Nr. 42/2016 vom 20.10.2016

So dunkel, so tanzbar

Beyoncé und Kendrick Lamar treten mit ihrem Pop prominent für Black Lives Matter ein. Sie stehen damit nicht allein. Eine neue Generation von Rappern thematisiert die politische und gesellschaftliche Schieflage hart und schonungslos. Eine Übersicht.

Von Daniel Ryser

Musik bewegt unseren Protest. Illustration: Niklaus Troxler, www.troxlerart.ch

Vorhölle hinter Panzerglas: Vince Staples

Vince Staples steht auf einer Bühne und schiesst Reime durch die Vorhölle. Ein tätowierter Priester betet seine Frau an, die Neun-Millimeter-Pistole, die ihm immer treu ist, und links und rechts fallen Menschen tot zu Boden. Erschossen wahrscheinlich. Die weisse, bürgerliche Familie sitzt hinter Panzerglas und schaut zu, quasi Sonntagabend-«Tatort» auf Crack. Regie: Ronald Reagan. Der Youtube-Clip zu «Señorita» kriecht dir mit seinem knochigen, minimalistischen Beat schon unter die Haut, bevor du dann langsam merkst, dass dies vermutlich der eindringlichste Kommentar ist zu Trump- und Clinton-Land, wo inzwischen fast täglich unbewaffnete Schwarze von Polizisten erschossen werden.

Wobei, «inzwischen» ist natürlich falsch. Inzwischen haben einfach alle eine Kamera dabei, und so tauchen sie überall auf, die Exekutionen oder wie man das auch immer nennen will. In den Augen des 21-jährigen Rappers aus Long Beach handelt es sich um ebensolche. «War ready» sei er jetzt für diese Welt, die aus Afroamerikanern «Niggers» machte und sie am nächsten Baum aufhängte. Und jeder, der glaube, er schäme sich wegen seiner Hautfarbe, der solle wissen: «My bitch look like Mona Lisa.» Das rappt Staples auf seinem neusten und von James Blake produzierten Stück, während im Tagestakt junge Menschen zu Hashtags werden, weil sie von den Cops erschossen wurden – oder im Fall des siebzehnjährigen Schülers Trayvon Martin von einem brutalen Bürgerwehrtypen, der dann auch noch damit davonkam. Es genügte, dass das schwarze Kid einen Kapuzenpullover trug. «Super predators», Superraubtiere, hat Hillary Clinton diese Kids einmal entmenschlichend genannt. Lange ist es her.

«War ready»: Es ist offensichtlich, dass sich Staples nicht darauf verlassen will, dass ihm Hillary Clinton helfen wird. Dass Schwarze für dieselben Vergehen zehnmal häufiger im Gefängnis landen als Weisse, ist ein Fakt dieser Tage, wenn auch kein besonders neuer: Rapper Ice-T war schon 1993 der Meinung, dass es keinen Donald Trump brauchte, um den Faschismus in die USA zu holen – und Staples liefert den Soundtrack zu diesen aus der Sicht junger Schwarzer deprimierenden und aussichtslosen Zeiten. Ein Soundtrack, der nicht so leicht verdaulich ist wie der politisierte Pop von Beyoncé und Kendrick Lamar. Aber wer hören will, wie das junge schwarze Amerika auf diese Zeiten reagiert, kommt um «Summertime ’06» nicht herum.

Es ist das Debütalbum von Vince Staples, und es ist grossartig. Das Cover der Platte mit den verschwommenen Linien erinnert an jenes von «Unknown Pleasure» von Joy Division. Kann kein Zufall sein. Warum auch immer. Vielleicht, weil in beiden Welten Tristesse herrscht. Zumindest ist es gut möglich, dass Staples in der Rapwelt irgendwann den gleichen Stellenwert geniessen wird wie Joy Division für diese schlaksigen, tätowierten Menschen mit engen Jeans an Kunsthochschulen. Aber Retro ist das alles überhaupt nicht. Der einflussreiche britische Radio-DJ Benji B spielt Staples in seiner Show auf BBC 1, wo er selbsterklärt «die Beats der Zukunft erforscht», gerade ziemlich auf und ab.

Vor dem Debüt war übrigens eine EP: «Hell Can Wait», die mit Stücken wie «Blue Suede» und «Hands Up», in dem Staples «das Recht, vor Gericht zu schweigen, verweigert», ebenfalls zu den atemberaubendsten Dokumenten zeitgenössischer Rapmusik gehört. Es gibt derzeit keinen besseren, eindringlicheren Soundtrack und Rapkommentar für eine Zeit, in der es offenbar besonderer Betonung bedarf, dass schwarze Leben gleich viel wert sind wie alle anderen.

Direkt aus dem Barbershop: Run The Jewels

Sie waren fast vierzig, als sie sich neu erfanden: El-P, Sohn des Jazzpianisten Harry Keyes und Hip-Hop-Produzent aus Brooklyn, der bereits in den Neunzigern mit seiner Gruppe Company Flow in der Roten Fabrik in Zürich spielte, sowie Killer Mike, Gangstarapper aus Atlanta, Georgia, der vor mehr als zehn Jahren zwar bereits für den Song «The Whole World» mit seinen Homies von Outkast einen Grammy abgeräumt hatte, aber vor drei Jahren in Zürich trotzdem nur vor fünfzig Nasen in der kleinen Bar El Dorado am Limmatplatz spielte. Es war ein Sonntagabend, draussen fiel ein bisschen Schnee, drinnen tranken wir Bier, und Killer Mike, die Legende, lief rappend um uns herum, grüsste, umarmte, bevor er dann ein Jahr später mit Run The Jewels alle Jahresbestenlisten stürmen sollte.

Man könnte ein bisschen zynisch konstatieren: Es brauchte den weissen New Yorker El-P, der den sehr amerikanischen Sound und Schwung Killer Mikes, der in Atlanta längst ein Star war (und Inhaber eines Barbershops), für Europa übersetzte: statt schleppender Südstaatenbeats nun also harter und direkter New Yorker Rap, das, was der Bauer kennt und frisst.

Wie auch immer: Run The Jewels sind das spannendste Rapduo seit Eric B. und Rakim, und womöglich wird ihr zukünftiger Einfluss auf das Genre ähnlich gross sein. Die Musik: verrückt! Stell dir vor, du bist all diese kleinen Spielzeuge, die aus der Tischbombe fliegen, wenn sie gezündet wird. So in etwa klingt die Musik von El-P. New Yorker Rap, aber mit doppelt so viel Bass wie üblich.

Aber es war eben nicht nur die harte und gleichzeitig zugängliche Musik, die einen in den Bann zog. «Run The Jewels 2» war das Album, auf das Amerika gewartet zu haben schien, ein Album, das mitten in die wachsenden politischen Spannungen hineinknallte: Der Blog «Music.Mic» fasste «sechzehn Linien dieses Albums zusammen, die uns zeigen, was es hiess, 2014 gelebt zu haben». Thematisiert werden Racial Profiling, Gefängnisstrafen für Graskonsum, Gentrifizierung, Polizeigewalt, die tödliche Überdosis von Philip Seymour Hoffman und verschwundene Videotapes aufgezeichneter Polizeimorde: «They’ll watch you walk to the store they’re recording / But didn’t record cop when he shot, no warning», rappt Killer Mike auf «Early». Mit knapp vierzig zeigten die beiden Altmeister der jungen Konkurrenz auf, wie der Sound von morgen klingt. Mit dieser Musik fahren Autos ganz von allein. Und damit nicht genug: «Run The Jewels 3» kommt in den nächsten Monaten.

Beruhigungspillen und Ärsche als Kissen: Schoolboy Q

Er spielt am 2. Dezember im «Komplex» in Zürich, und wenn Sie an jenem Abend nicht gerade ein Kind zur Welt bringen, dann sollten Sie dort unbedingt auflaufen. Womöglich werden Sie sich dann ein wenig alt fühlen, wie das halt so ist an Konzerten von Rappern, deren Youtube-Clips wie jene von Schoolboy Q im zweistelligen Millionenbereich angeklickt werden.

