Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Eine Ikone wird entschlackt

Vor 45 Jahren ist Nazim Hikmet, für viele die wichtigste dichterische Stimme der modernen Türkei, im Moskauer Exil gestorben - von der internationalen Linken vergöttert, vom antikommunistischen Lager verfemt. Nun ist eine zweisprachige Werkauswahl erschienen.

Von Paul L. Walser

Dieser Band ist ein Ereignis. Er bringt uns den Lyriker in neuer Übersetzung nahe. Eine wichtige Tat, denn seit seinem Tod ist vieles passiert, unter anderem ist die Sowjetunion untergegangen, die dem in der Heimat verfolgten Dichter Zuflucht geboten hatte. Nazim Hikmet war ein politischer Kämpfer, der mit dem Dichter eine Einheit bildete, aber die tragende Rolle kam dem Meister des künstlerischen Worts zu. Die feinfühlige Interpretin und Nachdichterin Gisela Kraft, die auch für die Auswahl der Gedichte verantwortlich ist, versteht sich als Über-Setzerin im ursprünglichen Sinn - als «Fährfrau», die die wertvolle Versfracht an unser Ufer bringt. Auch mit ihrem Nachwort, in dem sie neben Nazims Leben und Werk die grundsätzlichen Unterschiede zwischen der türkischen und der deutschen Sprache erläutert, hat sie vorzügliche Arbeit geleistet. Ihr Hauptverdienst: die Entschlackung der Ikone Nazim Hikmet.

Der Band vereinigt Gedichte aus allen Lebensperioden des Dichters sowie das lyrische «Epos vom Scheich Bedreddin, Sohn des Richters von Simavne», die Geschichte eines Rebellen aus dem 14. Jahrhundert, eine sehr persönlich und sehr aktuell erzählte, 1933 im Gefängnis geschriebene anatolische Tragödie. Nazim war kein Volksdichter, er war ein kultivierter Intellektueller, dessen Sprache indes alle Volksschichten erreichte. Stets von neuem überrascht die sinnliche Frische seiner Verse.

Begegnungen mit Majakowski

Schon als Jüngling schrieb der 1902 in Saloniki zur Welt gekommene Hikmet Gedichte, noch in der arabischen Schrift des Osmanischen Reichs. Der Vater war ein hoher Beamter im Aussenministerium und dessen Vater Provinzgouverneur und Poet. Hikmet erhielt eine hervorragende Ausbildung. Von Anfang an war seine Poesie nie elitär, sondern in einer suggestiven, allgemein verständlichen Bildersprache geschrieben.

Zunächst ein überzeugter Anhänger von Kemal Atatürk, dem Gründer der modernen Türkei, fühlt er sich indes schon als Neunzehnjähriger vom Kommunismus angezogen, 1922 gelangt er erstmals nach Moskau. Die Begegnung mit dem russischen Dichter Wladimir Majakowski hat für ihn entscheidende Bedeutung. Es folgen kürzere Aufenthalte in der Heimat, in der es KommunistInnen schwer haben: ab 1928 mehrmals auch im Gefängnis.

1938 - es ist die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs - wird Hikmet «wegen aufrührerischer Umtriebe» zu 28 Jahren Kerker verurteilt. Nach einem Hungerstreik und Interventionen westeuropäischer, vor allem französischer KünstlerInnen kommt er 1950, schwer herz- und lungenkrank, frei. Die Istanbuler Atempause ist von kurzer Dauer, weil die Behörden den 49-Jährigen ins Militär schicken wollen. Diesem «sicheren Todesurteil» entzieht er sich durch eine nächtliche Flucht und lebt fortan bis zu seinem Infarkttod 1963 in Moskau, als privilegierter Dichter im Exil, der auch ins westliche Ausland (nicht aber in die Türkei) reisen kann und stets vom Heimweh geplagt wird. Das Publikationsverbot, 1936 von Ankara gegen ihn verhängt, wurde erst 1965, zwei Jahre nach seinem Tod, in einer türkischen «Tauwetterperiode» aufgehoben.

Schonungslose Liebesgedichte

Hikmet hinterliess ein gewaltiges Werk, darunter auch Romane und Dramen. Das Herzstück jedoch ist seine Lyrik, die zum poetischen Welterbe gehört. Grosse Lyrik kommt aus dem Herzen, Prosa vor allem aus dem Kopf. Nazims unermüdliche Beschwörung und Bejahung der Liebe, seine Sehnsucht nach einer Heimkehr erhobenen Hauptes, seine Trauer und Wut über die Ungerechtigkeit in der Welt, sein bedingungsloses Engagement für die Entrechteten sprechen ganz direkt aus seinen Versen. Weltberühmt geworden sind vor allem seine ergreifenden und schonungslosen Liebesgedichte.

Von klein auf wusste Hikmet um die Magie der Wörter und der dichterischen Sprache seines Landes. Mit seinen Dichtungen kam er schon früh zu einem enormen Echo. Weil er indes eine klare linke Position bezog, polarisierte er die türkische Öffentlichkeit: Von den einen wurde er als Märtyrer gefeiert, von den andern als Staatsfeind verdammt. Der wirkliche Nazim Hikmet wurde unter dem Ballast der politischen Vorurteile und Klischees begraben. Es ist Zeit, ihn endlich auch für uns auszugraben, und das hat Gisela Kraft mit ihrer umsichtigen Werkauswahl sehr eindrücklich geschafft. Sie weist verdienstvollerweise auch auf seine Defizite hin: nie eine Kritik an Stalin und kein Zeichen der Solidarität mit den in Anatolien massakrierten ArmenierInnen und diskriminierten KurdInnen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch