Nr. 03/2007 vom 18.01.2007

Unheimliche Hundeführerin

Vor wenigen Wochen wurde die ehemalige KZ-Aufseherin Elfriede Rinkel, 84, im kalifornischen Exil enttarnt. Kann man Menschen wie sie heute noch vor ein Kriegsgericht stellen?

Von Till Hein

Die Leute aus der Nachbarschaft in San Francisco schildern Elfriede Rinkel als eine reizende Zeitgenossin. Mit ihrem Mann ging die alte Dame abends gerne händchenhaltend spazieren. Manchmal sangen die beiden auch deutsche Volkslieder.

Bereits in den fünfziger Jahren ist die gebürtige Leipzigerin in die USA ausgewandert: eine kleine, zarte Frau mit roten Haaren und schönen blauen Augen. In San Francisco findet sie Arbeit in einer Kürschnerei. Bald lernt sie Fred Rinkel aus Berlin kennen. Die beiden heiraten - eine glückliche Ehe. Gerne gehen die Rinkels noch im hohen Alter gemeinsam tanzen. Nach dem Tod ihres Mannes im Januar 2004 zieht sich Elfriede Rinkel zurück. In ihrer Dachwohnung im bürgerlichen Stadtteil Nob Hill will sie ihr Leben in Ruhe ausklingen lassen. Sie ist inzwischen über achtzig Jahre alt.

Doch am 4. Oktober 2004 klopfen Justizbeamte an die Tür. Es sind zwei Mitarbeiter des Office of Special Investigations (OSI), einer US-Eliteeinheit, die nationalsozialistische KriegsverbrecherInnen jagt. Die Beamten konfrontieren Rinkel mit einer schweren Anschuldigung: Von Juni 1944 bis April 1945 soll sie im Konzentrationslager Ravensbrück Häftlinge bewacht haben. Mit einem abgerichteten Schäferhund.

Das grösste Frauen-KZ

Ravensbrück war das grösste Frauenkonzentrationslager NS-Deutschlands: 132000 Frauen und Kinder sowie 20000 Männer wurden hier von 1939 bis 1945 gefangen gehalten, Zehntausende Menschen ermordet. Sie starben an Überarbeitung, Gewalt, Hunger, Seuchen oder wegen medizinischer Experimente. Ab Januar 1945 liess die SS Tausende Häftlinge in einer Gaskammer töten. Zu jener Zeit hat auch Elfriede Rinkel hier gearbeitet.

Die führenden Protagonisten im «Dritten Reich» waren Männer; auch beim KZ-Wachpersonal gab es nur zehn Prozent Frauen. Doch in Ravensbrück spielten Aufseherinnen eine wichtige Rolle. Sie gehörten zum SS-Gefolge und übten im Lageralltag die unmittelbare Herrschaft über die weiblichen Gefangenen aus. Im Dienst trugen sie eine graue Uniform, Stiefel, Mütze. Einige waren mit einer Pistole ausgestattet, alle mit einer Peitsche. Wer sich anstrengte, konnte es innerhalb weniger Monate bis zur Oberaufseherin bringen. Das entsprach dem Dienstrang eines Offiziers. Rund 3500 KZ-Aufseherinnen wurden in Ravensbrück ausgebildet. Auch Elfriede Rinkel.

Als die OSI-Beamten sie zur Rede stellen, gibt Elfriede Rinkel im Herbst 2004 sofort zu, tatsächlich in Ravensbrück gearbeitet zu haben. Leugnen hätte auch keinen Sinn: In einer Lohnliste aus dem Konzentrationslager ist sie als Elfriede Huth verzeichnet - ihr Mädchenname. So kamen die Nazijäger Rinkel nach sechzig Jahren doch noch auf die Spur.

Elfriede Rinkel scheint sich allerdings keiner Schuld bewusst zu sein: «Ich habe nichts Falsches getan», sagt sie nach dem Besuch der Justizbeamten amerikanischen ReporterInnen: «Ich habe nur geschaut, dass die Gefangenen nicht weglaufen.»

