Nr. 30/2007 vom 26.07.2007

Der Grüne mit der Göttin in Aubergine

Als Architekt plant Tilman Rösler autofreie Siedlungen, privat gilt seine grosse Leidenschaft seinen beiden Oldtimern.

Von Nick Lüthi

Das erste Wort, das er habe aussprechen können, sei «Auto» gewesen, sagt Tilman Rösler. Eine Erklärung dafür gebe es nicht. Weder Vater noch Mutter hätten eine spezielle Beziehung zum fahrbaren Untersatz gehabt. Mehr als vierzig Jahre nach den ersten Sprechversuchen wird so manches klarer. Autos spielten und spielen im Leben von Rösler eine wichtige Rolle. Als Jugendlicher verbrachte er Stunden damit, seiner Fantasie entsprungene Prototypen zu skizzieren. Und mit seinen Spielkameraden ging er einer absonderlichen Freizeitbeschäftigung nach. Im verdunkelten Zimmer lauschten die Buben, ob sie von den Motorengeräuschen draussen auf der Strasse auf die Marke des dazugehörigen Autos schliessen konnten. Sie konnten es, und Rösler kann es heute noch. «Allerdings nur bei älteren Modellen, nur die haben einen charaktervollen Klang», relativiert er seine exotische Begabung. Beruflich hat er dann statt einer Ingenieurausbildung ein Architekturstudium vorgezogen: «Wenn schon, dann hätte ich in der Designabteilung eines Autoherstellers arbeiten wollen.»

Vorliebe für vollendete Formen

Für die moderne Autowelt hat Rösler wenig übrig. Nicht nur seien die Motoren heute nivelliert und tönten nahezu identisch, sagt Rösler: «Die Autos sehen ja auch alle gleich aus.» Er zweifelt denn auch ernsthaft daran, dass von den aktuellen Modellen auch nur einige wenige in ein paar Jahrzehnten den Oldtimerstatus erreichen werden. Ihn interessiert und fasziniert hohe Ingenieurskunst kombiniert mit vollendeten Formen, «was es heute sozusagen nicht mehr gibt». Besonders gelungen umgesetzt sei dies in der Citroën DS. Also machte er sich vor fünf Jahren auf die Suche nach einer DS, und zwar nicht nach irgendeiner. Sie musste 1967 gebaut worden sein. Nun spricht der Fachmann: «Die 67er-DS ist ein reifes Auto, nicht mehr so störungsanfällig wie die ersten Modelle aus den fünfziger Jahren und doch noch mit den Eigenheiten des Ursprungsmodells, wie etwa den runden Scheinwerfern, ausgestattet.» Ja selbst über ABS, ein Antiblockiersystem der Bremsen, verfüge die DS, schwärmt Rösler. In andere Autos sei dies erst viel später serienmässig eingebaut worden. Gefunden hat er den Oldtimer schliesslich bei einem Spezialisten in Deutschland. 20 000 Euro hat ihn das Objekt seiner Begierde - fahrtüchtig und restauriert - bisher gekostet.

Wenn der ehemalige Hausbesetzer, der heute Mitglied des Verkehrsclubs VCS ist und das Grüne Bündnis im städtischen Wohnbaufonds vertritt, mit seiner auffälligen, in der Farbe «Aubergine» lackierten DS durch das Quartier fährt, stösst er rundum auf positive Reaktionen. Daumen hoch oder andere Zeichen der Bewunderung würden die Leute am Strassenrand machen. Er kann sich nicht daran erinnern, dass er als Linker und Grüner schon einmal wegen seiner ungewöhnlichen Vorliebe kritisiert worden ist. Im Gegenteil: Als er unlängst mit seiner DS zur Sitzung eines autofreien Siedlungsprojekts vorfuhr, nahmen ein paar Nichtmotorisierte die exklusive Rückfahrgelegenheit dankend an.

Rösler ist sich des Widerspruchs zwischen seiner politischen Einstellung und seiner Liebe zu alten Autos durchaus bewusst. So wie er seine Fahrzeuge nutze, finde er sein Hobby zwar nicht besonders umweltverträglich, aber doch vertretbar. «Das viel grössere Problem sind die täglichen Pendlerströme auf Strecken, die bestens mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen sind.» Ausserdem, so habe er einmal in einer Fachzeitschrift gelesen, seien Oldtimer leichter gebaut gewesen als vergleichbare aktuelle Modelle. Und geringeres Gewicht bedeute geringeren Benzinverbrauch.

Mit dem Oldtimer an die Demo

In einer Garage hat Rösler ein solches Leichtgewicht eingestellt. Nur 650 Kilogramm wiegt der Austin Healey, Modell Sprite, Baujahr 1966. Als 17-Jähriger fand er ihn auf einem Schrottplatz. Zweihundert Franken bezahlte er für das Wrack. «Ich hatte noch nicht einmal den Fahrausweis», erinnert sich Rösler. So liess er das fahruntüchtige Auto nach Hause transportieren. In mühseliger Kleinarbeit machte er das Sportwägelchen wieder flott. Aus seiner Liebhaberei macht er auch keinen Hehl, als er Ende der siebziger Jahre in linksautonomen Kreisen verkehrte und später an vorderster Front bei der ersten Besetzung der Berner Reitschule mit dabei war. Einmal sei er mit der Berner Anarcholegende Anton «Fashion» Schuhmacher auf dem Beifahrersitz seines Healeys an eine Demonstration gefahren. Sehr zum Verwundern der DemoteilnehmerInnen. Auch bei anderen Gelegenheiten diente das exklusive Gefährt den «Bewegten» als Fortbewegungsmittel: «Als Zweisitzer bietet der Austin aber nur beschränkt Platz, so quetschten wir die dritte Person jeweils kurzerhand in die Ablage hinter den beiden Sesseln.»

Mitte der achtziger Jahre stellte Rösler seinen Austin Healey ein. Nicht weil er kritisiert worden wäre. «Die Jugendbewegung hatte kein ausgeprägtes Umweltbewusstsein», sagt Rösler. «Autos waren als Statussymbol der Bonzen verpönt - wenn überhaupt.» Fast zwanzig Jahre blieb der kleine grüne Flitzer eingemottet. Erst vor einiger Zeit nahm er den Austin Healey wieder in Betrieb; zum Beispiel für gelegentliche Ausfahrten zu zweit auf Nebenstrassen über Land.

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