Nr. 44/2006 vom 02.11.2006

«Rettung ist möglich»

Eine Begegnung mit dem Computerpionier, Technologiekritiker und ehemaligen Flüchtling aus Berlin.

Von Ulrike Baureithel

«Von den Maschinen fortlaufen und auf den Acker zurückkehren ist unmöglich. Sie geben uns nicht frei und wir geben sie nicht frei. Mit rätselhafter Gewalt sind sie in uns, wir in ihnen.»

Helmut Plessner, «Die Utopie in der Maschine», 1924

«Der Mensch ist der Fehler!» Brechts Stossseufzer aus den dreissiger Jahren könnte als Kommentar zu all jenen WissenschaftspionierInnen stehen, die Jahrzehnte später unter dem Stichwort «der Schlüssel zum Code» ein gemeinsames Projekt vorantrieben: Während sich die Cracks der Informationstechnologie darum bemühten, die menschliche Intelligenz nachzubauen, versuchten die MolekularbiologInnen, das «Buch des Lebens» zu entziffern. Der Schlüsselbegriff beider Disziplinen, «Code», stammte aus der Militärspionage. Der britische Mathematiker Alan Turing hatte im Zweiten Weltkrieg das deutsche Chiffriersystem Enigma entschlüsselt; der Deutsche Konrad Zuse entwickelte 1938 den ersten Computer, was - glücklicherweise - von den Nationalsozialisten und der Wehrmacht damals nicht gewürdigt und gefördert wurde.

Einer der frühen Computerpioniere in den USA, Joseph Weizenbaum, wohnt heute wieder in Berlins Mitte. Aus seiner Wohnung im achten Stock fällt der Blick geradewegs auf den Berliner Dom, mit dem die Hohenzollerndynastie einst ihrem weltlichen Reich die sakrale Weihe gab; eben jene Dynastie, die später auch die aufstrebenden Wissenschaften ganz in den Dienst ihrer militärischen Expansionsbestrebungen stellte.

Einer der frühen Computerpioniere in den USA, Joseph Weizenbaum, wohnt heute wieder in Berlins Mitte. Aus seiner Wohnung im achten Stock fällt der Blick geradewegs auf den Berliner Dom, mit dem die Hohenzollerndynastie einst ihrem weltlichen Reich die sakrale Weihe gab; eben jene Dynastie, die später auch die aufstrebenden Wissenschaften ganz in den Dienst ihrer militärischen Expansionsbestrebungen stellte.

Wie viele komplexe Technologien, sagt Weizenbaum, ist auch der Computer ein Kind des Krieges. Zwar lag der wissenschaftliche Furor nach dem Zweiten Weltkrieg erst einmal brach, weil niemand an die sinnvolle Weiterentwicklung der Technologie glaubte. Erst mit dem Korea- und dem Kalten Krieg erlebte die Computerforschung einen neuen Aufschwung. Das Pentagon vergab grosszügige - meist zivil getarnte - Aufträge, an deren Erledigung am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) auch ein junger Mathematiker namens Joseph Weizenbaum beteiligt war.

Eben dieses «Missverständnis» war der Grund, weshalb Weizenbaum seit den siebziger Jahren auf Distanz zur eigenen Zunft ging. Sein berühmtes Sprachanalyseprogramm Eliza, Mitte der sechziger Jahre entwickelt, um die Möglichkeiten sprachlicher Informationsverarbeitung vorzuführen, simulierte eine Therapiesituation, bei der der Computer unter anderem die Rolle des Doktors übernahm. Was Weizenbaum eigentlich als Parodie verstanden wissen wollte, verselbstständigte sich. Er stellte bestürzt fest, dass die «Probanden» schnell eine emotionale Beziehung zum Computer herstellten, als ob dieser ihre Probleme wirklich «verstehen» könnte; schlimmer noch, amerikanische Therapeuten sinnierten sogar darüber, ob Eliza in der Praxis einsetzbar sei.