Das KZ Ravensbrück, Elfriede Rinkels ehemaliger Arbeitsplatz, liegt hundert Kilometer nördlich von Berlin, am Ufer des Schwedtsees, umgeben von Wiesen und Wäldern. Eine Gegend der Landwirtschaft, der lauschigen Bäche, der Luftkurorte. In der Ferne ragt der Kirchturm von Fürstenberg in den Himmel.

Insa Eschebach, die Direktorin der KZ-Gedenkstätte, versucht den Horror von Ravensbrück zu rekonstruieren und zu verstehen, wie so etwas möglich wurde. Sie trägt ein elegantes dunkelblaues Kostüm. Die blonde Frau Anfang fünfzig könnte auch Filialleiterin einer Grossbank sein, doch seit dreissig Jahren beschäftigt sie sich mit dem «Dritten Reich». «Einst funktionierte Ravensbrück wie eine kleine Stadt», sagt sie. Wo früher die Lagerstrassen mit den unzähligen Gefangenenbaracken waren, sieht man heute nur noch eine riesige leere Fläche, mit braunem Kies bestreut. Irgendwo weit draussen steht noch eine einsame, baufällige Baracke. Die anderen wurden vor Jahrzehnten abgerissen, nach dem Krieg brauchte man Brennholz. Auch die Gaskammer existiert nicht mehr. Das Grauen ist in Ravensbrück nur noch Geschichte.

«Die meisten Aufseherinnen fühlten sich wohl hier», sagt Insa Eschebach. «Sie waren jung und erstmals fort von zu Hause.» Gerne seien sie nach Feierabend in Fürstenberg ins Kino gegangen, wo sie ermässigte Tickets bekamen.

Acht hübsche Landhäuser mit Giebeldächern und grossen Fenstern stehen noch, wenige Schritte vom Eingangstor zum Lager. Hier lebten Aufseherinnen in ihren Dienstwohnungen. Häftlinge mussten putzen, andere wurden als Friseurinnen und Fusspflegerinnen ins Haus gerufen. «Aufseherinnen führten nicht nur Befehle aus», sagt Eschebach, «sie hatten Gestaltungsspielraum.» Viele beuteten die Gefangenen auch privat aus.

Freiwillig gemeldet

Elfriede Rinkel hat sich im KZ freiwillig als Hundeführerin gemeldet. Der Dienst mit dem Hund sei besser bezahlt gewesen als die gewöhnliche Aufseherinnentätigkeit, sagte sie den US-Justizbeamten nach ihrer Enttarnung: «Ich habe mich aber immer korrekt verhalten.»

Mit solchen Schutzbehauptungen ist Insa Eschebach als Historikerin häufig konfrontiert: «Schäferhunde dienten im KZ Ravensbrück als Waffe», sagt sie und greift ein Standardwerk über das «Dritte Reich» aus einem Regal der Gedenkstättenbibliothek: Wenn das Tier einen Fliehenden stellt und der eine Abwehrbewegung macht, «soll der Hund rücksichtslos beissen», heisst es in den Dienstanweisungen: ein Freibrief zum Misshandeln und Töten von Häftlingen. Manche KZ-Aufseherinnen hetzten die Hunde auch zum Spass auf Gefangene. Sie zerbissen den Häftlingen Kopf, Bauch, Brust und Unterleib. Einige Frauen starben an den Verletzungen.

Dass sich die Täterinnen schon damals keiner Schuld bewusst waren, zeigt die aktuelle Aufseherinnen-Sonderausstellung der Gedenkstätte Ravensbrück. Entlarvend ist etwa das Foto einer ehemaligen Kollegin Elfriede Rinkels mit Dienstschäfer: Der Hund trägt ein Leibchen mit SS-Emblem. «Zur Erinnerung an meine schöne Dienstzeit an meine lieben Eltern», steht darunter: «Das ist mein treuer Greif.»

«Ihr Drecksstücke»

Die Erinnerungen von Häftlingen sehen anders aus: Helga Luther, 83, ist eine der Frauen, die den Terror der SS-Leute und KZ-Aufseherinnen überlebt haben. Die lebenslustige Dame mit den rot geschminkten Lippen freut sich über Besuch, doch Mitleid will sie keines.

Ihre Erlebnisse aber sollen nie vergessen werden.

«Es roch nach Feuer und verbranntem Fleisch», erinnert sie sich zurück an den Abend, als sie gemeinsam mit dreissig weiteren Gefangenen in einem Lastwagen im KZ ankam, «Hunde bellten, Angst lag in der Luft.» Zwei «Weiber mit Hunden» überwachten gemeinsam mit SS-Männern die Ankunft der Neulinge. «Ihr Drecksstücke!», brüllten die Aufseherinnen.

Die KZ-Wärterinnen liessen die Gefangenen oft stundenlang in der Kälte strammstehen. Ihre Hosen hatten im Schritt eine Öffnung. Nach dem Appell schüttete man Kies über Urin und Exkremente.

Ab dem Jahr 1942 prügelten im Lagerknast nicht mehr die Aufseherinnen selbst, sondern Häftlinge. So wollte man jede Solidarität unter den Gefangenen im Keim ersticken. KZ-Aufseherinnen standen dabei, die Hände in die Hüften gestemmt, und trieben die Folterknechte an, erinnert sich Helga Luther. Oft waren die Opfer hinterher halbtot.

Lediglich einige Dutzend der 3500 KZ-Aufseherinnen aus Ravensbrück mussten sich nach dem Zweiten Weltkrieg vor Gericht verantworten. Viele Frauen aus dem SS-Gefolge sind inzwischen gestorben, andere leiden unter Demenzerkrankungen. Einige hingegen sind rüstige Omas. Und oft weiss nicht einmal der engste Familienkreis über ihr Vorleben Bescheid. So wie bei Elfriede Rinkel: Ihr Mann starb vor ihrer Enttarnung, ihr Bruder und ihre Schwägerin hörten erst durch die Presse von ihrem Vorleben.

Was Elfriede Rinkel in Ravensbrück jedoch konkret getan hat, wird womöglich für immer geheim bleiben. Die US-Behörden wollten sich mit diesem Fall nicht weiter beschäftigen und boten ihr einen Deal an. So gab Elfriede Rinkel vor wenigen Wochen ihre Greencard zurück und verliess für immer das Land. Als Gegenleistung informierte die US-Justiz die Deutsche Zentralstelle zur Aufklärung von Naziverbrechern in Ludwigsburg erst, als Rinkel bereits ausgereist war.

Elfriede Rinkel flog nach Deutschland. Einige Wochen lang kam sie im Rheinland auf dem Bauernhof einer Verwandten unter; mittlerweile soll sie sich irgendwo in der Schweiz aufhalten. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem fordert ein Gerichtsverfahren gegen die «Kriegsverbrecherin». Reporter von Boulevardzeitungen und Nachrichtenmagazinen suchen sie vergeblich.

Elfriede Rinkel ist nicht die einzige ehemalige Aufseherin, die nicht auf ihre Vergangenheit angesprochen werden möchte. Auch ehemalige Berufskolleginnen, die bereits eine Haftstrafe verbüsst haben, halten sich bedeckt. Wer dennoch das Gespräch sucht, wird bereits am Telefon mit Floskeln abgespeist.

«Ich will nichts hören von früher!», sagt Ruth A. aus der Gegend von Stuttgart, die sich 1943 freiwillig im KZ beworben hat: «Ich lebe so, wie es sich gehört», sagt sie: «Ich will meine Ruh, genau wie die Leute, die gelitten haben im ‹Dritten Reich›. Ade.» Sie legt auf.

«Ich war damals doch noch ein junges Mädchen!», sagt Petra G. aus der Gegend von Berlin. Die ehemalige Postbeamtin hat 1941 freiwillig ins KZ Ravensbrück gewechselt: «Es hiess, die Gefangenen hätten dem Staat geschadet», sagt sie, «es waren halt die Juden, Politische und Zigeuner. Was wirklich geschah in Ravensbrück, habe ich erst nach dem Krieg erfahren. Irgendwie hat man Schuldgefühle - obwohl man sich damals keiner Schuld bewusst war.»

Gewöhnliche Menschen?

Das Ausblenden der Vergangenheit geht bei den TäterInnen weit. Eine sonderbare Wendung in Elfriede Rinkels Biografie ist, dass sie in San Francisco ausgerechnet einen jüdischen Flüchtling geheiratet hat. Ihr Gatte, Fred Rinkel, war ein deutschstämmiger Jude, der vor den Nazis aus Berlin in die USA geflohen war. Viele glauben, dass Elfriede ihr Vorleben in mehr als vierzig Ehejahren vor ihm geheim gehalten hat.

Als Fred Rinkel vor drei Jahren starb, wurde er in San Francisco auf einem jüdischen Friedhof begraben. Seinen Grabstein zieren ein Davidsstern und die Worte «Beloved husband of Elfriede». Eines Tage wollte sie dort neben ihm ruhen. Ihre Enttarnung als KZ-Aufseherin kam dazwischen. Ob Insa Eschebach die seltsame Psyche ehemaliger KZ-Aufseherinnen versteht? In der aktuellen Sonderausstellung der Gedenkstätte macht sie auf historische Presseberichte über KZ-Aufseherinnen aufmerksam. Einer trägt den Titel: «Die Stute von Majdanek». Das Porträt einer Aufseherin, die dafür berüchtigt war, Gefangene mit ihren eisenbeschlagenen Stiefeln zu treten.

Wenn ReporterInnen über KZ-Aufseherinnen berichtet haben, dann meist über einzelne «junge, blonde SS-Bestien», sagt Insa Eschebach. Sie hält das für problematisch: «Solche Monster dienen als Entlastungsfiguren», sagt die Historikerin: «Vieles spricht aber dafür, dass die meisten Aufseherinnen ganz gewöhnliche Menschen waren, auch wenn diese Vorstellung schwerer zu ertragen ist.» Von pathologischen EinzeltäterInnen könnte man sich leicht abgrenzen, so Eschebach. Aber Ravensbrück lasse sich nicht durch vereinzelte sadistisch veranlagte «Bestien» erklären. Zu systematisch sei hier gequält und gemordet worden.

Oma war kein Nazi

Doch auch die Angehörigen von TäterInnen wollen das nicht wahrhaben. Nicht nur im Fall von Ravensbrück: In einer repräsentativen Umfrage unter jungen Menschen gaben kürzlich 26 Prozent an, ihre Grosseltern hätten «Verfolgten geholfen». Lediglich ein Prozent konnten sich vorstellen, dass diese «direkt an Verbrechen beteiligt gewesen» seien. Oma war eben kein Nazi - genauso wenig wie Opa.

Die Zentralstelle zur Aufklärung von Naziverbrechen in Ludwigsburg prüft derzeit, ob sich bei Elfriede Rinkel Mord oder Beihilfe zum Mord unter dem Naziregime nachweisen lässt. Andere Straftaten wären verjährt.

Der eigentliche Skandal, sagt Insa Eschebach, sei aber nicht, dass manche der Täterinnen und Täter nie bestraft wurden. Das Problem sitze tiefer: «Viele der Täter haben sich mit ihrer Rolle im ‹Dritten Reich› nie kritisch auseinandergesetzt.» So wie Elfried Rinkel.

Sie hat ja nur «geschaut, dass die Gefangenen nicht weglaufen».

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