Nr. 31/2006 vom 03.08.2006

Der Gefährte aus Damaskus

Der grosse Geschichtenerzähler floh einst als Chemiestudent von Damaskus nach Deutschland. Seine Heimatstadt hat Rafik Schami nicht vergessen, auch wenn er nie mehr zurückgekehrt ist.

Von Stefan Ineichen

Als Suheil Fadél 1971 in Heidelberg eintraf, um sein in Damaskus begonnenes Chemiestudium fortzusetzen, sprach er Aramäisch, Arabisch, Französisch und Englisch, aber kaum ein Wort Deutsch. Dass er nach Heidelberg kam, war ein Zufall. Im Dezember 1970 war der politisch engagierte und zeitweise in der Kommunistischen Partei organisierte Student nach Beirut geflohen, um der Einberufung in die syrische Armee zu entgehen. Er befürchtete, dass er den dreijährigen Militärdienst nicht überleben würde. Der Einberufungsbefehl traf drei Tage nach seiner Flucht aus Syrien ein. In Beirut richtete er Zulassungsgesuche an verschiedene europäische Hochschulen. Die erste, die positiv reagierte, war die Universität Heidelberg.

Welch ein Glücksfall: Der Student lernte nicht nur schnell, sich auf Deutsch zu verständigen, sondern war schon nach wenigen Jahren fähig, in der neuen Sprache Geschichten zu verfassen, die bald ein Millionenpublikum verzaubern sollten.

In den siebziger Jahren, als Suheil Fadél nach Heidelberg kam, waren die meisten Fremden in Deutschland nicht zu Gast bei Freunden, sondern «Gastarbeiter», deren Befindlichkeit Rainer Werner Fassbinder im Filmtitel «Angst essen Seele auf» auf den Punkt brachte. Die ersten Geschichten, mit denen Fadél an die deutschsprachige Öffentlichkeit gelangte, beschäftigten sich mit beidseitigen Projektionen, mit Fehlverhalten und Missverständnissen zwischen Fremden und Alteingesessenen. Als Autor verwendete er von Anfang an das Pseudonym Rafik Schami, das er bereits im syrischen Untergrund benutzt hatte - es bedeutet: der Gefährte aus Damaskus.

Rafik Schami sprengte den Rahmen der Gastarbeiterliteratur und brachte das Tafelsilber der orientalischen Tradition in die deutschsprachige Literatur ein. Er orientiert sich nicht am europäischen oder nordamerikanischen Roman, sondern an der Erzählkultur des Morgenlandes. «Das Kennzeichen der arabischen Geschichten ist», meinte Schami einmal, «dass die Figuren eher flach bleiben, kein Innenleben, keine Gefühle, Empfindungen und Gedanken preisgeben. Die Figuren, egal ob sie hoch oder niedrig sind, werden auf der gleichen Ebene dargestellt. Es entsteht die Struktur eines Teppichs mit viel Farbe, Vielfalt und Verwicklung der Handlungen. In der deutschen Literatur steht dagegen meist das Porträt einer Figur mit ihrem ganzen Innen- und Aussenleben im Zentrum.»

Im orientalischen Text wird die Welt märchenhaft greifbar im Muster, im verschlungenen Ornament, im zauberhaften und erbarmungslosen Tanz der Elemente und Personen. Die individuelle Leistung des Autors oder der Autorin tritt im Vergleich zum Westen, wo sich ein Kunstwerk innovativ von allem Bestehenden abzuheben hat, in den Hintergrund. Im Osten werden überlieferte Erzählstränge aufgenommen, weiterentwickelt und zu einem in der aktuellen Situation bedeutungsvollen Geflecht verwoben. Rafik Schami erzählt in Rahmenhandlungen eingebettete Geschichten, die auf einer oder mehreren Ebenen wiederum eine Vielzahl von Geschichten enthalten.

«Erzähler der Nacht», das Buch, mit dem Schami 1989 den grossen Durchbruch schaffte, erinnert in Aufbau, Erzählhaltung und einzelnen Motiven an «1001 Nacht» oder das von Nizami vor 800 Jahren verfasste Werk «Die sieben Geschichten der sieben Prinzessinnen». Schamis Erzählungen verkommen nie zum realitätsfernen Orientkitsch, denn Brutalität, Verlogenheit und Dummheit der diktatorischen Regimes, die Kritiker mundtot machten und sich in Syrien bis zur Machtübernahme durch Hafiz al-Assad im Jahr 1970 zeitweise schneller ablösten als die Filme im Kino, werden ebenso wenig ausgeklammert wie die Ignoranz der westlichen Welt, die einer der sieben Freunde des in «Erzähler der Nacht» verstummten Kutschers Salim während seiner Emigration in den USA erlebt hatte: «Die Amerikaner bewohnen ein grosses Land», berichtet der Emigrant, «doch von der übrigen Welt wissen sie wenig. Mich nannten sie Türke, obwohl ich ihnen tausendmal erklärte, dass Syrien ein Nachbarland der Türkei sei. Es ist egal, alles sind Türken, antworteten die meisten.»

Ebenso wie die orientalische Literatur traditionell keine klare Trennung zwischen E- und U-Literatur macht, kennt sie keine Aufteilung in Kinderbücher und solche für Erwachsene. Wenn Rafik Schami im Roman «Der ehrliche Lügner» (1992) berichtet, wie der in jeder anderen Hinsicht absolut untalentierte Abu Fassue am Begräbnis seines Onkels, der als politischer Dichter jahrelang inhaftiert war und nach seiner Freilassung mit Liebesromanen grosse Berühmtheit erlangte, die Nationalhymne mit Posaunen, Trommeln und Fanfaren zu furzen beginnt und die anwesenden Offiziere nicht wissen, ob sie stramm stehend salutieren sollen oder nicht, so amüsiert das nicht nur Kinder, sondern ebenso die meisten Erwachsenen. Die auch von Marjane Satrapis iranischem Kindheits- und Emigrationscomic «Persepolis» bekannte morgenländische Kunst, zugleich Jugendliche wie Erwachsene anzusprechen, erwies sich für Rafik Schami im deutschsprachigen Literaturbetrieb vorerst als Schwierigkeit, denn Verleger und Buchhändlerinnen wussten nicht recht, ob seine Werke nun in die Kinderecke gehörten oder ins Gestell der Erwachsenenliteratur.

Dass Schami auch diese Hürde spielend überwand, verdankt er einer weiteren orientalischen Fähigkeit: Er kann nicht nur schreiben, sondern auch erzählen. Er macht keine klassischen Lesungen, klebt nicht am Buch, sondern steht vor dem Publikum, ob gross oder klein, und beginnt einfach zu erzählen. Er berichtet wie ein Kaffeehauserzähler oder eine Grossmutter aus dem Gedächtnis, hört und schaut auf Reaktionen, reagiert, kürzt ab oder baut aus, wobei ihm die verschachtelte Struktur seiner Geschichten einen grossen Spielraum eröffnet. Schami baut uns eine wunderbare Brücke in den Orient, den Nahen Osten, eine Region, die wir besser kennen sollten als die US-AmerikanerInnen, die von der Welt so wenig wissen.

Rafik Schamis sensationeller Erfolg - alleine «Erzähler der Nacht» erreichte eine Gesamtauflage von anderthalb Millionen und wurde in zwei Dutzend Sprachen übersetzt - hat dazu geführt, dass der Autor auch als Kommentator regionalpolitischer und globaler Entwicklungen ernst genommen wird. Schami bezeichnet sich im letzten Abschnitt seines fast 900-seitigen Romans «Die dunkle Seite der Liebe» (2004) «als Gegner des so genannten politischen Romans, aber eine Figur kann nicht unter einer der schlimmsten Despotien orientalischer Prägung leben und davon völlig unberührt bleiben, das heisst so erzählen, als geschähen keine Entführungen, keine Kriege und als gäbe es keine Gefangenenlager, in denen Menschen entwürdigt werden».

Dieser Roman, der nicht in einer Märchenwelt spielt, sondern im real existierenden Syrien des 19. und 20. Jahrhunderts, erzählt - umklammert von einer kriminalistischen Rahmenhandlung - die Liebesgeschichte von Rana und Farid, die aus zwei seit Generationen miteinander verfeindeten Clans stammen. Als Aramäer christlicher Abstammung lässt Schami die beiden Clans verschiedenen christlichen Richtungen angehören, um die in Europa so schnell von der Hand gehende Gleichsetzung von Islam, Blutrache, Patriarchat und Primitivität von vornherein auszuschliessen. Viele der 304 Kapitel, die sich wie Mosaiksteine zu einem Ganzen fügen, sind himmeltraurig. Der Hass der Clans reicht bis ins stalinistische Gefangenenlager, wo Farid letztlich nicht aus politischen Gründen gefoltert wird, sondern weil der Lagerleiter der feindlichen Familie angehört. Die schlimmsten Gräueltaten werden an den Mitgliedern der eigenen Familie verübt, besonders an den weiblichen, so an Rana, die mit Unterstützung ihrer Mutter von einem Mann, der sich später als staatlicher Waffenhändler entpuppt, vergewaltigt wird, damit sie nicht ihren Geliebten heiraten kann, sondern ihren Vergewaltiger heiraten muss.

