Nr. 37/2016 vom 15.09.2016

Und für einmal hält das Schweigen nicht

Sexuelle Belästigung, Affären mit Untergebenen, sektiererische Methoden: Wie es zum Abgang des Leiters der Unia Zürich kam – und wieso die grösste Gewerkschaft des Landes ein massives Problem mit ihrer Betriebskultur hat.

Von Dinu Gautier und Susan Boos

Roman Burger hatte Macht. Die Zürcher Bauunternehmer fürchteten ihn. Und er schaffte es, Arbeitskämpfe zu einem medialen Ereignis zu machen.

Am Donnerstag letzter Woche trat Burger, Regionalleiter der Unia Zürich-Schaffhausen, zurück. In einem internen E-Mail an die Belegschaft sprach er von einer schwierigen Position, in der sich die regionale Unia befinde: «Dies ist zu einem erheblichen Teil auf persönliche Verhaltensfehler von mir zurückzuführen. Mit einem unangemessenen Austausch von SMS-Textnachrichten habe ich als Vorgesetzter eine Grenze überschritten. Das tut mir leid, und dafür gibt es keine Rechtfertigung.»

Am selben Tag verschickte die Unia eine Medienmitteilung, in der sie den Abgang bestätigte und von einem «Austausch von SMS-Textnachrichten» sprach, «der von einer Mitarbeiterin als sexuelle Belästigung empfunden» worden sei. Roman Burger, eine gewerkschaftliche Lichtgestalt (vgl. «Charismatiker Burger» im Anschluss an diesen Text), ist plötzlich weg. Was ist passiert?

Die WOZ hat mit einem Dutzend ehemaligen und aktiven Unia-MitarbeiterInnen gesprochen. Die Wut darüber, was in den letzten Wochen und Monaten geschehen ist, ist gross. Manche von ihnen waren bereit, mit Namen hinzustehen, andere nicht. Wir haben uns entschieden, die Namen zu anonymisieren, um alle zu schützen. Roman Burger hat auf mehrere Interviewanfragen nicht reagiert. Der in der Unia-Zentrale für Zürich zuständige Nico Lutz bestreitet einen Teil der Darstellungen (vgl. seine Stellungnahme im Anschluss an diesen Text).

Konzentrierte Macht

Die Ereignisse, die dazu führten, dass Roman Burger seinen Posten räumte, begannen bereits vor eineinhalb Jahren. Eine Mitarbeiterin wandte sich im Vertrauen an ihre direkte Vorgesetzte und erzählte, sie habe SMS von Burger erhalten, die ihr sehr unangenehm seien. Dann passierte längere Zeit nichts. Was die Betroffene nicht wusste: Zu jenem Zeitpunkt hatte ihre Vorgesetzte eine Affäre mit Regioleiter Burger, der auch in seiner Funktion als Bereichsleiter Vorgesetzter beider war.

«Es gab immer wieder Gerüchte, Roman Burger habe Affären mit dieser und jener Mitarbeiterin», erinnert sich eine Gewerkschaftssekretärin. «Das ging so weit, dass Frauen sich fragten, ob sie mit ihm ins Bett gehen müssen, wenn sie eine Chance auf Karriere haben wollen.» Mitglieder der regionalen Geschäftsleitung hätten von den Gerüchten gehört: «Die haben das aber als Privatsache heruntergespielt. Keine Ahnung, ob die schon einmal etwas von Abhängigkeitsverhältnissen gehört haben.» Jemand anderes: «Bei der Geschäftsleitung war der Tenor: So was geschieht doch immer mal wieder, tut nicht so bieder.» Die Zürcher Unia-Geschäftsleitung wird insgesamt als schwaches Gremium wahrgenommen. Alle Befragten sind sich einig: Die Macht hat sich bei Roman Burger konzentriert.

