Nr. 12/2007 vom 22.03.2007

Spiel mit dem Feuer

Chahar Schanbe Suri ist Teil der vorislamischen Tradition Irans. Das Fest ist zum Zankapfel zwischen der iranischen Bevölkerung und der Regierung geworden. Zusehends nutzen auch die Jungen und die Regimegegner diesen Tag, um Luft abzulassen und Kritik am Regime zu üben.

Von Toby Matthiesen

Langsam legt sich die Nacht über Isfahan, die ehemalige Residenzstadt der Safawiden, der persischen Könige. Die Frühlingssonne macht der Strassenbeleuchtung und den blinkenden Reklamen der Boutiquen und Hidschabshops, den Modegeschäften für Schleier, Platz. Tagtäglich flanieren Tausende durch die Einkaufsstrassen des Armenierviertels Jolfa, bahnen sich ihren Weg durch eine Blechlawine von iranischen Billigautos, den Peykans, und schickeren französischen Limousinen.

Doch heute ist alles anders. Aus dem Zwielicht einer Seitenstrasse rast ein Motorrad mit knatterndem Auspuff. Zwei Männer, durch ihre Bomberjacken und Bärte als Mitglieder der paramilitärischen Basidschimiliz erkennbar, sitzen darauf - sie fahren in Richtung Universität und Sagrosgebirge, wo ganze Strassenzüge abgesperrt sind. Der Gedanke an ihre grimmigen Gesichter wird durch den ohrenbetäubenden Knall einer Explosion zerstreut. Auf der anderen Strassenseite lodert ein Feuer, junge Frauen stossen schrille Schreie aus. Es tönt nach einer neuen iranischen Revolution, doch es sind die Feuerwerkskörper der Nacht vor Chahar Schanbe Suri, dem letzten Mittwoch des persischen Jahres, Teil des Neujahrsfests, heuer am 13. März.

In dieser Nacht wird im ganzen Iran über Feuer gesprungen und auf öffentlichen Plätzen und in privaten Gärten gefeiert. Schon in den Tagen vor Chahar Schanbe Suri sind vereinzelt Explosionen zu hören, und seit Sonnenuntergang folgt eine der anderen. Ein Teil der Hauptverkehrsachse, die die südlichen Vororte von Isfahan mit dem Stadtzentrum verbindet, ist auf beiden Seiten mit Polizeiautos abgeriegelt.

Überall auf der mehrspurigen Autobahn stehen die Leute neben ihren Autos und tanzen zu dröhnender Musik, was eigentlich strengstens verboten wäre. Persischer Pop, Trance und Hip-Hop aus Los Angeles und Europa stehen hoch im Kurs. Eine persische Hip-Hop-Hymne mit dem Titel «Komm her, Süsse!», deren Videoclip den amerikanischen Vorbildern in punkto Sexismus und Machotum in nichts nachsteht, ist der Soundtrack einer Gruppe junger Männer und Frauen. Einer von ihnen spritzt nachlässig Benzin ins Feuer, während die anderen einen Joint kreisen lassen. Das Kopftuch einer jungen Iranerin ist so weit nach hinten gerutscht, dass ihre blondierten Haarspitzen im Flackern der Flammen aufleuchten. Mit einem Mal explodiert zu Füssen eines Pärchens, das umschlungen im Takt wippt, ein Feuerwerkskörper. Erschrocken springen die beiden zurück. Diesmal ist nichts passiert, aber die grösstenteils selbst gebastelten oder aus Asien importierten billigen Knaller sind gefährlich, jedes Jahr gibt es zahlreiche Verletzte.

«Gib mir deine Röte!»

Ein paar Meter weiter steht eine Familie neben ihrem Peykan um ein kleines Feuer herum. Die Kinder springen jauchzend über die Flammen, die Mutter filmt alles. Aus dem Auto ertönt leise die verzaubernde Stimme Googooshs, der iranischen Edith Piaf. Sie war in den siebziger Jahren eine iranische Popikone, doch nach der Revolution wurde ihre Musik verboten. Heute lebt sie in den USA, doch ist sie vor allem bei der älteren Generation immer noch sehr populär. Als der Vater das Feuer schüren will, springt ein Passant darüber. Dabei ruft er «Sorchi-ye tu as man, sardi-ye man as tu» (Nimm meine Blässe, gib mir deine Röte). Er fordert dadurch das Feuer auf, ihm Glück und Lebenskraft für das neue Jahr zu schenken.

Plötzlich wird die Musik leiser gedreht, alle starren gebannt in eine Richtung - ein Trupp Basidschis ist aufgetaucht. Mit Knüppeln bewaffnet, marschieren sie in der Mitte der Strasse entlang. Einen Moment lang liegt Ärger in der Luft, doch dann die Erleichterung: Momentan wollen sie nur Präsenz markieren, die Leute dazu auffordern, freiwillig nach Hause zu gehen.

