Nr. 47/2014 vom 20.11.2014

Wie der Teufel einmal für die zweite Röhre weibelte

Staumeldungen auf allen Kanälen im Halbstundentakt: Auf seiner Recherchefahrt an und durch den Ort des Geschehens stösst unser Autor auf mysteriöse Hinweise.

Von Stephan Pörtner

«Verkehr wollten sie haben, Verkehr sollen sie bekommen»: «Bau der Teufelsbrücke», Gemälde von Carl Blechen, Öl auf Leinwand, um 1830/32. © BPK/Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Eigentlich wollte ich schon lange wieder einmal durch den Gotthard. Nicht unbedingt weil ich mich nach dem Süden sehnte, sondern weil ich seit Jahren immer wieder von ihm las und hörte, aber schon lange nicht mehr da war.

Das Matterhorn mag sich auf Postkarten gut machen und TouristInnen anlocken, aber was ist das gegen den Gotthard mit seinen Mythen, Legenden und Sagen, seiner Bedeutung für die Schweiz: der kürzeste Weg nach Süden, Sinnbild der Landesverteidigung, Reduit und all das …

Und dann die persönlichen Erlebnisse: die Fahrten als Kind auf der Rückbank schlecht gefederter Familienkutschen über den Pass. Als Fünfzehnjähriger alleine mit dem Töffli ins Tessin auf den Zeltplatz. Die ersten Autofahrten durch den Tunnel, der mir damals unendlich lang schien. Ein wahres Wunder der Ingenieurskunst. Die Hoffnung auf Sonne auf der anderen Seite. Sie hatte etwas Zauberhaftes, diese Röhre: von Kalt nach Warm, von Regen nach Sonne. Wie ein riesiges Kaleidoskop, in das man hineinschaut und schöne Muster erkennt.

Doch wie es so ist mit Wundern, man gewöhnt sich an sie, sie verlieren ihren Glanz. Es hat spektakuläre Unfälle gegeben, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, obwohl es einer der sichersten Nationalstrassenabschnitte ist. Die Röhre ist sanierungsbedürftig geworden. Und vor allem: Es gibt häufig Stau.



Stau: Das war der Grund, warum ich den Gotthard gemieden hatte. Die unglaublich kurze, schnelle Verbindung, das magische Tor zum Süden, war zum Symbol für Stillstand geworden. Der Gotthardstau an Ostern und Pfingsten und während der Sommerferien, darüber regte sich niemand auf, das war normal. Es soll sogar Leute geben, für die der Stau das eigentliche Happening ist, die eigens deshalb hinfahren, wegen des Gemeinschaftserlebnisses. Da muss was dran sein, denn 78 Prozent des Verkehrsaufkommens am Gotthard sind der Kategorie Freizeit zuzurechnen. Durch den Gotthard fährt man freiwillig. Was mich aber wunderte, waren die ständigen Staumeldungen am Radio, auch als die Ferien längst vorbei waren. Ich hörte mich bei Bekannten um, die regelmässig Richtung Süden fuhren.

«Oft wird ein Stau von einem Kilometer gemeldet, aber das ist vom hintersten Auto beim zweiten Rotlicht bei Wassen bis direkt zum Tunneleingang gemessen. Zwischen Tunneleingang und Ampel sowie zwischen der ersten und zweiten Kolonne sind jeweils gut zweihundert Meter Platz, und die Sache ist nicht halb so wild», erklärte mir ein Rusticobesitzer. Wenn ich es genau wissen wolle, müsse ich mich mit seiner Nachbarin unterhalten, die sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Ich wusste nicht, ob ich es so genau wissen wollte, aber die Frau rief mich am nächsten Tag an.

Sie erklärte mir, wie das funktioniert mit Kapazitätsobergrenze und Stauvermeidung durch Verkehrskontrolle. Neben der Stauvermeidung geht es dabei um die Sicherheit. Es gibt eine Höchstzahl von Autos im Tunnel, bei der die Rettungskräfte und die Feuerwehr noch durchkommen. Wobei ein Lastwagen als drei Personenwagen zählt – aber natürlich, falls er Feuer fängt, länger und heftiger brennt, je nach Ladung. Überhaupt die Lastwagen. Sie sind verantwortlich für neunzig Prozent der tödlichen Unfälle im Gotthard. Und laut einer Studie, die die Alpeninitiative 2011 in Auftrag gegeben hat, für über vierzig Prozent der Stauereignisse. Wenn nur die Anzahl Lastwagen durchfahren würde, die in dieser Initiative festgelegt wurde, gäbe es fast keinen Stau mehr. Das Verkehrsaufkommen hat sich nämlich seit 2001 nicht gesteigert. Darum gab es grosse Hoffnungen, dass das Problem mit dem Lastwagenverlad durch den Basistunnel, der im Jahr 2016 eröffnet würde, stark zurückgehen könnte. Für meine Informantin jedenfalls machte es den Anschein, als müsste die zweite Röhre noch vor dieser Eröffnung durchgeboxt werden.






