Nr. 12/2007 vom 22.03.2007

Die eigene Vision und die emotionale Wahrheit

Die Schriftstellerin aus Nigeria ist eine wichtige Vertreterin der afrikanischen Literatur. Ihre ersten Romane befassen sich mit massgeblichen Zeitabschnitten in der Geschichte ihres Landes.

Von Heinz Hug

Afrikanische AutorInnen einer jüngeren Generation zeichnen sich dadurch aus, dass sie frei von ideologischen Vorgaben und ungeachtet ihrer nationalen oder ethnischen Zugehörigkeit schreiben. Sie breiten ihre Themen aus, ohne erklären und Stellung nehmen zu wollen. Und trotzdem kann man nicht von Realismus sprechen, geht es ihnen doch stets um eine sehr persönliche Sicht der Dinge. Eine der Jüngsten dieser Generation ist Chimamanda Ngozi Adichie aus Nigeria. Mit ihren knapp dreissig Jahren hat sie bereits zwei grosse Romane veröffentlicht, die Judith Schwaab sehr gekonnt ins Deutsche übersetzt hat. Der erste Roman, «Blauer Hibiskus», wurde im Original 2003 veröffentlicht, zwei Jahre später folgte «Die Hälfte der Sonne».

Die Handlungen der beiden Romane liegen etwa vierzig Jahre auseinander; sie spielen in zwei Zeitabschnitten der nigerianischen Geschichte, die für die Entwicklung des Landes zentral sind. Gegen Ende des Romans «Blauer Hibiskus», im Juni 1998, stirbt der Militärdiktator Sami Abacha. Damit erreicht die Geschichte des von Militärdiktaturen zugrunde gerichteten Landes den absoluten Tiefpunkt. In «Die Hälfte der Sonne» verweisen die Kapitelüberschriften auf die frühen und späten sechziger Jahre. Am Beginn dieses Jahrzehnts steht die Befreiung Nigerias aus der britischen Kolonialherrschaft, die zweite Hälfte prägen die Sezession Biafras, des von den Igbo-Völkern bewohnten Südostens des Landes, und der anschliessende Bürgerkrieg.

Erste Preise in den USA

Diese Zeit hat Adichie selber nicht erlebt. Sie wurde 1977 geboren, doch in ihrer Familie war diese Zeit - anders als in der Öffentlichkeit - ein Thema, starben doch ihre beiden Grossväter im Krieg. Adichies Vater war Professor für Statistik und Vizekanzler an der University of Nigeria in Nsukka. Sie wuchs auf dem Universitätscampus auf und besuchte die dortigen Schulen. In Nsukka begann sie ein Medizinstudium, ging aber mit neunzehn Jahren in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo sie 2001 ihr Studium in Kommunikationswissenschaften abschloss.

Das Lesen von Literatur und das Schreiben gehören seit der Kindheit zu Adichies Leben. Ernsthafter betrieb sie das Schreiben in den USA, sie veröffentlichte Erzählungen und gewann erste Preise. Nach der Veröffentlichung von «Blauer Hibiskus» begann sie ein Magisterstudium in Creative Writing in Baltimore, wo ihre Texte aber als «zu wenig afrikanisch» beurteilt wurden. Nach dem zweiten Roman schrieb sie sich an der Yale University für ein Studium in afrikanischer Geschichte ein: «Ich empfinde eine Verantwortung, weil ich über einen Ort schreibe, der sehr lange Zeit entwertet wurde. Weil ich weiss, dass die Verhältnisse komplexer sind, will ich mir so viel Wissen wie möglich darüber aneignen.»

Auch wenn in Adichies Romanen die Wärme und die Anteilnahme an den Personen auffallen, sind sie keineswegs autobiografisch. Anders als Adichie entstammt die fünfzehnjährige Kambili, die Protagonistin und Icherzählerin in «Blauer Hibiskus», einer grossbürgerlichen Familie und wächst zusammen mit ihrem etwas älteren Bruder Jaja und ihrer Mutter unter dem von einem fundamentalistischen Katholizismus bestimmten, strengen Regime ihres Vaters auf. Als die Kinder ihre Tante Ifeoma besuchen, die als Professorin auf dem Campus von Nsukka lebt, öffnet sich ihnen eine neue Welt, geprägt von emotionaler Nähe und Offenheit - nicht nur in religiösen Belangen. Das führt zu einer Entwicklung, die unweigerlich Konflikte mit dem Vater mit sich bringt.

Obwohl in «Blauer Hibiskus» die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in Nigeria immer wieder durchscheinen, etwa mit dem optimistischen Schluss, der einen Neubeginn für das Land andeutet, fokussiert der Roman auf die Themen familiäre Beziehungen, Religion und Liebe. Von seiner Ästhetik her ist der Roman nicht so angelegt, dass er die gesellschaftlichen Probleme ausleuchten könnte - Kambilis Perspektive deckt nur einen schmalen Bereich der nigerianischen Gegenwart ab. Nur der vom Vater als «Heide» verstossene Grossvater weist in weitere Dimensionen, er erzählt den Kindern von der Tradition und der Kultur der Igbos.

