Nr. 26/2007 vom 28.06.2007

Frauen. Männer

Von Paul L.Walser

«Alpen-Adria-Raum» heisst das Gebiet, in dem die Universitäten von Klagenfurt (Österreich), Koper, Ljubljana, Maribor (Slowenien), Udine und Triest (Italien) eine intensive grenzüberschreitende Zusammenarbeit pflegen. Langjährige Genderstudien führten zu einer grossen Konferenz, die 2005 an der Alpen-Adria-Universität der eigentlich zweisprachigen Kärntner Hauptstadt Klagenfurt/Celovec stattfand. Es galt, «blinde Flecken» im Bereich der Frauen- und Geschlechterforschung aufzuspüren.

Daraus entstand ein spannendes Buch, das nun unter dem lapidaren Titel «frauen.männer» im Klagenfurter Verlag Drava erschienen ist: eine unerhört reichhaltige Publikation, die streng wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird, sich aber auch an ein interessiertes Publikum ausserhalb des akademischen Betriebs richtet, das im Bildungs-, Sozial- und Kulturbereich oder in der Politik tätig ist. Der besondere Reiz besteht darin, dass die Kapitel in drei Sprachen - Deutsch, Slowenisch, Italienisch - verfasst sind. Diese laufen nicht einfach nebeneinander her; der Repräsentation der Geschlechter in der Grammatik dieser Sprachen ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Auf Interesse dürfte das sorgfältig edierte Werk insbesondere in der Schweiz stossen, weil es vorbildlich die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit von engagierten Fachleuten aus verschiedenen benachbarten Sprachregionen zeigt. Zudem bringt es uns einen geschichtsträchtigen Teil unserer östlichen Nachbarschaft näher. Dazu gehört auch der faszinierende Fall Triest, die «Stadt der Spiegel».

Der Alpen-Adria-Raum war im 20. Jahrhundert ein Raum der Konflikte. Nach beiden Weltkriegen waren die Grenzen zwischen Österreich, Jugoslawien und Italien strittig und umkämpft. Diese Grenzkonflikte sind zwar gut erforscht, doch eine vergleichende Analyse aus der Perspektive der Frauen- und Geschlechterforschung steht noch aus. Lohnend ist diese Perspektive allemal, sie umfasst zahlreiche Ebenen, vom Diskurs bis zur sozialen Praxis, von Frauenorganisationen über Geschlechterrollen bis zur geschlechtsspezifischen Erinnerungskultur.

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