Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Ungerade Leben

Die Historikerin Caroline Arni begreift Frauengeschichte als eine Geschichte des Besonderen und sagt: Eigentlich ist das interessanter als alles andere. Ihr neues Buch, versammelt zwölf biografische Porträts – und ist ein Vergnügen.

Von Alice Galizia

Frauengeschichte, schreibt die Historikerin Caroline Arni, sei ein Beobachtungsposten, von dem aus man mehr sehen könne. Foto: Florian Bachmann

Katharina von Zimmern (1478–1547) ist die Älteste. Sie hat ihr Amt als Äbtissin des Zürcher Fraumünsters und damit viel Macht abgegeben, um zu heiraten – für den Frieden der Stadt, aber wohl auch, weil sie verliebt war. Ein ganz anderes Leben als jenes von Julie Bondeli (1732–1778, Berner Patrizierin, Intellektuelle), die sehr vieles wollte, nur bloss keinen Ehemann. Zwölf historische Porträts über Frauen hat die Historikerin Caroline Arni im Band «Lauter Frauen» zusammengetragen. Sie beginnt bei der eigenen Grossmutter und arbeitet dann chronologisch, von Katharina von Zimmern bis zu Iris von Roten (1917–1990). Auf wenigen Seiten jeweils faltet Arni diese Biografien auf, bruchstückhaft und in einer feinen, zugeneigten Sprache. Alle enthalten zitierte Stellen aus Quellenmaterial, aus Briefen, Gerichtsakten, Verhörprotokollen, Telegrammen und so weiter, von den porträtierten Frauen selbst geschrieben oder von anderen.

Das ist gerade dort spannend, wo die Porträtierte selbst nichts hinterlassen hat und Arni sie mit dem Material, das zur Verfügung steht, umkreisen muss. Pauline Buisson (circa 1750–1826) ist so ein Fall, die als Sklavin in der französischen Kolonie Saint-Domingue (nach der Befreiung: Haiti) geboren und als Haushälterin nach Yverdon gebracht wurde. Arbeitete sie dort auch als Hebamme, berühmt als die beste weit und breit, wie es in den Erinnerungen des Naturforschers und Anthropologen Johann Friedrich Blumenbach steht? Verbürgt ist das in keinem offiziellen Dokument, auch nicht auf der Liste der Absolventinnen der Hebammenschule. Blumenbach traf Buisson 1783 in Yverdon und habe seit dem Treffen mit ihr eine Liste von Schwarzen Musikern, Akademikern und Dichterinnen geführt. Seine Forschung derweil machte zwar Varietäten unter den Menschen aus, aber keine Rangordnung.

Neu gewendet

Das Kapitel über Pauline Buisson zeigt, wie gewinnbringend Arnis Arbeitsweise ist: wie dicht auch eine Geschichte mit vielen Fragezeichen und Leerstellen sein kann, wie viel sie über eine jeweilige Zeit erzählen kann. Nebenbei erfährt man etwa auch von den Geburtspraktiken in der Kolonie Saint-Domingue und vom Umgang mit dem «Fremden» im Gebiet der heutigen Schweiz zu dieser Zeit, der von krassem Rassismus geprägt, manchmal aber auch erstaunlich locker war.

Frauengeschichte, so schreibt Arni im Nachwort, sei ein Beobachtungsposten, von dem aus sich mehr sehen lasse. Weil in der Geschichte so oft der Mann als Modell für das Menschliche gestanden habe, könne Frauengeschichte den Blick auf das Partikulare, nicht auf das Universale richten; die Frauen würden als das «Andere» gemeinhin nicht als verallgemeinerungsfähig gehalten. Gerade das mache diesen Teil der Geschichte so besonders fruchtbar.

Interessant ist das auch bei jenen, die einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind. Anna Göldi (1734–1782) etwa, deren Geschichte durch Eveline Haslers Roman zur Schullektüre geworden ist. «Letzte Hexe» nannte Hasler Göldi. Und Arni fragt: War das wirklich ein Hexenprozess? In den Gerichtsdokumenten zu Göldis Fall ist mit keinem Wort von ihr als «Hexe» die Rede, selbst in Glarus gibt es zu dieser Zeit den Straftatbestand der Hexerei nicht mehr – Anna Göldi wurde wegen Vergiftung verurteilt. «Zu welcher Geschichte also gehört dieser Prozess?», fragt Arni und deutet ihn als in der Struktur einem Hexenprozess eben sehr ähnlich, weil es auch hier darum gegangen sei, «sich einer Frau zu bemächtigen».

So weist Göldis Fall über sich selbst hinaus: Sie ist nicht mehr die einzelne «letzte Hexe», sondern in den grösseren Kontext einer Gesellschaft eingebettet, die gerade arme, alleinstehende Frauen systematisch abwertete und diskriminierte. Sowohl Eveline Hasler als auch Arni halten sich an historische Dokumente, beide sind anwaltschaftlich mit Göldi, und doch liegt die Geschichte durch die leichte Fokusverschiebung anders, neu gewendet da.

Frivolität und Heiterkeit

Anwaltschaftlich ist Arni ohnehin mit jeder der Frauen, die sie beschreibt, auch dann, wenn ihre Irritation spürbar ist. Im Nachwort schreibt sie, gerade die Ambivalenzen und die Widersprüche hätten sie gereizt, auch jene Dinge, die ihr selbst an den jeweiligen Biografien nicht so ganz gefallen hätten. Dann wiederum trägt es zum Vergnügen dieses Buches bei, wie sich die Autorin freut mit ihren Figuren: wenn Catherine Colomb (1892–1965) so gut schreiben kann wie kaum ein:e andere:r, wenn Germaine de Staël (1766–1817, Intellektuelle) Napoleon mal wieder eins auswischt, wenn Emma Herwegh (1817–1904, Revolutionärin) verliebt ist. Oder mit Julie Bondeli, die viele lebenslustige Sätze schreibt, als sie schon älter ist, etwa diesen: «Die Tage der Weisheit sind vorbei, genug der Wissenschaftelei (…), ich habe den ganzen Eifer meiner ersten Jugend darauf verwendet und mir Frivolität und Heiterkeit fürs reifere Alter vorbehalten.»

Lesungen: Donnerstag, 21. Oktober 2021, 20 Uhr, Progr, Bern; Sonntag, 31. Oktober 2021, 11 Uhr, Theater Solothurn; Dienstag, 9. November 2021, 19.30 Uhr, Schaffhauser Buchwoche.

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