Nr. 10/2007 vom 08.03.2007

Kamikaze Thurgau

Wie der Zürcher Unternehmer Felix Burgener den HC Thurgau vor dem Konkurs rettete und ihn dann in den Augen seiner Kritiker selbst an den Rand des Abgrunds führte. Eine Geschichte überbordender Emotionen und einer sportlichen Achterbahn.

Von Daniel Ryser

Jetzt, man spürt es durch das Telefon, schwillt dem Mann am anderen Ende der Leitung die Halsschlagader an. Jetzt explodiert er gleich. Dann knallt er den Hörer auf die Gabel. Das ist die Reaktion eines ehemaligen Sponsors des HC Thurgau auf die Frage, ob denn der Präsident des Klubs, Felix Burgener, nicht eher Retter als Zerstörer des HC Thurgau sei. «Hören Sie auf damit!», ruft er aus. Später entschuldigt er sich. Im Thurgau gehen die Emotionen hoch, wenn es um den Mann geht, der 1999 den HC Thurgau vor dem Konkurs rettete.

Felix Burgener hat sich selbst schon mit Crossair-Chef Moritz Suter verglichen. Das war, als er bereits Präsident des HC Thurgau war, 2001. Burgener war soeben mit dem HC Thurgau von Weinfelden nach Kreuzlingen umgezogen. Er hatte in der vorangegangenen Saison während eines Spiels den Trainer entlassen, und weil weniger ZuschauerInnen als erwartet an die Spiele gekommen waren, war man mit 300 000 Franken im Minus. Dann kollabierte in Kloten die Swissair, die Mehrheitsaktionärin des Zürcher Eishockeyklubs Kloten Flyers. Eine der ersten Reaktionen auf das Grounding im Oktober 2001 war ein Angebot Burgeners, das Kloten-Flyers-Aktienpaket der Swissair im Wert von 1,4 Millionen Franken zu übernehmen. In einem Brief an den damaligen Swissair-Chef Mario Corti schrieb er: «Krisen sind bekanntlich auch Chancen. Was die Schweizer Wirtschaft am Beispiel von Swissair Group und Crossair zwangsläufig vorlebt, muss doch auch im Sport möglich sein. Genauso viel Sinn würde deshalb ein Schulterschluss zwischen den Kloten Flyers und dem Hockey-Club Thurgau machen.» Die von Burgener vorgeschlagene Fusion der beiden Vereine zu einem grossen Agglomerationsklub schreckte die Klotener Vereinsleitung ab. Der Zuschlag für das 67-Prozent-Aktienpaket ging an den Bülacher Geschäftsmann Peter Bossert. Und so konzentrierte sich Burgener wieder auf das Kerngeschäft: den HC Thurgau.

Der Niedergang, 1999

Der HC Thurgau war 1989 gegründet worden. Die zwei Thurgauer Erste-Liga-Klubs, der EHC Frauenfeld und der SC Weinfelden, wollten mit ihren besten Spielern und der Hilfe der Thurgauer Wirtschaft ein Nationalliga-Team bilden. Die beiden Klubs sollten als Zulieferer fungieren, als sogenannte Farmteams: Wer ein neues Talent in den Reihen hatte, schickte dieses nicht mehr nach Kloten oder Bern, sondern nach Weinfelden in die Eishalle Güttingersreuti, dem «Herz des Thurgauer Eishockeys». Bereits drei Jahre nach der Gründung stieg der HC Thurgau von der Ersten Liga in die Nationalliga B auf. Man feierte in der NLB sportliche Erfolge und verpasste den Aufstieg in die Nationalliga A einmal nur knapp. Und die Kids wollten plötzlich mehr als Fussball spielen, sie wollten zum HC Thurgau. Im Februar 1998 beschloss die Hockey Thurgau AG eine Kapitalerhöhung von 250 000 auf 600 000 Franken. Verteilt wurden auch 100-Franken-Aktien. Die Fans sollten noch näher bei «ihrem» Verein sein. Man veranstaltete eine Eisgala, die Stimmung war euphorisch. Noch während der Gala zur Kapitalerhöhung zeichneten Dutzende Fans fröhlich Aktien, dafür bekamen sie einen Pin: «Ich bin Aktionär.» Man konnte sich über eine Gratistelefonnummer informieren, und eine Lokomotive der Mittelthurgaubahn fuhr für den HC Thurgau werbend durch die Ostschweiz. Ein Jahr später stand der Verein vor dem Konkurs.

Der Zuschauerschnitt, dessen Einnahmen die Hälfte des Budgets ausmachen, war von 2500 auf 1600 eingebrochen. Fredi Hugelshofer, der ehemalige Präsident des Donatorenklubs, der Gönnervereinigung des HC Thurgau, sagt heute, man sei infolge «mittelmässigen Managements wie viele andere NLB- und NLA-Klubs in eine finanzielle Schieflage geraten». Zum mittelmässigen Management gehörte, dass man vergass, die Quellensteuer für ausländische Spieler in Höhe von 250 000 Franken ins Budget einzuberechnen. Plötzlich fehlten 1,5 Millionen Franken. An mangelnden Sponsorenzuschüssen konnte es nicht gelegen haben. Die Hauptsponsoren hiessen damals SIA Abrasives, Paninfo, Stadlerrail. 400 hungrige Nachwuchseishockeyspieler drohten ihr Zugpferd zu verlieren. Lag es am Verein?, fragte man sich. Oder doch eher an der unattraktiven Nationalliga B? In derselben Liga war der EHC Biel in der Nachlassstundung, Olten und Lausanne hatten dasselbe durchgemacht, Herisau kämpfte mit einer Sammelaktion gegen den Konkurs.

Statt des Aufstiegs folgten Durchhalteparolen. Der damalige Präsident schrieb einen offenen Brief: «Liebe Eishockeyfreunde, ohne Sie kann der HC Thurgau nicht leben! Ich bitte Sie, den Glauben an unsere gemeinsame Sache zu beweisen, am besten schon heute Abend, wenn die neue Saison beginnt! Bringen Sie ihre Freunde mit! Der Verein kämpft um das Überleben!» Es half nicht. Die Grössen der Thurgauer Wirtschaft waren zum Schluss gekommen, dass der HC Thurgau nicht mehr finanzierbar sei. Der Einzige, der bereit war, im grossen Stil Geld zu geben, war jener Mann, der 2001 dann auch die Kloten Flyers kaufen wollte und der mit Eishockey bis dato überhaupt nichts zu tun hatte. Ein junger Metallbauschlosser, der in Zollikon aufgewachsen war, an der Zürcher Goldküste, als Sohn eines Arbeiters. Der mit dem Aufbau einer Metall- und Glasbaufirma in Kloten sein Geld gemacht hat: Felix Burgener. Seine Firma beschäftigt heute vierzig Angestellte. Bereits damals lebte Burgener im Thurgau, in Scherzingen, zwanzig Minuten Autofahrt von Weinfelden, zehn von Kreuzlingen. Er wohnt dort noch immer, zusammen mit seinem Vater in einer Villa. Burgener machte ein erstes Angebot. Es wurde abgelehnt. Die Geschäftsführung glaubte, die Rettung sei auf anderen Wegen möglich. Trotzdem erklärte sie ein paar Wochen später, der HC Thurgau sei am Ende. Er machte noch einmal ein Angebot, das nun niemand mehr ablehnen wollte. «Ohne mich gäbe es den Verein nicht mehr», sagt er heute.

Trotzdem raufen sich seine Kritiker ob Burgener die Haare, ein Egozentriker sei er, heisst es im Thurgau. Die von den Eltern genau beobachtete und daher mit vielen Emotionen verbundene Nachwuchsarbeit sei ihm egal (inzwischen werden zwei der drei Nachwuchsteams von einem Oberthurgauer Vermögensberater finanziert und spielen und trainieren in Romanshorn).

Einer, der ganz und gar nicht zufrieden ist mit Burgener, ist der Frauenfelder Transportunternehmer Fredi Hugelshofer. Hugelshofer ist auch eines der HCT-Gründungsmitglieder. Als Burgener den Verein übernahm, hatte Hugelshofer seine Donatoren noch überzeugen können, Burgener mit einer Finanzspritze zu unterstützen. Es sollen insgesamt 500 000 Franken gewesen sein. «Damals wussten wir nicht, dass weder wir noch der amtierende Vorstand des HC Thurgau in kürzester Zeit keine Mitsprachemöglichkeit mehr haben würden», sagt Hugelshofer. «Unser grosser Fehler war, so lange mitzumachen, und das Donatorengeld, rund 400 000 Franken jährlich, auch in den nächsten Jahren weiter in den Klub hineinzugeben.»

Hugelshofer wirft Burgener vor, was ihm im Thurgau viele vorwerfen: Er sei ein Diktator und habe keine Ahnung von Eishockey. Und er wird beschuldigt, etwas nicht geschafft zu haben, das in den Neunzigern auch die versammelte Thurgauer Wirtschaft nicht geschafft hat: den HC Thurgau durch grossen sportlichen Erfolg zum Scheinwerfer zu machen, der leuchtend daran erinnert, dass die Schweiz nicht in Winterthur aufhört.

«Retter und Visionär»

Die Lokalzeitung schrieb 1999 zu Burgeners Antritt: «In letzter Minute kam mit dem Geschäftsmann Felix Burgener nicht nur der grosse finanzielle Retter, sondern auch ein Visionär.» Die erste Saison unter dem neuen Präsidenten war sportlich ansprechend, das kleine finanzielle Loch, das blieb, stopfte Burgener mit einer Spende von 60 000 Franken. Und mit der «Solidarität der Spieler», sprich einer Lohnreduktion. Die war offenbar nicht abgesprochen oder so nicht abgemacht: Der Spielerrat ging an die Medien. Man habe schon vor Beginn der Saison auf alte Guthaben verzichtet und nun eine Lohnreduktion von zwanzig Prozent in Kauf nehmen müssen. Burgener präzisierte: «Bei der genannten Solidarität handelte es sich tatsächlich um eine befohlene Lohnreduktion. Es war ein Befehl. Solidarität klingt einfach besser. Ich führe diktatorisch.» Dann entliess er jenen Spieler, den er als Drahtzieher hinter der Medienkampagne sah.

Hinter den Kulissen war es bereits zu anderen Zerwürfnissen gekommen: Die alte Geschäftsführung hatte Burgener zur Übernahme des Klubs die «Elitäre Strasse» geschenkt. In diesem Pool sammeln sich die siebzig besten jungen Thurgauer Spieler, sie kommen aus allen kantonalen Klubs und bilden die drei Nachwuchsteams des HC Thurgau. Mit einem Schlag gehörten jene siebzig Jungtalente, die sich zum Zeitpunkt von Burgeners Übernahme in der «Elitären Strasse» befanden, nicht mehr den einzelnen kleinen Klubs. Sie gehörten ab sofort Burgener. Das war ein ziemliches Kapital. Die Klubs haben das moralisch nie richtig verkraftet, vor allem, weil Burgener ihnen einzelne Spieler zurückgab - gegen Geld. Die Vision vom gemeinsamen HC Thurgau war spätestens da für viele gestorben, für Burgener hat sie rückblickend, wie er sagt, sowieso nie funktioniert.

Der Präsident wird Trainer

Seit seiner Gründung hatte der HC Thurgau in Weinfelden in der Eishalle Güttingersreuti gespielt. Die Fans nannten die alte Halle, wo der Wind durch die Halle blies und man erbarmungslos an den Füssen fror, Kuhstall. Burgener wollte weg. Nach über zehn Jahren in Weinfelden zog der HC Thurgau im Jahr 2000 an den See nach Kreuzlingen, in die frisch sanierte Bodensee-Arena. Die Halle war besser, doch da Kreuzlingen im Gegensatz zu Weinfelden am Rande des Kantons liegt, folgte mit dem Umzug ein weiterer Zuschauerschwund. In Kreuzlingen aber sollte mit neuen Vereinsfarben - Blau statt des Kantonsgrüns - nun der Aufstieg in die höchste Spielklasse endlich Realität werden. Das Budget war im August 2000 mit 2,9 Millionen Franken so gross wie noch nie.

Drei Jahre später, im März 2003, war man noch immer nicht aufgestiegen. Jetzt musste ein Profi ran. Es war der Moment, in dem sich Präsident Burgener selbst zum Trainer machte. Und dies, obwohl er keinerlei Diplome besass und nach Meinung eines lokalen Sportreporters «Schlittschuhlaufen lernen musste, als er in den Thurgau kam». Burgener sagte: «Ich will nach vier Jahren Aufbauwerk mein Werk im Thurgau nun persönlich vollenden. Ich bin jetzt 42 Jahre alt und hatte noch nie für irgendetwas ein Diplom. Ich kann es einfach!» Und im Übrigen wäre er auch der ideale Trainer für die Schweizer Nationalmannschaft. Als erste Massnahme stellte er den Karateeuropameister Elson Kabashi als Konditionstrainer ein.

Im WOZ-Gespräch gibt sich Burgener ausgesprochen freundlich, offen, sagt, worüber er reden will («Eishockey»), worüber nicht («Neider»), er raucht Muratti und trinkt Espresso, trägt einen blauen Wollpullover und scheint sich in seiner Haut sehr wohl zu fühlen. Er verliert kein schlechtes Wort über jene, die ihn jetzt anfeinden. Es seien die Schnelligkeit des Sports und die Leidenschaft, die ihn damals angesprochen haben, als der HC Thurgau brachgelegen sei. So sei auch er: schnell, klar, ehrlich. Wie Eishockey halt.

Felix Burgener, Sie entliessen einen Ihrer Trainer während des Spiels ...

Felix Burgener: Das war ein Anfängerfehler. Ich musste lernen, und ich lernte. Ich würde das heute nicht mehr machen. Aber ich stand damals auch unter massivem Druck der Sponsoren. Der sportliche Erfolg war ausgeblieben, andererseits war der HC Thurgau, seit es ihn gibt, noch nie sonderlich erfolgreich.

Es heisst, Sie führen sich auf wie ein Diktator.

Mit einer Diktatur hat das nichts zu tun. Aber die Sportwelt ist eine spezielle Welt, oft wird sehr viel geredet und sehr wenig entschieden. Viele Leute sind nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen. So schlitterte auch der HC Thurgau in den Konkurs. Niemand wollte die Fahne in die Hand nehmen und vorausgehen.

Ihnen wirft man vor, Sie seien nicht bereit, die Fahne abzugeben.

Das sind meine Gegner und Neider, die dies behaupten. Fakt ist, dass, wenn man mit der Fahne vorausgeht, zwar nicht immer alles richtig machen kann, dafür aber Fehler schnell erkennt und sie auch korrigieren kann. Vor meiner Zeit hatte der HC Thurgau siebzehn Verwaltungsräte! Das war ein riesiger Wasserkopf. Und plötzlich stand man vor dem Scherbenhaufen. Es gibt sehr viele Leute, die froh sind, dass ich hier bin. Denn dieser Klub ist finanziell nicht auf Rosen gebettet, und er muss so schlank wie möglich geführt werden.

Wäre es Ihnen nicht wohler, Verantwortung abzugeben? Einen Profitrainer einzustellen?

Wenn Sie in diesem Business tätig sind, darf es nicht um das eigene Wohlbefinden gehen, es geht einzig und allein um die Arbeit. Der HC Thurgau hat einen engagierten Trainer ...

Trainer Burgener ...

... das ist klar. Ein Trainer, der mit Herzblut und mit voller Akzeptanz bereit ist, zu kämpfen. Gleichzeitig aber hat der HC Thurgau auch einen erfolglosen Trainer. Das verrät mir der Blick auf die Tabelle. Das ist ein schwerer Rucksack. Das versuche ich zu ändern.

Der Niedergang, 2005

Alte Fans zeigten sich empört, so zum Beispiel Martin Stuber, Gemeindeammann der Weinfelder Nachbarsgemeinde Märstetten: «Wenn sich die sportliche Situation nicht ändert, kaufe ich keine Saisonkarte mehr», tobte er öffentlich. Burgener führe in Kreuzlingen eine Alleinherrschaft. Zu Beginn seiner Amtszeit als neuer Trainer geschah jedoch, was niemand erwartet hätte: Unter Trainer Burgener stand der HC Thurgau im November 2003 auf Platz zwei der NLB. Burgener liess sich in den Medien feiern: «Alles, was ich in meinem Leben angefangen habe, führte ich erfolgreich zu Ende. Manchmal etwas schneller, manchmal etwas langsamer.»

Doch dann ging es sportlich abwärts. Und zwar so steil wie noch nie. Man landete auf einem Abstiegsplatz Richtung Erste Liga.

Peter Forster, ehemaliger Chefredaktor der «Thurgauer Zeitung», schrieb in einem Kommentar vom «verblassenden Mythos». «Vorbei sind die Zeiten, in denen der Thurgau mit feu sacré hinter seinem HC stand. Unvergessen bleibt die Aufbruchstimmung, die 1989 bei der Gründung des ersten Sportklubs herrschte, der den Namen des Kantons trug.» 4000 Fans, dicht gedrängt in Weinfelden. «Unser HC, unsere Aufgabe» habe auch die Parole in der Wirtschaft gelautet, eine moralische Verpflichtung habe man verspürt, den Klub zu unterstützen. Doch Forster gestand auch ein, dass die «Thurgauer Hockey-Herrlichkeit schon vor dem Aufstieg des Alleinherrschers Burgener zu bröckeln begann». Und dann betrauerte er den kaufmännischen und sportlichen Niedergang, den er sich nicht erklären konnte, und endete ratlos: «Der Thurgau müsste doch gross und stark genug sein, in einer einzigen grossen Sportart wenigstens einen Nationalliga-Klub auf Erfolgskurs zu halten.»

Offenbar nicht: Rund um den Erste-Liga-Abstiegskampf sprangen im Frühling 2005 Donatoren ab. Sie sagten, es habe nichts mit dem sportlichen Misserfolg, sondern allein mit der Person Burgener zu tun. «Er verscherzte es sich mit allen», sagt SVP-Nationalrat Peter Spuhler, dessen Stadlerrail Hauptsponsor war, gegenüber der WOZ. «Wir mussten uns zurückziehen. Burgener bedeutete schlechte Werbung.» Mit Spuhler verliessen Dutzende andere Donatoren den Klub. «Als uns alle bis auf etwa 35 Mitglieder teilweise mit Hinweis auf die unerträgliche Art Burgeners sowie auf seinen unappetitlichen Umgang mit den in Ungnade gefallenen oder aufmüpfigen Spielern verlassen hatten und weitere mit dem Austritt drohten, musste ich handeln», sagt Fredi Hugelshofer. An einer tumultösen Versammlung entschieden die Donatoren des HC Thurgau, sich ab sofort Donatoren des Thurgauer Hockeys zu nennen und ihr Geld nicht mehr dem HC Thurgau, sondern dem Thurgauer Nachwuchs, dem SC Weinfelden und dem EHC Frauenfeld zukommen zu lassen. «Die Statutenänderung gab uns die Möglichkeit, über unsere Gelder frei zu verfügen, frei vom ursprünglichen Zwang, alles an den HCT zu überweisen», so Hugelshofer.

Von dieser Niederlage liess sich Burgener zumindest äusserlich nicht beeindrucken. Einige Tage später gründete er den VIP-Member-Klub. Und wieder hatte er Erfolg. Der VIP-Klub zählt zurzeit neunzig Mitglieder, von denen jedes jährlich 4000 Franken zahlt. Ein Mitglied des VIP-Klubs äussert gegenüber der WOZ: «Burgener sagt, was er denkt, und manchmal sagt er Sachen, die nicht nötig wären. Doch er ist einer, der, seit er hier ist, an den HC Thurgau glaubt. Es ist leicht, ihn anzugreifen, weil er eine direkte Art hat, die nicht immer gut ankommt.»

Nicht gut an kam unter anderem der Abstieg in die Erste Liga 2005. Und dass Burgener nach der entscheidenden Niederlage in Chur die Spieler und den Assistenztrainer zwei Kilometer hinter dem fahrenden Mannschaftsbus herrennen liess.

14 : 1

Im Thurgau war allen klar, wer schuld am Abstieg war: «Burgener raus!», «Der HCT ist tot! Es lebe der SC Weinfelden!», «Alles, was aufgebaut wurde, hat Burgener kaputt gemacht.» Wieder durfte Peter Forster in die Tasten greifen: «Der HC Burgener ist im freien Fall. Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken.» Sein Amt als Geschäftsführer der Metallbaufirma hatte Burgener inzwischen delegiert, er verbringt seine ganze Zeit in der Kreuzlinger Eishalle - als HCT-Präsident, Geschäftsführer, Trainer, Coach. Er soll inzwischen über vier Millionen Franken investiert haben.

Nach dem Abstieg in die Erste Liga dachte er trotz grosser Kritik an seiner Person nicht an einen Abgang, auch nicht daran, wenigstens von einer seiner Positionen zurückzutreten. Stattdessen verkündete er, er wolle mit dem HCT in die deutsche Eishockeyliga wechseln. Natürlich blieb man in der Schweiz und hatte in der Ersten Liga mit 2,4 Millionen Franken ein bis zu achtmal höheres Budget als die Konkurrenz. Man demütigte St. Moritz mit 14:1, den Kantonsrivalen Frauenfeld fertigte man mit 11:3 ab, das 8:0 gegen Wil kurz vor Weihnachten 2005 war der 18. Sieg im 19. Spiel. Der HC Thurgau stieg mit nur einem Verlustpunkt direkt wieder in die NLB auf. Burgener sieht diese Zeit als Beweis, dass er ein guter Trainer ist. «Wir siegten nicht, wir liefen durch. Das schafft man nicht mit Geld allein.» Ein ehemaliger Spieler des HC Thurgau sieht die Sache kritischer: «Wir hatten damals NLA-Spieler im Team, die für einen NLA-Lohn - 140 000 bis 160 000 Franken - in der Ersten Liga die Helden spielen konnten.»

Im Stand-by-Modus

Heute kursieren um den HC Thurgau wilde Gerüchte. Eines besagt, dass Sponsoren Geld geboten wurde, damit sie beim HC Thurgau aussteigen, und dass die ehemaligen Donatoren in Weinfelden einen neuen Nationalliga-Klub etablieren wollen. Fredi Hugelshofer sagt, das jetzige Engagement der Donatoren sei als Stand-by-Bewegung zu verstehen, «um mit etwas Geld die Entwicklung des HCT abzuwarten». Stand-by heisst: gemeinsam mit Peter Spuhler (der dies gegenüber der WOZ dementiert) einen neuen NLB-Klub aufzubauen. Gemeint ist der SC Weinfelden, bei dem Spuhler einst selbst spielte, und den er heute finanziell unterstützt. Die andere Stand-by-Variante lautet, den HC Thurgau zu übernehmen, wenn Burgener keine Lust mehr hat.

Die ehemaligen Donatoren werden für ihr Antiengagement derweil aus den eigenen Reihen kritisiert. Eine altgediente Thurgauer Eishockeylegende, die nicht namentlich genannt werden will, sagt: «Es gibt inzwischen regelrechte Netzwerke, die dem HC Thurgau durch Lobbyarbeit bewusst schaden. Ich bin der Meinung, man sollte Burgener machen lassen, solange er bereit ist, Geld in den Klub zu investieren. Ein zweiter NLB-Klub ist im Thurgau sowieso nicht zu finanzieren.»

Hält sich Burgener einfach ein Spielzeug, wie man ihm das vorwirft? Ist die Geschichte beispielhaft für den Grössenwahn im Sport oder ein einziges Missverständnis? Bräuchte Burgener einfach einen Medienberater, der ihn manchmal vor sich selbst schützt? Und war der HC Thurgau jemals mehr als eine Geldvernichtungsmaschine? «Wer bezahlt, befiehlt», das sei halt auch im Eishockey das Motto, sagt der Präsident des Thurgauer Kantonalverbandes Rainer Schalch. Er äussert sich zurückhaltend: «Das Verhältnis vom Kantonalverband zu Herrn Burgener ist normal.» Ein ehemaliger Spieler des HC Thurgau sagt, Burgener habe durchaus dazugelernt. Er habe sich als Berater einen ehemaligen Trainer der Kloten Flyers geholt und dessen Schema übernommen. «Seine Trainings sind heute sehr gut.»

Miserable Saison 2006/2007

Heute, acht Jahre nach Burgeners Rettung, rangiert der HC Thurgau im unteren Drittel der Nationalliga B. Zum ersten Mal, seit es den Verein gibt, redet niemand mehr vom bevorstehenden Aufstieg in die höchste Spielklasse. Die vergangene Saison war sportlich katastrophal. Frisch zurück in der NLB, dümpelte man am Tabellenende. Und weil kein Erste-Liga-Klub aus finanziellen Gründen Ambitionen hatte, aufzusteigen, blieb auch die Spannung des Abstiegskampfes aus. Die Aufstiegs-Play-offs verpasste der HC Thurgau um 26 Punkte. Hätte er mit der aktuellen Mannschaft nicht die Play-offs erreichen müssen? Ein Thurgauer Sportreporter ist überzeugt: «Er muss jetzt den Beweis antreten, dass er fähig ist, sonst interessiert sich für diesen Verein bald niemand mehr. Er muss den Klub in der kommenden Saison in die Halbfinals der Play-offs führen.»

Die Fans scheinen konsterniert. Inzwischen kämen gerade noch 800 Zuschauer zu den Spielen, wovon maximal die Hälfte wirkliche Fans seien, sagt Kurt Hubacher, Sprecher des Futura Clubs. «Stimmung machen noch zwanzig Leute.» Burgener hat das Budget für die kommende Saison massiv zusammengekürzt, von 2,4 auf 1,5 Millionen Franken (das Minimalbudget für einen NLB-Klub). Kenner des Thurgauer Eishockeys vermuten, dass selbst ein Mann von grossem Selbstvertrauen wie Felix Burgener eine weitere sportlich miserable Saison nicht überstehen würde. Doch wenn Burgener geht, wer rettet dann den Verein? Jene, die zwar heute davon reden, aber schon 1999 hätten einspringen können? Ist im Thurgauer Eishockey auf Profibasis überhaupt mehr realisierbar als Mittelmass? Es ist durchaus möglich, dass der HC Thurgau Geschichte wird, wenn der Zürcher Metallbauschlosser nicht mehr bereit ist, jährlich mit einer angeblich sechsstelligen Summe das Budget auszugleichen.

Herr Burgener, ist der HC Thurgau in einer grossen Krise?

Felix Burgener: Das fragt man mich, seit ich hier bin. Der HC Thurgau ist seit immer in der Krise, es ist schwer, zwischen Aufwand und Ertrag den Zwischenweg zu finden. Das einzige kurzfristige Ziel müsste sein, so weit zu kommen, nicht mehr Geld auszugeben, als einzunehmen.

Seit Sie hier sind, geben Sie mehr Geld aus, als Sie einnehmen?

So ist es. Das ist frustrierend. Es ist jährlich immer eine sehr grosse Summe, die eingebracht werden muss. Ich machte das nicht allein, ich hatte Hilfe.

Seit es den Verein gibt, redet man - auch Sie redeten davon - vom Aufstieg in die höchste Spielklasse. Davon scheint man heute weit entfernt. Wie sehen die sportlichen Perspektiven aus?

Wir bekennen uns zur Ausbildung. Unsere Spieler machten Riesenschritte und sind teilweise heute in der Nationalliga A sehr gefragt. Das soll auch unsere Aufgabe sein. Wir versuchten es letzte Saison mit einem 27 Spieler starken Kader, das nur aus Schweizern bestand. Ich wollte zeigen, dass es auch so geht. Wir scheiterten. Ich möchte heute keine Prognosen abgeben. Wir wollen weiter junge Talente fördern, ihnen Eiszeit geben und nun dem Team einen Leader aus dem Ausland verschaffen. Ein Aufstieg in die NLA ist erst dann ein Thema, wenn die Struktur der Mannschaft stimmt und wir dieser Aufgabe gewachsen sind. Doch es gibt, abgesehen davon, dass wir ein tolles Ausbildungsteam geworden sind, auch weitere positive Aspekte.

Die wären?

Früher hat man den HC Thurgau nicht wahrgenommen, heute machen wir Schlagzeilen. Der HCT ist heute ein Begriff, eine Marke, er ist Kult. Entweder man liebt ihn, oder man hasst ihn.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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