Nr. 20/2007 vom 17.05.2007

Ansprüche runter, Kopf hoch

Tausende Jugendlicher stehen ohne Lehrstelle da, wenn demnächst das Schuljahr zu Ende geht. Manche sind schon seit zwei Jahren auf der Suche. Ein Stimmungsbild.

Von Charlotte Spindler

Jede Absage ist ein Knick fürs Selbstbewusstsein. Vahid, 16, hat das um die hundert Mal erlebt - wie oft, kann er nicht mehr genau sagen. Vierzig bis fünfzig Bewerbungen hat er während seines letzten regulären Schuljahrs verschickt. Da war er in der höchsten der Sekundarstufe, einer A-Klasse. Die gute Bildung nützte bei der Lehrstellenfindung aber nichts. Also absolvierte er noch das zehnte Schuljahr, als Zwischenlösung. Während dieser Zeit verschickte er nochmals fünfzig bis sechzig Bewerbungen. Dazu schrieb er jedes Mal einen individuellen Brief, kopierte Unterlagen, legte alles in ein Mäppchen, trug das Couvert auf die Post - und bezahlte dafür fünf Franken. Insgesamt kostete ihn das Schreiben von Bewerbungen also rund 500 Franken, wenn man nur die Portokosten zählt. «Manche Firmen schicken dir die Unterlagen zurück, hässlich zusammengefaltet, manche behalten das Dossier aber auch, da kannst du gleich wieder von vorne anfangen», erzählt Vahid. Dass es so schwierig ist, mit einem Sek-A-Abschluss eine Lehrstelle zu bekommen, hätte er nie gedacht. «Was sollen denn jene machen, die aus der Sek C kommen?»

Vahids Traumberuf ist Schauspieler, auch für Sprachen und Geschichte interessiert er sich. Eine Lehre im Hotelfach oder im Gastgewerbe hätte ihm gefallen. «In einem teuren Hotel in Zürich konnte ich eine Woche schnuppern. Zum Schluss hiess es, man könne mich nicht nehmen, weil meine Haare gefärbt sind und das den Gästen nicht passe.» Vahid erzählt, dass es für Betriebe, in denen SchülerInnen schnuppern können, Bewertungsbogen gibt, mittels deren die Verantwortlichen die Jugendlichen in verschiedenen Kategorien bewerten können. Die Anforderungen seien für Jugendliche fast unerfüllbar, sagt Vahid.

Als einige seiner SchulkollegInnen aus der Überbrückungsklasse endlich eine mündliche oder schriftliche Zusage hatten, wurde ihm erst recht mulmig. Denn er stand noch immer ohne Vertrag da. In der Folge hat er sein Suchgebiet ausgeweitet - und wurde fündig: Vahid absolviert nun eine dreijährige Lehre als Detailhandelsassistent bei einem Grossverteiler, Bereich Nahrungs- und Genussmittel. Er ist erleichtert und enttäuscht zugleich: «Ich hätte eigentlich gerne andere Branchen kennengelernt. Aber man kann nicht aussuchen.»

Träume begraben

Hangen und Bangen, Träume begraben, Ansprüche runter, Kopf hoch. Von den rund 80 000 Jugendlichen, die jedes Jahr die obligatorische Schulzeit abschliessen, finden rund 20 000 keinen direkten Einstieg in eine Lehre oder in eine weiterführende Schule. Eine gesetzlich vorgeschriebene Ausbildungsverpflichtung gibt es nicht. Wohl aber eine Liste von Unternehmen, die Lehrstellen anbieten - und hier folgt gleich die nächste beachtliche Zahl: Auf dieser Liste verschwinden jedes Jahr zehn bis zwanzig Prozent aller Betriebe. Die Gründe dafür sind vielfältig: Manche Unternehmen scheuen den Betreuungsaufwand, andere rekrutieren vermehrt MaturandInnen und bilden diese speziell aus - Banken und Versicherungen verfolgen diese Praxis zum Beispiel. Manchmal sind es aber auch die Berufe, die sich stark verändern oder ganz verschwinden.

