlt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch