Nr. 21/2014 vom 22.05.2014

«Dieses Buch ist allezeit das eure»

In seinem zweisprachigen Gedichtband besingt Shaip Beqiri metaphernreich seine Heimat und die Erfahrung des Exils.

Von Johanna Lier

Schlägt man der Hydra einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach. Ein treffendes Bild für die unausrottbare Unsinnigkeit von Gewalt und Krieg. Wobei zu hoffen bleibt, dass sich die Mythologie täuscht. Der kosovarische Dichter Shaip Beqiri wählt für seinen neuen auf Albanisch und Deutsch publizierten Gedichtband den Titel «Hydra des Zorns. Hidra e Mllefit», um von den traumatischen Dingen zu berichten, die sich im Kosovo in den letzten Jahrzehnten ereignet haben. Metaphernreich, ja überbordend lesen sich seine Gedichte geradezu als lyrische Historiografie voller Anspielungen und Verweise, die sich allerdings nicht immer auf den ersten Blick erschliessen. Ein Zugang eröffnet sich, indem Beqiri konsequent das persönliche Erleben innerhalb des politischen Kontexts in den Fokus rückt.

Die Spuren ausgefallener Zähne

Shaip Beqiri, geboren 1954 im kosovarischen Gllamnik, hat nach einem Studium der albanischen Sprache als Kulturredaktor gearbeitet und innerhalb eines literarischen Umfelds, das vergleichsweise noch sehr jung ist, mehrere Lyrikbände veröffentlicht. Nachdem 1972 die Einführung der albanischen Schriftsprache vorläufig zum Abschluss kam, erschien 1980 das erste Wörterbuch. Eine genuin albanische Literatur entwickelte sich im Kosovo deshalb erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Wären wir Hirten geblieben / Träume weideten wir dann / An den endlosen Hängen der Zeit», schreibt Beqiri und fährt fort: «Es ist besser dass wir Dichter sind / Im grossen Gesicht der Einsamkeit / Die Spuren ausgefallener Zähne hinterlassen».

Die Schwäche kranker Zähne ist ein Bild, das wiederholt auftaucht und als Protest des Dichters gegen die Ohnmacht und Hilflosigkeit der Sprache angesichts von Krieg und ethnischen Konflikten gelesen werden kann in einer Umgebung, in der volkstümliche Balladen bis heute eine identitätsstiftende Rolle spielem – so zum Beispiel der Mythos um die Schlacht auf dem Amselfeld im 14. Jahrhundert. Der Publizist Wolfgang Hoepken merkte 1998 an, nirgends zeige sich die destruktive Macht historischen Erinnerns so ausgeprägt wie beim Thema Kosovo. Intellektuelle würden diesen Ort als Herz Serbiens besingen, und Politiker bezeichneten ihn als die Wurzel serbischer Identität. Deshalb sei es schlicht unmöglich, der albanischen Mehrheitsbevölkerung kulturelle und politische Autonomie zu gewähren.

«Mit dutzenden Fotos von Toten / Um Bergblumen zu pflücken / Feldblumen zu pflücken», beklagt Beqiri die Toten, die Vertriebenen und die Isolation, die durch schmerzhafte Erfahrungen entsteht. «Wir kreisen um uns selbst / Nach dem rostigen Kompass». Dass der Dichter aus der Ferne mit ansehen muss, wie die Konflikte immer wieder von neuem aufflammen, Gewalt abwechselnd von allen Konfliktparteien ausgeübt wird, bringt wahrlich eine Hydra des Zorns hervor: «Da ergriff sie die erste Sehnsucht / Nach dem Grössten von ihnen / Sehnsucht nach dem Hund dem Oberhund». Doch kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass im Leibe des Ungeheuers mit den vielen Köpfen letztlich ein einziger grosser Schmerz bohrt. «Ich bekleidete dich anstelle der Haut / Knöpfte dir das Hemd Wahnsinn zu», schreibt er für seinen Sohn in der Nacht vor dem Aufbruch, mit der 1995 das Exil beginnt und das Shaip Beqiri schliesslich in die Schweiz führt: «Der frisch Angekommene setzte das kleine Glas / In seinem Text den keiner entschlüsseln kann / Quetschte den Kern eines jeden Sinnes aus / Und wurde selbst ein brüchiger Eckstein».

Das Buch meiner guten Schmerzen

Das Konzept der Reihe «Zweisprachige Lyrik» des Zürcher Limmat-Verlags bedeutet sowohl einen literarischen als auch einen kulturpolitischen Gewinn. Literatur mehrsprachig zu veröffentlichen, wird einer globalen Welt gerecht, signalisiert ein kosmopolitisches Selbstverständnis und verweist darauf, dass Übersetzungen nicht nur reibungslose Kommunikation bewerkstelligen, sondern sich an den Schnittstellen und im Vergleich der Besonderheiten und Reichtümer der Sprachen erst bemerkbar machen.

So schreibt denn auch Shaip Beqiri: «Dieses Buch ist allezeit das eure / Und das meiner guten Schmerzen». Doch worum geht es? Um einen mit Heimat überschriebenen fernen Ort? Oder schlicht einen anderen, unerreichbaren Menschen? Vielleicht spielt das auch keine Rolle. Doch stellt sich immer wieder in schmerzhafter Weise Distanz ein, um eine Annäherung an die Unvollkommenheit zu suchen und zu akzeptieren: «Zwischen zwei blaue Schweigen / Leg ich meinen Stein des Wortes (…) Du bist das aufgewühlte Meer / Am Ende des geflickten Himmels».

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