Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

«Um in dieser Hölle zu überleben, muss ich mich neu programmieren»

Es fühle sich wirklich seltsam an, Schwarz zu sein in dieser Welt: Die Jazzmusikerin Angel Bat Dawid erzählt von posttraumatischen Belastungen und wie es ist, auf der Bühne in den Sound der Ahnen hineinzuspringen.

Interview: Ted Gaier

«Klar, jemand kann die Noten spielen, aber wenn es diesen Link zu unserer Geschichte nicht gibt, ist es eine tote Kunst»: Angel Bat Dawid im November 2019 in Berlin. Foto: Roland Owsnitzki, Imago

Seit Generationen ist es eine Selbstverständlichkeit für weiss sozialisierte Menschen, Musik von Schwarzen MusikerInnen auf eine unschuldige, farbenblinde Art zu hören. Was die wirklichen Motivationen, die Bezüge und Codes derer sind, die sie machen, bleibt den KonsumentInnen oftmals verborgen. Mit ihrer Formation Tha Brothahood problematisierte die Bandleaderin, Klarinettistin und Sängerin Angel Bat Dawid bei ihrem atemberaubenden Konzert im November 2019 auf dem Jazzfest Berlin unter anderem die Frage nach dem Verhältnis von afroamerikanischer Kultur zu einer weissen Dominanzkultur.

Die Platte «Live», die im Februar beim Label International Anthem auf Vinyl erscheint, beginnt mit einem kurzen Mitschnitt aus einer Berliner Hotellobby. Man hört Angel Bat Dawid in grosser Empörung schreien, versteht Satzfetzen wie «You’ve treated us like shit» und «I came all the way from America». Dann spricht eine sanfte Männerstimme: «Hey Angel, hey Adam, come», und die Aufnahme mündet ins Klavierintro von Angel Bat Dawids Version des Sun-Ra-Songs «Enlightenment».

WOZ: Angel Bat Dawid, obwohl ich sehr vertraut bin mit deiner Musik, fragte ich mich, was deine Genrebezeichnung dafür wäre. Der gängige Begriff ist Spiritual Jazz, oder?
Angel Bat Dawid: Oh, ich habe ein ziemliches Problem mit diesem Begriff. Wer Schwarz ist, braucht sich diese Frage nicht zu stellen. Es ist einfach nur Schwarze Musik.

Vielleicht muss ich erst mal persönlich reden. Du sprichst auf deiner Platte sehr explizit von strukturellem Rassismus. Es hat mich einige Zeit gekostet, um zu begreifen, dass es für rassistisches Handeln keine ausgemachten Rassisten braucht und dass auch eine sich als antirassistisch begreifende Person rassistische Muster internalisiert haben kann. Was mir aber schon früher auffiel, war eine bestimmte «awkwardness», zum Beispiel bei Jazzkonzerten. 1990 hatte ich den Job, fürs Hamburger Jazzfestival Bandmitglieder von Legenden wie Ornette Coleman, Dizzy Gillespie oder McCoy Tyner rumzufahren, und natürlich war ich auf all diesen Konzerten. Das Publikum bestand fast nur aus White-Middle-Class-Menschen über vierzig …
Vor allem männlich, nehme ich mal an …

Genau, so Lehrertypen. Die da sehr unkörperlich auf ihren Stühlen hockten und fachmännisch und geniesserisch an dieser auf Schwarzem Freiheitskampf beruhenden Musik partizipierten. An einer Musik, die sich mit ihren internen Codes eigentlich an Schwarze richtet. Dieses Szenario erschien mir ziemlich strange.
Ehrlich gesagt bist du die erste Person, die ich das so klar beschreiben höre. Es fühlt sich wirklich seltsam an, Schwarz zu sein in dieser Welt. Ich will Leute nicht verrückt machen, aber ich fühle mich unwohl. Besonders, wenn ich an weissen Orten bin. Je länger ich darüber nachdenke, seit die Platte raus ist, desto mehr triggert es mich. Ich weiss, es ist kontrovers, aber ich kann mich nicht entschuldigen für das, was mir passiert ist.

Um es noch mal zusammenzufassen: Wenige Stunden vor eurem Auftritt auf dem Jazzfest Berlin habt ihr erfahren, dass euer Bandkollege Victor Le Givens auf dem Weg zum Flughafen kollabiert war. Und die lapidare Reaktion der Veranstalter war, dass das nun mal euer Problem sei und dass, falls ihr keinen Ersatz findet, die Gage reduziert würde. Sie verschanzten sich hinter ihren Regeln. Dass es hier vielleicht auch um grundsätzliche Fragen der traditionellen Ausbeutung Schwarzer Kultur gehen müsste, hat so ein Festival natürlich nicht auf dem Zettel.
Ich fragte mich, warum habt ihr mich hierher eingeladen? Um mich auszubeuten. Ihr schert euch nicht um die Musik. Ich bin durch Berlin gelaufen, da hingen überall Poster mit unserem Songtitel «We are Starzz» und Sticker und all der Kram. Aber ich bekomme nicht mal eine ehrlich gemeinte Entschuldigung? Diese Gedanken gingen hin und her in meinem Kopf, und ich fragte mich: Kann es sein, dass ich überreagiere? Aber wenn ich jetzt, ein Jahr später, darüber nachdenke, glaube ich, es war angemessen. Was ist die brennendste Frage für 2021? Es ist definitiv Rassismus, und das gilt genauso für das Prä-Covid-Jahr 2019. Die ganze Show war ein Protest.

Eurem Booker gelang es schliesslich doch noch, Le Givens nach Europa zu bringen. Aber das war nur eines von mehreren schmerzhaften Erlebnissen in Berlin …
Es gab diesen Vorfall im Hotel am Morgen nach dem Konzert. Der Auftritt war grossartig gewesen, das Publikum cool. Wir waren so froh gewesen, dass wir doch noch zusammen hatten spielen können. Ich hatte so gute Laune an dem Morgen, dass ich mich ans Piano setzte und drauflos spielte. Wir sind im Ellington Hotel, benannt nach Duke Ellington, in allen Zimmern sind Referenzen an berühmte Jazzgrössen, sie haben da dieses Piano stehen, und ich darf hier nicht spielen? Ich werde deswegen angeschrien? Und zwar nicht im Stil von: «Entschuldigen Sie, Madame …», sondern eher so: «Mach das nicht! Nicht in meinem Hotel!» Ich konnte damit nicht umgehen.

Du sprichst an anderer Stelle über Mikroaggressionen. Das war auch so was, was ich lernen musste. Bei deinen Schilderungen des Streits mit dem Jazzfest Berlin würden die meisten Weissen wohl sagen: Come on, das kann auch anderen Bands passieren, das sind vielleicht Arschlöcher, aber keine Rassisten.
Ich weiss, es ist schwierig zu erklären, es ist eher wie beim posttraumatischen Belastungssyndrom. Schwarze Leute geraten ständig in komische Situationen, in denen sie als Erstes denken: Behandelt man mich jetzt so, weil ich Schwarz bin? Das können Kleinigkeiten sein, aber du fragst dich ständig: Passiert das jetzt schon wieder? So geht das seit über 400 Jahren. Du willst weiterkommen, aber die ganze Welt möchte an der White Supremacy festhalten. Nicht dass weisse Menschen alle böse sind, aber ihr tragt eure White Supremacist Culture eben mit euch. Um in dieser Hölle zu überleben, muss ich mich neu programmieren. Weisst du, es braucht Zeiten, wo Schwarze Leute unter sich sind. Das können kleine Sachen sein, wie zum Beispiel mein Instagram-Account. Ich folge nur Schwarzen Leuten, ich muss Bilder von Leuten sehen, die aussehen wie ich.

Ich denke, das spielt auch eine Rolle bei der Auswahl deiner Musikerinnen und Musiker?
Ich spiele auch mit weissen Leuten. Aber wenn ich ein neues Stück schreibe oder eine neue Partitur, nehme ich keine Weissen. Warum sollte ich, wenn ich fünf Schwarze Bassistinnen kenne und zehn Schlagzeuger? Meine Musik ist jenseits von Entertainment, und meine Katharsis besteht in der Erforschung dessen, was Blackness ist. Die Sounds meiner Ahnen von vor Tausenden von Jahren sind sehr gut konserviert in unserer Musik.

Ich kenne das zum Beispiel aus Westafrika und Lateinamerika: dass sich bestimmte Beats von der Elfenbeinküste oder aus dem Kongo in brasilianischer oder kolumbianischer Musik wiederfinden lassen.
Genau. Man hatte uns alles weggenommen. Die Sprache, die Kultur. Der einzige Bereich, wo das nicht funktionierte, war in der Musik. Die konnten sie nicht beseitigen. Die Musik kommuniziert also nicht nur den Unterhaltungsaspekt, sondern sie ist der letzte Rest unserer Geschichte, den wir noch haben. Insofern ist es eine interessante Unterhaltung, wenn wir darüber reden, was der Unterschied ist zwischen Schwarzen und weissen Leuten, die Jazz spielen. Klar, jemand kann die Noten spielen und klingt vielleicht grossartig, aber wenn es diesen Link zu unserer Geschichte nicht gibt, ist es eine tote Kunst. Und wenns sein muss, lassen wir den toten Körper zurück und machen einen neuen, der sich dann zum Beispiel Hip-Hop nennt. Die Kids der Achtziger machten das so, sie kannten ihre Wurzeln. Sie hatten zwar keine Instrumente, aber Platten, und mit den Samplern machten sie das Gleiche. Und dann, wieder mal, wurde die Sache eingefangen und war tot. 2006 erschien dieses Album des Rappers Nas, «Hip Hop Is Dead». So was passiert immer wieder. In meiner Community von jungen Musikerinnen und Musikern vermeiden wir es, zu kategorisieren.

Auf deiner Platte findet man verschiedenste Referenzen …
Was mich gerade beschäftigt, ist die Geschichte der «hush harbors». Das war eine Tradition auf den Plantagen: Die Versklavten gingen raus in die Wälder und praktizierten ihre Rituale, und daraus entstanden dann die Spirituals. Darin ist unser Schwarzes Erbe in der reinsten Form erhalten. Am Berlinkonzert gibt es ein paar Momente, wo ich da reinspringe. In unseren Kirchen wird man immer diese Songs hören und diese Momente erleben. Ich kann es nicht beschreiben, aber jede Schwarze Person weiss, wie das ist: dieser Moment, wenn wir in diese Sache eintreten. Und wenn es vorbei ist, wird kein Auge trocken sein. Bei dieser spirituellen Sache geht es um einen gedachten Ort in unserem Kopf, um der gegenwärtigen Hölle zu entfliehen.

Da du die Rolle der christlichen Kirchen für Schwarze Kultur erwähnst: In meinem Umfeld von afrikanischen Leuten kenne ich einige, für die es kein Widerspruch ist, sich in einer Freikirche zu engagieren und trotzdem antikolonial zu denken. Mir erscheint das als ein grosser Widerspruch, weil doch das Christentum eines der entscheidenden Tools war, um die rassistischen Ausbeutungssysteme zu etablieren und andere religiöse Vorstellungen zu vernichten.
Aber es gab auch immer die Idee, das umzudrehen …

Ja, sehr genial bei Martin Luther King, der die christliche Rhetorik mit deren eigenem Buch, der Bibel, gegen die weisse Gesellschaft richtete.
Manchmal war die Bibel das Einzige, was wir lesen durften. Deshalb enthalten viele Spirituals Bibelreferenzen. Aber Schwarzes Christentum ist etwas sehr anderes als weisses.

Beim Berlinkonzert gibt es am Ende des Songs «We are Starzz» diesen Moment, wo du sehr eindringlich zu einem Jungen sprichst. Du beschwörst ihn, diesen Moment in Erinnerung zu behalten, und sagst: «Wir haben jetzt eine Übereinkunft. Das nennt man Unity. So fühlt es sich an, wenn man vereinigt ist.» Davor sagst du zum Publikum sinngemäss: «Diese Generation hier wird es besser wissen.»
Ja, da war dieser Junge. Weisst du, ich denke immer an die Zukunft. Mit uns Erwachsenen ist es ja so: Du kannst einem alten Hund keine neuen Tricks beibringen. Also ist es viel wichtiger, dass dieser weisse Junge versteht, wovon ich rede, als sein Vater. Ich halte es für meine Verantwortung, ihm zu erzählen: Da sind andere junge Männer wie du, die Sachen erleben, die du niemals erleben wirst, weil du weiss bist.

Glaubst du, dass sich in der Entertainmentindustrie irgendwas geändert hat, was die Machtverhältnisse anbelangt?
Das ganze Musikbusiness begann mit Leuten, deren Eltern noch Sklaven hatten. Mit Leuten, die glaubten, wir seien keine Menschen. Das ist die Basis.

Wenn sich Leute heute über Schwarze Musik beschweren, wenn sie sagen, es gehe immer um Gewalt, versuche ich ihnen immer klarzumachen, dass diese Musikerinnen und Musiker bezahlt werden von Vertretern der Industrie, die nicht Schwarz sind. Wenn du ein junger Mann von der Strasse bist, und es kommt jemand, der sagt: «Hey, ich zahle dir dies und das, du musst nur davon reden, dass du von der Strasse bist», würdest du es nicht auch vorziehen, von Schiessereien zu rappen, statt auf der Strasse wirklich damit zu tun haben? Oder in einem Video zu twerken, um bekannt und reich zu werden, statt jeden Tag in einem Stripclub tanzen zu müssen? Natürlich. Es steht immer eine weisse Person am oberen Ende der Nahrungskette.

Ist es nicht eine Art historischer Gerechtigkeit, dass die reichsten und erfolgreichsten Musikerinnen und Musiker dieser Tage Schwarz sind?
Ich glaube nicht, dass Beyoncé oder Jay-Z so reich sind, wie wir meinen. Glaub mir, dahinter ist immer ein weisser, männlicher Irgendwer, der zehnmal mehr Geld macht. Die White Supremacy ist allem eingeschrieben. Und sie interessieren sich nicht mal für Musik. Ich hab mal recherchiert, wer die grossen Musikvermarktungsfirmen leitet. Es sind meistens Banker.

Dein Album «Live» erscheint mir wahrscheinlich auch wegen der Umstände im Vorfeld als sehr intensiv und offen für das, was im Moment passiert.
Mit meinen Ensembles gehe ich immer durch sehr verschiedene Zonen. Ich habe meine Songs, aber während einer Performance ist es mir wichtig, das Material für Improvisationen zu öffnen. Ich kann die Kontrolle abgeben. Für viele Musikerinnen kann das sehr frustrierend sein. Sie haben eine Vorstellung in ihrem Kopf und wollen es dann genau so umsetzen, aber sie verstehen nicht, dass es mit der Musik ist wie mit dem Blut in unseren Venen: In den Adern ist es blau, aber wenn ich mich schneide und das Blut mit dem Sauerstoff in Verbindung kommt, wird es rot. In einer Livesituation mit den Leuten drumherum kann es sein, dass etwas komplett anderes dabei rauskommt. Mit Tha Brothahood gibt es ein sehr tiefes Einverständnis, auch weil wir schon sehr lange zusammen jammen.

Die Aufnahmen vom Jazzfest Berlin musstet ihr letztlich für teures Geld lizenzieren, richtig?
Ja, sie nehmen unsere Musik, und wir müssen zahlen, um unseren eignen Kram zu bekommen. Es gibt kein Bewusstsein, zu sagen: Okay, wir haben Schwarze Menschen schon so lange übers Ohr gehauen, vielleicht sollten wir mal nett sein zu Angel, nachdem sie uns erzählt hat, dass ihr Bandmitglied krank ist. Wir sollten das mit Einfühlsamkeit behandeln, weil Schwarze Menschen sich oft schlecht behandelt fühlen. Aber so was macht niemand. Sie bestehen darauf, dass ihnen diese Aufnahmen gehören. Und sie schicken mir Verträge: Oh, du hast diesen Teil nicht gelesen? Da steht, die ganze Show gehört uns, und wir verkaufen das ans Berliner Radio.

Warum bedankst du dich eigentlich im Booklet beim Jazzfest Berlin? Nach all dem war das doch wirklich nicht nötig.
Eigentlich bin ich fast schon dankbar, dass sie sich falsch verhalten haben. Jetzt können wir beide zum Beispiel darüber reden. Das ist wichtig.

Vielleicht hättest du dazu sagen sollen, wofür du dich genau bedankst?
Das stimmt. In gewisser Weise ist es ein bisschen streitsüchtig, so in der Art: Danke, Leute, dass ihr scheisse zu mir wart. (Lacht.)

