Nr. 39/2019 vom 26.09.2019

Und wer hat die Migration gemacht?

Die Migrationsforschung erlebt einen neuen Schub. Die HistorikerInnen Barbara Lüthi und Damir Skenderovic erklären, wie MigrantInnen bei aller politischen Abwehr die Schweiz gesellschaftlich vorangetrieben haben.

Interview: Kaspar Surber

Die HistorikerInnen Barbara Lüthi und Damir Skenderovic. Foto: Florian Bachmann

WOZ: Barbara Lüthi, Damir Skenderovic, Ihr Sammelband «Switzerland and Migration» will dazu beitragen, dass die Migrationsgeschichte der Schweiz in der internationalen Forschung besser wahrgenommen wird. Warum soll gerade die Schweiz bei diesem Thema bedeutsam sein?
Barbara Lüthi: Zum einen lohnt es sich, die Schweizer Migrationsgeschichte zu erzählen, weil es viele Parallelen zu anderen Ländern im europäischen Kontext gibt: die Zäsur um die Jahrhundertwende etwa, als die Schweiz zu einem Einwanderungsland wurde, oder die ganzen Migrationsregulierungen, die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzten. Zum andern gibt es auch Eigenheiten, von denen man wichtige Dinge lernen kann: der ganze «Überfremdungs»-Diskurs, der das Migrationsverständnis prägte, oder die Entstehung des Rechtspopulismus, bei der die Schweiz eine prominente Rolle spielte. Beides hängt mit der Frage zusammen, warum Migration problematisiert und politisiert, oft auch überpolitisiert wurde.

Damir Skenderovic: Es erstaunt immer wieder, dass es in einem Land, das sich seit Ende des 19. Jahrhunderts auch zahlenmässig zu einer Migrationsgesellschaft entwickelt hat, so wenig wissenschaftliches Interesse gab, diese Geschichte auch zu erforschen. Erst in den letzten Jahren begann dazu eine neue Phase, gab es einen Schub. Obwohl die Schweiz international ein wichtiges Fallbeispiel ist, ist die historische Migrationsforschung im Vergleich mit Frankreich, Deutschland oder auch Österreich institutionell noch wenig verankert.

Sie haben es erwähnt, die Schweiz hat sich Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Einwanderungsgesellschaft gewandelt. In Ihrem Buch sprechen Sie von einer «langsamen Transformation». Wie lief sie ab?
Skenderovic: Man muss hier zwischen zwei Perspektiven unterscheiden: Wie die Migration stattgefunden hat – und wie die Politik mit der Tatsache einer Migrationsgesellschaft umgegangen ist. Das vielgelobte Erfolgsmodell Schweiz, insbesondere der Aufbau der Infrastruktur und der Betrieb der Fabriken, war nur dank der Migration von Menschen und der Zirkulation des Wissens möglich, das sie mit sich brachten. Das Paradebeispiel ist sicher der Gotthardtunnel, für den die Arbeiter und Ingenieure aus ganz Europa kamen. Der Eisenbahntunnel, der symbolhaft für die moderne Schweiz steht, konnte nur dank migrantischem Wissen und Können und natürlich ausländischem Kapital gebaut werden.

Und wie reagierte die Politik auf die Migration?
Skenderovic: Um 1900 kam der «Überfremdungs»-Diskurs auf, anfänglich waren das intellektuelle Fantasien, die sich über verschiedene Akteure in der Gesellschaft verbreiteten. Richtig stark wird der Begriff nach dem Ersten Weltkrieg, als in den grossen Zeitungen überall von «Überfremdung» die Rede ist, obwohl damals schon wieder viel weniger Migranten in der Schweiz lebten. Ein wichtiger Aspekt ist die Zentralisierung der Migrationspolitik beim Bund, die Gründung der eidgenössischen Fremdenpolizei 1917 markierte dabei den Höhepunkt. Mit der zentralen Erfassung, Kontrolle und Identifikation von Ausländerinnen und Ausländern entstand ein neues Politik- und Verwaltungsfeld.

Lüthi: Bei der Einführung einer restriktiven Politik steht die Schweiz nicht alleine da. Sie ist ein Phänomen, das Ende des 19. Jahrhunderts fast alle Staaten im Globalen Norden erfasst hat. Dabei geht es dann vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg um die Frage, wie der relativ hohe Wohlstand, der durch die Industrialisierung entstanden ist, mit den Einwanderinnen und Einwanderern aus dem Globalen Süden geteilt werden soll.

Hätte die Schweiz nicht auch ein anderes Bewusstsein gegenüber Migranten haben können? Schliesslich sind zuvor Hunderttausende arme Schweizer in die USA ausgewandert. Oder hemmte der Umstand, dass die Schweiz bis dahin ein Auswanderungsland war, sie lange Zeit, sich selbst als Einwanderungsland zu begreifen?
Lüthi: Entscheidend ist die Frage der Zugehörigkeit, die sich im Bürgerrecht ausdrückt. Es gibt in der Schweiz eine sehr lange Tradition einer kulturalistisch geprägten Politik der Anpassung. Sie drückt sich im Ius sanguinis aus, dem Bürgerrecht also, das nach der familiären Abstammung vergeben wird. Ein solch eng gefasstes Verständnis der Zugehörigkeit verschwindet nicht einfach, sondern bestimmt bis heute die Vorstellungen von Ein- und Ausschluss. Da würde ich die Schweiz fast schon als singulär bezeichnen. Andere Staaten wie die USA oder bedingt auch Frankreich, in denen bei der Einbürgerung das Ius soli vorherrscht, also das Geburtsortsprinzip, haben ein anderes Selbstverständnis.

Skenderovic: Was Anfang des 20. Jahrhunderts eine zusätzliche Rolle spielte und sich weiterzieht, ist die Sorge um die Zerbrechlichkeit des Staatsgebildes. Die sogenannte Willensnation Schweiz kann an sich kein kulturalistisches Fundament haben. Doch die Multikulturalität im Innern führte zu einer umso stärkeren Abgrenzung nach aussen. Der Eindruck im Ersten Weltkrieg, dass das Land entlang der Sprachgräben auseinanderfallen könnte, wurde zum Trauma der Schweiz im 20. Jahrhundert. Was für die Sprachen gilt, gilt auch für die Konfessionen: Die italienische Einwanderung wurde nicht nur als bedrohlich empfunden, weil mehr Italienisch gesprochen wurde – sondern vor allem deshalb, weil nach dem Zweiten Weltkrieg hierzulande plötzlich mehr katholische als protestantische Menschen lebten.

Wie wichtig war die Beteiligung der Schweiz am kolonialen Herrschaftsprojekt für die Sicht auf die Migration? Diese Mitwirkung ist ja in den letzten Jahren auch immer stärker in den Fokus der Forschung gerückt.
Lüthi: Einige Beiträge in unserem Band zeigen auf, wie auch in der Schweiz ein transnationales, europäisches Überlegenheitsgefühl verbreitet war. Die Historikerin Angela Sanders etwa beschreibt, wie sich viele der Schweizer Auswanderer mit den peruanischen Eliten in ihren rassischen Vorstellungen gefunden haben: Man sah sich auf der gleichen Stufe der Zivilisation. Die Identifikation lief über die Vorstellung der eigenen «whiteness», mit der man sich von der indigenen Bevölkerung abgrenzte. Man kann sagen, dass sich die Schweiz über den Kolonialismus überhaupt erst als «weisses» Land verstand. Gegenüber den Migrantinnen und Migranten, die seit den 1970er, 1980er Jahren von überall aus der Welt in die Schweiz kamen, wirken solche rassifizierenden Vorstellungen bis heute nach.

Die Migrationspolitik wird zum politischen Dauerbrenner: Sage und schreibe sechzehn Volksinitiativen wurden seit den 1970er Jahren zum Thema lanciert. Wie kam es, dass die Schweiz zu einer Vorreiterin des Rechtspopulismus wurde?
Skenderovic: Der «Überfremdungs»-Diskurs ist ein Imaginationsreservoir, aus dem die politischen Kräfte immer wieder schöpfen können. Zuerst, in der Phase des Wirtschaftsbooms, schöpften auch noch die Gewerkschaften aus ihm. Dann sind es vor allem die Parteien rechts aussen, die den Vorteil der direkten Demokratie für sich nutzen, um das Thema zu bewirtschaften. Mit James Schwarzenbach kommt 1967 eine zentrale Figur ins Spiel, die den heutigen populistischen Führern sehr ähnlich sieht: Er kommt selbst aus der Elite, aus einem reichen Haus, hat eigentlich mit dem gemeinen Volk nichts zu tun. Und er nutzt nun das Ausländerthema, um sich selbst gegen eine Elite in Stellung zu bringen. Das zentrale Merkmal aller rechtspopulistischen Parteien ist bis heute diese Verbindung einer xenophoben mit einer antielitären Politik.

Besonders interessant an Ihrem Buch ist nun aber, dass Sie Migrantinnen und Migranten nicht nur als passive Objekte beschreiben. Denn auch wenn sie mit allen Mitteln vom politischen Betrieb ferngehalten und diskriminiert werden, verändern sie aktiv die Gesellschaft.
Lüthi: Die Frage von Migration ist so überpolitisiert und derart stark auf den Staat fokussiert, dass man häufig vergisst, wer die Migration macht. Diesbezüglich hat es in der Migrationsforschung in der letzten Dekade einen grossen Wandel gegeben, nicht nur in der Schweiz. Es gibt ein Wissen über Migration, aber es gibt auch ein Wissen von Migrantinnen und Migranten. Sie kommen mit einem ganzen Arsenal an Vorstellungen und Fähigkeiten und nehmen damit konkret auf die gesellschaftlichen Verhältnisse Einfluss. Natürlich gibt es die bekannten Beispiele von Firmen, die von Migrantenfamilien gegründet wurden, die Schuhfabrik Bally etwa. Aber ich würde noch auf einer alltäglicheren Ebene ansetzen: Interessant ist etwa, wie italienische Migrantinnen in der feministischen Bewegung der Schweiz eine prägende Rolle spielten.

Skenderovic: 1967 hat sich in der Federazione Libere eine Frauensektion gegründet. Wie die Historikerin Sarah Baumann in einer Arbeit gezeigt hat, kam sie mit der neuen Frauenbewegung in Kontakt. Doch bald gab es auch heftige Auseinandersetzungen zwischen den Italienerinnen und den linken Schweizerinnen, weil auch deren Wahrnehmung vom Bild der italienischen Mamma Donna geprägt war. Dabei hatten die Italienerinnen ganz andere Erfahrungen gemacht: in Bezug auf das Wahlrecht, das sie in Italien schon lange besassen, den Mutterschutz oder Kinderkrippen. Es war Teil ihres Lebens, dass sie als Frauen Erwerbsarbeit leisteten. Und das war ja eine der zentralen Forderungen der feministischen Bewegung.

Es ist Ihr Ziel, Migrantinnen und Migranten eine Stimme in der Geschichte zu verleihen, ihre Handlungsfähigkeit zu zeigen. War es einfach, überhaupt Quellen zu finden?
Lüthi: Migrationsforschende weisen schon lange darauf hin, dass die behördliche Sicht auf die Migration in den Akten bestimmend ist. Die Behörden haben Buch geführt, und folglich ist die Logik des Nationalstaats in der Überlieferung sehr stark. Dank der Oral History, Interviews mit noch lebenden Zeitzeuginnen und -zeugen, werden die Stimmen vielfältiger. Noch immer gibt es aber Bereiche, die schwierig zu thematisieren sind, beispielsweise die Folgen der Illegalisierung. Ich arbeite selbst zum Thema der Ausschaffungen, da ist es sehr schwierig, an bestimmte Quellen heranzukommen, weil sie nicht existieren oder unter Verschluss sind. Interviews sind hier auch nicht einfach, weil jede Wissensproduktion, auch die Forschung, die Betroffenen verunsichern oder bedrohen kann.

Skenderovic: Eine wichtige Fähigkeit, um Quellen erschliessen zu können, ist natürlich die Sprache. Die meisten Migrationsgruppen kommunizieren ja miteinander nicht auf Deutsch oder Französisch. In dieser Hinsicht mache ich in den Seminaren an der Universität derzeit eine positive Erfahrung: Da ist eine neue Generation von Forschenden, von Studierenden anwesend, die aufgrund ihrer eigenen Migrationsgeschichte mehrere Sprachen beherrschen. Diese übernehmen die Themen dann auch nach Sprachkompetenzen: Wenn man portugiesische Migrationsorganisationen in der Schweiz erforschen will, muss man Portugiesisch können. Das lernt man nun mal nicht so einfach.

Lüthi: Eine grössere Oral-History-Offensive würde sich vor allem für die Zeit der 1970er und 1980er Jahre lohnen, also Gespräche mit Menschen, die aus Sri Lanka oder der Türkei eingewandert sind und langsam ins Alter kommen. Deren Geschichte ist viel weniger stark beleuchtet als etwa die der italienischen oder der jüdischen Einwanderung.

Die Migrationsforschung fristete an den Universitäten lange ein Nischendasein. Was bräuchte es Ihrer Meinung nach, um sie vom Rand ins Zentrum zu holen: eigene Lehrstühle an den Universitäten oder eine Migrantisierung der Geschichtsforschung im Allgemeinen?
Lüthi: Bei der Genderforschung sieht man, dass es auch nötig ist, ein Thema fokussiert zu betrachten, damit die Forschung dazu überhaupt institutionalisiert wird, Gelder gesprochen werden und Forschende angestellt werden können. Ich glaube aber, dass man Migrationsgeschichte auch als Schwerpunkt an bestehenden Lehrstühlen betreiben kann. Es ist auch eine unserer Forderungen, Migrationsgeschichte in eine breitere Gesellschaftsgeschichte zu integrieren. Wenn man ständig die Bedeutung der Migration betont, läuft man auch Gefahr, sie wieder vom Rest der Geschichte abzuspalten.

Skenderovic: In der Tat war das auch das Dilemma, bei dem wir am Anfang des Buches standen. Aber das war ja auch bei anderen Themen in der Geschichtsforschung so, ob bei der Geschichte der Arbeiterbewegung oder der Frauen- und Geschlechtergeschichte. Ich glaube, dass wir bei der Migrationsgeschichte in der Schweiz noch in der Phase der Grundlagenforschung sind. Wir müssen erst einmal schauen, was Migranten im politischen, kulturellen oder sozialen Bereich gemacht haben. Welche Loops entstehen, wenn man Migrationsgeschichte erst einmal als eigene Geschichte macht? Die Kategorie wird mit zunehmender Forschung von selbst ausfransen und obsolet werden.

Eine Geschichte ist immer so wichtig, wie daran erinnert wird. Wie könnte die Migrationsgeschichte im öffentlichen Bewusstsein stärker verankert werden? Bräuchte es Feiertage oder Erinnerungsorte?
Lüthi: Ich bin eigentlich gegen Feiertage, darum kann ich diese Frage nicht so leicht beantworten. Aber im Ernst, man darf nicht unterschätzen, was derzeit im kulturellen Bereich läuft: Im Theater und in der Kunst ist das Thema Migration allgegenwärtig. Auch Leute mit Migrationsgeschichte, die erst angekommen sind, wirken mit. Oder nehmen wir die Literatur, da gibt es preisgekrönte Bücher wie «Tauben fliegen auf» von Melinda Nadj Abonji.

Skenderovic: Ich würde noch einen Schritt weiter gehen: Die Migration muss auch in der öffentlichen Erinnerung ihren Platz haben. Deutschland hat das mit einem Erinnerungstag für den Abschluss des deutsch-türkischen Abkommens zur sogenannten Gastarbeit vorgemacht. Man hat auf staatlicher Ebene jubiliert, aber das Abkommen auch kritisch beleuchtet. In der Schweiz fehlt ein vergleichbarer Erinnerungstag komplett. Und weil ich vorher vom Gotthard gesprochen habe: Warum nicht dieses nationale Emblem radikal umcodieren als Erinnerungsort der Migration, mit einem Museum der Einwanderung wie auf Ellis Island in New York?

In wenigen Wochen finden die eidgenössischen Wahlen statt. Im Gegensatz zu früheren Jahren kommt das Thema Migration kaum vor. Was ist da los?
Skenderovic: Als Historiker schaut man ja nicht nach vorne. Aber wenn man kurzzeitig zurückblickt, dann erleben wir europaweit, vor allem in den USA, eine unglaubliche Politisierung der Migration und auch eine Rassifizierung, wie wir sie das letzte Mal vor sehr langer Zeit gesehen haben. Dieser Radikalisierungsprozess, das ist meine Vermutung, hat eine abschreckende Wirkung auf die Schweiz. Plötzlich scheinen die Leute zu merken, dass wir hier ja die erste rechtspopulistische Partei hatten, die jetzt überall imitiert wird, ob von der Lega, dem Rassemblement National oder der AfD. Wie in einem Spiegel sieht man, wie weit solche Forderungen gehen können. Den Rassismus eines Trump akzeptieren dann doch nicht viele Leute. Das könnte den Effekt haben, dass die SVP etwas weniger unterstützt wird.

Lüthi: Interessant finde ich auch, dass es in der Bevölkerung vermehrt kleine Formen des Widerstands gibt. Themen wie das Racial Profiling der Polizei kommen auf den Tisch, was vor zehn Jahren noch nicht der Fall war. Oder nehmen wir das Beispiel von Anni Lanz, deren Fluchthilfe breit diskutiert wird: Das verändert schon auch das Bewusstsein. Dennoch glaube ich, dass die Politik der Ausgrenzung bleiben wird. Wir haben ja noch einige Initiativen vor uns.

Die Schweiz hat in den letzten beiden Jahrzehnten zwar fast ungebrochen über die Abwehr der Migration diskutiert, wurde aber gleichzeitig ein immer internationaleres Land. Kann man nicht darauf hoffen, dass die Realität irgendwann so wirkmächtig ist, dass sich auch der politische Umgang mit Migration ändert?
Skenderovic: Es kommt darauf an, welche Migration man sich anschaut. Es gibt bei der politischen Behandlung Graduierungen, zum Teil auch Hierarchisierungen. Die Personenfreizügigkeit in Europa wird durchgewinkt, im Asylbereich hingegen findet eine behördliche Radikalisierung statt, die Solidarität wird kriminalisiert. Sicher, man hat der SVP bei zwei Initiativen die Stirn geboten. Aber man darf nicht unterschätzen, welch enormen Einfluss sie gerade im Asylbereich auf die Politik der anderen Parteien hat – inklusive jener der SP, die in Zürich wie auf Bundesebene teilweise Forderungen aufnimmt, die vor fünfzehn Jahren von der SVP kamen. Ich bin also eher skeptisch, was die aktuelle Lage betrifft.

Lüthi: Auch in den Medien wird Migration immer noch als Krise thematisiert, anstatt sie als Umgang mit Krisensituationen zu begreifen, als Ausweg aus der Krise, einer ökonomischen beispielsweise. Ein solcher Wechsel in der Betrachtung wird erst langsam von der kritischen Migrationsforschung oder auch von den No-Border-Bewegungen eingebracht: Es geht um das Paradox, dass die Märkte für Waren geöffnet, aber für Menschen ständig eingeschränkt werden. Letztlich geht es um das Recht auf Mobilität für alle.

Was ist Ihrer Meinung nach der beste Ansatz für eine offensive Migrationspolitik in der Schweiz? Die Ausweitung der Bürgerrechte?
Lüthi: Die Fokussierung auf die politischen Rechte ist sicher wichtig. Auch weil das Bürgerrecht der beste Schutz ist, den Migrantinnen und Migranten überhaupt erhalten können. Aber was uns bei der Beschäftigung mit den Migrationsorganisationen eben auch aufgefallen ist: Die Politik findet nicht nur bei Abstimmungen statt. Das grösste Gestaltungspotenzial liegt oft in der alltäglichen Arbeit an der Basis. Die Beschäftigung mit der Migrationsgeschichte bringt so auch ein erweitertes Verständnis des Politischen mit sich.

Barbara Lüthi, Damir Skenderovic (Hrsg.): «Switzerland and Migration». Palgrave Macmillan. 2019. 350 Seiten. 88 Franken.

Der Sammelband behandelt in mehreren Aufsätzen die bisherige Migrationsforschung in der Schweiz, die administrative Kontrolle der Migration und die Selbstermächtigung der MigrantInnen. Das Buch ist in englischer Sprache publiziert – mit der Absicht, dass die Migrationsgeschichte der Schweiz international breiter rezipiert wird.

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