Nr. 28/2007 vom 12.07.2007

Schande im Zigerschlitz

In Glarus soll zum ersten Mal weltweit eine «Hexe» parlamentarisch rehabilitiert werden.

Von Dana Grigorcea

Friedlich erscheint heute der Richtplatz hinter dem Glarner Sonnenhügel, der einst Galgenhügel genannt wurde: ein grösseres Parkfeld, an dem vorbei die Kinder fröhlich Richtung Badi hüpfen.

Es bedarf ohnehin einer gewissen Anstrengung, um sich einen grausamen Justizmord im freundlichen Glarus vorzustellen. Selbst ein Blick in die Geschichte bringt einem den Gedanken daran nicht näher: Der «Zigerschlitz» war einst dank seiner Webereien und Färbereien eine der am stärksten industrialisierten Gegenden Europas; der frische Wind der Aufklärung wehte.

Moralisch verjährt?

Und doch tobt heute im Glarnerland die Debatte um eine Rehabilitierung Anna Göldis, jener als letzte Hexe apostrophierten Magd aus Sennwald in der damals zürcherischen Herrschaft Sax. Die Positionen an der Linth sind klar: Die einen wollen Anna Göldi endlich freisprechen, die anderen halten das Unrecht, das ihr angetan wurde, für mehr als verjährt. So etwa die Glarner Regierung, die sich zuletzt Ende Mai erklärte.

Anna Göldi wurde am 13. Juni 1782 in ihrem 47. Lebensjahr mit dem Schwert in Glarus hingerichtet. Keine Historikerin und kein Historiker bezweifelt, dass das Urteil bewusst falsch gesprochen wurde. Weshalb aber erlangt ausgerechnet jetzt das Thema Anna Göldi Dringlichkeit? Was ist das Leid einer Magd, der vor 225 Jahren durch Folter ein falsches Geständnis abgerungen und die anschliessend als «Hexe» hingerichtet wurde, etwa gegen das Leid unzähliger Menschen, die in den kommunistischen Gulags umgekommen sind? Und, so grausam das Folterprotokoll im Fall der Anna Göldi gewesen ist, welchen moralischen Aspekt und welchen Nachrichtenwert hat das heute im Vergleich zu den Geschehnissen in Guantánamo oder Abu Ghraib, zu den sogenannten ethnischen Säuberungen in Kosovo, Sudan, Sri Lanka? Soweit die Fragen der GegnerInnen einer Rehabilitierung.

Jede Quantifizierung von Unrecht bedeutet aber an sich neues Unrecht. Gerade am Einzelschicksal wird immer wieder (auch juristisch) deutlich, welche Barbarei hinter dem Holocaust oder der Inquisition steckt. Der Glarner Journalist Fridolin Elmer, Präsident der neu gegründeten Anna-Göldi-Stiftung, spricht von perfiden staatlichen Amtsinhabern, die Göldi das grösstmögliche Unrecht angetan haben. «Anna Göldi muss rehabilitiert werden, das ist das Einzige, was wir posthum noch für sie tun können.»

Was Elmer jetzt im 21. Jahrhundert umtreibe, sei die Frage, wer «von uns» sich damals für Göldi gewehrt hätte. Da diese Frage nicht zu beantworten sei, «will ich mich der Gegenwart zuwenden und mich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen. Das ist auch der Zweck der Anna-Göldi-Stiftung. Sie will langfristig wirken und Leuten helfen, die heutigem Unrecht ausgesetzt sind. Ebenso wird sie mit Leuten zusammenarbeiten, die sich für Opfer von staatlicher Gewalt engagieren.»

«Guter Wille genügt nicht»

Dabei kann Elmer vermutlich auf die Mehrheit der GlarnerInnen zählen - wie die Glarner Regierung verlautbart hat. Trotzdem hält sie an ihrer ablehnenden Haltung fest. Sie bezweifelt einerseits die Rechtsnachfolge - es sei fraglich, inwieweit heute die Verantwortung für die Tat einer Lebensgemeinschaft von 1782 übernommen werden könne - und verweist andererseits auf die Gelder, die bisher immer wieder gesprochen worden seien, um Licht in das unbestrittene Unrecht von damals zu bringen.

«Seinen guten Willen unter Beweis zu stellen, genügt nicht», sagt Redaktor und Buchautor Walter Hauser, «man muss ein Zeichen setzen gegen Willkürherrschaft und ihr entschieden entgegentreten.» Hauser, der im Stiftungsrat einsitzt, hat den Fall Göldi schweizweit wieder aufs Tapet gebracht. Sein soeben erschienenes Buch zum letzten Hexenprozess Europas, «Der Justizmord an Anna Göldi», wurde sofort zum Bestseller und hat in der Schweiz eine rege Wiederbeschäftigung mit dem an Anna Göldi begangenen Unrecht ausgelöst.

Göldis einflussreicher Arbeitgeber, Fünferrichter Dr. med. Johann Jakob Tschudi (aus dem damals im Kanton starken Familienclan der Tschudis, der etwa Richter und auch den Landammann stellte) fürchtete, Göldi würde aus Rache für die Kündigung ihr fleischliches Verhältnis preisgeben. Das hätte den angesehenen Arzt aus Mollis seine gesellschaftliche Stellung gekostet - ein uneheliches Verhältnis hatte damals per Gesetz den Verlust aller Ämter zur Folge. Eifrig kam er Göldi zuvor, beschuldigte sie des versuchten Mordes an seiner Tochter Annemiggeli und sorgte dafür, dass sie enthauptet wurde. Der geheime Prozess wurde damals in Zürich und auch im Ausland stark beachtet, die GlarnerInnen für ihr irregeleitetes Denken bemitleidet.

Mit den GlarnerInnen hatte der Prozess aber herzlich wenig zu tun. Die meisten waren unfrei, hatten weder Stimme noch Gewicht. Der Tschudi-Clan hatte es fertiggebracht, dass mit Göldi gesetzeswidrig eine Nichtglarnerin hingerichtet wurde, nachdem der Katholikin auch noch unter der falschen Gerichtsbarkeit der Prozess gemacht worden war. Die Glarner Bevölkerung hat sich seit 1782 zum Fall Göldi nicht offiziell geäussert. Die Rehabilitierung Göldis kann so zur Selbstrehabilitierung der GlarnerInnen werden.

Die Anna-Göldi-Stiftung wird künftig am 13. Juni, dem Hinrichtungstag der unglücklichen Magd, einen Menschenrechtspreis verleihen. Bisher hat die Stiftung vor allem politisch gewirkt. So wurde in Mollis am 13. Juni unter grosser Beteiligung der Bevölkerung ein Dorfweg in Anna-Göldi-Weg umbenannt. Das Anna-Göldi-Museum ist in fortgeschrittener Vorbereitung. 2009 wird ein soeben in Auftrag gegebenes Anna-Göldi-Festspiel, eine Open-AirProduktion mit einem Budget von 800 000 Franken, in Mollis uraufgeführt werden.

Einen eigentlichen Höhepunkt wird die Glarner Debatte im Herbst, voraussichtlich Ende September, erfahren. Der Glarner Landrat wird dann über eine Rehabilitierung Anna Göldis abstimmen. Den Antrag dazu hat Ständerat Fritz Schiesser (FDP) gemeinsam mit hochrangigen KollegInnen der Glarner SVP, CVP, SP und Grünen gestellt. Sollte das Glarner Parlament den Antrag annehmen, käme das der ersten legislativen Rehabilitierung einer «Hexe» gleich - weltweit.

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