Gleichstellung : Her mit den 350 Milliarden!

Nr. 23 -

Vor fünfzehn Jahren gingen die Frauen in der Schweiz das erste und letzte Mal landesweit auf die Strasse. Damals forderten sie gerechte Löhne. Erreicht wurde dies bis heute nicht.

Liebe Frau, stell dir vor: An deinem ersten Tag als hoffentlich gesunde Rentnerin kriegst du einen Blumenstrauss, ein Glückwunschkärtchen - und einen Check über fast 300 000 Franken. Das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien Bass hat im Auftrag der Gewerkschaftszeitung «Work» errechnet, dass dieser Betrag einer Frau während ihrer Erwerbstätigkeit in der Schweiz im Durchschnitt wegen Lohndiskriminierung vorenthalten wird.

Noch schöner wäre es natürlich, frau bekäme schon während ihrer Erwerbstätigkeit, was ihr seit 1981 auch per Verfassung gesetzlich zusteht. Doch von Lohngleichheit keine Spur: «Entwickelt sich die Lohnangleichung im bisherigen Schneckentempo, müssen die Frauen noch siebzig Jahre darauf warten», schreibt «Work» in der Ausgabe vom 2. Juni. Und wer es noch genauer wissen will: Der kumulierte Lohnklau an den erwerbstätigen Frauen summiert sich gemäss Büro Bass seit 1981 auf 350 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Das Budget der Eidgenossenschaft betrug im vergangenen Jahr rund 50 Milliarden Franken. Wenn dies kein Grund für ein landesweites weibliches Aufbrausen zwischen Genfer- und Bodensee, Basel und Lugano ist, was dann?

«Einen landesweiten Streik erfolgreich durchzuziehen, ist eine riesige finanzielle und organisatorische Herausforderung», sagt Elfie Schöpf, die den Frauenstreik von 1991 in der Deutschschweiz koordinierte. «Es braucht auch tragende Persönlichkeiten, die das durchziehen.» Damals waren dies neben Schöpf vor allem Ruth Dreifuss, Zentralsekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), und Christiane Brunner, die den Streik in der Westschweiz koordinierte. Allerdings lasse sich ein Streik nicht einfach «von oben» lancieren, sagt Natalie Imboden, eine heutige SGB-Zentralsekretärin. «Konkrete Arbeitsniederlegungen in den Betrieben müssen von den betroffenen Frauen getragen werden. 1991 waren es die Westschweizer Uhrenarbeiterinnen, von denen die Initiative für einen Streik ausging.» Jener Streik beziehungsweise jener landesweite politische Protest sei historisch einmalig gewesen.

Laut Imboden haben heute viele betroffene Frauen aufgrund der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt Angst, sich gegen ungerechte Saläre zu wehren. Zwar gab es in der Vergangenheit einige wichtige Erfolge bei Lohndiskriminierungsklagen, doch das sind nach wie vor Einzelfälle. Auch die Mindestlohnkampagne der Gewerkschaften zielt laut Imboden auf die Beseitigung von Lohnungleichheiten. Allerdings muss frau nicht so naiv sein und meinen, Gleichstellung liesse sich so schnell herstellen. «Lohngleichheit ist eine Umverteilungsfrage. So wie die soziale Frage nicht von heute auf morgen gelöst wird, werden wir auch für die Gleichstellung von Mann und Frau noch lange kämpfen müssen.» Daher gibt es zwar am 14. Juni keinen nationalen Protestmarsch, aber in diversen Städten werden verschiedene Aktionen zum Thema Lohngleichheit organisiert. «Die Gewerkschaften wollen mit der aktuellen Lohnkampagne die Frage der Frauenlöhne wieder stärker ins Zentrum ihrer Arbeit rücken», sagt die SGB-Zentralsekretärin.

Der rote Teppich

Das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» thematisiert in seiner aktuellen Nummer die Leistungen von hoch bezahlten Schweizer Führungskräften. Unter den über fünfzig auf dem Titelblatt abgebildeten Mitgliedern der hiesigen Wirtschaftselite befinden sich zwei Frauen: Heliane Canepa, Chefin bei der Medizinalfirma Nobel Biocare, und Franziska Tschudi, Verwaltungsratsmitglied bei Swiss Life. Die vorwiegend männliche Redaktion der «Bilanz» vergass dabei allerdings die Unternehmerin und Nestlé-Verwaltungsratsmitglied Carolina Müller-Möhl, Inga Beale, seit kurzem CEO beim Rückversicherungsunternehmen Converium, und die UBS-Verwaltungsrätin Gabrielle Kaufmann-Kohler.

