Nr. 04/2017 vom 26.01.2017

So besiegt man den Teufel

Das dritte Album von Run the Jewels ist ein weiteres Meisterwerk zweier unterschiedlicher Rapgrössen, die erst nach langen Solokarrieren zueinanderfanden.

Von Daniel Ryser

Bieten den idealen Soundtrack für das Trump-Amerika: Killer Mike und El-P alias Run the Jewels. Foto: Tom Spray

Im Netz kursiert dieses lustige Video aus Killer Mikes Barbershop in Atlanta: Der grosse, schwarze Rapper trifft Bernie Sanders im Wahlkampf 2015 zum Interview, und irgendwann während des Gesprächs streckt ihm Sanders die Faust entgegen, die Ghettofaust zum Gruss als Geste, dass man sich blind verstehe, und Killer Mike gibt die Faust zurück.

Da hatten sich zwei auf den ersten Blick ziemlich unterschiedliche Typen gefunden. In den Augen von Killer Mike war Sanders ein «OG», wie er ihn seither in den sozialen Medien nannte, ein «Original Gangster», einer, der den Mut habe, für die kleinen Leute aufzustehen, «einer, der die Strasse nicht vergessen hat». Um das Sanders-Camp nicht nervös zu machen, behauptete Mike, «OG» bedeute natürlich nur «Ole Guy». Der 75-jährige Sanders wiederum, von Journalisten auf den fragwürdigen Namen seines prominenten Unterstützers angesprochen, antwortete, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Hip-Hop zu hören: «Lassen Sie mich klarstellen: Killer Mike hat nie jemanden ermordet. Er ist einfach ein mörderisch guter Rapper.»

Run the Jewels, die 2011 entstandene Kombination von Killer Mike und der Brooklyn-Rap-Legende El-P, ist etwas vom Besten, was Hip-Hop je passiert ist und der Musikwelt sowieso. Run the Jewels haben die Wucht eines Donners, die Energie eines permanenten Stromschlags, die Härte dunkler Elektronik und die Verspieltheit des Südstaatenflows von Outkast, dazu die Virtuosität zweier Rapper in Höchstform (sowie grandiose Gäste wie die schwarzen weiblichen Rap-Legenden Gangsta Boo und Trina). Ihr soeben erschienenes drittes Album, «Run the Jewels 3», ist so etwas wie das Alterswerk der beiden Musiker, das aber derart präzis den Zeitgeist trifft, dass es frischer, moderner und inspirierter klingt als das meiste, was die Musik derzeit zu bieten hat. Diese Musik ist keine wütende Reaktion, sondern, wie «Pitchfork» kürzlich festhielt, ein «Präventivschlag», der den musikalischen Boden lege für die kommenden Kämpfe.

Der Sound der Entgleisung

Diese Geschichte hat zwei Ursprünge, in New York und in Atlanta. In Brooklyn produzierte El-P seit den Neunzigern Beats, schrieb Reime, prägte die Hip-Hop-Gruppe Company Flow, die sich vorgenommen hatte, Hip-Hop klingen zu lassen wie eine Mischung aus Public Enemy und dem Film «Blade Runner». Die New Yorker wurden so stilprägend für einen alternativen Hip-Hop, der härter, düsterer und abstrakter klang als alles, was das Genre bisher kannte. In Atlanta wiederum arbeitete Killer Mike, wie El-P Jahrgang 1975, an seiner stets explizit politisch geprägten Gangsta-Rap-Karriere, hatte Gastauftritte bei Jay Z und seinen Atlanta-Kumpels Outkast, mit denen er 2001 für den Song «The Whole World» einen Grammy abräumte.

In den nuller Jahren lösten sich Company Flow auf, El-P gründete das Label Def Jux und veröffentlichte 2002 sein Soloalbum «Fantastic Damage» (Wunderbare Zerstörung). Der Titel war Programm: Das klang, als würden die New Yorker U-Bahnen alle kollektiv entgleisen, und war eines der bis dato besten Hip-Hop-Alben überhaupt, kompromisslos wie Public Enemy auf ihren ersten drei Platten. Die Musikkritik sprach vom «perfekten und brutalen Soundtrack für das Post-9/11-Amerika». In Atlanta wiederum veröffentlichte Killer Mike zur selben Zeit sein Solodebüt «Monster», das nichts Düsteres hatte, sondern mit Gastrappern wie Bun B und Andre 3000 jenen sehr schwarzen, sehr verspielten Hip-Hop-Sound der Südstaaten repräsentierte, mit dem viele Fans in Europa, die El-P für seine Härte abfeierten, nicht viel anfangen konnten.

Hautfarbe? Fuck it!

Mit El-P an der Seite gelang dem Atlanta-Rapper jetzt quasi die europäische Übersetzung seines Südstaatenstils. Run the Jewels sind die grossartige Symbiose stilprägender weisser und schwarzer Hip-Hop-Einflüsse. Wobei, «fuck it», wie beide in Interviews betonen: Es ist einfach die Symbiose zweier grossartiger Rapper. Die Hautfarbe spielt keine Rolle.

Das Rapduo schaffte es sogar, Zack de la Rocha respektabel und kraftvoll wiederzubeleben, den ausgelutschten Schreier von Rage Against the Machine. Schon bei «Run the Jewels 2» war er dabei, auf dem neuen Album ist er jetzt in «A Report to the Shareholders / Kill Your Masters» zu hören (und nach achtzehn Jahren fast kompletter musikalischer Absenz wird dieses Jahr auch ein Soloalbum von ihm erscheinen, produziert von El-P).

Run the Jewels sind der ideale Soundtrack für das Trump-Amerika. Nicht nur «Run the Jewels 3» mit irre guten Stücken wie «Down», «Talk to Me», «Don’t Get Captured», «Panther Like a Panther» – zur Hölle, ich könnte das ganze verdammte Album aufzählen –, sondern auch die ersten beiden Alben des Duos, die sich auf den richtigen Boxen anfühlen, als würde man schwer bekifft mit dem Schleudersitz aus einer F-16 geschossen. Und auch die letzten beiden Soloalben der beiden Musiker, «R.A.P. Music» von Killer Mike sowie «Cancer 4 Cure» von El-P, hören sich rückblickend an wie die Vorboten eines kollektiven Nervenzusammenbruchs der USA, wo die Menschen, wie Killer Mike immer wieder rappt, in ihren Communities in Armut vergessen werden.

Am Tag als Donald Trump gewählt wurde, veröffentlichten Run the Jewels vom neuen Album vorab das Stück «2100», das vom Untergang berichtet, aber irgendwie natürlich auch nicht: «You defeat the devil when you hold onto hope», rappt Killer Mike. Es sind schlechte Zeiten für die Welt, aber die besten für die Musik.

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