Aufgrund der Episode mit dem Jungen würde ich mal interpretieren, dass du jungen Weissen mehr zuzutrauen scheinst. Du hättest diesem Jungen ja auch sagen können: Unity ist mit euch niemals möglich, denk mal darüber nach.
Das stimmt. Aber ich sehe es so: Schau her, hier sind die Informationen. Sie zu verarbeiten, ist deine Sache. Wie der Soziologe Neely Fuller sagt: Wenn du nicht verstehst, wie White Supremacy funktioniert, wirst du dauernd verwirrt sein. Es wird Situationen geben, in denen du denkst: Wow, diese Schwarzen Leute sind wütend auf mich, aber ich hab ihnen doch nichts getan. Manchmal, wenn ich auf die Bühne gehe, habe ich auch dieses Gefühl: Ich mag euch nicht, ihr seid weiss. Und dieses Gefühl unterscheidet sich von dem weisser Leute, die sagen: Ich mag dich nicht, weil du Schwarz bist.

Klar. Erinnerst du dich an den Begriff «reverse racism»? Der ist irgendwie verschwunden, oder?
O ja, stimmt. Du kannst nicht sagen: Hey, ihr seid rassistisch gegen weisse Leute. Eine andere Sache mit dem Jungen war, dass ich ihn angesprochen habe, weil ich nicht wollte, dass er Schwarzen Kindern wehtut. Ich habe in meiner Kindheit sehr darunter gelitten, und ich halte es fast für meine Pflicht.

Aber glaubst du nicht, dass sich da gerade etwas ändert? Ich merke das im Umfeld meines fünfzehnjährigen Sohnes, da entsteht durch die Hip-Hop-Kultur schon ein anderes Bewusstsein.
Das bedeutet erst mal nicht allzu viel. Leute mögen Schwarze Musik, doch sie mögen eventuell keine Schwarzen Leute.

Aber gerade Hip-Hop ist doch das Sprachrohr für diese ganzen Diskurse. Wenn man zum Beispiel Platten von Kendrick Lamar hört, kann man die Message der Texte doch nicht ausblenden.
Hoffentlich. Ich habe da eine Klasse, die ich einmal die Woche unterrichte. Vor allem Schwarze und Braune junge Männer, und es geht um Schwarze Musik. Am Anfang des Unterrichts fragte ich die Jungs nach den grossen Schwarzen Komponisten unserer Tage, und sie dachten, ich würde jetzt mit irgendwelchen Klassikern kommen. Aber nein, ich sagte, für mich gehören zum Beispiel G Herbo oder Lil Durk auch dazu. Das sind zwei sehr erfolgreiche Rapper aus Chicago mit Gangbackground. Wir müssen uns damit beschäftigen. Für mich ist das alles gleich wertvoll.

Es ist faszinierend mit diesen Ahnenlinien bei Schwarzer Musik. Dass es immer diese Links gibt: von Techno oder Hip-Hop zu Blues oder allen möglichen Arten von Jazz. Und natürlich fasziniert mich der subversive Aspekt: All das kommt von keiner Herrscherkultur. Selbst wenn es die kommerziellste Musik der Welt ist, wie Michael Jackson. Fast alle Formen entstanden aus Gegenkulturen gegen weisse Dominanz.
Schwarz sein ist automatisch subversiv gegenüber weisser Vorherrschaft. Vom Tag deiner Geburt an.

Zuletzt würde ich gerne noch deinen Kommentar zur Wahl Joe Bidens hören. Ist da jetzt wieder ein lahmarschiger Kompromiss auf dem Weg, oder hast du Hoffnung?
Mann, ich glaube echt nicht an Regierungen. Ich hasse amerikanische Politik. Am Ende des Tages ist da eben ein weiterer alter weisser Mann. Ist mir egal, ob er eine Schwarze Vizepräsidentin hat. Er hat sie nur ausgewählt, um die Schwarzen Stimmen zu bekommen. Ich würde sagen, wir sind zurück im normalen Rassismus, «back to normal». (Lacht.)

Ted Gaier (57) ist Musiker, Musikproduzent und Theaterschaffender, Mitbegründer der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen und gelegentlicher WOZ-Autor.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch