Indien : Eskalierende Gewalt

Nr. 41 -

Die Frauenorganisation Vimochana kämpft gegen die häusliche Gewalt in Indien. Die Aktivistin Madhu Bushan* erzählt.

Unsere Organisation Vimochana, was so viel wie Befreiung bedeutet, ist in den siebziger Jahren aus einer linken, trotzkistischen Bewegung entstanden. Ein Bestandteil unserer Arbeit ist es, auf die Wurzeln der steigenden Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Gewalt gegen Frauen ist ein globales Problem, das nicht auf einer bestimmten Kultur, Religion oder Nationalität basiert. Doch gerade in Bezug auf Indien wird sie als ein kulturspezifisches Problem betrachtet, was einer sehr kolonialistischen Betrachtungsweise entspricht. Deswegen ist es in Indien heute noch immer schwer, das Thema offen anzusprechen, da es automatisch als Kritik an unserer Kultur verstanden wird. Besonders die sogenannten Mitgiftverbrechen lassen die indische Gesellschaft barbarisch und fundamentalistisch aussehen. Bei diesen Verbrechen werden Ehefrauen ermordet oder schwer verletzt, wenn sie nicht noch mehr Geld von ihren Familien verlangen oder die Mitgift aufgebraucht ist. Es muss allerdings hervorgehoben werden, dass Mitgiftverbrechen in Indien ein relativ junges Phänomen sind, das erst seit circa siebzig Jahren in der heute bekannten Form existiert. Seit wir unsere Arbeit begonnen haben, sehen wir die Tendenz zu einer starken «Entwertung» der Frauen. Trotz einer verbesserten Gesetzesgebung ist die Gewalt gegen Frauen in den letzten Jahren eskaliert, so wie auch der Mord an weiblichen Babys und die Abtreibung weiblicher Föten geradezu epidemische Formen angenommen hat. Und es geschieht nicht nur in den armen, ländlichen Gebieten. Betrachtet man die demografische Entwicklung, so verändert sich das Verhältnis der Geschlechter vor allem in den städtischen und wohlhabenden Gebieten zuungunsten der Frauen. Denn gerade in diesem Bereich hat die Frau ihre klassische Rolle in der Versorgung der Familie verloren, und der einzige «Wert», den sie noch hat, ist das Geld, das sie in die Ehe mitbringt.

Wir arbeiten auf drei Ebenen. Zum einen bieten wir Krisenintervention bei akuten Fällen von häuslicher Gewalt an, wir betreiben ein Frauenhaus und versuchen präventiv zu vermitteln. Auf einer zweiten Ebene machen wir dringend nötige Aufklärungsarbeit bei Behörden. Die Zahl der Opfer ist erschreckend. Alleine in Bangalore sterben jeden Tag bis zu drei Frauen wegen häuslicher Gewalt, was man in Indien «unnatürlicher Tod einer Ehefrau» nennt. Und auf einer dritten Ebene arbeiten wir an unserer internationalen Vernetzung. Wir stehen auch in Kontakt mit Frauengewerkschaften und gehen in die Gemeinden, um Unterstützungsgruppen aufzubauen, denn eine individuelle Veränderung jeder einzelnen Frau reicht nicht aus. Sie kann sich durchaus ihrer Rechte bewusst sein, doch solange sich das soziale System, in dem sie lebt, nicht ändert, wird sie keine Chance haben. Deshalb versuchen wir, das bestehende System zu sensibilisieren damit die Frauen innerhalb ihrer eigenen sozialen Realität für ihre Rechte einstehen können.

* Madhu Bushan ist die Verantwortliche für das Projekt «Frauenhaus in Kolar», der Organisation Vimochana in Bangalore, Indien. Vimochana ist ein autonomes Kollektiv von Frauen und Teil der Dachorganisation SIEDS. Seit 1975 bietet Vimochana Unterstützung, ambulante Beratung und eine Zufluchtsstätte für Frauen in Not. Sie betreiben Aufklärungsarbeit bei der Polizei, den Behörden und PolitikerInnen zum Thema Gewalt gegen Frauen. SIEDS ist stark vernetzt mit nationalen und internationalen Frauenorganisationen wie dem Asian Women’s Human Rights Counsil (AWHRC). EcoSolidar Schweiz unterstützt das Projekt seit 1998.

www.ciedsindia.org