Nr. 43/2006 vom 26.10.2006

Familiengeschichte, wie von selbst erzählt

In «Vierzig Rosen» beseitigt der erfolgreiche Autor auf souveräne Art die Missverständnisse, die sein fiktiv-biografisches Schreiben seit den Anfängen begleiten.

Von Rea Brändle

Das Ende der Familie sei der bitterste Verlust unserer Gesellschaft, sagte Thomas Hürlimann in den zahlreichen Interviews über seinen neuen Roman. Dass er damit etwas Umfassenderes meint als den Niedergang der properen Kleinfamilie, daran liess er keinen Zweifel: «Mit der Familie verschwindet unser Einblick in den grossen Zusammenhang, das Kommen und Gehen, das Werden und Sterben, die Liebe und ihr Verblühen, der Wahn und die Langeweile. Das hat sich mir in jungen Jahren noch erzählt. Es sind Erfahrungen, die ein Kind von heute nicht mehr machen kann.»

Die Familie als schicksalhafter Verband, ein Berührungsfeld verschiedener Generationen und Lebenseinstellungen, somit das pure Gegenteil von hermetischen Szenen, raschen Abschieden, dem Diktat der Selbstverwirklichung. Eine feste Grösse auch, ein Ort, wo Geschichten tradiert werden. Daraus schöpft Hürlimann seit je den Stoff für seine Texte, sich ans Eigene haltend, obwohl gerade das in seinem Fall anfänglich nicht einfach war, als Sohn eines Bundesrates aus Zug (1974-1982 im Amt des Innenministers der CVP) und mit einer ebenso ungewöhnlichen Familie mütterlicherseits, was oft zu Missverständnissen führte.

Als gings um Enthüllungen

«Da taar me nöd!» So donnerte das legendäre Verdikt über Hürlimanns erstes Theaterstück «Grossvater und Halbbruder» herein. Das war in den frühen achtziger Jahren, während der Realismusdebatte, und als deren Exponent kritisierte Niklaus Meienberg, dass eine der Figuren in jenem Stück «mein Vater Hans Hürlimann» heisse, seine Frau aber «meine Mutter Theres Ott», wo sie doch, um bei der Wahrheit zu bleiben, ebenfalls beim Namen genannt werden müsste, nämlich Marie-Theres Duft, aus einflussreicher Familie stammend, einem CVP-Clan aus St. Gallen. Genau das würde, so Meienberg, das Stück erst richtig interessant machen.

Noch lauter war die Empörung, in konservativen Ostschweizer Kreisen diesmal, als 2001 in der Novelle «Fräulein Stark» nicht nur die Titelfigur identifiziert, sondern auch ihr Dienstherr ausfindig gemacht werden konnte, der Onkel des jugendlichen Ich-Erzählers, stadtbekannt als Stiftsbibliothekar Johannes Duft. Es nützte nichts, dass ihm Hürlimann in seinem Buch den Namen Katz gegeben hatte, im Gegenteil, das führte erst recht in Versuchung, den Text als Schlüsselroman zu lesen, ebenso wie drei Jahre zuvor «Der grosse Kater» als Vater-Roman und mithin als Quelle intimer Anekdoten aus dem Bundeshaus rezipiert worden war. Ob Hürlimann für einmal mit diesem Effekt spielte, bleibe dahingestellt, gewiss aber ist «Der grosse Kater» nicht sein bester Roman.

In «Vierzig Rosen» nun treibt Hürlimann seine Namensgebungen auf irritierende Art weiter. Die weibliche Hauptfigur heisst Marie Katz, sie ist die jüngere Schwester des Chefs der Bücherarche und verheiratet mit Max Meier, einem etwas selbstgefälligen Juristen, der in die vorderste Reihe der Politik drängt; für seine Gesinnungsfreunde figuriert er immer noch unter dem Namen aus Studentenverbindungszeiten, dem sogenannten Vulgo, und dieser lautet Kater. Es gibt noch weitere Bezüge zu früheren Hürlimann-Texten, und zu Beginn mag man versucht sein, «Vierzig Rosen» als Mutter-Buch zu lesen, einen weiteren Mosaikstein in einem mehrteiligen Familienepos, doch das will nicht funktionieren. Der Roman packt von selbst. Er beginnt am Morgen eines Geburtstags von Marie, beschreibt diesen einen Tag und mithin ihr ganzes Leben, samt zahllosen Reminiszenen an die weitere Verwandtschaft, die Vorfahren. Als wäre ihre eigene Geschichte nicht spannungsreich genug: Auf bestem Weg, eine erfolgreiche Pianistin zu werden, verliebt sie sich in den biederen Aufsteiger Max. Sie lässt ihre Karriere fahren, um ihn zu heiraten, nicht aus Leidenschaft, eher aus dem Wunsch heraus, eine wie alle zu werden, heimisch endlich im Städtchen am See, wo sie aufgewachsen war, im Katz-Haus, mit ihrem verwitweten Vater, der eine sehr angesehene Massschneiderei betrieb.

