Nr. 35/2006 vom 31.08.2006

Mit Lenin in die Berge

Der Verlag des Schweizer Alpen-Clubs überrascht mit neuen Geschichten.

Von Pit Wuhrer

Der Bergsommer war nicht berauschend gewesen in diesem Jahr - zuerst die Hitze, die den Fels lockerte und so manchen Schrund zu einem schier unüberwindlichen Hindernis werden liess, dann der frühzeitige Wintereinbruch, der in den höheren Regionen viel Schnee auf die Felsen warf. Nur wer viel Zeit hatte, konnte sich in den letzten Wochen in den Dauphiné retten, jene bis zu knapp über 4000 Meter hohe Bergregion südlich von Grenoble, von deren Gipfeln aus man das Mittelmeer fast riechen kann und die hierzulande kaum jemand kennt.

Dafür schaute uns auf dem weitläufigen, von zahllosen Kletterfelsen umgebenen Campingplatz von Ailefroide auch niemand über die Schulter, als wir die neuesten Bücher des SAC-Verlags hervorholten. Deren Angaben hatten wir eigentlich durch Touren im Berner Oberland und im Wallis überprüfen wollen. Doch dann vertrieb uns das Wetter. Aber ein bisschen kennen wir uns ja schon aus.

Fast zwei Stunden lang studierte Manfred «Hoch hinaus», den ersten Fotoführer des SAC-Verlags. Und? «Die Informationen über Routenverlauf, Dauer der Tour und Risiken stimmen», sagt der Freund, der mehrere Dutzend Viertausender bestiegen hat. «Ich hätte vielleicht noch darauf hingewiesen, dass beim Anstieg auf das Weisshorn die linke Rippe gewählt werden sollte, die erkennt man im Dunkeln nur schlecht. Und dass man vor dem Gipfel des Obergabelhorns dessen gesamte Nordwand unter dem Arsch hat.» Auch die Beschreibung des Biancograts, den wir vor zwanzig Jahren gemeinsam begingen, und die Angaben zum Ostpfeiler des Piz Palü - beide Touren gehören zu den fünfzig empfohlenen Routen dieses Bandes - entsprechen unseren Erfahrungen. Wer Platz sparen will, müsse nur die jeweils auf einer Seite gebündelten Tourinfos kopieren und eine Karte einpacken, sagt der Kollege - und greift zum nächsten Buch, während ich die Begleittexte von Stéphane Maire, David Coulin und Barbara Leuthold Hasler lese. Vor allem Haslers Beschreibung, wie ihr auf dem Piz Bernina ein Bergsteiger an die Wäsche ging, ist erhellend. Gar so offen und freiheitsliebend, wie es sich wähnt, ist das Bergsteigerpack noch längst nicht.

Manfred prüft derweil den neu aufgelegten Auswahlführer Berner Alpen und nickt. Exzellente Qualität, wie man das von der SAC-Literatur und Ueli Mosimann nicht anders erwartet. Dafür staunen wir über Mosimanns neuen Alpinwanderführer «Zwischen Saane und Reuss». Seit wann interessiert sich der SAC auch für Lenin? Der russische Revolutionär, so erfahren wir aus dem Buch, hatte in der Schweiz eine ganze Reihe von Bergen bestiegen und hier «seine auch in der heutigen Globalisierungsdiskussion noch aktuelle Analyse ‹Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus› geschrieben». Sapperlott! Auch die anderen Kurztexte wie «Alpenbutter schützt den Regenwald» und «Die Ableitung der Kander in den Thuner See» machen Lust auf Entdeckungen entlang den vorgeschlagenen Wanderungen.

Voller Überraschungen steckt auch der Kulturführer «Wanderziel Hütte» von Dres Balmer. Der Autor war zum SAC-Jahr der Hütten 2006 auf fünfzig SAC-Hütten marschiert, hatte in Archiven gekramt, mit Leuten geredet und weiss daher mit seinen KoautorInnen viel Interessantes über die Geschichte der Sektionen, das Konzept des Hüttenarchitekten Jakob Eschenmoser, die soziale Lage der BergsteigerInnen und der italienischen Bauarbeiter, die grossen Mühen beim Hüttenbau oder die politischen Flüchtlinge während des Faschismus zu berichten. War nun Edward Whymper, der Matterhornbezwinger, zur Eröffnung der Schönbielhütte 1909 mit zwei Flaschen Whisky losmarschiert (die auf halber Strecke bereits geleert waren), liess er sich von einem Maultier hoch tragen, oder kam er nüchtern, aber zu Fuss oben an? Schade, man würde gern mehr wissen, auch über die Geschichte der anderen 103 SAC-Hütten. Aber dann wäre das ausgezeichnete Büchlein wohl doch zu schwer geworden für den Rucksack. So aber trugen wir es leicht beschwingt noch mit zu einem der Wirte von Ailefroide.

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