Nr. 27/2020 vom 02.07.2020

Mit dem Maybach durch den Brennpunkt

Der deutsche Strassenrapper Haftbefehl ist das Scharnier zwischen Hip-Hop und Feuilleton. Auf seinem neuen Album wagt er sich in neues Gelände, mit Problemrucksack. Die Jugend ist derweil schon einen Schritt weiter.

Von Tobi Müller

Der harte Hund kann auch weich und rührend: Aykut Anhan alias Haftbefehl. Foto: Lennart Brede

Die Beats von Produzent Bazzazian sind super. Düster und hart. Die Reime sind nicht immer so super, aber sie knallen. Haftbefehl krümmt das Versmass, wie es ihm passt. Schnell und mit viel Druck spuckt er Einsilber, Zweisilber: «Mossul / Neid / Streit / keine / Liebe / auf dem / Globus.» Aber eben auch jede Menge «Nutten», «Fotzen» und «Schlampen». Die Mehrheit im Feuilleton macht die Ohren zu und drückt sich vor dem Material. Die «taz» zum Beispiel ist der mehr als idealistischen Meinung, Haftbefehl sei es auf dem «Weissen Album» gelungen, auf «sexistische Entgleisungen zu verzichten». Alles okay also: «Ich hab’ eine Türkin, zwei Latinas / Drei Schlampen, drei Vaginas.»

Generalthema ist eh etwas anderes: «Das weisse Album» rekurriert natürlich nicht primär auf die Beatles, auf die der Titel anspielt, sondern meint weisse Ziegelsteine, «Bianco Bolon», Kokain eben. Klingt dann so: «Cokebitch, du bist feucht.» Die Sehnsucht, Frieden mit Strassenrap zu schliessen, scheint so gross zu sein, dass sich der sexistische Mist offenbar als Nebenwiderspruch in alle Ewigkeit ignorieren lässt. Doch die ängstliche Rezeption des schlauen Rappers hat eine Vorgeschichte, die grösser als der Einzelfall ist.

Haftbefehl ist in Deutschland das Scharnier zwischen der Strasse und der Mehrheitsgesellschaft (oder was sich noch dafür hält). Aufgewachsen ist er in Offenbach, der roughen Schwesterstadt direkt bei Frankfurt am Main. Mutter Türkin, Vater Kurde, deutscher Pass. Niemand rappt so nah an der neuen Demografie wie Hafti, wie man den gross gewachsenen Aykut Anhan auch zärtlich nennt. Die Zahlen für Offenbach: 39 Prozent Nichtdeutsche, 63 Prozent EinwohnerInnen mit Migrationshintergrund. Deutscher Stadtrekord, schlechte Startbedingungen für ein Leben ausserhalb der Stadt. Weltweit mag die soziale Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten abgenommen haben, in Deutschland nahm sie zu.

Mit dem «Babo» ins Lexikon

Wenn einer diese Vorbestimmung nicht erfüllt – trotz Dealerkarriere, Flucht nach Istanbul und Suizid des Vaters – und wenn er dabei Reime dichtet, die sowohl bei der Kernklientel wie in den Feuilletons ankommen, dann kann es ganz schnell gehen bis zur Unsterblichkeit. In Deutschland heisst das zum einen, ins Wörterbuch aufgenommen zu werden. «War ein YouTube-Phänomen, hängt Platin an der Wand / Parallel dazu verändert sich dank mir der Duden in diesem Land», rappt Haftbefehl auf dem «Weissen Album». Vor sieben Jahren wurde «Babo» (für Chef) zum Jugendwort des Jahres gewählt, massgeblich wegen Haftis Hit «Chabos wissen, wer der Babo ist» – in den Duden hat es der Begriff noch nicht geschafft. Der andere Grund für die Unsterblichkeit ist weniger idealistisch und heisst Erfolg.

Wer Slang ins Feuilleton bringt und mit dem Maybach durch den Brennpunkt cruist, ist der lebende Beweis, dass Deutschland doch eigentlich ganz okay ist. Muss man noch sagen, dass Hafti Fan der Bundeskanzlerin ist? Ob das umgekehrt auch für Frau Merkel gilt, ist nicht bekannt.

