Nr. 19/2006 vom 11.05.2006

«Ich kann lesen. Reicht das?»

Taktloss stammt aus Berlin und polarisiert wie kein zweiter deutscher Rapper. Im Gegensatz zu den anderen nimmt er für Provokationen auch den kommerziellen Misserfolg in Kauf. Ein Treffen am Currywurststand 36.

Von Thomas Meister, Berlin

Ich warte am Mehringdamm, Berlin, auf den Anruf von Taktloss. Zwei Themen in der «Jungle World» springen mir ins Auge. Das eine: Gewalt an der Rütli-Schule, ein paar U-Bahn-Stationen entfernt. Rapper versuchen, mit den SchülerInnen ins Gespräch zu kommen. Das andere: Provokation aus dem Pop verschwunden? Vielleicht aus dem Pop. Nicht aus dem Hip-Hop. Doch will man so provoziert werden: «Isch fick disch, du Hure.» Das ist keine Provokation. Das ist einfach nur dumm. Taktloss ist auch provokativ. Und manchmal dumm. Und manchmal geschmacklos. Und dann wieder poetisch. Und intelligent. Oft benützt er Hip-Hop-fremde Grooves, zu denen er mitunter in nicht allzu üblichem Takt mit frotzelnd-tantiger Kopfstimme rappt. Nun, Taktloss finde ich wahrscheinlich nicht an irgendeiner Schule in Neukölln oder Wedding, wie er mit perspektivenlosen Schülern redet. Obwohl, vielleicht wär das gar nicht so schlecht.

«Du bist nicht Hardcore, du bist Zartcore»

Berliner Rap in den Neunzigern war die Antithese zu Hamburger und Stuttgarter Rap. Dem Weltverbesserer- und Spass-Hip-Hop setzte man Provokation entgegen, dem Mainstream Originalität und Provokation oder, wie es in einem «Westberlin Maskulin»-Stück heisst: «Anti-Pseudo-Industrie-Struktur und Viva». Heute ist ein Grossteil des Berliner Raps etwa von Kool Savas, dem Ex-Co-MC von Taktloss, selbst Mainstream geworden. Rapper, die womöglich eine Sprühvergangenheit haben, geben einem in der Regel nicht ihre Nummer, wie ich schon einige Male festgestellt habe. Sie rufen einen an. Oder nicht. Ich habe mich bereits auf das Letztere eingestellt, als das Telefon klingelt. Wir verabreden uns am Currywurststand 36. Dort warte ich auf den «letzten tighten Nigga», wie er sich nennt, «unbattlebar», wie er sich beschreibt, der andere mit den Worten disst: «Ich setz dir eine Klobrille auf, setze mich und scheisse auf dich.» Und der einen kleinen Schirm in der Hand hält und in der Bar, in die wir gehen, einen Maracujasaft bestellt.

WOZ: Wo bist du aufgewachsen?

Taktloss: Ganz simpel: Ich bin da aufgewachsen, wo ich bin. In Westberlin, Bezirk Steglitz.

Das ist nicht unbedingt ein Armenviertel.

Nee, ganz normal.

Bei einigen deiner Raps hat man das Gefühl, da rappt ein wütendes Ghetto-Kid.

Das sind Rollen. Also ’n Ghetto-Kid war ich nie. Und wenn ich privat bin, lauf ich nicht rum und benütze Worte wie Hurensohn.

Wie bist du zum Hip-Hop gekommen?

Wenn man die Augen aufmacht, wird man automatisch damit konfrontiert, mit diesem Hip-Hop. Amerikanische Hip-Hop-Musik hat mich schon immer interessiert, aber mein Englisch war so schlecht, dass es auf Englisch aussichtslos gewesen wäre zu rappen. Und damals, 1996, gabs nichts Gutes in Deutsch. Schliesslich hab ich dann doch mal etwas gehört, das mir gefallen hat, und da hab ich Feuer und Flamme gefangen.

Was?

Von Kool Savas.

Ihr habt dann zusammen Westberlin Maskulin gemacht ...

Ja. Hm.

Dann habt ihr euch wegen persönlicher Differenzen getrennt. Momentan liegt der Unterschied zwischen dir und Savas um die 100000 Euro pro Platte.

In finanzieller Hinsicht kann man das schon so drastisch ausdrücken.

Was auffällt, ist, dass du zwar behauptest, viel Geld verdienen zu wollen, jedoch ziemlich viel unternimmst, damit das nicht passiert.

Das stimmt.

Woher kommt das?

Weiss ich auch nicht. Auf der einen Seite ärgert es mich, auf der anderen Seite kann ich sagen, ich bin ich selbst geblieben. Ich hab schon Gelegenheiten gesehen, wo ich mehr Erfolg hätte haben können, aber irgendwie hab ich die nicht genutzt.