Wer als Frau in die Teppichetage will, macht sich am besten selbständig. Der Vorteil: Frau kann die Farbe des Teppichs gleich selber aussuchen. Bei Tina Grässli ist er von edlem Rot. Darüber hängt ein Kronleuchter, ansonsten besticht das Geschäft der 37-jährigen Textildesignerin durch Schlichtheit. Die Frau weiss, was sie will - und sie weiss, dass sie dafür immer wird hart arbeiten müssen. 1994 schloss Grässli ihre Ausbildung ab, so lange existiert auch bereits ihr Label Xess, hochwertige, beidseitig tragbare Strickmode. «Bis 2003 habe ich meine Kollektion selbst auf der Maschine gestrickt», sagt die Unternehmerin, «das Geld verdiente ich jedoch in meinen Nebenjobs.» Zu Xess gesellte sich Mitte der neunziger Jahre die Schmuckdesignerin Barbara Rüegg mit ihrem Label Baba. 1996 gründeten die beiden Frauen die Xess + Baba GmbH. Allerdings stieg Rüegg acht Jahre später wieder aus dem Geschäft aus. Seither führt Tina Grässli den Laden alleine - und arbeitet wie ein Pferd. «Ich designe, ich stehe im Laden, ich akquiriere.» Das macht sie gut, denn heute ist ihr Label in 35 Läden in der ganzen Schweiz vertreten, zwei Jahre zuvor waren es noch 15.

Kleine Brötchen

Im Jahr 2004 bezog Xess + Baba einen speziellen Frauenförderungskredit der Alternativen Bank ABS. Zurzeit unterstützt die ABS rund dreissig Frauenprojekte. «Im Durchschnitt sprechen wir etwa 125 000 Franken pro Kredit», sagt Thomas Grädel von der Kreditabteilung der ABS. Neben Xess + Baba bezieht beispielsweise auch die Appenzeller Bio-Katzen- und Hundefutterfirma Hutter und Schmid günstiges Geld von der Oltner Bank. «Aber ich kann nicht sagen, dass der Ansturm bei den Frauenkrediten gross ist», sagt Grädel. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die ABS ihre Frauenförderung nicht an die grosse Werbeglocke hängt. Ein weiterer Grund mag darin liegen, dass die Frauen lieber kleine als grosse Brötchen backen. Genauer: Oft bewerben sich Frauen um Kleinkredite bis zu 30 000 Franken. «Aber bei solchen Geschäften stimmt das Verhältnis von Aufwand und Ertrag oft nicht», sagt Grädel. Die ABS ist sich jedoch dieser Problematik bewusst und arbeitet an einer Lösung, um dem Bedürfnis vieler Frauen nach Kleinkrediten gerecht zu werden.

Das stimmt zuversichtlich, legen doch andere Banken nicht gerade ein frauenfreundliches Kreditverhalten an den Tag, wie der Fall Xess + Baba zeigt. «Damals habe ich zum ersten Mal bewusst eine Benachteiligung aufgrund meines Geschlechts wahrgenommen», sagt Tina Grässli. «Ich habe sämtliche Banken abgeklappert, keine wollte mir Geld geben. Die Männer, die meinen Kreditantrag geprüft haben, belächelten mich und nahmen mich nicht ernst.» Bei der ABS hingegen glaubte man an das Label Xess + Baba. «Und dann ging alles schief», sagt Grässli. «Wir wuchsen zu schnell, wir gaben zu viel Geld aus, und es kam zu wenig Geld rein.» Wenige Monate später war Xess + Baba ein Sanierungsfall. Doch die ABS liess Grässli nicht fallen. «Allerdings muss ich alle drei Monate über meinen Geschäftsgang Rechenschaft ablegen», sagt sie.

Gute Beziehungen sind in der Wirtschaft wichtig. Das weiss auch Tina Grässli. «Ich bin Mitglied des nationalen Verbandes Frauen.Unternehmen», sagt sie. Und viele Frauen kennen das Problem: «Ehrlich gesagt, habe ich weder das Geld für die teuren Weiterbildungsangebote noch Zeit oder Energie für das Netzwerken.»