Die Beiträge zu den von Rafik Schami und Helga Nowotny 2000 an der ETH in Zürich organisierten Nahostgesprächen zwischen arabischen und jüdischen Intellektuellen und AutorInnen, die unter dem Titel «Angst im eigenen Land» erschienen sind, beschreiben, wie die Opferhaltung der am Konflikt Beteiligten nicht nur die Gegenseite, sondern auch diese selbst entmenschlicht. Nach dem 11. September 2001 meldet sich Rafik Schami, den der Palästinakonflikt schmerzhaft geprägt hat, «Mit fremden Augen» zu Wort, einem Tagebuch des Ringens nach einem dritten Weg im Umfeld mörderischer Polarisierung, einem Weg jenseits von Fundamentalismus und Amerikahörigkeit, George Bush oder Saddam Hussein, den Guten und den Bösen. Nach der Lektüre dieses Tagebuchs des verwundeten Insiders, der recherchiert, Hinter- und Abgründe ausleuchtet, verständlich formuliert und klar beurteilt, liest man auch im Sommer 2006 die Zeitung mit andern Augen.

Rafik Schamis unbestechliche Haltung verwehrt ihm die Rückkehr nach Syrien. Damaskus ist für ihn noch nach 35 Jahren Exil eine verbotene Stadt, wie er einleitend in seiner kürzlich publizierten Essaysammlung «Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick» feststellt, die für Schami sein wichtigstes Buch ist.

Wie Syrien schon vor dem neuen Krieg mit kritischen DemokratInnen umgesprungen ist, zeigte im letzten Mai die auch im Westen wahrgenommene Verhaftung des Oppositionellen Michel Kilo, der mit Gleichgesinnten ebenso einen problem- und lösungsorientierten dritten Weg zwischen US-Armee und Fundamentalismus sucht und schon vor einem Jahr eine Gewaltspirale unvorstellbaren Ausmasses auf den Nahen Osten zukommen sah.

Rafik Schami hat die Bereitschaft, auf das syrische Regime auch nur einen Zentimeter zuzugehen, spätestens seit dem Tod seiner Mutter, die er weder besuchen noch beerdigen durfte, endgültig aufgegeben. Für die Arbeit am gemeinsam mit seiner Schwester Marie Fadél verfassten Damaszener Reiseführer und Kochbuch «Damaskus - der Geschmack einer Stadt» (2002) hing er stundenlang am Telefon, während ihn seine Schwester hören liess, was sie auf ihren Spaziergängen durch die Altstadt erlebte, die im fernen Deutschland für den Gefährten aus Damaskus der schönste Ort der ganzen Welt bleibt.

Der weite Horizont

Der syrische Schriftsteller und Geschichtenerzähler Rafik Schami wurde im Juni dieses Jahres sechzigjährig - Anlass für die Publikation einer Sammlung von Artikeln und Essays unter dem Titel «Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick». Darin sind auch Texte enthalten, die zuerst in der WOZ erschienen sind.

Rafik Schami, jahrelang regelmässiger WOZ-Mitarbeiter, begann auf eigene Anregung hin Anfang 1994 eine persönliche Kolumne. Er schrieb jede Woche auf der letzten Seite - sozusagen für jene LeserInnen, die die Zeitung auf Arabisch von hinten aufschlagen - in sein «Tagebuch der Fremde». Die Texte wurden 1997 als «Gesammelte Olivenkerne» in Buchform veröffentlicht. Schami meldete sich auch danach immer wieder in der WOZ zu Wort - sei es mit Beiträgen zum Palästinakonflikt, mit Besprechungen der Werke von KollegInnen, mit Notizen nach den Attentaten in New York vom 11. September 2001 oder zur Auseinandersetzung um die «Leitkultur» in seinem Gastland. Aber auch mit ganz anderem, etwa einem Spiel für die erste Kinderseite in der 1000. WOZ-Ausgabe im Jahr 2000 oder mit einem Rezept für den Petersiliensalat Tabbouleh, der einen «vor Genuss stöhnen» lassen soll.

Rafiks Engagement für diese Zeitung ging weit übers Schreiben hinaus: Er nahm an öffentlichen WOZ-Diskussionsrunden teil oder regte 1998 im Rahmen der Sammelaktion «1 Million mit links» einen äusserst erfolgreichen Benefizabend mit Schweizer Kabarett- und SatirekünstlerInnen an. Für alle, die mehr über Rafik Schami und sein Leben zwischen Deutschland und Syrien und seine Erzählwelt wissen wollen, ist zum Geburtstag eine ausführliche Biografie erschienen.

Zum Geburtstag des «Wortzauberers zwischen Orient und Okzident» bat die WOZ den Schweizer Schriftsteller Stefan Ineichen darum, Leben und Werk von Rafik Schami zu würdigen. Auch Ineichen ist ein Geschichtenerzähler; er hat zwei Bände mit Sagen aus der Schweiz veröffentlicht.

Werner Scheurer

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