Nr. 24/2007 vom 14.06.2007

RebellInnen oder arme Opfer?

Ein Sammelband wirft einen interessanten Blick auf die Migration an den Grenzen Europas. Wenn nur die Sprache nicht so akademisch wäre.

Von Yves Kramer

Das mediale Melodrama der Migration kennt viele Schauplätze. Die Rolle der MigrantInnen bleibt darin meist dieselbe: die von getriebenen Opfern, die rund um Europa stranden. MigrantInnen werden so zu Marionetten von widrigen Umständen und skrupellosen Schleppern gemacht. Eigenständig und selbstbewusst handelnde Menschen haben in solchen Erzählungen keinen Platz. Eng mit dieser Darstellung verbunden ist die Rede von der «Festung Europa» - ein Begriff, der auch von vielen Flüchtlings- und Menschenrechtsorganisationen benutzt wird.

Dieses einseitige Bild will die Forschungsgruppe Transit Migration mit dem Sammelband «Turbulente Ränder» korrigieren. Es sei aber nicht sinnvoll, schreiben Serhat Karakayali und Vassilis Tsianos in der Einleitung, den Spiess einfach umzudrehen und an die Stelle der hilfsbedürftigen Opfer selbstbewusste RebellInnen zu setzen. Allzu schnell gehe so vergessen, dass MigrantInnen nicht «frei von Bedingungen», sondern immer «unter vorgefundenen Umständen» handelten. Dem «Elend der Migrationstheorie» sei demnach nur beizukommen, wenn das «subjektive Gesicht» der Migration und die Bemühungen von verschiedener Seite, Migration zu kontrollieren, zusammen betrachtet würden.

Einem solchen Zugang zum Thema liegt die sogenannte «Autonomie der Migration» zugrunde. Dieses Konzept nimmt MigrantInnen als aktiv Handelnde in den Blick. Die Mobilität von Menschen habe viele Gründe und sei nicht einzig durch widrige Umstände im Heimatland oder wirtschaftliche Interessen zu erklären. Die Gruppe Kanak Attak, die sich in Deutschland seit einigen Jahren kritisch in die Diskussionen zu Migration, Integration und (Anti-)Rassismus einmischt, hat dieses Konzept bekannt gemacht. Auch einige AutorInnen von «Turbulente Ränder» sind bei Kanak Attak aktiv. Für ihre Forschungsarbeiten haben sie sich vor allem in Südosteuropa umgesehen, das sich zu einem eigentlichen «migrationspolitischen Laboratorium» entwickelt habe.

Die Untersuchungen von Sabine Hess, Serhat Karakayali, Efthimia Panagiotidis und Vassilis Tsianos zeigen, wie die EU-Bürokratie in den letzten Jahren umdenken musste. Migration gänzlich verhindern zu wollen, gilt inzwischen als unrealistisch. Dies zeigen einschlägige Positionspapiere. Vielmehr wird heute darauf gesetzt, Migration möglichst frühzeitig - am besten noch ausserhalb Europas - zu steuern und zu managen. Zu diesem Konzept gehören Auffanglager ebenso wie der Einbezug von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) in Regierungsaufgaben.

Ein wichtiger Akteur dieses neuen Politikstils ist die International Organization for Migration (IOM). In ihrem hervorragenden Beitrag untersucht Rutvica Andrijasevic IOM-Kampagnen gegen Menschenhandel, die in den letzten zehn Jahren in fast allen osteuropäischen Ländern umgesetzt wurden. Andrijasevic zeigt, wie in diesen Kampagnen Frauen zu Objekten gemacht werden: In den Broschüren, mit denen sich die IOM an mögliche Opfer von Menschenhändlern richtet, werden weibliche Körper in voyeuristischer Art zur Schau gestellt. Gleiches gilt für Plakate oder TV-Spots. Statt migrationswillige Frauen zu stärken und deren Handlungsfähigkeit zu erweitern, versuche die IOM, die Mobilität von Frauen zu hemmen, schreibt Andrijasevic. Dafür werden die Auswanderungsländer (und das Auswandern dorthin) bedrohlich, das Leben in der Heimat dagegen sicher und problemlos dargestellt.

Weitere Texte befassen sich mit der Situation von MigrantInnen im ehemaligen Jugoslawien, in der Türkei und in Griechenland oder der Darstellung von Migration in Dokumentarfilmen und Ausstellungen.

Wer sich von der komplizierten Sprache nicht abschrecken lässt, erhält in «Turbulente Ränder» viele neue Anregungen. Das Buch ist eine wichtige Einmischung in eine oft ärgerlich verlaufende Debatte. Umso bedauerlicher ist es, dass das Buch wegen des akademischen Jargons kaum ein grosses Lesepublikum erreichen wird. Tom Holert und Mark Terkessidis haben in ihrem Essay «Fliehkraft: Gesellschaft in Bewegung» ja vorgemacht (siehe WOZ Nr. 3/07), dass gehaltvolle Bücher über Migration nicht schwierig zu lesen sein müssen.

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