In «Die Hälfte der Sonne» weitet sich die Erzählperspektive. Hier sind es drei Figuren, aus deren Sicht die Geschehnisse erzählt werden. Zum einen vom dreizehnjährigen Ugwu, dem Hausboy des Linksintellektuellen und überzeugten Igbo Odenigbo, der vom Dorf nach Nsukka kommt und dessen Naivität und Wissbegierde diese Perspektive besonders reizvoll machen. Zum anderen von Olanna, der Geliebten von Odenigbo, die aus einer (neu-)reichen und korrupten Familie stammt. Die dritte Perspektive zeichnet sich durch ihre Distanz aus, gehört sie doch dem Engländer Richard, der nach Nigeria gekommen ist, um hier Inspirationen für einen Roman zu finden. Der schüchterne Mann verliebt sich in Kainene, Olannas eigenwillige Zwillingsschwester.

Risse zwischen den Ethnien

Der erste der vier Romanteile erscheint wie ein Idyll: das ruhige Leben der beiden Paare, die intensiven Beziehungen zu den Freunden und Familienmitgliedern - auch wenn sowohl Odenigbos Mutter als auch die Eltern von Kainene ihre jeweiligen Liebesbeziehungen aus Standesdünkel und Vorurteilen strikte ablehnen. Nur gelegentlich werden politische Konfrontationen und Risse zwischen den Ethnien sichtbar. Im zweiten Teil - er spielt fast zehn Jahre später - bricht die Politik in diesen Personenkreis ein: zunächst der Putsch des von den Igbos dominierten Militärs gegen die Korruption und Misswirtschaft der Politiker, dann der Gegenputsch und die darauf folgenden Massaker an Igbos im Norden und deren Vertreibungen (heute würde man von «ethnischen Säuberungen» sprechen), die vom Enthusiasmus der Bevölkerung getragene Ausrufung des Staates Biafra, dann der Krieg und der Hunger.

Auch wenn «Die Hälfte der Sonne» das politische und gesellschaftliche Geschehen stärker in die Handlung einbezieht, kann man weder von einem historischen noch von einem Kriegsroman sprechen. Für Adichie sind die historischen Gegebenheiten nicht wichtig; essenziell sind die «emotionale Wahrheit», der Versuch, «den Geist der Zeit sowie ihre eigene künstlerische Vision» getreu wiederzugeben. Adichie betont, sie habe über diese Zeit schreiben müssen, «weil ich im Schatten von Biafra aufwuchs, weil ich von einer Geschichte Besitz ergreifen wollte, die mich bestimmt».

Trotz der Tendenz zur blossen Darstellung fliessen analytische Momente in den Roman ein, hauptsächlich in den Gesprächen im Freundeskreis um Odenigbo. Dabei werden geschichtliche Hintergründe des Krieges sichtbar: die britische Kolonialpolitik, die unter den Igbos, den Hausas und den Yorubas ein ethnisches Bewusstsein erst schuf, der verheerende Versuch der Briten, Nigeria über ihre Kolonialherrschaft hinaus als Einheit zu erhalten, und ihre Waffenlieferungen an die Armee der Zentralregierung. Am deutlichsten fällt eine solche Stellungnahme in den über den ganzen Roman verstreuten Passagen aus, die sich auf den von Ugwu später geschriebenen Roman «Die Welt schwieg, als wir starben» beziehen.

Mit ihren beiden Romanen zeichnet Adichie ein eindrückliches Bild vom Leben in Nigeria. Obwohl auch vom Krieg die Rede ist, handeln sie nicht von Not und Elend in Afrika, wie wir dies aus den meisten Medien kennen. Adichies Menschen sind nicht geheimnisvoll und mystisch, wie ihr Creative-Writing-Professor sie haben wollte, sie haben - wie die Autorin selber sagt - «die gleichen Bedürfnisse, und sie wollen, was er auch möchte». Selbstredend gibt es in Adichies Romanen auch Rassismus, soziale Differenzen und kulturell bedingte Unterschiede. Doch sind die Differenzen und Identitäten nicht festgeschrieben. Als Richard sich als impotent erweist, fragt er seinen Hausangestellten nach «afrikanischen» Heilmethoden, doch dieser verweist ihn mit Nachdruck an den europäisch geschulten Arzt.

Ihre unkomplizierte, sinnliche und detailreiche Schreibweise, ihre ernsthafte Beschäftigung mit der Situation Nigerias, ihre unbefangene Sichtweise machen aus Chimamanda Ngozi Adichie eine äusserst lesenswerte Autorin und eine bedeutende Vertreterin einer jungen afrikanischen Literatur.

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