Tränen an der Retraite

MitarbeiterInnen anderer Regionen sagen über die Unia-Leute aus Zürich, sie wirkten sektiererisch, als eingeschworene Gemeinschaft, sie wüssten immer alles besser. Aus dem Inneren der «eingeschworenen Gemeinschaft» tönt das so: «Wir grenzen uns tatsächlich stark von den anderen ab, wir sind kämpferischer und arbeiten mit anderen Methoden», sagt eine Zürcher Gewerkschafterin.

Bei diesen Methoden handelt es sich um das sogenannte Organizing. Ziel ist es, Leute in Betrieben zu befähigen, selber Kampagnen für bessere Arbeitsbedingungen zu organisieren. «Du beginnst mit Einzelgesprächen in Betrieben, die du organisieren willst, und baust nach und nach Kontakte auf», erklärt eine Zürcher Unia-Gewerkschafterin. Vorbild ist die nordamerikanische Gewerkschaft Unite Here, die etwa Angestellte in den Casinos von Las Vegas erfolgreich organisiert hat. Der Ansatz ist innovativ und dynamisch, birgt aber auch Risiken. Unite Here wird zum Beispiel vorgeworfen, die persönlichen, intimen Geschichten der Mitglieder gezielt verwendet zu haben, um sie bei Bedarf zu manipulieren. Laut «New York Times» nennt sich das «pink sheeting», weil pinke Formulare verwendet worden seien, um die privaten Geschichten der Mitglieder aufzuzeichnen.

Ob es auch in Zürich zu «pink sheeting» kam, ist nicht klar. Unbestritten ist, dass gezielt mit den persönlichen Lebensgeschichten der GewerkschafterInnen gearbeitet wurde. Sie sollten lernen, über ihre eigene «personal story» das Gegenüber – also die Person, die man organisieren will – dazu zu bringen, auch Privates zu erzählen. Dadurch entsteht eine persönliche Beziehung, auf der die Gewerkschaft aufbauen kann. Die ArbeiterInnen und Angestellten gewinnen Selbstvertrauen und getrauen sich, innerhalb des Betriebs Widerstand zu leisten. Klingt überzeugend und sinnvoll. Kann aber psychologisch brandgefährlich werden.

Anfang 2015 organisierte die Unia Zürich für ihre MitarbeiterInnen in einem Hotel im Glarnerland eine Retraite, an der intensiv an den «personal stories» gearbeitet werden sollte. Die Teilnahme war freiwillig, es sei jedoch ein Gruppendruck entstanden mitzumachen, heisst es. Ein knappes Dutzend OrganizerInnen, im Durchschnitt nicht älter als dreissig, kamen für ein Wochenende zusammen. Aus der regionalen Geschäftsleitung war niemand dabei – ausser Roman Burger. Die Anwesenden gaben viel von sich preis: eine schwierige Beziehung mit dem Vater, Drogenvergangenheiten und so weiter. «Es wurden zwei Gruppen gebildet», erinnert sich eine Teilnehmerin, «dann hat man seinen Werdegang erzählt, und die anderen konnten Fragen stellen. Es war ein bisschen wie vor einem Gericht. ‹Wurdest du denn als Kind nicht geliebt?›, so Sachen halt. Wenn du nicht antworten wolltest, hiess es: ‹Du musst dich öffnen.› Einzelne haben geweint.»

Es habe geheissen, die Informationen würden den Raum nicht verlassen, später seien aber Sprüche gefallen, die darauf hindeuteten, dass die persönlichen Geschichten doch Einfluss auf Beförderungsentscheidungen gehabt hätten. «Ich finde es auch heute nicht grundsätzlich schlecht, so was zu machen. Es hätte aber unbedingt eine externe Psychologin dabei sein müssen – und man hätte das nur innerhalb derselben Hierarchiestufe machen dürfen», sagt eine der Anwesenden rückblickend.

Eine Gewerkschafterin schildert, wie sich «der Groove» innerhalb der Unia Zürich durch diese Vermischung von Professionellem und Privatem verändert habe: «Strukturelle Probleme gab es nicht mehr, alles war nur noch persönlich begründet.» Habe man einen Missstand angesprochen, sei das rhetorisch sofort zu einem Problem der Person gemacht worden, die Kritik geübt habe.

Eine andere Retraiteteilnehmerin resümiert: «Es wurde dann etwas sektenhaft bei der Arbeit. Wenn du die Geschichte der Leute so gut kennst, dann kannst du heikle Punkte gegen sie verwenden. Ich würde nicht sagen, dass so Voraussetzungen für sexuelle Belästigung geschaffen werden, aber es war sicher alles andere als hilfreich dabei, ein professionelles Arbeitsumfeld aufrechtzuerhalten.»

Der Chef macht die Runde

Im April dieses Jahres bekommt eine andere Angestellte die SMS-Geschichte mit. Daraufhin erzählt diese, wie sie sich eines Abends im Ausgang von Roman Burger körperlich sexuell belästigt gefühlt habe. Damals war sie erst drei Wochen bei der Unia und erst Mitte zwanzig.

ArbeitskollegInnen sagen heute, die Frau habe lange geschwiegen, auch im Bewusstsein, dass Ereignisse, die unter vier Augen geschehen, schwierig zu belegen sind. Im Bericht sollte es laut Unia später heissen, dass weder eine sexuelle Belästigung noch eine Fehlbeschuldigung vorgelegen habe.

Von nun an unterscheidet sich die offizielle Darstellung der Unia-Leitung stark von jener der Angestellten, die die WOZ befragt hat.

Die Version von oben: «Die Geschäftsleitung der Unia hat die Vorwürfe unverzüglich durch die externe und neutrale Fachstelle BeTrieb abklären lassen», heisst es in einem internen Mail, das vor zwei Wochen verschickt wurde. Absender: Nico Lutz, der in der nationalen Geschäftsleitung für die Region Zürich zuständig ist.

Die Version von unten: Nico Lutz habe zusammen mit Roman Burger massiv Druck aufgebaut, die Angelegenheit intern zu klären. Auch habe gar nicht Lutz die externe Untersuchung angeregt. Es seien Unia-MitarbeiterInnen aus dem unteren Kader gewesen, die sich ein erstes Mal Anfang des Jahres und dann wieder im April an die externe Fachstelle BeTrieb gewandt hätten.

Die externe Untersuchung lief dann von Ende April bis Anfang August. Die beiden betroffenen Frauen waren in dieser Zeit abwesend, Roman Burger hingegen wurde nicht etwa bis zum Ende der Untersuchung suspendiert, sondern erschien weiterhin zur Arbeit und nahm auch weiterhin an den Sitzungen der regionalen Geschäftsleitung teil. Er besuchte sogar persönlich die MitarbeiterInnenteams, um sie zu informieren, dass Vorwürfe gegen ihn erhoben worden seien.

«Das muss man sich einmal vorstellen», sagt eine Unia-Angestellte, «der macht als Chef die Runde und spielt den souveränen Mann, während die beiden Betroffenen weg sind. Seine Message war klar: Ich habe nichts Unrechtes getan, ich bleibe.»

Unia-interne E-Mails aus der Zeit der Untersuchung, die der WOZ vorliegen, zeichnen ein ähnliches Bild. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass Burger die Angelegenheit überstehen würde. Burger war im Juli und August dann doch noch weg – angeblich, weil er schon länger Ferien geplant hatte. In einem Mail an die Belegschaft schreibt er am 22. Juni zwar von einem «vielschichtigen Konflikt», in dem er Fehler gemacht habe. Er werde aber Ende August zurückkommen «und meine Funktion als Regioleiter wieder übernehmen».

Am 5. August erhält Nico Lutz den externen Bericht, am 23. August dürfen ihn die betroffenen Frauen lesen – unter Aufsicht, um sicherzugehen, dass sie keine Fotografien anfertigen. Selbst ein Grossteil der Geschäftsleitung in der Berner Zentrale bekommt ihn nicht zu lesen. Lutz stellt die Untersuchungsergebnisse mündlich vor und lässt das weitere Vorgehen absegnen.

Eine der Empfehlungen im Bericht lautet offenbar, dass Burger künftig nicht mehr direkter oder indirekter Vorgesetzter der Betroffenen sein dürfe. Wohl ahnend, dass diese Forderung kommen wird, hat sich die regionale Geschäftsleitung bereits im Juli etwas einfallen lassen: Es sollte nun plötzlich eine Koleitung installiert werden. In einem internen E-Mail, das der WOZ vorliegt, wurde dies Mitte August angekündigt. Begründet wurde das allerdings nicht mit den Empfehlungen aus dem Bericht, sondern mit Überlastung des Regiochefs. «Auch hier wird sonnenklar, dass Burger – koste es, was es wolle – bleiben sollte», sagt eine Gewerkschaftssekretärin.

Am 5. September informiert Nico Lutz die Zürcher und Schaffhauser MitarbeiterInnen offiziell über die Untersuchungsergebnisse. Im E-Mail heisst es: «In einem Fall kommt der Bericht zum Schluss, dass keine sexuelle Belästigung vorliegt. Eine absichtliche Fehlbeschuldigung wurde ebenfalls verneint. Im zweiten Fall bestätigt der Bericht das Vorliegen einer verbalen sexuellen Belästigung im Rahmen eines wechselseitigen SMS-Austausches, der sich über mehrere Wochen hinzog.»

Das Narrativ ist auffällig: Betonung von «wechselseitig» und «Austausch». Für die Unia-MitarbeiterInnen, die mit der WOZ sprachen, ist klar: Den Frauen soll eine Mitschuld zugeschrieben, Burgers Grenzüberschreitungen sollen kleingeredet werden.

Die Sanktion, die Nico Lutz verkündet: Burger wird ermahnt. Eine Ermahnung ist die mildeste Sanktionsmöglichkeit, eine Verwarnung wäre wesentlich schärfer. Im Unia-Reglement zu Mobbing und sexueller Belästigung werden Sanktionen bis zur fristlosen Kündigung aufgeführt, und es wird die «besondere» Aufsichtsverantwortung von Vorgesetzten betont – im aktuellen Fall ist Nico Lutz Vorgesetzter von Burger.

Das ganze Vorgehen passt insgesamt nicht zur Haltung, die die Unia gegen aussen vertritt, wenn es um sexuelle Belästigung geht. Auf ihrer Website fordert sie von Unternehmen «Nulltoleranz für sexuelle Belästigung» und dass in solchen Fällen «eine Beweislasterleichterung» gelten müsse. Im eigenen Haus gilt das offenbar nicht.

Zudem wird Kritik laut, in der ganzen Unia herrsche eine sexistische Kultur: «Gewerkschaftssekretärinnen fühlen sich nicht ernst genommen. Sie werden für die Fleissarbeit gebraucht, aber sobald es um Macht geht, werden sie abgesägt, nicht befördert und so weiter», sagt etwa eine Gewerkschafterin, die nicht in der Region Zürich beschäftigt ist.

Verdeckte Machtkämpfe?

In der Unia Zürich-Schaffhausen brennt der Baum: Keine Entlassung, keine Versetzung, eine simple Ermahnung und dann Gras über die Sache wachsen lassen – das wollen sich viele MitarbeiterInnen nicht mehr bieten lassen. Bisher haben aus Protest drei Angestellte gekündigt, weitere überlegen sich zu gehen.

Am Mittwoch letzter Woche meldet sich dann der «Blick», dem die interne Kommunikation zugespielt worden war, bei der Unia. Es ist nun klar, dass das Schweigen gegen aussen dieses Mal nicht aufrechterhalten werden kann. Am selben Abend beschliesst Burger, sein Amt niederzulegen. Inzwischen wird laut «NZZ am Sonntag» schon fast damit gerechnet, dass Burger künftig weiter bei der Unia arbeiten wird – diesmal in der Berner Zentrale.

Fragt sich, weshalb Nico Lutz Burger so beharrlich geschützt hat. Die plausibelste Erklärung, die mehrere der von der WOZ befragten Personen aufbringen: Burger ist für Lutz machtpolitisch von zentraler Bedeutung. Ein Unia-Mitarbeiter, der die innergewerkschaftlichen Kämpfe kennt, erklärt sich das so: «Nico Lutz und Roman Burger sind Teil einer starken Seilschaft.» Weil die Region Zürich Unia-intern isoliert gewesen sei, hätten die beiden ein Problem gehabt. Mit nur einer von insgesamt vierzehn Regionen im Rücken sei man im innergewerkschaftlichen Machtgefüge früher zu schwach gewesen.

Nach einer Krise bei der Unia Nordostschweiz, die von Basel aus operiert, ist dort inzwischen mit Koleiterin Sanja Pesic eine enge Vertraute von Burger an der Macht beteiligt. Zudem hat Lutz versucht, künftig auch das Mittelland in den Einflussbereich Burgers zu bringen: Anfang dieses Jahres spielte sich im Aargau ein heftiger Machtkampf ab, von dem bisher nichts an die Medien gedrungen ist. Nico Lutz – der in der Zentrale auch für die Region Aargau zuständig ist – versuchte, diese Region mit der Nordwestschweiz zu fusionieren; offiziell aus betriebswirtschaftlichen Gründen. In der dortigen Geschäftsleitung sei man aber mit vier zu zwei dagegen gewesen, sagt ein Insider: «Von diesen vier Gegnern arbeitet heute niemand mehr bei der Unia.»

Dass es in der Unia gärt, ist nicht neu. In Basel haben ehemalige Unia-Leute aus Protest eine eigene Gewerkschaft gegründet (siehe WOZ Nr. 40/2015), in Bern war es 2011 sogar zu einem Unia-internen Streik gekommen. Ein Gewerkschafter aus der Zentrale spricht aus, was auch aus anderen Abteilungen zu hören ist: «Unsere Betriebskultur ist scheisse. Ständig wird den Mitarbeitern gesagt: ‹Wir sind ein Team, wir machen das alle zusammen, bring dich ein!› Sobald es aber irgendeinen Konflikt gibt, heisst es: ‹Das hat dich nicht zu interessieren, das ist Sache der Geschäftsleitung.›» Man rede nie offen über Konflikte, es gebe keine Möglichkeiten, Auseinandersetzungen zu führen.

Alle vier Jahre findet der grosse nationale Unia-Kongress statt, an dem unter anderem das Präsidium und die nationale Geschäftsleitung gewählt werden. Ende Oktober ist es wieder so weit. Bisher sah es so aus, als würden sieben Personen für sieben Geschäftsleitungsmandate kandidieren.

Man darf gespannt sein, ob sich daran noch etwas ändert – und ob die Gewerkschaft das Problem mit der eigenen Betriebskultur endlich offen angehen wird.

Mitarbeit: Carlos Hanimann.

Nachgefragt

«Wir haben sehr rasch gehandelt»

WOZ: Herr Lutz, eine externe Stelle hat die Vorwürfe wegen sexueller Belästigung untersucht und einen Bericht vorgelegt. Wieso bekamen ihn die betroffenen Frauen nicht?
Nico Lutz: Der Bericht wurde allen direkt Betroffenen vollumfänglich gezeigt. Sie konnten ihn mehrmals lesen und können ihn auch wieder einsehen. Da er schützenswerte Daten und intime Details über alle drei Betroffenen sowie Angaben von Drittpersonen beinhaltet, geben wir ihn nicht ab. Wir müssen als Arbeitgeber die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten schützen. Dafür nehmen wir auch die entsprechende Kritik von aussen in Kauf.

Gegenüber Roman Burger haben Sie nur eine Ermahnung ausgesprochen. Warum die mildestmögliche Sanktion?
Der Bericht enthielt neben dem Resultat auch Empfehlungen für Massnahmen im konkreten Fall. Die Geschäftsleitung hat beschlossen, sie alle umzusetzen. Respekt vor einer unabhängigen Abklärung bedeutet, die vorgeschlagenen Empfehlungen dann auch umzusetzen.

Ist es in der Unia in Ordnung, wenn ein Vorgesetzter Affären mit ihm Unterstellten hat?
In einer Weisung ist geregelt, dass Heirat und Konkubinat innerhalb der gleichen Führungslinie nicht akzeptiert werden. Die Schwierigkeit besteht darin, wie mit Affären umgegangen wird. Sie können vom Arbeitgeber nicht verboten werden, sind aber generell sehr heikel, gerade über Hierarchiestufen hinweg. Da ist ein hohes Ausmass an Transparenz und Sorgfalt gefordert. Im Moment ist eine Arbeitsgruppe mit einer Expertin daran zu klären, ob es zusätzliche Vorschriften braucht und wenn ja, welche. Es ist alles andere als einfach, in diesem Bereich klare Regelungen zu erlassen.

Warum liess man es zu, dass Burger die Belegschaft persönlich über die Vorwürfe informiert hat?
Die direkte Information durch Burger war rückblickend gesehen nicht gut. Die Absicht war, offen hinzustehen und zu sagen, dass es Vorwürfe gibt und diese nun durch eine unabhängige Stelle abgeklärt werden.

Wieso wurde er nicht bis zum Abschluss der Untersuchung freigestellt? Und wieso wurde immer so getan, als sei es eine unverrückbare Tatsache, dass Burger bleibt?
Wir haben keine der beteiligten Personen von uns aus freigestellt. Es galt die Unschuldsvermutung. Es wurden aber unverzüglich die Unterstellungen für die Zeit der Abklärungen so geändert, dass Roman Burger nicht mehr der Vorgesetzte der beiden Frauen war, die die Vorwürfe erhoben haben. Es galt für alle drei der Grundsatz: Sie können – vorausgesetzt, die Ergebnisse der Abklärungen lassen das zu – in der Unia weiterarbeiten.

Wieso ist Roman Burger dann doch zurückgetreten?
Da die Region bereits eine Änderung der Führungsstruktur (eine Koleitung) beschlossen hatte, wäre für die Betroffenen eine Weiterarbeit in der Region ohne Unterstellungsverhältnis möglich gewesen. Was aber auch klar war: Eine Situation, in der die betroffenen Frauen aufgrund der Tatsache, dass Roman Burger weiter in der Region arbeitet, keine Perspektive sehen, war sowohl für ihn als auch für die Unia keine Möglichkeit. Darum sind wir übereingekommen, dass ein Rücktritt der richtige Schritt ist.

Trifft es zu, wie die «NZZ am Sonntag» mutmasst, dass Burger einen Job in der Zentrale erhalten wird?
Es gibt dazu keinen Diskussionsstand. Wie bei allen langjährigen Mitarbeitenden suchen wir Lösungen, wenn sie eine Funktion aufgeben. Wir haben als Arbeitgeber hier eine Verantwortung.

In den Gesprächen mit diversen Unia-Mitarbeitern ist der Eindruck entstanden, dass Sie Roman Burger protegieren, weil er machtstrategisch für Sie wichtig ist.
Ich bedaure diesen Eindruck, denn er ist falsch. Es war mir persönlich wichtig, dass der Sachverhalt sorgfältig und von unabhängiger Seite geklärt wird. Wir haben sehr rasch gehandelt und dann auch sämtliche Empfehlungen vorbehaltlos umgesetzt.

Interview: Dinu Gautier / Susan Boos

Die Fragen wurden schriftlich beantwortet.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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