Trotzdem sollten Sie sich davon nicht abschrecken lassen, denn ich verrate Ihnen hier ein offenes Geheimnis: Schoolboy Q, der langjährige Weggefährte von Kendrick Lamar, ist so fest Los Angeles wie Charles Bukowski und Tupac Shakur zusammen. Seine Songs spielen ganz unten, in den dunklen Ecken, wo wir uns nicht hingetrauen, und er verpackt diese Texte dann mit einem Bass, der auch den Verstocktesten unter uns ein Wippen entlockt – und allen anderen sowieso: «Move your ass and your mind will follow», hat irgendwer mal gesagt. Bei Schoolboy Q gilt das auch umgekehrt.

Seine beiden Alben «Oxymoron» und «Blank Face» sind Blaupausen von dem, was Rapmusik heute kann und muss: die Party, die Härte, die Melancholie, der Drogenwahnsinn, die Pistolen, die Autos, die Politik. Mehr Ghettoromantik geht nicht. Nur wird hier natürlich nichts herbeigesehnt. Eigentlich will Schoolboy Q mit seiner kleinen Tochter bloss raus aus dem Ghetto, und am liebsten will er dabei alle anderen mit rausnehmen. Aber weil er das nicht kann, beschreibt Quincy Hanley auf seinen Alben für uns stattdessen den Alltag in den Armenvierteln von Los Angeles.

Noch mehr als sein kürzlich veröffentlichtes neustes Werk «Blank Face» empfiehlt sich dabei «Oxymoron» von 2014 mit dem epischen, siebenminütigen «Prescription/Oxymoron», in dem uns der junge Vater an der Hand nimmt, mit auf eine dunkle Reise durch seine Medikamentensucht. Langsam dämmert es: Das ist alles ganz schön düster, was Ihnen hier präsentiert wird. Aber es ist offensichtlich das Mindset der neuen Rapgeneration: Die Party läuft noch, irgendwie, das macht uns Schoolboy Q spätestens in «Hell of a Night» deutlich klar, aber die Sache ist aus dem Ruder gelaufen – vor allem, weil zum Feiern nicht mehr viele Gründe geblieben sind. Man muss dabei gar nicht alles Wort für Wort kapieren, denn der junge Rapper aus Los Angeles vermittelt eine festliche Untergangsstimmung, die keiner grossen Erklärung bedarf. Die Sache läuft ganz fest schief, aber immerhin mit wahnsinnig tanzbaren Beats.

Das Stück «Black Thoughts» auf «Blank Face» beinhaltet den Appell, dass «Black Lives Matter» nicht nur als Forderung an Politik und Polizei verstanden werden soll, sondern auch als Appell an die Strassengangs, die ebenfalls morden – «all lives matter – both sides». Und dann, nach all den Drogen, den Schüssen, dem Polizeistress, dem strukturellen Rassismus, der Armut, der keiner entfliehen kann, legt sich unser Held zum Schlafen auf zwei nackte Frauenärsche. Der Gastauftritt von Kanye West geht dabei ziemlich unter. Wir applaudieren mit stehenden Ovationen.

Das misanthropische Wunderkind: Earl Sweatshirt

Nach dem Alltag der beruhigende Joint. Das Schnorcheln in der Badewanne. So klingt aufs erste Hören Earl Sweatshirt, wenn man sich durch Vince Staples, Run The Jewels und Schoolboy Q durchgearbeitet hat. Aber wenn man dann genau hinhört, sind die Werke von Earl Sweatshirt höchstens so beruhigend wie «Less Than Zero» von Bret Easton Ellis: Dieses angeblich so schöne, scheinende Los Angeles frisst seine besten Kinder. «The Pearl», die Perle, nannte ihn der «New Yorker» 2013, als sein Debütalbum «Doris» erschien, benannt nach seiner Grossmutter. Damals war Thebe Neruda Kgositsile alias Earl Sweatshirt gerade mal neunzehn – und hatte sich als Musiker bereits einmal neu erfunden: Aus dem lauten Provokateur wurde eine Mischung aus Jay-Z und John Coltrane.