Bis heute beschäftigt Weizenbaum dieses Phänomen. «Neulich», erzählt er, «erklärte mir der Leiter des MIT, er habe ein Programm entwickelt, das Geschichten versteht, zum Beispiel ‹Hamlet›, man könne den Computer also fragen, ob er ‹Hamlet› verstanden habe. Was sich dann aber herausstellte war, dass der Computer nur sagen kann, was in der Geschichte passiert - what happened. Wenn er das einmal ‹gelernt› hat, braucht er die Geschichte nie mehr zu lesen. Wir leben in einer Kultur, in der eine ‹Geschichte verstehen› bedeutet: what happened. Das ist aber ganz falsch.» So wie die Menschen bei der Nutzung von Eliza dem Computer ein «menschliches» Antlitz gaben, so interpretieren sie auch eine Geschichte wie «Hamlet» immer wieder aufs Neue, das ist ihre spezifisch menschliche Leistung. Was wir also «Information» nennen - what happened - sind nur Zeichen, Signale. «Information werden sie erst durch den Leser, der sie interpretiert.»

Und dann hält es Weizenbaum nicht mehr länger auf seinem Stuhl, er spielt eine Fernsehszene nach, die sich nachts in der menschenleeren New Yorker U-Bahn abspielt: «Ein Mann, ein bisschen besoffen vielleicht, geht auf einen Automaten zu. An dem Automaten hängt eine Stange, und wenn man fünfzig Cent einwirft, fängt die Stange an, sich zu bewegen (Weizenbaum rudert illustrierend mit dem Arm). Da erzählt der Mann dem Automaten, seine Frau habe ihn verlassen. Irgendwann hört die Stange auf, der Mann wirft eine neue Münze ein, die Stange (Weizenbaum rudert weiter) bewegt sich aufs Neue, und der Mann erzählt weiter ... Vielleicht», beendet Weizenbaum die Geschichte schmunzelnd, «hat das ja wirklich einen therapeutischen Wert».

Es gibt kaum etwas, das der Mann, der zeitlebens mit Zahlen und Maschinen zu tun hatte, nicht in lange Geschichten kleidet. Hierin ist er ganz Vertreter seiner jüdischen Herkunft und Tradition. Schon einmal hat Weizenbaum im Herzen Berlins gewohnt, an der Ecke Charlottenstrasse/Jägerstrasse, wo sich die Kürschnerwerkstatt seines Vaters befand. Ein echter «city boy», sei er gewesen, hat Weizenbaum einmal geschrieben. Das Verhältnis zum Vater war sehr distanziert, die Mutter erdrückte die beiden Söhne mit ihrer Liebe. So war Joseph ein eher einsames Kind, und als die Familie, kurz nach seinem 13. Geburtstag am 8. Januar 1936, Berlin verliess, um in die USA zu emigrieren, kam ihm auch noch die Sprache abhanden.

Heute ist Weizenbaum wie viele Juden seiner Generation ein «Mann des Wortes» und sichtlich stolz auf einen geisteswissenschaftlichen Ehrendoktor. Vielleicht wäre aus ihm, hätte er in Deutschland bleiben können, ein Ingenieur geworden, erzählt er, und er hätte womöglich eine Baumwollpflückmaschine erfunden. Schon in den wenigen Jahren, die er das Luisenstädtische Gymnasium habe besuchen können - nach 1933 musste er auf die jüdische Knabenschule wechseln -, offenbarte sich sein Talent für die Mathematik, das er, auch um sein Sprachdefizit zu kompensieren, in den USA weiterentwickelte.

Ergreifend ist die Geschichte, in die er seine Gefühle bei der Rückkehr nach Deutschland fasst: «Als Junge bin ich öfter an der Humboldt-Uni vorbeigelaufen und hatte den Traum, dass ich da einmal studieren würde. Als ich Mitte der sechziger Jahre für einige Wochen an die TU Berlin eingeladen wurde, um über meine Arbeit am MIT zu berichten, wollte ich den Raum, in dem die Studenten auf mich warteten, durch den Eingang für die Studenten betreten. Das war noch vor 1968, und mir wurde bedeutet, ich solle die Tür für die Professoren benutzen. Ich bin also rein, da sassen zwanzig oder vielleicht auch sechzig Studenten, ich stand vor ihnen und war einfach überwältigt. Ich musste alle Kraft zusammennehmen, ich war fast am Weinen und dachte, mein Gott, hier stehe ich in der TU Charlottenburg, und ich bin, das hört sich vielleicht merkwürdig an, so viele Meilen vom MIT entfernt und vom Nordpol und entfernt in der Zeit; wenn ich zurückginge ins Jahr 1935, könnte ich dann hier überhaupt stehen, als Professor, würde ich nicht abgeholt und in wenigen Tagen, Wochen oder Monaten ermordet werden? Und jetzt stehe ich hier, in Deutschland, in Berlin, und ich bin nicht als Student angekommen. Ich war ganz erschüttert.»

Vielleicht ist es diese gelebte Erfahrung, die Weizenbaum davon abbrachte zu glauben, alles sei kalkulierbar oder überhaupt sagbar in einer Sprache. «Meine Kollegen an den Spitzenuniversitäten glauben, dass der Mensch eine Maschine ist, und es ist ein Dogma für sie, dass alle Aspekte der Realität berechenbar seien. Sie verteidigen diese Auffassung hartnäckig, obwohl doch offensichtlich ist, dass wir viel mehr wissen, als wir sagen können.» Wenn er auf seine ehemaligen Kollegen am MIT, allen voran Marvin Minsky, den Promotor der künstlichen Intelligenz (KI), und dessen «Unsterblichkeitsprojekt» zu sprechen kommt, kann sich Weizenbaum in Erregung sprechen.

Was die Vertreter der KI nämlich für eine Stärke des Computers halten, seine Eindeutigkeit, ist für Weizenbaum seine Schwäche. Die Eindeutigkeit, sagt er, gehe mit einem Zwang zur Abstraktion einher, die die Realität entwertet und die Mehrdeutigkeit der Welt leugnet.

Aber ist die Tatsache, dass menschliches Verhalten und Sprache überhaupt auf die Maschine ausgelagert werden können, nicht auch ein Indiz dafür, dass dem Menschen etwas «Maschinenhaftes» innewohnt, versuche ich in einer der wenigen Erzählpausen zu erfahren. An Helmuth Plessners Diktum, nach dem sich Mensch und Maschine gegenseitig in rätselhafter Gewalt haben und dieses Verhältnis historisch nicht revidierbar sei, arbeitet sich Weizenbaum ab; er will es nach vorne öffnen. Sicher habe der Mensch die Maschine verinnerlicht und übernehme die Maschine menschliche Aufgaben: «Aber was lehrt uns das? Bedeutet es, hilflose Opfer zu sein, Geiseln eines Zustandes?» Natürlich könne sich der Mensch nicht von der Maschine befreien, so wie sich Jugendliche nicht ihrer Eltern entledigen können. «Die Maschine ist kein Feind. Aber wir sollten unsere Autonomie verteidigen, so wie der Künstler seine Autonomie verteidigt», plädiert er.

Was Weizenbaum uns immer wieder abverlangt, ist die Zivilcourage, die gegen die angeblich technologischen Zwangsläufigkeiten in Stellung gebracht werden kann. Die gefährlichste Illusion, findet er, ist die angebliche Ohnmacht des Einzelnen. Die Erinnerung an diese Verantwortung - auch und gerade des einzelnen Wissenschaftlers - mag der Stachel im Fleisch seiner Kollegen sein. Deshalb denunzieren sie ihn als Kommunisten, der überhaupt nichts von Computern verstünde. Und obgleich sich Weizenbaum selbst als Häretiker in der «Kathedrale der Wissenschaft» versteht, trifft ihn die Herabsetzung der Päpste tief; vielleicht, weil da der Vater nachklingt, der seinen Sohn immer für einen Trottel hielt und ihn höchstens als sehr guten Taxifahrer würdigte.

Joseph Weizenbaum ist ein hoffnungsvoller Pessimist. «Stephan Hawkings», sagt er, «gibt der Welt nur noch sechzig Jahre, wenn wir nichts radikal ändern. Ich denke auch, wir sind am Ende, aber ich gebe uns immerhin noch hundert Jahre. Mir wird dann gesagt, ich sei Pessimist, dabei ist Pessimismus ein relativer Begriff und hat mit Wahrscheinlichkeit zu tun, Hoffnung dagegen mit Möglichkeit. Ich bin äusserst pessimistisch, aber ich habe Hoffnung und bin zuversichtlich, dass wir uns retten können, weil es möglich ist.»

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