Nr. 10/2007 vom 08.03.2007

Durch die gläserne Decke

Trotz Gleichstellungsgesetz und Verfassungsartikel sind viele Frauen im Berufsleben benachteiligt. Die PolitikerInnen könnten das ändern.

Von Elvira Wiegers

«Am Internationalen Tag der Frau sollen die Schweizer Politikerinnen zeigen, wie ernst sie die Gleichstellung nehmen», sagt die grüne Nationalrätin Franziska Teuscher. Deshalb wurden für den Morgen des 8. März im Nationalrat zwanzig Vorstösse auf die Tagesordnung gesetzt, die der Bundesrat in den letzten drei Jahren abgelehnt hatte. Ein Grossteil davon hat die immer noch bestehende Lohndiskriminierung von Frauen zum Inhalt. Teuscher nervt sich besonders, dass sich die bürgerlich dominierte Regierung selbst bei diesen essenziellen Forderungen querstellt, obwohl sie einen verfassungsrechtlichen Auftrag hat und es seit zehn Jahren ein Gleichstellungsgesetz gibt. Ein Beispiel: Es gebe zwar eigens ein Instrument zur Prüfung der Lohngleichheit in Unternehmen und Verwaltung, doch der Bundesrat sei nicht einmal zur regelmässigen Überprüfung in der eigenen Verwaltung bereit. Der Aufwand sei zu hoch, heisst es. «Das ist absurd», sagt Teuscher, «und wenn sich der Bundesrat verweigert, wieso sollten sich dann Firmen anders verhalten?»

Männerförderung

Die Lohndiskriminierung ist nur eine der Hürden in der beruflichen Laufbahn von Frauen in der Schweiz. So bleiben etwa viele Frauen in mittleren Kaderpositionen hängen (stossen also an die sogenannte gläserne Decke) oder sehen sich mit der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie konfrontiert.

Doch würde die Gleichstellung von Mann und Frau ernst genommen, könnte sie durch spezielle Förderprogramme für Frauen erreicht werden. Allerdings braucht es dafür als Erstes Informationen über die aktuelle Lage. Die damalige SP-Nationalrätin Anita Fetz forderte deshalb beispielsweise 2003 in einem Postulat einen Bericht über die Situation der Unternehmerinnen in der Schweiz.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft gab bei Lynn Blattmann, bis vor kurzem selbst Unternehmerin, eine Studie in Auftrag (vgl. «Der Bericht ‹PotentiELLE›»): «Die Schweiz hat einige Defizite in diesem Bereich. Kein Wunder, erscheint sie im Bericht des internationalen Forschungsprojekts ‹Global Entrepreneurship Monitor› regelmässig auf den hinteren Plätzen, wenn es um die Förderung von Unternehmerinnen geht.» Die Mängelliste ist laut Blattmann lang: Vor allem jedoch gibt es keine frauenspezifische Gründungsförderung wie in manchen Nachbarländern oder in den USA. «Wirtschaftsförderung ist hierzulande gleichbedeutend mit Männerförderung. Es sind von Männern für Männer geschaffene Strukturen», sagt die Kommunikationsfachfrau. So gebe es kaum kleine Gründungskredite speziell für Unternehmerinnen. «Dabei hat beispielsweise die Erfahrung in den USA gezeigt, dass sich auf diese Weise gezielt Firmengründungen von Frauen fördern lassen.» In der Schweiz würden deshalb viele Frauen auf ihre Pensionskassengelder zurückgreifen. «Diesen Fehler habe ich selber auch gemacht», sagt Blattmann, «doch es ist einfacher, einen grossen Kredit zu bekommen als einen kleinen.»

Interessant findet die Kommunikationsfachfrau, dass sich in der Schweiz häufig Frauen aus mittleren Kaderstufen selbstständig machen. Die Gründe klingen vertraut: die gläserne Decke und die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie in vielen Betrieben. «Doch eine Unternehmensgründung aus Resignation heraus ist noch nicht gleichbedeutend mit einer unternehmerischen Vision», sagt Blattmann.

Drei Jahre nach Überweisung des Postulats von Anita Fetz hat der Bundesrat schliesslich im vergangenen Dezember den Bericht «PotentiElle» verabschiedet - und drei konkrete Massnahmen vorgeschlagen: So soll im Herbst 2007 eine nationale Konferenz zum Thema «Frauen als Unternehmerinnen» stattfinden. Und der Bundesrat will die Transparenz in der statistischen Erfassung verbessern. Auch ein Ausbau des KMU-Internetportals des Bundes um den Bereich Frauenunternehmen ist geplant. Für konkretere Fördermassnahmen hingegen fehlt nicht nur die Finanzierung, sondern auch der politische Wille.

Eine gute Geschäftsidee

Trotz des oft schwierigen Zugangs zu Kapital haben es Gabriela Hutter und Anita Schmid aus dem appenzellischen Speicher geschafft. Sie gründeten ihre Biotierfutterfirma Hutter & Schmid mitten im Börsenhype 2001. «Als wir den Banken unser Projekt präsentierten, haben die Zuständigen dort gelächelt», erinnert sich Gabriela Hutter, die Geschäftsleiterin. Im Nachhinein ist die Unternehmerin sicher, dass die Banker ihre nachhaltige und ganzheitliche Geschäftsidee gar nicht verstanden haben. Und: «Die wollten damals schnelles Geld mit Informationstechnologie machen.»

Das sah man bei der Alternativen Bank (ABS) anders: Sie gewährte den beiden Appenzellerinnen dank einer Bürgschaft der Genossenschaft Saffa einen speziellen Frauenförderungskredit. Mit einem zusätzlichen zinslosen Darlehen der kantonalen Wirtschaftsförderung konnten die Frauen schliesslich ihre Geschäftstätigkeit aufnehmen.

Heute haben die Unternehmerinnen nicht nur das Darlehen und den Kredit zurückbezahlt, sondern auch das Personal verdreifacht. Allerdings melden sich auf offene Stellen bei Hutter & Schmid wenige Frauen, «leider», sagt Hutter. Ihre Firma bietet zudem seit 2006 eine Lehrstelle an.

Auch grosse Tierfutterfirmen wie Whiskas haben sich mittlerweile in der Bionische breit gemacht. Doch entdeckt haben diese zwei Frauen aus dem Appenzell.

Gabriela Hutter trifft sich regelmässig mit drei anderen Unternehmerinnen aus der Region. «Wir besprechen Probleme und tauschen Erfahrungen und Ideen aus. Das ist sehr wichtig.» Diese informelle Gruppe ist durch die Initiative Hutters entstanden. «Eine solche Unternehmenskultur müssen viele Frauen erst noch lernen. Männer tun das schon lange: aufeinander zugehen und Informationen austauschen.»

Der Mikrokredit kommt

Die ABS bietet wie bereits erwähnt seit einigen Jahren Firmengründerinnen spezielle Förderkredite an. Diese werden in der Regel für geplante Unternehmen in den Bereichen Dienstleistungen, Detailhandel und vereinzelt auch im Gastgewerbe verwendet. Allerdings machen diese Kredite nur sechs Prozent der Förderkredite des Solothurner Geldinstituts aus. Das hat auch damit zu tun, dass Frauen häufig «zu kleine» Geldbeträge nachfragen, die seitens der Bank den Aufwand nicht lohnen. Diesem Problem will die ABS mit einem neuen Produkt abhelfen. Konkret geht es um Mikrokredite zwischen 5000 und 40 000 Franken. Dieses standardisierte Angebot richtet sich zwar nicht explizit an Frauen, aber internationale Erfahrungen zeigen, dass Mikrokredite vor allem von Frauen - und MigrantInnen - nachgefragt werden. Die ABS zählt Secondas und Secondos ebenfalls zur Zielgruppe für ihr neues Produkt.

«Auch mit einem guten Businessplan bekommt man keinen Kredit in dieser Höhe», sagt Bieri, bei der ABS für die Kreditvergabe verantwortlich. «Das Potenzial ist sehr gross.» Der Zinssatz ist vom Wert der Sicherheit, die die KreditnehmerInnen hinterlegen können, abhängig. Er beträgt jedoch maximal acht Prozent.

Der Clou an der Sache ist: Die ABS will im Bereich der Mikrokredite mit nichtstaatlichen Organisationen zusammenarbeiten, welche die Vorarbeit leisten: Sie beraten die KreditnehmerInnen, beurteilen die Gesuche und können durch ihre lokale Verankerung die Erfolgschancen besser beurteilen als die in Solothurn stationierte ABS. Mit dieser Aufgabenteilung kann die ABS ihre Kosten begrenzen. «Wir verhandeln zurzeit mit verschiedenen Organisationen», sagt Bieri. «Wir wollen noch dieses Jahr den Mikrokredit in der Schweiz lancieren.» Für viele Frauen ist dies eine gute Nachricht, denn der Mehrheit der PolitikerInnen war eine Verbesserung der Chancen für Frauen zur Herstellung der Gleichstellung bisher herzlich egal.

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