Nr. 45/2006 vom 09.11.2006

Welche ETH wollen wir?

von Marcel Hänggi

Nach dem Scheitern des ETH-Präsidenten gilt es vor allem zwei Fragen zu diskutieren. Die eine ist die nach der Rolle des ETH-Rats: Dieser hat Ernst Hafen an die ETH-Spitze gesetzt - einen exzellenten Molekularbiologen, doch ohne Führungserfahrung und von einem tieferen Verständnis gesellschaftlicher Zusammenhänge ziemlich unbelas-tet. Dass die ETH mit ihrem Aufsichtsgremium, das sich wie ein operatives Führungsorgan benimmt, ein Problem hat, zeigte sich zuletzt am Tag nach Hafens Rücktritt, als der ETH-Rat die Restschulleitung der ETH nötigte, eine kurzfristig angekündigte Pressekonferenz wieder abzusagen. Die Rolle des ETH-Rats wurde in den Medien in den vergangenen Tagen diskutiert, und sie wird in der Wissenschaftskommission des Nationalrats ein Thema sein, wie deren Präsidentin Kathy Riklin klarmacht (siehe WOZ Nr. 44/2006: www.woz.ch/artikel/archiv/14042.html).

Die andere Frage hängt mit der ersten zusammen, sie ist wichtiger - und doch stellt sie kaum jemand: Welche ETH wollen wir? Ernst Hafens Antwort - seine «Vision», für die er vom ETH-Rat gewählt wurde - lautete: die beste technisch-naturwissenschaftliche Hochschule der Welt. Was eine solche ausmache, konnte er freilich nicht erklären (siehe WOZ Nr. 39/2006: www.woz.ch/artikel/archiv/13919.html). Die ProfessorInnen, die seinen Rücktritt verlangten, stellten denn auch fest, die von der Schulleitung unter Hafen geplanten Reformmassnahmen seien «ohne eine klare Zielsetzung zustande gekommen». Konrad Osterwalder, Rektor der ETH und Interimspräsident, findet die Formulierung «beste Hochschule» «ungeschickt», will aber weltweit zu den Top Ten gehören.

Doch welche ETH ist die beste für die Schweiz? Eine, die Harvard, MIT und Berkeley ProfessorInnen abwerben kann? Eine, die an Lösungen für die dringendsten Probleme unserer Zeit arbeitet? Eine, die möglichst viel zum Wirtschaftswachstum beiträgt? Eine, die zur Industrie ein Gegengewicht bildet? Eine, die künftige Nobelpreisträgerinnen ausbildet? Unternehmensgründer? Verantwortungsvolle Wissenschaftlerinnen? Alles gleichzeitig geht nicht.

Zufällig fand am Tag, an dem die Schulleitung ihre Reformpläne stoppte, ein «nationaler Bildungsgipfel» statt. VertreterInnen der Hochschulen, des Nationalfonds und der Akademien forderten, die Bildungsausgaben müssten im Planungszeitraum 2008 bis 2011 um jährlich 10 Prozent wachsen - der Bundesrat hatte ursprünglich nur 4,5 Prozent vorgesehen, der Nationalrat will 8 Prozent. Alle reden von Zahlen, kaum jemand von Inhalten. Doch: 4,5 oder 10 Prozent, Hafen oder ein anderer, weltbeste Hochschule oder Top Ten - diese Fragen sind sekundär, solange nicht diskutiert wird, welche Wissenschaft wir wollen.

Diese Debatte ist überfällig. «Gezielte Indiskretionen», wie Ernst Hafen vermutete, braucht es dazu übrigens keine - für den ersten kritischen Medienbericht über die ETH-Reform genügte es, den grossspurigen Verlautbarungen Hafens genau zuzuhören. Er stand in der WOZ Nr. 39/06.

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