2011 hatte Earl als Teil des in Los Angeles beheimateten Kollektivs Odd Future ein Mixtape im Netz veröffentlicht, das Wirbel verursachte und der jungen Skaterszene einen neuen Helden bescherte, dem Rap ebenfalls. Ein Tape, das aber auch ein brutales Zeugnis eines wütenden Teenagers war, das nur so strotzte vor Drogen-, Selbstmord- und Vergewaltigungsfantasien. Hype und Shitstorm waren gewaltig, das Rezept simpel: Man müsse all die schönen farbigen Pillen aus der Apotheke und von der Strasse bloss in einen Mixer werfen und den Knopf drücken, dann kämen die Schlampen schon von alleine angekrochen. «Earl», so hiess das Tape, war Eminem für Fortgeschrittene. Seine Mutter schickte ihn daraufhin ins Erziehungslager nach Samoa – für die Öffentlichkeit verschwand er spurlos –, und der «New Yorker» veröffentlichte im Mai 2011 eine ziemlich grosse Geschichte mit dem Titel «Where is Earl Sweatshirt?». Wütende Kids bedrohten die Mutter mit dem Tod. Was für ein Chaos.

Karriere machten deshalb zuerst einmal seine Odd-Future-Kollegen Tyler, The Creator, und Frank Ocean. Und dann kam die Überraschung, der Weg vom kleinen Skatehooligan zu einem Mann, der als Musiker ernst genommen werden wollte. «Doris», veröffentlicht nach seiner Rückkehr aus dem Erziehungslager, kam ohne Schocktaktiken aus, klang nicht mehr nach einem Pflasterstein, der durch das Schlafzimmerfenster deiner Mutter fliegt, sondern unerwartet sperrig, zum Teil gar jazzig, und enthielt mit dem schleppend-psychedelischen «Hive» auch noch wie nebenbei das Rapstück des Jahres. Was für ein Song! Tiefe Stimme kommt, rappt, Stimme variiert kaum, Beat bleibt monoton, setzt aus, kommt wieder rein. Alles im Kriechgang. Aber irgendwann dann, durch die Monotonie, passiert etwas. Der Trip fährt ein. Man drückt nochmals Play. Und nochmals. Und plötzlich tanzen an der Party alle zu siebzig Beats pro Minute. Willkommen in der fantastischen und immer psychedelischeren Welt von Earl Sweatshirt. Guck auf Youtube das Video dazu, und dann spring aus dem Fenster.

Pose und Gewaltverherrlichung waren plötzlich weg, und die Kritiken überschwänglich: «‹Doris› hat die Dichte und die Kraft des legendären Rapalbums ‹Iron Man› von Ghostface Killah, wo das Narrativ und die Sprache ebenso wichtig sind und ebenso zurückhaltend», schrieb Earls Hauszeitung, der «New Yorker». Für die Produktion zeichneten neben dem Teenager selbst die Grössen des Genres verantwortlich: Madlib, RZA, Pharrell Williams. 2015 folgte das nächste Album, das noch sperriger war, noch dunkler, noch grossartiger: «I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside», so der Titel des bloss dreissig Minuten kurzen Meisterwerks, neben dem Bret Easton Ellis wie eine Frohnatur wirkt.

Im schön-schräg animierten Clip zum Hundert-Sekunden-Trip «Off Top» brennt ein Streifenwagen, und der junge Earl Sweatshirt hofft, dass ihn der Sheriff nicht über den Haufen schiesst. Wer ihm auf Twitter folgt, kann es sehen, das Trauma: Namen junger Schwarzer in seinem Alter werden bei ihm zu Hashtags, «fucks» und «motherfucks» spiegeln die Verzweiflung wider, das Gefühl, dass in den USA auch 2016 schwarze Leben weniger zählen als andere. Aus dem wütenden, aggressiven Teenager und Kurzzeitpopstar ist ein melancholischer Misanthrop geworden, der uns andere mit neuen Veröffentlichungen noch sehr, sehr, sehr glücklich machen wird. So dunkel, so tanzbar.

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