Der Chahar Schanbe Suri geht, wie alle Feste während Norus, der Neujahrszeit, auf vorislamische, zoroastrische Bräuche zurück. Der Zoroastrismus war eine der ersten monotheistischen Religionen überhaupt und bis zur islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert im heutigen Iran vorherrschend. Eines der zentralen Symbole des zoroastrischen Glaubens ist das Feuer, das als reinigende Kraft angesehen und dem in Feuertempeln gehuldigt wird. Der letzte Mittwoch des Jahres gilt im Zoroastrismus als Tag, an dem die verschwundenen Geister zurückkehren. Auf den Dächern der Häuser wurden Feuer entfacht, um den Seelen der Toten den Weg zu weisen und sie zu beschützen.

Diese alten Bräuche wurden durch die Ankunft des Islams nicht ausgelöscht, vielmehr wurden sie unter anderem Vorwand weitergeführt. Laut islamischen Darstellungen sollen die Feuer auf Muchtar bin Abi Ubaid ath-Thaqafi, einen frühen schiitischen Helden, zurückgehen. Er führte eine Aufstandsbewegung gegen die sunnitischen Herrscher und soll zu diesem Zweck seine Verbündeten dazu aufgefordert haben, in der Nacht vor Chahar Schanbe Suri auf den Dächern ihrer Häuser Feuer zu entfachen.

Neuer Kalender

Im 20. Jahrhundert setzten dann die Pahlavidynastie und vor allem Muhammad Reza Schah grossen Wert darauf, die vorislamischen Traditionen zu stärken. Der Schah versuchte damit an die altiranische Königstradition anzuknüpfen und sich als deren legitimer Nachfolger zu präsentieren. Norus wurde zum ersten Tag in einem neu eingeführten Kalender, der bis heute gilt, und Persien wurde in Iran, das Land der Arier, umbenannt. Um die Bedeutung des Chahar Schanbe Suri zu unterstreichen, sollen auf dem Meidan-e Schah in Isfahan, dem Platz des Schahs, riesige Feuerwerke stattgefunden haben.

Der Platz des Schahs wurde nach der islamischen Revolution von 1979 in Meidan-e Imam, Platz des Imams, umbenannt. Dies war Teil der Politik der neuen Regierung, die auf eine totale Islamisierung des öffentlichen Raums abzielte. Mit allem, was an den Schah erinnerte, sollten auch «heidnische» Feste wie der Chahar Schanbe Suri verschwinden. In der Euphorie, die unmittelbar nach der Revolution in weiten Teilen der Bevölkerung herrschte, mochte dies zu einem gewissen Grad möglich gewesen sein. Mit der Desillusionierung vieler IranerInnen und dem verheerenden Krieg zwischen Iran und Irak von 1980 bis 1988 aber wurde dies immer schwieriger. Nima Mina, Übersetzer und Persischdozent an der School of Oriental and African Studies in London, meint, dass die «islamische Regierung die totale Islamisierung der Gesellschaft schon in den achtziger Jahren aufgegeben hat. Die Kraft der vorislamischen persischen Kultur wurde unterschätzt.»

Trotzdem versuchen paramilitärische Einheiten wie die Basidschi zu «gebieten, was recht ist, und verbieten, was verwerflich ist», wie es in einer berühmten Koranstelle heisst. Auf diesem Koranvers basiert Artikel acht der Verfassung der Islamischen Republik Iran, der den Taten der verschiedenen Organisationen, die sich um die Einhaltung der Sitten kümmern, eine legale Basis geben soll. Seit im Sommer 2005 ein ehemaliges Mitglied der Basidschimiliz, Mahmud Ahmadinedschad, zum Präsidenten gewählt wurde, hat diese noch grössere Handlungsfreiheit als zuvor. Mina bekräftigt, dass die Linie der Regierung bezüglich der Einhaltung islamischer Sittengesetze seit seiner Wahl «eindeutig strikter geworden ist».

Die verlorenen Babyboomer

Ein weiteres Anliegen der Islamischen Revolution war die Steigerung der Geburtenrate. Frühe Heirat und frühes Kinderkriegen wurden propagiert, was in den frühen achtziger Jahren zu einem Babyboom führte. Eine Generation wuchs heran, die die Schrecken der Diktatur von Muhammad Reza Schah und die ersten, vom Aufbruch geprägten Tage der Islamischen Revolution nur noch vom Hörensagen kennt. Die Hälfte der iranischen Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Einerseits wurde diese Generation durch die ideologische Indoktrination in der Erziehung und den Medien geprägt. Andererseits nimmt sie es der Regierung übel, dass sie ihre sozialen, sexuellen und intellektuellen Rechte beschneidet. Als Mohammed Chatami 1997 die Präsidentenwahlen gewann, setzten viele Junge ihre Hoffnungen in ihn und seine Reformbewegung.

Doch wegen der parallelen Machtstrukturen im politischen System Irans und der starken Opposition der Hardliner konnte Chatami nur einen Bruchteil seiner geplanten Reformen durchsetzen. In einem Land, in dem schon die verschiedensten Revolutionen und Ideologien versagt hatten, wurde nun auch die Hoffnung auf eine Reform des Systems von innen enttäuscht. Der explizit religiöse Charakter des Regimes und des öffentlichen Raums hat bei vielen Jungen zu einer profunden Glaubenskrise geführt, wie die iranisch-amerikanische Anthropologin Roxanne Varzi jüngst in ihrem Buch «Warring Souls» dargestellt hat. Dabei wird die Diskrepanz zwischen einer öffentlichen, islamischen Identität und einer privaten, oft säkularen Identität immer grösser. Die hohe Jugendselbstmordrate, der steigende Drogenkonsum und der Drang vieler Jugendlicher nach rauschenden Partys, unter anderem am Chahar Schanbe Suri, müssen in diesem Licht gesehen werden.

Es wäre daher voreilig, aus der hohen Popularität des Chahar Schanbe Suri bei der Jugend auf eine Rückkehr zu zoroastrischen Wurzeln zu schliessen. Es haben sich nämlich vor allem die Traditionen gehalten, die am meisten Spass machen. Früher war es üblich, dass Kinder an die Türen der Nachbarn klopften und, mit Löffeln in einer leeren Schüssel klappernd, nach Süssigkeiten verlangten - ähnlich wie beim US-amerikanischen Halloween. Zudem war es Sitte, Leuten auf der Strasse zuzuhören und aus ihren Gesprächen die Zukunft vorauszusagen.

Solche Praktiken sind heute grösstenteils verschwunden. Am Fest geht es vielmehr darum, Luft abzulassen und die Gelegenheit zu nutzen, dem anderen Geschlecht näherzukommen. Narineh, eine 25-jährige Englischlehrerin aus Teheran, sagt denn auch, dass der Chahar Schanbe Suri «vor allem eine Möglichkeit zum Feiern, Tanzen und Trinken ist». Sie erklärt, dass die Jungen den Chahar Schanbe Suri lieben, weil es kein religiöser Feiertag ist. «Wenn man in den Kalender schaut, dann hat man jeden zweiten Tag irgendeine Trauerfeier für einen Heiligen oder einen Unglückstag aus der schiitischen Geschichte. Der Chahar Schanbe Suri ist etwas anderes, es ist einer der wenigen Tage, an denen man Spass haben kann.» Dies ist subversiv in einem Staat, dessen Gründer Ajatollah Chomeini einmal gesagt hat: «Es gibt keinen Spass im Islam.» Vermehrt werden denn auch Stimmen laut, die sagen, dass sich der Widerstand der Jugend Irans vor allem in den alltäglichen Handlungen abspielt, dass die Jungen sich von der Politik abgewendet hätten. Die brutale Niederschlagung der politischen Studentenbewegung in den letzten Jahren hat dazu sicherlich einiges beigetragen.

Die Medien spielten in der Islamisierungspolitik der Regierung eine zentrale Rolle. Es ist daher nicht verwunderlich, dass in den Medien kaum positiv über den Chahar Schanbe Suri berichtet wird. Die Berichterstattung beschränkt sich vor allem auf Unfälle und Verletzungen, die durch die Feuerwerkskörper verursacht werden. Durch Verbrennungen entstellte Gesichter und von Brandwunden übersäte Körper sollen den Jugendlichen Angst einjagen.

Den Mullahs eins auswischen

Ganz anders allerdings bei jenen Fernsehsendern, die vor allem aus Los Angeles in den Iran gesendet werden und über Satellit fast überall empfangbar sind: Dort wird die Jugend Irans dazu aufgerufen, den Chahar Schanbe Suri zur Rebellion gegen das Regime zu nutzen. Dasselbe gilt fürs Internet. In einem Forumseintrag auf www.iran-now.net wird der Chahar Schanbe Suri als Weg angepriesen, um das Regime zu Fall zu bringen. Man müsse die «Sprengkraft dieses Tages» nutzen und die Leute mobilisieren. Auch in Weblogs junger IranerInnen, die mittlerweile en masse vorhanden sind, ist der Chahar Schanbe Suri ein Thema. Im Nachhinein kann man dort jeweils Bilder der Partys und der gelegentlichen Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften finden.

Ein junger Blogger schreibt, was ihn dazu bewegt, am Chahar Shanbe Suri auf die Strassen zu gehen: «Um den tyrannischen Mullahs eins auszuwischen, brennen wir an Chahar Schanbe Suri Feuerwerke ab.» Letztes Jahr ist sogar ein Film von Regisseur Asghar Farhadi mit dem Titel «Chahar Schanbe Suri» erschienen, der in Iran wie auch an Filmfestivals im Ausland Furore machte. Vor dem Hintergrund explodierender Feuerwerke an Neujahr erzählt er die Geschichte einer sich in Lügen verstrickenden Teheraner Mittelstandsfamilie. Die staatlichen Medien versuchen den Chahar Schanbe Suri zwar totzuschweigen. Im Bewusstsein der IranerInnen und der Populärkultur aber ist er lebendig und wird heute wieder enthusiastisch gefeiert.

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