Damit ist die zweite Hauptfigur aus «Vierzig Rosen» angesprochen. Als Einziger der Familie weigert sich Vater Katz, zum Christentum zu konvertieren. Er bleibt Jude, auch wenn ihn seine Beharrlichkeit in den 1930er Jahren gezwungen hatte, die Firmenreklame von seinem Hausdach zu entfernen und später das Geschäft aufzugeben. Und zugleich mit ansehen musste, wie seine Angehörigen es mit dem Katholizismus übertrieben und dennoch schikaniert wurden, weil das Katzenhafte eben nicht mit Weihwasser abzuwaschen ist, wie die Leute im Städtchen sagten. Seine drei Schwestern wurden Missionarinnen in Afrika, der Sohn flüchtete in eine geistliche Berufung, vergrub sich in der Bücherarche. Marie, die Tochter, wurde zu den Nonnen von Mariä Heimsuchung gebracht, ein strenggläubiges Internat, ohne dass ihr dort die Anhänglichkeit zum Vater hätte ausgetrieben werden können.

Brüche, Andeutungen, Rituelles

In diesem Spannungsfeld erzählt Hürlimann die Geschichte der Familie Katz. Er tut es ungemein souverän, manchmal in groben Zügen, dann wieder eindringlich sich auf die inneren Konflikte der Marie konzentrierend. Dass er dennoch nicht zu einem allwissenden Erzähler mutiert, hat mit seinem literarischen Verfahren zu tun. Er arbeitet mit Brüchen, Auslassungen, eingestreuten Dialogen, Andeutungen, Rituellem, Repetitionen, perfekt platziert, nach Minimal-Art. Dies alles muss er seinem Roman nicht aufdrängen, die stilistischen Mittel ergeben sich aus dem Thema selbst. Niemand weiss dies besser als der alte Katz: «Na, gewöhn dich dran, bald musst du jede Geschichte zehnmal erzählen! Zwanzig. Dreissig, fünfzig Mal!», sagt er seiner Tochter, sie sei nicht anders gewesen als Kind vor dem Einschlafen, «Abend für Abend musste ich dir von Seidenkatz erzählen, vom Ober mit den Backenbärten, vom Bahnhofsvorstand, vom Telefgrafisten, und wehe, ich habe einen einzigen Kellner ausgelassen.»

Und wo Geschichten wieder und wieder erzählt werden, über Generationen bis zu den Kindeskindern, kommt es gern zu Übertreibungen. Ganze Lebensläufe werden auf Anekdoten verkürzt, prägnante Episoden aber ausgeschmückt. Auch das ist in «Vierzig Rosen» nachzulesen: die Weihnachtsfeier mit dem Monsignore von der Bücherarche etwa, das Wirken der drei Missionarinnen Katz in Afrika, eine missratene Gebirgstour des Max Meier oder sein Flirt mit dem Fahrlehrerverband. Es gehört zu Hürlimanns Kunst, solch groteske Geschichten mit Hochgenuss zu servieren, sie aber immer wieder in einen ruhigen Grundton zurückzuholen. So sind es die Tanten, die der schwangeren Marie einen Brief aus Afrika schreiben, schrullig und anrührend in einem. «Die Gnadenmutter schenkt Dir schon bald das ersehnte Kind - und glaub uns: Es wird zur Freude von Herrn Dr. Meier ein Junge sein, der Stammhalter und Hauserbe. Erzähl ihm von uns und vergiss nicht, ihn rechtzeitig mit dem Klavier vertraut zu machen - sicher hat er das Musiktalent der Katzen geerbt.»

Wenn Hürlimann in Interviews von der Familie schwärmt, neigt er manchmal zum Konservativen. Anders in seiner literarischen Arbeit, da erweist er sich als experimentierfreudiger Erzähler. Und er weiss auch, im Umgang mit den Medien, was seine Qualitäten und Potenzen sind: «Über kurz oder lang werden Poeten kommen, die es schaffen, das Neue und Andere neu zu erzählen. Ich freue mich auf sie, obwohl ich weiss, dass ich nichts davon verstehen und nur den Kopf schütteln werde. Meine Aufgabe ist es, mich bis zu solchen Schwellen hinzuschreiben.»

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