Bereits ein Überbrückungsjahr hinter sich haben die zwei Frauen und sieben jungen Männer im «Motivationssemester» der Nahtstelle Zürich Oerlikon. Die Nahtstelle ist eine private Organisation, die im Auftrag von Stadt und Kanton Zürich und weiteren Zürcher Gemeinden SchulabgängerInnen auf den Einstieg ins Berufsleben vorbereitet. Die jüngsten hier sind sechzehn, die ältesten neunzehn. Fast alle sind im Kanton Zürich aufgewachsen und sprechen Schweizerdeutsch. Nur ein Jugendlicher ist erst seit drei Jahren in der Schweiz, er kam mit seiner Mutter aus der Dominikanischen Republik. Alle neun sind über ein Regionales Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) in der Nahtstelle in Zürich Oerlikon gelandet.

Sie sitzen um den runden Tisch im Schulzimmer, farbige Zettel vor sich. Darauf steht «optimistisch», «freundlich», «zuverlässig», «höflich», «pünktlich» und noch einiges mehr. Die Zettel verteilen sie reihum ihren KollegInnen. Lauter positive Zeichen. Das ist gut fürs Selbstwertgefühl. Das können sie brauchen, denn sie sind zum Teil seit zwei Jahren schon auf Lehrstellensuche. An den Wänden hängen ihre Selbstporträts: Was sie mögen, was sie hoffen, was ihre Zukunftsvisionen sind. Ihre Wunschberufe: Detailhandelsfachmann, Logistikassistent, Sanitär, Maler, Netzelektriker, Kleinkinderzieherin oder Coiffeur.

Die meisten haben bereits eine Zwischenlösung hinter sich. Wie viele Bewerbungen sie schon abgeschickt haben, können sie so genau nicht mehr beziffern. «Zweimal war ich in der engeren Auswahl», erzählt einer, «aber beide Male bekam halt doch ein anderer die Stelle.» Die Absagen seien extrem demütigend. «Wenn im Briefkasten ein grosses Couvert lag, habe ich es manchmal gar nicht mehr angeschaut», sagt eine andere am Tisch. Sie würde am liebsten eine Kochlehre machen. Aber diesen Wunsch hat sie längst begraben: «Ich muss einfach irgendetwas finden, eine Anlehre, einen Job, irgendwas. Nur nicht zu Hause herumsitzen.»

Ein anderer erzählt: «Einmal konnte ich eine Woche lang in einer Autogarage schnuppern. Wir mussten dort jeden Abend bis neun Uhr arbeiten.» Und sein Kollege: «Um ein Haar hätte ich eine Lehrstelle gehabt. Dann bewarb sich der Sohn eines Direktors der Firma - natürlich haben sie dann ihn genommen.» Er wisse von Jugendlichen, die aufgegeben haben, meint der junge Mann, der zeitweise schon auf dem Bau gearbeitet hat. «Wenn man zwanzig ist, lohnt sich das Suchen nicht mehr.» Und einer, der bisher schwieg, sagt in bestem Zürichdeutsch: «Haben Sies bemerkt? Wir alle neun sind Ausländer.»

AusländerInnen habens schwerer - so lautet auch das Resultat einer jüngst erschienenen Nationalfondsstudie. Danach sollen vor allem kleine und mittlere Unternehmen bei der Besetzung von Lehrstellen ausländische Jugendliche benachteiligen. Wichtigster Ablehnungsgrund: Die Betriebe vermuten «Betriebsuntauglichkeit». Die schulischen Leistungen spielen eine untergeordnete Rolle. Claudia Wimmer, Lehrerin bei der Nahtstelle Zürich Oerlikon, sagt: «Die Jugendlichen bei uns sind nicht weniger intelligent als andere. Aber sie erhalten von ihren Eltern vielleicht nicht die Unterstützung, die heute nötig ist, um sich einen Platz auf dem Lehrstellenmarkt zu ergattern.»

