Nr. 29/2007 vom 19.07.2007

Jenseits der Welt

Von Paul L. Walser

«Ich bin im Sozialismus aufgewachsen und gelangte erst allmählich zu der Erkenntnis, dass das Streben nach Besitz dem Menschen angeboren ist, einfach biologisch vorbestimmt. Jedes lebende Wesen braucht die Sicherheit seines Nestes, seiner Höhle, seines Eckchens. So auch ich.»

Die Rhodopen sind ein Gebirgszug am Ende der Welt, in einer schwer zugänglichen Grenzregion zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei, bewohnt von den PomakInnen, einer immer wieder von ChristInnen und TürkInnen geschundenen muslimischen Minderheit, deren Angehörige mehrmals ihren Namen ändern mussten. Ihre Sprache wird von den BulgarInnen verstanden. Im bulgarischen Teil der Rhodopen spielt das persönliche Epos «Ein Haus jenseits der Welt» von Georgi Danailov, das nun auch auf Deutsch vorliegt.

Danailov, eine der wichtigen literarischen Stimmen Bulgariens, erzählt, wie er zusammen mit anderen unzufriedenen BewohnerInnen von Sofia aufbricht und noch mitten in der kommunistischen Plattenbauepoche ein archaisches Rhodopendorf entdeckt, wo er ein uraltes Haus kauft und zum ersten Mal in seinem Leben Besitzerglück empfindet. Das Haus wird zu seinem Lehrmeister und zur Quelle unzähliger Geschichten. Da stossen wir auf einen bulgarischen O-Ton, in ein bisweilen etwas hilfloses Deutsch übertragen.

Danailov pendelt zwischen Sofia und seinem Haus, das sich ihm freilich nicht als Ruhestätte anbietet. Es erfordert viel Arbeit, und weil die Handwerker aus dem Dorf verschwunden sind, muss er sich welche in der Nachbarschaft suchen, zumeist Muslime. Die harte Rhodopen-Wirklichkeit zeigt sich ihm anhand tragischer Schicksale. Trost finden der Dichter und seine Frau immer wieder bei erstaunlichen ÜberlebenskünstlerInnen. Enttäuschungen, Gefahren der Moderne und Einsamkeit nehmen zu, es kommt auch zu einem schlimmen Brand, doch das «Haus jenseits der Welt» hält stand und dient dem Erzähler weiter als rettender Ort der Inspiration.

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