Haftbefehl muss immer zwei Fantasien gleichzeitig bedienen, es ist der doppelte Code, den viele MigrantInnen kennen und das Rapgame verschärft: glaubwürdig bleiben in der Community und doch vermittelbar für die Mehrheit. Als Hafti dann doch ein paarmal zu oft vom Rothschild-Glauben rappte, diese jüdische Familie halte die Welt im Innersten zusammen, und prahlte, er habe «den Juden an der Börse» Kokain verkauft, stand die Liebe dieser Mehrheit auf der Kippe.

Der Rapper als Staatsmann

Auf Facebook schrieb Haftbefehl bald: «Wir sind Kanaken, Balkans, Kartoffeln, Schwarze, Zigeuner, Ölaugen und Juden. Wir sind Brüder und Schwestern. Wir schätzen und lieben uns. Wir machen und hören Rapmusik. Unsere Umgangssprache ist wie sie ist und macht vor keiner ethnischen Gruppe Halt. Respekt und Humor ist die Basis meiner multikulturellen Realität in Deutschland.» So ungefähr klingt der überübernächste Bundespräsident, dachten viele damals, 2017.

Danach wurde die Lage für Hip-Hop noch schlimmer. Im Frühling 2018 wurden Kollegah und Farid Bang beim Musikpreis Echo ausgezeichnet, trotz Textzeilen wie «Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen» und «Mache mal wieder ’nen Holocaust». Nach diesem GAU wurde der Echo abgeschafft. Was blieb: Rap nicht nur als beliebteste, sondern einzige Jugendmusik. Und eine grosse soziale Distanz zwischen Rap und Regierung, schon vor der Pandemie, die im Hip-Hop eine hohe Dichte an Verschwörungsquatsch auslöste und das angeschlagene Verhältnis zusätzlich belastete.

Haftbefehl ist nun die Figur, die den Flirt wieder in Gang bringen könnte. Sein neues Album ist in vieler Hinsicht ein erstaunliches Werk. Es macht sich über Autotunerapper lustig, benutzt aber selber in jedem zweiten Song diesen digitalen Effekt, der gerne so lange übersteuert wird, bis arabisierende Schlieren in der Stimme entstehen. Die Rothschilds und die JüdInnen kommen nicht mehr vor. Wir hören die Retrospektive eines 34-jährigen Künstlers, der es geschafft hat und dennoch Trauer, Schmerz und psychische Probleme thematisiert. Oft geht es um den Suizid seines Vaters. Der harte Hund wird hier weich und rührend. Der Strassenrealismus erfährt in diesen Rückblenden etwas Filmisches.

Melancholie statt Muskeln

Es gibt aber auch andere Gründe für diese thematischen Schwenks. Denn psychische Probleme sind eigentlich das Feld der viel jüngeren Cloud-Rapper, an die Haftbefehl den Anschluss sucht. Seine 34 Jahre sind in dem Business schon ein fortgeschrittenes Alter, und dass er noch immer der Chef sei, ist mehrfach zu hören. Noch stimmt das, aber Haftbefehl hört die Gefahr. Denn tatsächlich zeichnet sich im Hip-Hop etwas völlig Neues ab. Die zwanzigjährigen Rapper Pashanim und Symba aus Berlin-Kreuzberg haben in den letzten Monaten auf Youtube steile Wachstumsraten verzeichnet. Pashanim bezieht sich auf Haftbefehl, wenn er den postmigrantischen Slang betont oder erfindet, etwa im Track «Shababs botten», Berliner Strassenarabisch für Jugendliche, die rennen. Symba, Teil desselben Umfelds, macht das mit mehr Witz und auch Distanz zum Gangstergenre.

Diese neuen Stimmen vermeiden Druck, sie kennen wenig Zorn und spielen mit Melancholie. Folgerichtig sind auch keine Muskelpakete zu sehen. Sie trinken Wasser oder Tee, kiffen wie ungefähr siebzig Prozent der Jugendlichen. Es ist ein Sound, der mit verpeilten Stimmungen verführen will, die man auch dem Codein im guten Hustensaft zuschreibt (weshalb Cloud Rap eine Zeit lang tatsächlich Codeine Rap hiess). Es gibt sogar Frauen in diesen Videos, die nicht völlig andere Kleider als die Männer tragen und die niemand «Bitch» oder «Schlampe» nennt. Crazy.

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