Weder pro noch kontra : Kunst als Ordnungsfaktor

Nr.  22 –

Das Projekt «Art Goes Heiligendamm» will die G8-Proteste deeskalieren. Aktionen zum Teil namhafter Kunstschaffender sollen eine ästhetische Pufferzone etablieren.

Die Augen der politisch interessierten Weltöffentlichkeit richten sich in diesen Tagen auf das kleine deutsche Ostseebad Heiligendamm. Während die RepräsentantInnen der führenden Industrienationen unter dem Schutz von 16 000 PolizistInnen und eines zwölf Kilometer langen Zauns über die künftige Gestalt der Weltwirtschaft, Sicherheitsfragen und die Behandlung der globalen Klimaprobleme beratschlagen, demonstriert ein bunt gemischtes internationales Aktionsbündnis von Kriegs- und GlobalisierungskritikerInnen gegen die militärische Durchsetzung weltweiter Ungleichheit und für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung. Zu den zahlreichen Aktionen, die seit einer Woche die strukturschwache Ostseeregion politisch in Bewegung zu setzen versuchen, gehören auch solche künstlerischer Natur.

Nur keine Kapitalismuskritik!

Im Projekt «Holy damn it. 50 000 Plakate gegen G8» ist beispielsweise eine beachtliche Reihe von Plakatkunstwerken entstanden, die dieser Tage in zahlreichen europäischen Kunstinstitutionen auf die Anliegen der GlobalisierungskritikerInnen aufmerksam machen sollen. Einen ganz anderen Charakter hat die von Popsänger Herbert Grönemeyer angeführte Kampagne «Deine Stimme gegen Armut». Hierbei geht es jedoch nicht um eine grundlegende, vielfältige und umfassende Kritik an der zunehmend militärisch ausgerichteten Politik der führenden Industrienationen oder gar um die Infragestellung des kapitalistischen Systems. Vielmehr soll ein per Internetbrief verschickter Massenappell die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel dazu bewegen, sich besonders energisch für die Bekämpfung von Armut, Hunger und HIV/Aids einzusetzen. Auf diese Weise wird das in der Bevölkerung vorhandene radikale Kritikpotenzial in ein vorgegebenes und in seinen politischen Folgen vorhersehbares Verhaltensmuster der Konsumentendemokratie umgelenkt.

Der Mausklick ersetzt die engagierte Partizipation. Würden alle GlobalisierungskritikerInnen auf diese Weise verfahren, wäre das vor einigen Tagen erlassene weiträumige Demonstrationsverbot um den Tagungsort herum gegenstandslos.

Auch das von Adrienne Goehler parallel zum Gipfelgeschehen in der nahe gelegenen Ostseestadt Rostock kuratierte Projekt «Art Goes Heiligendamm. Art Goes Public» verzichtet auf den direkten Angriff auf die Mächtigen und vermeidet eine Parteinahme für die AktivistInnen des radikalen Protests. Rund fünfzig Aktionen zum Teil namhafter RepräsentantInnen der internationalen Gegenwartskunst sollen eine Art ästhetische Pufferzone zwischen Herrschenden und Protestierenden etablieren. Mit Theater, Musik, bildender Kunst, Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen soll der Bevölkerung die Angst vor den anreisenden «Politchaoten» genommen und der Dialog zwischen Protestbewegung, AnwohnerInnenschaft, Kunst und Politik initiiert werden.

Powerpuppen und Tanzteppiche

Die VeranstalterInnen erklärten, dass auf diese Weise zumindest temporär eine weitere regionale Plattform für die Gegenwartskunst entstehen soll: «‹Art Goes Heiligendamm› will erfolgreiche Produktionen aus den Kunst- und Kulturmetropolen in die kulturell eher dünn besiedelte Region Mecklenburg-Vorpommerns bringen.» Die InitiatorInnen begreifen das Spektakel als «ein Experiment zur Erweiterung des gesellschaftlichen Resonanzraums von Kunst». Zentraler Veranstaltungsort ist das Konferenz- und Informationszentrum im Kurhaus Silver Pearl im Hafen der Ostseestadt Rostock.

Unter den zahlreichen internationalen Projekten sind auch einige von Schweizer KünstlerInnen. So zeigt die Zürcher Künstlerin Ursula Biemann in ihrem Video «Black Sea Files» Erdölarbeiter, Bauern, Flüchtlinge und Prostituierte, die entlang der Pipeline des kaspischen Öls leben. Auf diese Weise wird deutlich, wie weit die Entscheidungen mächtiger Unternehmen und Politiker in die Lebenswelten der «einfachen» Menschen hineinwirken. Andreas Liebmann (Zürich) und Verena Stenke (Berlin) wiederum setzen auf die Beteiligung der PassantInnen. Sie stellen im öffentlichen Raum lebensgrosse Pappfotos der acht G8-Regierungs-chefs auf. Mithilfe dieser sogenannten «Powerpuppen» sollen PassantInnen in die Rolle der StaatenlenkerInnen schlüpfen und an deren Stelle politische Lösungsvorschläge machen. In der Aktion «Soziale Bewegung» setzt sich Liebmann auf einen zwei Quadratmeter grossen Tanzteppich und führt mithilfe von Fragekarten Gespräche mit PassantInnen. Abschliessend werden sie gebeten, für ein Porträtfoto eine «soziale Bewegung» auszuführen.

Für sich betrachtet, bieten viele der Kunstwerke und -aktionen ästhetische und kritische Potenziale. Auch gegen die kulturelle Aufwertung der strukturschwachen ostdeutschen Region ist nichts zu sagen. Dennoch stellt das ambitionierte Kunstprojekt politisch die falschen Weichen. Adrienne Goehler, die umtriebige Kuratorin des Grossevents, erklärte im Vorfeld der Veranstaltung immer wieder, dass «Art Goes Heiligendamm» den Protest gegen den G8-Gipfel kanalisieren und mit einer Ästhetikoffensive deeskalieren wolle. Dahinter steht eine politische Vision, die Goehler in ihrem Buch «Verflüssigungen» (2006) theoretisch umrissen hat und nun konsequent in die Praxis umzusetzen versucht: Der scheinbar anachronistische Sozialstaat soll mithilfe der Künste in eine «Kulturgesellschaft» transformiert werden. Wer ist nun aber diese Frau Goehler, und welche Konzeption leitet ihre Arbeit als Kuratorin?

Kunst und «neues Bürgertum»

In Deutschland ist die studierte Romanistin und Psychologin eine gut vernetzte und einflussreiche Projektemacherin an der Schnittfläche von Politik und Kunstbetrieb. Nach ihrer Arbeit als Literaturwissenschaftlerin in Freiburg im Breisgau war Goehler von 1986 bis 1989 für die Hamburger Grünen (GAL) Abgeordnete in der Bürgerschaft und hat als Feministin die grüne Frauenfraktion mitgegründet. Von 1989 bis 2001 stand sie der hanseatischen Hochschule für Bildende Künste als Präsidentin vor. Für sieben Monate wirkte sie nach dem Zusammenbruch der Berliner Grossen Koalition als Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur der rot-grünen Übergangsregierung, von 2002 bis 2006 als Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds in Berlin.

Heute gehört Goehler zu einer Reihe von deutschen BestsellerautorInnen, die im Anschluss an die weltweit rezipierten Thesen des geschäftstüchtigen US-Ökonomen Richard Florida die kreativitätsfördernden Möglichkeiten des Kapitalismus verklären. Durch ihr langjähriges Engagement in der grün-alternativen Protestbewegung verschaffte sie sich das emanzipatorische Vokabular und knüpfte die nötigen Kontakte, um sich im aufstiegsorientierten und innovationsfreudigen Milieu des «neuen Bürgertums» mit einer euphemistischen Rhetorik für neoliberale Reformen einzusetzen.

Staatstragende Vermittlungskunst

Auf Goehlers Suche nach dem erfolgträchtigsten Weg «vom Sozialstaat zur Kulturgesellschaft» fallen den KünstlerInnen zwei Aufgaben zu: Zum einen sollen sie die Politik beraten. Zum anderen obliege es den schon lange Zeit an prekäre Arbeitsverhältnisse gewöhnten «Kreativen», der Bevölkerung vorzumachen, welche Arbeitsformen und Lebensmodelle dem flexiblen Kapitalismus angemessen sind. Der Begriff der Partizipation ist dabei nach wie vor von einiger Bedeutung. Statt Selbstorganisation der Menschen meint Goehler nun damit jedoch die Beteiligung der Bevölkerung am angeblich unvermeidlichen Abriss sozialstaatlicher Sicherheiten. Ihr sollen «Werkzeuge und Raum» für den «notwendigen Umbau der ökonomischen und gesellschaftlichen Grundlagen» zur Verfügung gestellt werden. In neu zu schaffenden Foren sollten KünstlerInnen und PolitikerInnen erörtern, «wie Unsicherheit im (Erwerbs-)Leben auch emotional integriert werden kann».

Um solcherart staatstragende «Vermittlungskunst» geht es Goehler und ihren HelferInnen erklärtermassen auch bei «Art Goes Heiligendamm». «Mit den künstlerischen Interventionen soll eine ‹Verflüssigung› der Wahrnehmungs- und Aktionsformen erzielt werden, zwischen Formen der Präsentation und Repräsentation der Künste und denen der sozialen Bewegungen. Die künstlerischen Interventionen sollen den Zwischenraum öffnen für die Wahrnehmung zwischen Pro und Contra, Dafür und Dagegen.» Goehler erklärte, man wolle «ohne Parteilichkeit für die einen oder anderen» aus der dualen Logik von GipfelteilnehmerInnen und GipfelgegnerInnen ausbrechen. Geplant sei eine Alternative zum angeblich «sinnlosen Rütteln am Zaun».

Damit reiht sich Goehler in jene Riege grüner SpitzenpolitikerInnen ein, die heute die G8-Proteste wirksam einzudämmen und den Konflikt zu entschärfen suchen. Schon zu Ostern hat die deutsche Grünen-Vorsitzende Claudia Roth auf einer Pressekonferenz die «pauschale Ablehnung des Militärischen» durch die Friedensbewegung als scheinbar naive Blickverengung kritisiert und sich auf diese Weise als Unterstützerin des Weltordnungskriege führenden Establishments in Szene gesetzt.

Die grosse Verflüssigung

Gefördert wird Goehlers künstlerische Befriedungsinitiative unter anderem von der den Gipfel beherbergenden Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern und den Grünen im Europaparlament. Obwohl «Art Goes Heili-gendamm» dem erklärten Staatsinteresse nach einer Entschärfung der Protestenergien entgegenkommt, gibt es von der Kulturstiftung des Bundes kein Geld (die Kulturstiftung Pro Helvetia unterstützt Beiträge Schweizer KünstlerInnen). Nachdem der Förderantrag abschlägig beschieden worden war, deklarierten die MacherInnen von «Art Goes Heiligendamm» ihr Projekt kurzerhand zur «Kunst am Bau».

Beim 12,5 Millionen Euro teuren Sicherheitszaun in Heiligendamm handle es sich um ein Bauwerk von besonderem öffentlichem Interesse. Die für solche Fälle vorgesehenen Finanzmittel beantragten die OrganisatorInnen, bislang wiederum ohne Erfolg, beim Schweriner Innenministerium. Sicher haben die fantasievollen Akquise-Ideen mit dazu beigetragen, dass «Art Goes Heiligendamm» schon im Vorfeld die für Projekte solcher Art lebensnotwendige Aufmerksamkeit der Medien erheischen konnte. Goehler hat schon vor langem erklärt, dass man das Projekt mit privaten UnterstützerInnen und Sachsponsoring auch ohne weitere öffentliche Zuschüsse würde realisieren können. Aber dann müssten alle «umsonst, draussen und barfuss arbeiten».

www.art-goes-heiligendamm.net