Nr. 28/2006 vom 13.07.2006

Gemeinplätzchen

Eine internationale Stiftung lanciert einen breiten Dialog über die Nanotechnologie. Nicht alle sind mit derselben Motivation dabei.

Von Marcel Hänggi

Als die Science-Fiction-Literatur vor ein paar Jahren Szenarien sich verselbständigender Nanoroboter schuf, welche die Welt bedrohen, erwischte sie die Forscherinnen und Entwickler auf dem linken Fuss. «Nano» drohte zum Angstbegriff zu werden, genauso wie es bereits ein Zauberwort war, mit dem übertriebene Heilserwartungen verbunden waren. Einige in der Nanoszene fühlten sich angegriffen und zogen sich, schimpfend auf die sensationsgierigen Medien, ins Schneckenhaus zurück. 2003 sagte der Pressesprecher der St. Galler Nanomesse gegenüber der WOZ, man wolle potenzielle Risiken lieber gar nicht thematisieren, um «nicht mit halbgesicherten Informationen vorauszurennen».

Viele Unbekannte

Unterdessen dürfte die Meinung an Boden gewonnen haben, dass Schweigen weder eine zweckmässige noch eine einer demokratischen Gesellschaft angemessene Strategie ist. Was ein adäquater Umgang mit dem Risiko sei, wurde vergangene Woche an einer Tagung im Rüschliker Swiss Re Center for Global Dialogue diskutiert. Eingeladen hatte das International Risk Governance Council (IRGC), eine Stiftung, die 2003 auf Initiative der Schweiz gegründet wurde und sich als «Plattform für den globalen Risikodialog» versteht. Unter den Gästen waren VertreterInnen von Industrie, Forschung, Regierungen und NGOs. Die Resultate der Konferenz sollen in Empfehlungen einfliessen, die das IRGC noch dieses Jahr publizieren will.

Bei einem solchen Vorhaben geht es darum, wie mit «halbgesicherten Informationen» umgegangen werden soll. Heute werden kommerziell beispielsweise Inhaltsstoffe für Kosmetika oder, vor allem in der Fahrzeugindustrie, Beschichtungen hergestellt, die eine Oberfläche vor Schmutz, Kratzern oder Korrosion schützen. Speziell daran ist, dass sich nanoskalige Partikel – Teilchen, die kleiner als hundert Milliardstelmeter sind – chemisch anders verhalten und im Körper Gewebe durchdringen können, die für grössere Partikel nicht passierbar sind. Im Grunde kann ihre allfällige Gefährlichkeit aber mit herkömmlichen Mitteln der Toxikologie abgeschätzt werden.

Schwieriger wird es, was Nanoprodukte der so genannten zweiten bis vierten Generation angeht, die laut Mihail Roco, Nanotech-Berater des Nationalen Wissenschaftsfonds der USA, in wenigen Jahren zu erwarten sind und vor allem in der Medizin zur Anwendung kommen dürften. Das sind Stoffe, die sich während der Anwendung verändern, Nanomaschinchen, Sensoren, die in den Körper eingepflanzt werden, Hybride (aus lebender und nicht lebender Materie bestehende Systeme), Mensch-Maschine-Schnittstellen oder aus Nanobauteilen aufgebaute Makrostrukturen. Wie sich solche Produkte auf Mensch und Umwelt auswirken, ist hochgradig spekulativ; welche dieser Auswirkungen wünschbar sind, hängt von gesellschaftlichen und kulturellen Werten ab.

Man müsse, hiess es in vielen Voten, Chancen und Risiken abwägen; ein Gleichgewicht herstellen. Gewiss: Niemand würde etwas dagegen einwenden. Doch solange Chancen und Risiken völlig unterschiedlich eingeschätzt werden, ist «Gleichgewicht» nichts als eine Floskel. So versicherte ein britischer Industrievertreter in einem fulminanten Werbespot, die Industrie unternehme alles, um ihre Produkte sicher zu machen, und es gebe zahlreiche Studien, die die Harmlosigkeit der existierenden Nanoprodukte belegten. Der ebenfalls britische Greenpeace-Chefwissenschaftler Douglas Parr stellte demgegenüber fest, die Industrie lasse sich nur schwer für den Risikodialog gewinnen. Ebenso schwierig sei es, sich einen Überblick über das vorhandene Wissen zu verschaffen, und wir seien auf die Herausforderungen der Nanotechnologie extrem schlecht vorbereitet.

Selbstverständlichkeiten

Es fielen viele schöne Worte – doch zum Glück gab es ein paar freche ZwischenruferInnen. Als die Vertreterin der britischen Regierung von «geteilter Verantwortung», «good practice» und freiwilligen Massnahmen sprach, entgegnete ihr Rye Senjen von Friends of the Earth Australien, in ihren Ohren töne das nach «keine Verantwortung», «minimale Standards» und Massnahmen, um die sich niemand kümmere. Die Antwort der Britin war verblüffend offen: «Ja, das ist, wo wir im Moment stehen.»

Insgesamt fiel auf, dass die Diskussion in zwei Teile zerfiel: Einerseits wurde über Nanotechnologie gesprochen, andererseits über den Umgang mit Technologierisiken. Hätte man «nano» durch «bio» oder «nuklear» ersetzt, die Diskussion wäre kaum anders gelaufen. Denn hier ging es darum, welche Rolle die verschiedenen Akteure in der Gesellschaft spielen sollten; wer (mit-)bestimmen darf, was geforscht wird; wer definiert, welche Risiken akzeptierbar sind und welche nicht.

Dürftiges Resultat

Zu den diskutierten Massnahmen gehören beispielsweise: «Strategien zum Testen der Giftigkeit», «Monitoring über den gesamten Lebenszyklus eines Produktes», «Beachtung der Sekundärrisiken», «Konsumenteninformation», «Debatten zur Wünschbarkeit bestimmter Nanoanwendungen im Lichte ethischer und sozialer Aspekte». Das müsste eigentlich alles selbstverständlich sein – und in ähnlicher Form für sämtliche Risikotechnologien gelten. Jennifer Kuzma, Spezialistin für Wissenschaftspolitik an der Universität Minnesota, war denn auch der Meinung, dass es zwar noch viel nanospezifische Risikoforschung brauche, dass aber bereits jetzt und mit den heute bestehenden Gesetzen gehandelt werden könne und müsse.

Am Ende blieb das Gefühl, es sei trotz guter Arbeit des IRGC und hochkarätiger Gäste der Konferenz ein gar dürftiges Resultat herausgekommen. Denn es waren sich zwar alle einig, dass eine Risikodebatte nötig sei – dies aber aus gegensätzlichen Motivationen. Während sich die einen vor möglichen Folgen der Technologie fürchten, fürchten sich die anderen vor allem vor den Ängsten. Am deutlichsten – und am plumpsten – drückte dies der CEO des Gastgebers Swiss Re, Jacques Aigrain, aus: Hierzulande wollten die Menschen nichts von landwirtschaftlicher Gentechnik wissen, obwohl empirische Studien «nicht das geringste Risiko» dieser Technik ergeben hätten. Das sei eine Verschwendung von Ressourcen, und jetzt gelte es, in der Nanotechnik Gleiches zu verhindern.

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