Nr. 42/2009 vom 15.10.2009

«Europa erlesen»

Von Paul L. Walser

«Europa erlesen» ist ein ebenso verlockendes wie anspruchsvolles Motto. Ihm hat sich eine Kleinbuchreihe verschrieben, die der Wieser-Verlag (mit Sitz in Klagenfurt/Celovec) herausgibt: tapfer altmodisch gestaltete Fibeln, die in jede Reise- und manche Jackentasche passen. Jedes dieser Bücher erschliesst eine (mit Vorliebe osteuropäische) Stadt oder Region, mit kürzeren literarischen Texten aus Vergangenheit und Gegenwart.

Aus der jüngsten Produktion liegen drei Titel vor mir: «Balkan», «Lemberg», «Athen». Auf unschulmeisterliche Weise erfährt man in dem von Doris Barbara Griessner herausgegebenen Bändchen, wie fragwürdig der Begriff «Balkan» – abgeleitet von einem «Gebirgszug in Bulgarien» – ist. Erstaunlich, was man alles auf diesen 232 kleinen Seiten lesen kann – mit dem Resultat, dass die vage Vorstellung «Balkan» zu einem alles anderen als einheitlichen, aber doch sehr deutlichen Bild wird, gekennzeichnet durch die Tragödien von Fremd- und Selbstbestimmung. Wir begegnen einer langen AutorInnenreihe – von Ivo Andric bis Peter Handke.

Das ehemals österreichisch-galizische, jüdisch geprägte Lemberg hiess auf Jiddisch Lemberik, in polnischen Zeiten Lwow und heute, wo «die Stadt der verwischten Grenzen» (Joseph Roth) zur Ukraine gehört, Lwiw. In diesem einstigen Kulturzentrum spiegelt sich eine reichhaltige Geschichte, deren Kenntnisnahme WesteuropäerInnen sich meist entziehen. Das Buch, für das Alois Woldan zeichnet, nimmt uns auf eine literarische Reise mit, die im 16. Jahrhundert beginnt, als die Stadt noch Leopolis hiess.

Noch eindrücklicher ist die Vergangenheit der griechischen Hauptstadt, deren Akropolis heute als Insel aus der neumodernen Megalopolis herausragt. Toll, wie es Penelope Messidi und Alfred J. Noll gelingt, aus der Fülle von literarischen Athener Zeugnissen eine Auswahl zu treffen. Was bei diesen Kleinbüchern überzeugt, ist die mitreissende Entdeckerfreude der Herausgeber und des Verlegers Lojze Wieser.

Übrigens gibt es auch Titel wie «Basel» oder «Bodensee».

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