Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Liebe statt Bibel

Von Anja Bengelstorff

Während des Biafra-Kriegs in Nigeria 1968 verliert die elfjährige Ijeoma zuerst ihren Vater bei einem Bombenangriff, dann den Schutz ihrer Mutter, die den Verlust nicht verkraftet und die Tochter bei FreundInnen als Dienstmädchen unterbringt. Dort lernt sie, die christliche Igbo, Amina kennen, eine muslimische Hausa. Ihre tastende, verwirrende Liebesbeziehung stösst gleich an zwei Tabus: die Feindschaft zwischen den Igbo aus dem Süden und den Hausa aus dem Norden Nigerias. Und das Ausleben gleichgeschlechtlicher Liebe in einer bis heute höchst konservativen Gesellschaft.

In vielen afrikanischen Ländern sind homosexuelle Akte per Gesetz verboten, in Nigeria stehen darauf bis zu vierzehn Jahre Gefängnis. Chinelo Okparanta erzählt in ihrem Debütroman «Unter den Udala-Bäumen» in fast quälender Genauigkeit, was die ständige, manchmal gewalttätige Zurückweisung eines Lebensentwurfs für die Betroffenen bedeutet – nicht nur in ihren Partnerschaften, sondern auch in der Beziehung zu ihren Eltern.

Eine Schlüsselszene in diesem Roman ist der Schlagabtausch zwischen Ijeoma und ihrer Mutter während des gemeinsamen Bibelstudiums. Die Mutter, bei der die Tochter nun wieder lebt, setzt alles daran, mithilfe der Heiligen Schrift ihre Tochter von der «Sünde» zu befreien. Als Lot etwa den Männern von Sodom seine Töchter anbietet, um seine männlichen Gäste zu verschonen, habe er verhindern wollen, «dass ein Mann bei einem anderen Mann liegt», argumentiert die Mutter. «Geht es in der Geschichte nicht vielmehr um Gastfreundschaft?», hält Ijeoma trocken dagegen.

Wie viel das Bibelstudium langfristig nützt, ahnen wir. Doch Ijeomas Weg zu einem selbstbestimmten Leben ist lang. Kurzfristig kann sie dem gesellschaftlichen Druck, Gattin, Hausfrau und Mutter zu werden, nicht widerstehen.

Die deutsche Übersetzung mag stellenweise etwas hölzern sein. Doch lohnt sich die Lektüre allemal für einen Blick auf einen hierzulande bisher eher unbekannten Aspekt eines facettenreichen Landes.

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