Die Nahtstelle bietet Einzelcoachings für lehrstellenlose Jugendliche und seit letztem Jahr das Motivationssemester - eine von der Arbeitslosenversicherung unterstützte Massnahme. Hier können die Jugendlichen praktische Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen erlangen: beispielsweise in der Spedition, dem Detailhandel, der Elektrobranche oder in einer Grossküche. Ausserdem werden sie schulisch unterrichtet. Am Ende des Halbjahres erhalten die Jugendlichen einen Beurteilungsbogen, auf dem ihre Leistungen ausgewiesen sind. Mit diesem Papier hätten sie bessere Chancen, wenn sie sich bewerben, sagt Ariane Schwickert, zuständig für die Motivationssemester bei der Nahtstelle Zürich Oerlikon: «Wir arbeiten eng mit den Betrieben zusammen, die Jugendliche aufnehmen; so können wir auf die Stärken und Schwächen einer Person aufmerksam machen und Referenzen geben.» Ziel sei es, dass alle Jugendlichen eine Anschlusslösung finden, sei es eine Lehrstelle, einen Praktikumsplatz oder einen Job. Über die Schwierigkeit, diesen Anspruch zu erfüllen, macht sich Ariane Schwickert keine Illusionen: «Nach dem letzten Motivationssemester hat nur eine junge Frau eine Lehre beginnen können. Die anderen fanden einen Platz für eine Anlehre oder ein Praktikum. Manche fanden auch einen Job.»

Keine Anlehren mehr

Die Anforderungen an die Jugendlichen werden immer höher. Die Anlehre, wie es sie bisher gab, verschwindet mit dem neuen Berufsbildungsgesetz. Sie wird durch die sogenannte Attestlehre abgelöst - eine zweijährige Lehre, die eigentlich als Angebot für schwächere SchülerInnen gedacht war. Doch hier sind die Hürden so hoch gesetzt, dass jemand aus einer C-Klasse oder einer Kleinklasse kaum eine Chance hat. Auch auf dem Bau oder im Malergewerbe nimmt fast niemand mehr schwache Jugendliche, wie man bei der Nahtstelle aus Erfahrung weiss.

Die Lehrstellenverzeichnisse, die es beispielsweise im Internet gibt, vermitteln ein falsches Bild. Wer aus einem ungünstigen sozialen Umfeld kommt und schlechte Noten hat, bleibt auf der Strecke. Gerade jugendliche Männer verdauen solche Kränkungen schlecht. Die Gefahr, dass sie nach zwanzig oder dreissig Absagen aufgeben, ist gross. Und die jungen Frauen? Viele von ihnen verschwinden buchstäblich in der Familie. Sie bleiben zu Hause, übernehmen den Haushalt, hüten jüngere Geschwister oder warten allenfalls aufs Heiraten. Das erlöst sie vom Druck der Arbeitslosigkeit - fürs Erste.

Absage garantiert

Die vom Nationalfonds finanzierte Studie «Transition von der Erstausbildung ins Erwerbsleben» (TREE) beobachtete von 2002 bis 2007 rund 5000 Jugendliche. Sie stellt fest, dass acht Prozent der Befragten zwei Jahre nach Schulaustritt noch ohne Aussicht auf eine weiterführende Ausbildung sind und drei Prozent bereits wieder ausgestiegen sind. Aufgrund der Daten hat TREE ein Risikoprofil für Jugendarbeitslosigkeit erstellt: Die Jugendlichen mit hohem Risiko

• sind eher weiblich
• sind eher in der Deutschschweiz ansässig
• haben geringe Lesekompetenzen
• besuchen einen niedrigen Schultyp
• kommen aus Familien mit tiefem sozioökonomischem Status und/oder sind MigrantInnen der jüngeren Zeit.

Am schwersten haben es die Jugendlichen aus der Türkei, dem Balkan und Portugal, denn sie haben überdurchschnittlich häufig die Real- oder Oberschule beziehungsweise die Sek B oder C besucht.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch