Nr. 23/2007 vom 07.06.2007

Lasst uns wieder selig sterben

Wir leben im Zeitalter der real existierenden Gesundheitsreligion. Sie ist krass egoistisch. Dass nach den RaucherInnen jetzt die Übergewichtigen gebüsst werden sollen, ist Ausdruck eines Irrglaubens, der uns noch Bauchweh bereiten wird.

Von Manfred Lütz

«... und das höchste Gut ist doch die Gesundheit!» – kaum eine Geburtstagsansprache kommt ohne diesen Satz aus, und doch ist er blanker Unsinn. Niemals in der gesamten philosophischen Tradition des Ostens und des Westens ist etwas so Zerbrechliches wie die Gesundheit der Güter höchstes gewesen.

Noch bei Kant war das höchste Gut die Einheit von Heiligkeit und Glückseligkeit oder Gott. Doch heute ist alles anders. Wir leben im Zeitalter der real existierenden Gesundheitsreligion. Alle Üblichkeiten der Altreligionen sind inzwischen im Gesundheitswesen angekommen. Halbgötter in Weiss, Wallfahrten zum Spezialisten, Krankenhäuser als die Kathedralen unserer Zeit. Wir erleben den bruchlosen Übergang von der katholischen Prozessionstradition in die Chefarztvisite. Diätbewegungen gehen als wellenförmige Massenbewegungen über Land, in ihrem Ernst die Büsser- und Geisslerbewegungen des Mittelalters bei weitem übertreffend. Ein durchschnittlicher Hausarzt kann heute ohne mit der Wimper zu zucken seinen PatientInnen Pflichten im Stile strengster mittelalterlicher Ordensregeln auferlegen. Und die PatientInnen nehmen solche Busswerke klaglos auf sich, jeden Misserfolg nicht der eventuell mangelhaften ärztlichen Weisung, sondern der eigenen schuldhaften Inkonsequenz anlastend. Unbewusst, aber umso machtvoller richtet sich die religiöse Ursehnsucht der Menschen nach ewigem Leben und ewiger Glückseligkeit heute an Medizin und Psychotherapie. Bei Nichterfüllung Klage, versteht sich.

Doch mit solchen Begehrlichkeiten ist das Gesundheitswesen völlig überfordert. Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass im Grunde niemand genau weiss, was Gesundheit eigentlich ist. «Völliges körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden» hatte die Weltgesundheitsorganisation einst dekretiert. Wer aber wäre dann noch gesund? Ein berühmter Internist stellte augenzwinkernd fest, ob jemand gesund sei, hänge davon ab, wie viele Untersuchungen er oder sie mache. Gesund wäre also ein Mensch, der nicht ausreichend untersucht wurde. Damit wird der Gesundheitsbegriff vollends utopisch und alle müssen sich irgendwie krank fühlen. Schon Karl Kraus hatte geunkt, die häufigste Krankheit sei die Diagnose, und Aldous Huxley bemerkte: «Die Medizin ist so weit fortgeschritten, dass niemand mehr gesund ist.» Auf diese Weise produziert die Gesundheitsgesellschaft nicht Gesundheit, sondern Unglück.

Die Unerreichbarkeit des Ziels zusammen mit seiner religiösen Verklärung sind der Treibstoff für den gewaltigen und jedes Mass sprengenden Gesundheitsboom unserer Tage. Gesundheit bestimmt das ganze Leben. Staatlich geförderte gesundheitsreligiöse Missionskampagnen überschlagen sich, Bonus-Malus-Systeme der Krankenkassen beruhen auf der unbelegten Behauptung, ungesundes Leben belaste die Solidargemeinschaft, sind in Wirklichkeit aber volkspädagogische Massnahmen – krass unsolidarische. Man möchte die BürgerInnen zwingen, gesund zu sein.

Es ist Zeit, die Absurdität dieses ganzen Treibens zu entlarven. Doch da sei Gott vor! Genauer gesagt: Auch der Blasphemieschutz ist inzwischen von den Altreligionen auf die Gesundheitsreligion übergegangen. Über Jesus Christus kann man die albernsten Scherze machen, doch bei der Gesundheit, da hört der Spass auf. Der Spruch eines Rauchers «Warum soll meine Lunge eigentlich älter werden als ich?» löst bei gesundheitsgläubigem Publikum alle Reaktionen aus, die im Mittelalter auf Gotteslästerung zu erwarten waren. Gesundheit ist die einzige satirefreie Zone in unserer Gesellschaft. Hier herrschen strenge Regeln der Political Correctness. Als PolitikerIn offen und ehrlich zu sagen, man könne nicht mehr sicherstellen, dass alles medizinisch Mögliche und Sinnvolle für alle getan werde, klänge geradezu irgendwie gotteslästerlich. Warum aber diese Ehrfurcht, warum die Angst, was ist geschehen?

Unmerklich ist die Lebenszeit der Menschen drastisch zusammengeschmolzen. Während der mittelalterliche Mensch seine diesseitige Lebenszeit plus Ewiges Leben vor sich hatte, sind die Altreligionen den westlichen Gesellschaften zunehmend abhanden gekommen. Dem heutigen Menschen bleibt nur noch sein begrenztes Leben auf dieser Welt. Doch je mehr man das merkt, desto mehr bricht im Wartesaal des Lebens Unruhe aus. Der Tod ist ausgebrochen im Wartesaal, der endgültige Tod ohne Wenn und Aber. Es hat sich herumgesprochen, dass alle sterben werden an der Vogelgrippe, an BSE, an Aids, am Leben, ohne Ausnahme, und dass kein Zug mehr fährt, noch nicht einmal nach Nirgendwo. Panik herrscht bei vielen, rette sich. wer kann. Mit dem ewigen Leben rechnet zwar keiner mehr, aber wenigstens sterben möchte man nicht.

Die Gesundheitsreligion herrscht schichten-, partei- und konfessionsübergreifend in jedem Winkel unserer Gesundheitsgesellschaft. In den kleinen Raucherreservaten, die es noch gibt, raucht man mit schlechtem Gewissen. Denn auch der Begriff Sünde wird heute eigentlich nur noch gesundheitsreligiös verwendet, zum Beispiel im Zusammenhang mit Dessert. Nur die GesundheitspäpstInnen können sich jede offensichtliche Unwahrheit erlauben: «Young forever» heisst der Titel eines neueren Gesundheitskatechismus. Das ist glatt gelogen, aber dennoch will es jeder glauben und hat ein verteufelt schlechtes Gewissen, wenn er nicht alles tut, was der Katechismus vorschreibt. Wo früher an Wegkreuzen Marienkapellen standen, da schiessen heute Fitnessstudios aus dem Boden, die Gesundheitsseiten in den Journalen schwellen von Jahr zu Jahr an, es mehren sich die Gesundheitssendungen im Fernsehen, die Diäten, die Städtemarathons, die Verehrung von Gesundheitspropheten und Fitnessgurus.

Das hat allerdings katastrophale politische Folgen. Ein Politiker, der die Absicht hat, auch weiterhin gewählt zu werden, muss Sätze ausstossen, die dem Sinne nach bedeuten: Wir wollen für die Gesundheit nicht weniger als alles tun. Solche Sätze gehören zum Ritus. Jeder weiss zwar, dass eine solche Maxime, einmal ernst genommen, zum sofortigen finanziellen Zusammenbruch des Gesundheitssystems führen würde. Maximale Diagnostik und maximale Therapie sind schon jetzt nicht finanzierbar und würden übrigens das Leben zur Hölle machen. Dennoch, die religiöse Aufladung des Gesundheitsbegriffs macht eine sachgerechte öffentliche Diskussion unmöglich. «Alles medizinisch Notwendige für jeden Bürger muss selbstverständlich geschehen», dieser Satz gehört für alle PolitikerInnen zum Pflichtprogramm. Sobald eine Politikerin aber sagen würde, was nach ihrer Ansicht «medizinisch notwendig» ist, und infolgedessen, was nicht «medizinisch notwendig» ist, ist sie nicht mehr wählbar. Und so steigen die Gesundheitskosten weitgehend ungebremst. Nimmt man die Kosten für Fitness, Wellness und sonstige gesundheitsfördernde Massnahmen hinzu, könnte man auf die Idee kommen, die gesamte Volkswirtschaft sei ein Unternehmen zur Herstellung von etwas, das man nie erreicht, nämlich von Gesundheit. Doch jeder Eingriff in die grenzenlose Expansion des Gesundheitswesens ist letztlich tabu.

Das alles liegt nicht an den PolitikerInnen, sondern an einer im Gesundheitswahn dahintreibenden Gesundheitsgesellschaft, die die Politik immer wieder zu halsbrecherischen Kapriolen aufs Hochseil scheucht. Solange wir in allen Geburtstagsreden von Aarau bis Zuoz Gesundheit als «höchstes Gut» preisen, müssen wir uns nicht wundern, dass Gesundheitspolitik nicht mehr stattfindet. Denn Politik ist die Kunst des Abwägens. Aber ein höchstes Gut kann man gar nicht abwägen, dafür muss man immer alles tun. So also treibt der gewaltige Ozeanriese Gesundheitswesen dahin, und beim Blick auf die Kommandobrücke stellt man fest – sie leer ist. Niemand steuert das Gesundheitswesen, solange es niemand wagen kann, in der aufgeheizten gesundheitsreligiösen Atmosphäre auch einmal für wirklich einschränkende Eingriffe zu plädieren. Erst durch tabulose, nüchterne und realistische Abwägung des hohen, freilich nicht höchsten Gutes Gesundheit würde Gesundheitspolitik endlich wieder möglich. Dazu aber bedarf es zunächst einer breiten gesellschaftlichen Debatte.

Eine solche Ernüchterung würde das Ende des salbungsvollen Tons bei Reden über die Gesundheit bedeuten und die Chance für einen realistischen Gesundheitsbegriff: «Gesundheit ist dasjenige Mass an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen» (Friedrich Nietzsche). Das ist viel näher an der alten hippokratischen Tradition der Medizin. Für Hippokrates gab es nicht Krankheit oder Gesundheit, das prägt erst später die platonische Tradition. Für Hippokrates gab es nur den individuellen kranken, leidenden Menschen, und jede Diagnose hatte schon nach Aristoteles ausschliesslich den Sinn der Therapie für leidende Menschen. Eine Diagnose war kein Wert an sich. Vielleicht kann nun leise auch der nachdenkliche Satz des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard ans Ohr dringen: «Der Spass, eines Menschen Leben für einige Jahre zu retten, ist nur Spass, der Ernst ist: selig sterben.»

Die Gesundheitsreligion ist radikal egoistisch und unsolidarisch. Jeder kämpft verbissen für sich, denn es geht um nicht mehr und nicht weniger als um Leben und Tod. Das aufbegehrende Volk wird in seiner Not nicht nach Brot rufen, wie dazumal in Versailles, Gesundheit wird es fordern, sofort und für alle. Jeder Kundige weiss, dass das nicht geht, aber wer sagt es dem Volk? Wer sagt ihm, dass es das ewige Leben auf Krankenschein nicht gibt? Und dass die Gesundheitsreligion auf Dauer nicht finanzierbar sein wird?

Vor fünfzig Jahren konnten die damaligen medizinischen Errungenschaften vielleicht noch wenigstens annähernd «solidarisch» für alle ermöglicht werden. Bei den rasanten und unvergleichlich kostspieligeren medizinischen Fortschritten unserer Tage ist eine solidarische Bereitstellung des medizinisch Sinnvollen für alle eine Illusion. Natürlich ist dieses Thema voller sozialer Brisanz. Zwar verdrängen die westlichen Industriegesellschaften schon seit Jahrzehnten, dass medizinische Solidarität gegenüber den Menschen der Dritten Welt, die schliesslich über die gleiche Menschenwürde verfügen wie wir, nicht stattfindet. Doch ist es eine neue Situation, dass diese Ungerechtigkeit nun inmitten unserer Gesellschaften zunehmend erlebbar sein wird. Man hat sich einigermassen daran gewöhnt, die Ungerechtigkeit zu ertragen, die in den unterschiedlichen Vermögensverhältnissen liegt. Warum kann der faule Millionärssohn in Saus und Braus leben, und der fleissige Arbeitersohn muss sich plagen? Diese Frage hat heute an Brisanz verloren. Die Frage, warum der Arme weniger medizinische Chancen hat als der Reiche, wird aber zweifellos der gefährlichste soziale Sprengstoff der kommenden Jahrzehnte sein.

Die Gesundheitsreligion ist eine gigantische Anleitung zum Unglücklichsein. Sie suggeriert unerreichbare Utopien und unterhält eine gigantische Industrie, die ihren trügerischen Versprechungen die sehnsüchtigen Massen zutreibt. Wer immer strebend sich bemüht ... von nichts kommt nichts ... man muss schon etwas tun für die Gesundheit: Mit verbissenem Ernst und ohne jeden Humor, die Todesdrohung im Nacken und schuldgebeugt hetzen die Menschen bei den Städtemarathons durch die Strassen hässlicher Städte, laufen von Arzt zu Arzt und essen unschmackhafte Sättigungsbeilagen zu einem Leben voller Verzicht und Kasteiung. Um den Tod zu vermeiden, nehmen sie sich das Leben, nämlich unwiederholbare Lebenszeit. Es gibt Menschen, die leben von morgens bis abends nur noch vorbeugend, um dann gesund zu sterben.

Einsam und untröstlich stirbt der Gesundheitsgläubige in seiner kalten Gesundheitsgesellschaft. Denn die egoistische Gesundheitsreligion hat keine gesellschaftlichen Konzepte, mit ihr ist kein Staat zu machen. Der Gesundheitsgläubige interessiert sich nur für seine eigenen Laborwerte, seine eigene Prognose, seine eigene Zukunft. Das macht die Kämpfe in der Gesundheitspolitik oft so hart und rücksichtslos. Wer stirbt, hat verloren.

Ethik des Heilens – Ende der Debatte

Unmerklich, aber umso wirkungsvoller hat die Gesundheitsreligion das Menschenbild unserer Gesellschaft verändert. Wenn der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der chronisch Kranke oder gar der Behinderte ein Mensch zweiter oder dritter Klasse, dem man den Eingang zum Leben fürsorglich verwehrt oder dem man den Ausgang mitfühlend erleichtert. Und so hat die Gesundheitsreligion inzwischen auch schon ihren Fundamentalismus entwickelt. Der Fundamentalismus der Gesundheitsreligion ist die «Ethik des Heilens». Die «Ethik des Heilens» ist das Ende der Ethik. Die Ethik war einmal der argumentative kontroverse philosophische Diskurs über Moral. Doch wenn heute jemand «Ethik des Heilens» sagt, ist Ende der Debatte, dann wird es sakral.

Was also ist zu tun? Wir brauchen Mut zur Emanzipation! Emanzipation von den totalitären Zumutungen der schwülstigen Gesundheitsreligion. Mut zur Respektlosigkeit vor den Tabus der Gesundheitsgesellschaft, mit Gesundheitsblasphemie wenn nötig, mit Satire, dem bewährten Mittel gegen totalitäre Diktaturen. Gefragt sind nüchterner Atheismus oder seriöse Religiosität und einige kleine Wahrheiten: dass reiche Menschen immer die Möglichkeit hatten, älter zu werden als arme Menschen, dass das auch heute – etwas abgemildert – so ist, und dass das trotz aller Bemühungen so bleiben wird. Dass ein langes Leben nicht unbedingt erfüllter ist als ein kurzes. Dass man lustvoller lebt, wenn man seinen Frieden mit dem Tod macht. Dass Gesundheit ein hohes Gut ist, aber keineswegs das höchste, und dass man es daher auch politisch abwägen darf. Warum kann es nicht sinnvoll sein, auf Kosten der eigenen Gesundheit anderen Menschen zu helfen? Warum kann man nicht für sich auf eine kostspielige Diagnostik und Therapie verzichten, um das dadurch eingesparte Geld für die Ausbildung des Enkelkinds zu spenden? Das Gesundheitswesen müsste zur Debatte gestellt werden. Man müsste politisch streiten – heftig und auch parteiisch. Solche Kämpfe stehen bei der Gesundheit erst noch bevor.

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