Nr. 19/2010 vom 13.05.2010

Der Briefwechsel

Von Paul L.Walser

«Wien 25. November 88. Lieber Siegfried Unseld, wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, ‹nicht mehr können›, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben.»

Das ist der letzte von über 500 Briefen zwischen Thomas Bernhard (1931–1989) und seinem Verleger Siegried Unseld (1924–2002), die nun in einem Band vereinigt sind: eine packende Lektüre, die weit über das Literarische hinausgeht. Auf der einen Seite der ichbezogene, aufsässige, alles andere als unkomplizierte Dichter, der sein Österreich verbissen hasst und es wegen dieses Hasses eben doch innig braucht; auf der andern Seite der strenge und überaus geduldige Chef des deutschen Suhrkamp-Verlags, der sich intensiv um seine AutorInnen kümmert. Ganz besonders um Bernhard.

Wer diesen sorgfältig edierten Briefwechsel liest, erfährt viel über Glanz, Elend und Einsamkeit des Künstlers, sehr viel auch über das, was hinter den Kulissen abläuft – über die leidige und doch so lebenswichtige Sache mit dem Geld und andere scheinbar minderwertige Dinge. Bevor sich Unseld seiner annahm – 1961 – war Bernhard eine unbekannte Nummer im literarischen Zirkus. Es ging nicht sehr lange, bis er zu einem Star des Suhrkamp-Verlags wurde, und das ist in hohem Mass das Verdienst des nervenstarken Verlegers.

Unglaublich, was sich Unseld vom widerborstigen Österreicher in den 38 Jahren der Zusammenarbeit alles sagen lässt. Es ist die end- und schonungslose Litanei eines fanatischen Einzelgängers, der sich derart undiplomatisch äussert, dass es bisweilen kindlich oder gar kindisch klingt. Weil der Verleger aber über den literarischen und menschlichen Wert des ungehörigen «Kindes» Bescheid weiss, hält er durch, bricht er allen Flausen Bernhards zum Trotz den schwierigen Dialog nicht ab. Bis zum Schluss bleiben die beiden beim Sie – so ziemlich die einzige Höflichkeit, der sich Bernhard im Kontakt mit Unseld unterzieht.

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