Eine von den Sachen, die den Erfolg verhindern, sind die expliziten Texte und der Wunsch, schockieren zu wollen. Gibt es da einen tieferen Grund für?

Es gehört zu mir, und da ist es ja klar, dass es aus tieferen Schichten kommt. Viele Sachen kommen da zusammen. Hass, Wut, Liebe, Enttäuschung, die Jugend, die Kindheit, die Mitmenschen, Spass an der Freude.

«Wir geben alles, ausser euch eine Chance»

Taktloss ist ein Unterschriftensammler, der dir erst erklärt, weshalb er deine Unterschrift will, und nachdem du sie ihm gegeben hast, dir den Unterschriftenbogen über den Kopf schlägt, bis du am Boden liegst, um dir schliesslich aufzuhelfen, während er etwas sagt wie: «Alle Fremden tragen weisse Hemden.» Taktloss nennt das «Spannungsbögen schaffen».

WOZ: Du sagst, dass alles, was du machst, Entertainment ist. Dinge, die du mit den Rappern Justus oder dem US-Rapper Abstract Rude gemacht hast, sind aber klar politisch. Man findet Sätze wie: «Kinderschänder sagen uns, was wir tun sollen», genauso wie Stellen wie: «Der Ausgenutzte ist keinen Deut besser als der Ausbeuter».

Taktloss: Abstract Rude hat damals als Thema für den Song Tyrannei gewählt. Und da hab ich mir einfach ein paar Sachen ausgedacht, die dazu passen würden.

Beim Hören stellt sich irgendwann ein gewisses Misstrauen ein. Man findet etwas intelligent, gut oder schön und weiss: Bald kommt wieder die Faust aufs Auge.

Hm ja, das ist wie ’n Spiel, ne.

Die Mischung aus Liebe, Hass, Witz und Ernst in deinen Raps ist für viele Leute gar nicht mehr nachvollziehbar. Gabs noch nie Probleme bei Auftritten?

Dass es akut zu Schlägereien gekommen wäre, ist nicht vorgekommen.

Und irgendwelche Drohungen?

Hat mich nichts Ernsthaftes erreicht.

Eine der Kernideen des Hip-Hop ist, dass sich die Leute, statt sich in der Strasse zu bekriegen, in verschiedenen Disziplinen messen sollen: Dazu gehören Breakdance (Aggressionen mit Tanzen abbauen), Graffiti (Wut in Kreativität umwandeln), DJing (Party statt Frust) und schliesslich Rappen (Worte statt Schläge, Schüsse oder Messerstiche). Und zum Rappen gehört auch das Dissen. Taktloss betreibt das Beschimpfen von realen und imaginären Gegnern sowie seinen Fans als verbale Kampfkunst. So heissen seine ersten Solowerke «BattleReimPriorität». Er macht allerdings keine strassentauglichen Gangsta-Raps, sondern etwas, was sich bisweilen wie das Pendant zu einem Splatterfilm ausnimmt. Splatterfilme muss man nicht mögen. Allerdings wird darin - im Gegensatz etwa zum Kriegsfilm - Gewalt nicht instrumentalisiert. Ähnlich verhält es sich mit Taktloss’ Texten. Gewalt und Obszönität überhöht er ins Sinnlose. Er beschimpft etwa andere MCs als Nigga, nennt sich aber gleichzeitig selbst so und rappt: «Rap ist Niggasache, Nigga!»

WOZ: Du nimmst Obszönitäten und Hip-Hop-Codes des Gangsta-Raps und führst sie ad absurdum.

Taktloss: Also, so weit würde ich nicht gehen ... ad absurdum führen. Als ich angefangen hab, da hat ja noch gar keiner in Deutschland Gangsta-Rap gemacht. Es war so, dieser amerikanische Gangsta-Rap hat sich gut angehört, und da ich ja nicht wirklich ein Gangster bin, wie wahrscheinlich viele amerikanische Gangsta-Rapper auch nicht, hab ich das nicht so ernst genommen und zwischen dem Töten ein paar Scherze gemacht.

Worin liegt der Reiz, mit Hip-Hop-Codes zu spielen?

Man braucht etwas zum Spielen, warum also nicht diese Codes. Ich beschränk mich ja nicht nur darauf.

Ist das nicht einfach auch Verarschung der deutschen Hip-Hop-Szene?

Tja, mag sein, ich bin da nicht auf dem Laufenden, ich hör keinen deutschen Hip-Hop.

Was hörst du denn?

Amerikanischen Hip-Hop aus dem Westen und dem Süden. Sonst Soul, Klassik und Jazz, das, was so am Radio läuft.

«Marktfrauen preisen an: Ganz frisch Dogma, eine Weltanschauung eine Wissenschaft. Dogma, Biatch!»

Bei Taktloss fiept, piepst und rattert es. Unter seinen Texten liegen mal fette, mal magere Beats. Querflötenpassagen kontrastieren Billigsamples. Manchmal kommt der Sound orchestral-monumental daher, dann wieder dünn mit Ego-Shooter-Geräuschen versetzt.

WOZ: Man hat etwa im Schweizer Hip-Hop bisweilen das Gefühl, dass die Raps immer armseliger, aber die Studios immer grösser werden.

Taktloss: Das ist hier auch so.

Eine deiner Platten heisst Dogma. Das Konzept ist, für einen Track inklusive Schreiben und Komponieren nicht mehr als zwei Stunden zu brauchen. Der Dogma-Gedanke ist im Hip-Hop sonst nicht sehr häufig, und die Lars-von-Trier-Fans sind eher selten.

Das war ein Blitzgedanke. Es hat mir sehr geholfen, ich wurde insgesamt schneller und sicherer beim Schreiben und beim Aufnehmen.

Du verwendest viel Lo-Fi-Sounds.

Ich hätte auch lieber einen Hi-Fi-Sound, aber ich muss das nehmen, was hier ist. Im Endeffekt ist es egal, Hauptsache, es hört sich ansprechend an.

Die Leute stehen auf fette Bässe.

Solche Sachen gefallen mir auch. Aber es spielt keine so grosse Rolle. Alles, was sich gut anhört, ist gut. Wenn ich das noch nicht hatte, dann kann es sein, dass ich es bald habe.

Manches klingt nach Neuer Deutscher Welle oder Elektropop. Es müssen bei dir nicht immer Hip-Hop-Grooves sein.

Vom Instrumentalen her nö, da bin ich offen. Da gibts kaum Grenzen, ausser bei Techno, da hörts auf.

Stilvielfalt macht sich auch nicht unbedingt bezahlt.

Hm ja, das stimmt leider, nächste Frage.

«Alle meine Frauen heissen Karla Schumann.»

Taktloss lässt sich nicht festnageln. In den wenigen Interviews, die er bisher gegeben hat, rät er den Kids, die berühmt werden wollen: «Kauft euch eine Trommel und eine Trompete, und seid natürlich.» Das scheint bei ihm keine Attitüde, sondern ein Charakterzug zu sein. Dazu gehört auch, dass der vermeintlich taffe Kampftexter sich im Interview immer höflich zum Mikro neigt, wenn er antwortet, dann aber in einem unbeobachteten Augenblick «Fick die Biaaatch!» aufs Band spricht. So nennt sich auch sein Label, auf dem soeben die neue Platte erschienen ist, mit der er auf seiner «Nicht auf die Tour» für zwei Auftritte in die Schweiz kommt. Wie schon auf früheren Alben klingt einiges auf «Aus Liebe» nach höherer Bildung.

WOZ: Was für eine Schule hast du besucht?

Taktloss: Ich kann lesen. Reicht das?

Einzelne Passagen in deinen Texten klingen nach jemandem, der sich mit Literatur beschäftigt hat. Man fühlt sich zum Teil an einen Chor im griechischen Theater erinnert. Anderes klingt fast nach einem Brecht-/ Weill-Lied.

Ich hab viel Fernsehen gekuckt.

Hat dich irgendetwas im Fernsehen besonders beeinflusst?

Nein. Der Fernseher lief einfach, und wenn mich etwas interessiert hat, hab ichs mir angeschaut.

Auf der Homepage steht zu deinem neuen Album: «Diese Platte ist ein echter Schocker für deinen Intellekt.»

Ach, diese ganzen Sprüche ... Das ist meine Marketingstrategie.

Das Album, das du mit Justus gemacht hast, heisst «Aus Liebe». Das S ist ein Dollarzeichen, das letzte E ein Eurozeichen. Auf dem Cover ist im Vordergrund der Torso eines Selbstmordattentäters und im Hintergrund der Eiffelturm zu sehen. Kannst du dazu was sagen?

Das erklärt sich ja von selbst.

Nun, nicht vollumfänglich.

Also, bei dem Cover und auch bei meinen Texten sehe ich nicht meine Aufgabe darin, etwas zu erklären. Jeder kann darin sehen, was er will, oder gar nichts sehen und es als Unsinn abtun, wie er will. Ich bin Rapper und kein Philosoph. Reicht nicht das Produkt?

Eigentlich schon. Deine Produkte werfen jedoch Fragen auf. Zum Beispiel, woraus so etwas entsteht und wie authentisch es ist?

Authentizität heisst: Ich mach das, wozu ich Lust hab.

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