Nr. 37/2009 vom 10.09.2009

... oder Stillstand?

Die Proteste gegen die Wiederwahl des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad sind erloschen. Wars das nun? Und wie blicken die IranerInnen auf die turbulenten Tage zurück?

Von Christoph Berger, Isfahan

Irgendwo auf einer Landebahn: Vier halbnackte blonde Stewardessen tanzen lasziv in blauen Hotpants zu dumpfen Bässen – hinter ihnen ein silberner Privatjet; der Beton flimmert in der Hitze.

«Allahu akbar!» Die Bässe, die aus dem Fernseher dröhnen, verschwinden hinter dem lauten Ruf des Muezzins. Es ist kurz nach neun. In Isfahan, der zweitgrössten Stadt Irans, ist es Zeit fürs abendliche Gebet. Die jahrhundertealten gigantischen Moscheen am Imamplatz sind bereits beleuchtet. Millionen von IranerInnen sitzen nun zuhause vor ihren illegalen Satellitenfernsehern, schauen US-Spielfilme, britische Nachrichten oder polnische Videoclips.

«Allahu akbar» – der 25-jährige Hamid* steht auf und geht zum Fenster, um es zu schliessen. Der Muezzin ist so laut, dass er seine Gäste nicht mehr versteht. Dann wechselt Hamid den Fernsehkanal. Auf dem Bildschirm, auf dem zuvor halbnackte Stewardessen tanzten, redet nun ein Nachrichtensprecher des persischen BBC-Kanals.

Gerade habe Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad vor dem Parlament seinen Amtseid abgelegt, sagt der Sprecher. Es ist der 5. August 2009.

«Das ist ein schwarzer Tag für unser Land», sagt Hamid, während er zuschaut, wie Revolutionsführer Ali Chamenei den frisch vereidigten Präsidenten vor den Abgeordneten umarmt. «All die Proteste gegen Ahmadinedschads Wiederwahl haben nichts genützt.» Hamid öffnet den Käfig seiner beiden syrischen Goldhamster und beginnt, sie mit Sonnenblumenkernen zu füttern. Hinter ihm hängt ein Poster von Real-Madrid-Star Kaká.

Noch wohnt Hamid bei seinen Eltern, wie die meisten IranerInnen seines Alters. Seit er mit der Schule fertig ist, arbeitet er im Druckgeschäft seines Vaters. Bald wird Hamid seinen eigenen Kopierladen eröffnen, wie seine beiden älteren Brüder; dann wird er heiraten. Das hat sein Vater so entschieden.

Hamid fühlt sich eingeengt in seinem Land. Und er glaubt auch zu wissen, wer schuld ist an dieser Enge: ein Regime, das keine Freiheiten zulässt und sein Volk unterdrückt.

Noch nie hat Hamid diese Leute gemocht, die ihn regieren. Doch in den Tagen nach der Wahl ist seine Wut übergekocht. Kurz nachdem er und sein bester Freund erfuhren, dass Ahmadinedschad für vier weitere Jahre regieren wird, zogen sie los, Richtung Innenstadt. Über sechzig Prozent der iranischen Bevölkerung sollen ihre Stimme Ahmadinedschad gegeben haben? Nein. Hamid und sein Freund waren sich sicher, dass die Wahl gefälscht worden war. Und dagegen wollten sie demonstrieren. Deshalb schrien auch sie in den Strassen: «Marg bar diktator!» – Tod dem Diktator. Wie die anderen DemonstrantInnen mussten dann auch sie vor der Polizei flüchten – zum Glück öffnete sich irgendwo plötzlich eine Haustür. In einem Innenhof konnten sie sich verstecken.

Doch so wütend Hamid in diesen Tagen auch war und so laut er auch schrie: Den Tod wünsche er niemandem, sagt Hamid – auch nicht Ahmadinedschad. Er wolle einfach nur frei sein. «So wie ihr in Europa». Er wolle an Partys gehen, ohne Angst zu haben, beim Tanzen oder Flirten verhaftet zu werden. Partys seien im Iran illegal, sagt Hamid – «im Iran ist alles illegal».

Die Tage vor der Wahl waren die freisten, die Hamid je erlebt hat. Und die schönsten. Die ganze Stadt sei bis tief in die Nacht auf den Beinen gewesen. Die Familien hätten in den Parks gepicknickt, und er habe mit seinen Freunden abends auf dem beleuchteten Imamplatz Volleyball gespielt. Auch die Sittenpolizei sei weniger streng gewesen als sonst: Den Beamten in Zivil war es egal, wenn hier oder dort unter einem Kopftuch ein paar Haarsträhnen mehr hervorschauten als erlaubt. So hatte Hamid die Mitmenschen in seinem Land noch nie gesehen. «Wir hatten alle das Gefühl, dass sich nach der Wahl grundlegende Dinge in diesem Land verändern würden.» Umsonst.

Auch wenn Hamid sich nach Freiheit sehnt, so hofft er doch, dass diese nicht von heute auf morgen kommt – sondern Schritt für Schritt. Hamid will keine Revolution. Sein Land habe Jahrtausende unter autoritärer Herrschaft gelebt; deshalb müsse es sich langsam öffnen, damit die Menschen Zeit haben, umdenken zu lernen. «Revolutionen sind immer blutig», gibt Hamid zu bedenken – die letzte sei erst dreissig Jahre her. Damals übernahmen die Islamisten die Macht.

Nada hätte nichts gegen eine Revolution. Die Fünfzigjährige rückt immer wieder nervös ihr Kopftuch zurecht, während sie auf der Wiese des Schahid-Radschadsch-Parks eine blaues Tuch ausbreitet. Dann holt sie eine Thermoskanne mit heissem Tee und zwei Gläser aus ihrer Tasche und schenkt ein. Es ist kurz nach Mittag, fast vierzig Grad warm. Sie trinke bei jeder Gelegenheit Tee, sagt Nada.

Hier im Schahid-Radschadsch-Park hat sie in den Tagen vor der Wahl mit ihrer Familie die Freiheit genossen, die die Sittenbeamten den Menschen plötzlich gewährten – zwischen den sorgfältig gestutzten Sträuchern und hohen Bäumen, neben den beleuchteten Springbrunnen, zwischen den Statuen grosser iranischer Dichter. In jenen Nächten habe sie sich nicht vorstellen können, was nach der Wahl passieren würde, sagt Nada. Einige Tage später stürzte auch sie sich ins Chaos auf Isfahans Strassen.

Seither hinkt Nada, denn sie hatte weniger Glück als Hamid. Als auch sie vor der Polizei flüchten musste, tat sich keine Haustür auf. Ein sogenannter Basidsch hat sie erwischt und mit dem Schlagstock auf ihr Bein eingedroschen. Ihren Peiniger hat Nada mit dem Mobiltelefon fotografiert. Auf dem Bild ist ein Mann in ziviler Kleidung mit Militärhelm zu sehen, mit einem schwarzen Knüppel in der Linken, mit der er zum Schlag ausholt.

Dabei habe sie die Arbeit der Basidsch, dieser milizartigen Bürgerwehr, früher geschätzt, sagt Nada – damals, in den ersten Jahren nach der Islamischen Revolution von 1979. «Die Basidsch haben damals den Menschen geholfen und für Ordnung gesorgt» – bis sie kurz darauf für den Krieg mit dem Irak rekrutiert wurden. Als sie zurückgekommen seien, hätten viele der jungen Krieger damit begonnen, die Bevölkerung zu tyrannisieren.

Doch Nada hat schon Schlimmeres erlebt, als die Gewalt nach den Wahlen in Isfahans Strassen. Etwa die Geburt ihres Sohnes im Jahre 1985. Als sie mit Wehen im Krankenhaus lag, schlug eine irakische Scudrakete in das Gebäude ein – Raketenkind nennen die Leute nun ihren Sohn. Auch ihre Entlassung von der Universität Schiraz war schlimm. Bis vor einem Jahr unterrichtete Nada dort Persisch, dann wurde sie gefeuert. Aus welchem Grund weiss Nada bis heute nicht. Inzwischen gibt sie ausländischen StudentInnen privaten Unterricht – «illegal», wie sie bemerkt. Mit ihrem Job hat sie auch ihre Lehrerlaubnis verloren.

Vor vier Jahren hatte Nada noch Mahmud Ahmadinedschad gewählt – «ein grosser Fehler», wie sie heute bekräftigt. Doch eigentlich sei ohnehin egal, wer auf dem Chefsessel sitze. Die iranische Politik sei ein Spiel, an dem sich seit dreissig Jahren dieselben Leute beteiligten. «Niemand von denen will das System wirklich reformieren.»

Eine Person kenne das Spiel besonders gut, sagt Nada. Haschimi Rafsandschani. Der Multimilliardär und ehemalige Präsident (1989 bis 1997) hatte seit der Revolution von 1979 bis heute immer irgendein Amt besetzt, das ihm Einfluss sicherte. Seit 2007 ist er Vorsitzender des Expertenrates, der den Revolutionsführer wählt. Nach der Wahl vom Juni stellte er sich klar auf die Seite der Opposition um Mir-Hossein Musawi. Und in seiner Freitagspredigt vom 17. Juli forderte er die Freilassung von DemonstrantInnen und rief zum Dialog zwischen den verhärteten Fronten auf.

«Ich konnte es kaum glauben, als ich seine Worte hörte», sagt Nada. Rafsandschani, der vor zwanzig Jahren mit angeblichen 95 Prozent zum Präsidenten gewählt wurde und dessen Wahl deshalb selbst höchst umstritten war, wehrt sich nun gegen undemokratische Wahlen? Rafsandschani, der hinter jeder Freiheitsforderung der Opposition nur das Ziel sah, die Bevölkerung gegen ihn aufzuhetzen, fordert nun selbst Reformen? Rafsandschani, der selbst die Opposition unterdrückte, stellt sich nun auf deren Seite?

«Rafsandschani ist typisch für diese Politikerkaste, deren Mitglieder immer neue Allianzen schmieden, um ihre Macht zu erhalten», sagt Nada. Ihr Land brauche eine neue Revolution, sagt sie. «Die Leute haben genug – zehn Jahre noch, dann brechen hier wirklich neue Zeiten an.»

Eine neue Revolution? Das Ende der Islamischen Republik? So etwas will sich Amina nicht vorstellen. «Mein Land gefällt mir so, wie es ist», sagt sie, während wir über die Si-o-se-Brücke schlendern. Das erste Mal seit Jahrzehnten führt der Zayandeh-Fluss, über den die historische Brücke führt, in diesem Sommer kein Wasser – ein paar Pedalos liegen im ausgetrockneten Flussbett.

Amina studiert drei Tage die Woche im 300 Kilometer entfernten Teheran Französisch. Und an drei Tagen unterrichtet sie an der Universität von Isfahan. Später einmal will die 25-Jährige Universitätsprofessorin werden. Teheran gefällt ihr besser als Isfahan. «Teheran ist ein bisschen wie New York», sagt sie. «Anders als in Isfahan arbeiten dort alle, auch die Frauen», und das gefalle ihr. Isfahan sei viel konservativer als Teheran.

Konservativ fand Amina auch Neuenburg. Von dort kommt sie gerade zurück. Von dieser kleinen Stadt in der kleinen Schweiz, wie Amina sagt, wo die Leute sie anstarrten, weil sie ein Kopftuch trug. Sie hat an der Universität Neuenburg einen vierwöchigen Französischkurs besucht, zusammen mit sieben anderen iranischen Studentinnen.

Viele SchweizerInnen hätten ihr Fragen zu den Protesten und der Wahl im Iran gestellt, sagt Amina. Hast du protestiert? Wurdest du verprügelt? Warst du im Gefängnis? Eine Westschweizer Zeitung wollte Amina gar interviewen. Als sie die JournalistInnen traf, sagten sie ihr, sie könne ihr Kopftuch abnehmen, sie sei ja jetzt in der Schweiz. «Die konnten einfach nicht begreifen, dass ich auch hier mein Kopftuch anbehalten möchte.» Sie sei eine gläubige Muslimin, sagt Amina, sie trage ihr Kopftuch nicht nur auf dem Kopf, sondern auch in ihrem Herzen.

Amina kann nicht begreifen, dass im Iran nach der Wahl Menschen auf die Strasse gingen. «Wir Iraner müssen hinter unserer Regierung stehen», sagt sie. «Diese Proteste – das waren Proteste der Reichen, der Eliten.» Die Menschen hätten in den letzten Wochen für die falsche Art von Freiheit gekämpft – für eine Freiheit, wie sie Aminas Freundin Yara versteht, mit der sie zusammen in der Schweiz war. Yara habe sich an einem Abend in einer Bar in Zürich fast ins Koma gesoffen, drei Tage habe sie im Krankenhaus gelegen.

«Ist das Freiheit?», fragt Amina, bevor sie ins Taxi steigt, das sie zum Busbahnhof bringt. «Ich habe eure Freiheit gesehen – wenn das Freiheit ist, dann will ich sie nicht.»

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