Ich blickte je länger, je weniger durch bei dieser Röhre. Also beschloss ich, endlich selber hinzufahren. Ich hatte ein verlängertes Wochenende zur Verfügung und fuhr an einem Freitagmorgen Ende September los. Bereits an der Autobahnauffahrt Brunau meldete die elektronische Anzeige: Stau am Gotthard. Auf der Autobahn wiederholten sich diese Warnanzeigen.

Kurz überlegte ich mir, ob ich mir das wirklich antun wollte, liess mich aber nicht umstimmen und fuhr, bald sehr falsch zu sehr obskuren Liedern singend, über die recht leere Autobahn. Ab Luzern nahm der Verkehr ein wenig zu. In regelmässigen Abständen unterbrach der Verkehrsfunk meine Reisemusik mit Durchsagen zum Stau am Gotthard. Der kam näher und näher, und bei Wassen glaubte ich schon, dem Stau entronnen zu sein, denn der Verkehr lief flüssig, trotz kilometerlanger einspuriger Führung wegen einer Baustelle, die nur an einer Stelle aus ein paar Maschinen bestand, an denen Arbeiter mit Schutzwesten hantierten. Vor dem Tunneleingang geriet ich in einen kleinen Stau, weil die Ampel auf Rot stand. Ich fragte mich, ob das streng genommen überhaupt ein Stau war, wenn die Autos vor einem Rotlicht warten müssen. Es wurde ja auch nie Stau vor dem Milchbucktunnel gemeldet, selbst wenn sich die Autos vom Rotlicht vor dem Tunnel über die Kornhausbrücke bis an den Helvetiaplatz stauten. Vielleicht war alles nur eine Definitionsfrage.



Die Fahrt durch den Tunnel verlief problemlos, und als ich im Süden aus der Röhre auftauchte, erwartete mich das erhoffte schöne Wetter. Ich atmete durch und sang noch lauter. Wieder eine Meldung im Radio. Ein Auto sei im Tunnel in Brand geraten. Dreissig Minuten Stau vor dem Südportal. Ich erinnerte mich an die Reisen als Kind die steile Strasse hinauf, Stossstange an Stossstange, weil halt Sommerferien waren. Damals rauchten und dampften immer wieder Autos. Die Leute gingen mit Wasserflaschen und Wolldecken zu Werk, bis der Wagen wieder fahrtüchtig war oder mit einem Seil am nächstbesten Auto festgemacht und so abgeschleppt wurde. Seither hatte ich keine brennenden oder rauchenden Autos mehr gesehen.

Im Tunnel hatte ich nichts gesehen, kein stehen gebliebenes Fahrzeug, keinen Rauch, keine Feuerwehr. Ohne viel zu überlegen, fuhr ich bei Quinto raus und drehte um.

Während ich wartete, wurde das Pannenfahrzeug immer wieder gemeldet. Bei der Fahrt zurück nach Uri sah ich wiederum nirgends ein Pannenfahrzeug, auch nicht in einer der Nischen oder bei der Ausfahrt in Göschenen. Auf der Gegenfahrbahn standen noch immer Fahrzeuge vor der roten Ampel. Ich verliess die Autobahn wieder und fuhr über die Landstrasse nach Wassen, wo ich in einem kleinen Gasthaus einkehrte.



«Sind Sie vor dem Stau auf die Kantonsstrasse geflohen?», fragte mich die Kellnerin, eine Frau mit kurzen Haaren.

«Nein, im Gegenteil, ich habe den Stau gesucht», antwortete ich.

«Es heisst, im Tunnel brenne ein Auto», sagte die Frau, die allem Anschein nach nicht richtig zugehört hatte.

«Eben nicht. Da ist rein gar nichts, und trotzdem kommt eine Staumeldung nach der anderen. Ist das immer so?»

«Was ist immer so?» Sie wich einen Schritt zurück und schaute mich misstrauisch an.

«Dass gar kein Stau ist, obwohl es heisst, da sei einer.»

«Meistens ist schon Stau, es kommt ja ständig am Radio.»

«Ja eben, aber stimmt das mit Ihren eigenen Beobachtungen überein?»

«Ich bin am Arbeiten, ich habe keine Zeit, Staus zu beobachten.»

Sie trat wieder an den Tisch, nahm meinen Teller und entfernte sich kopfschüttelnd.

An einem Tisch, ganz hinten in der fast leeren Wirtschaft, sass ein Mann in einem grünen Gewand, ein Jäger vielleicht, von dem ich einen stechenden Blick zu spüren geglaubt hatte, aber jetzt, da ich hinschaute, hielt der Mann seinen Kopf gesenkt.

Ich winkte der Bedienung und zahlte.

«Ich hoffe, Sie kommen gut durch», sagte sie. «Das Radio meldet Stau.»



Ich seufzte und stieg ins Auto. Weil ich langsam keine Lust mehr hatte, Phantomstaus hinterherzufahren, blieb ich auf der Landstrasse und fuhr Richtung Göschenen. Kurz vor dem Kreisel, bei dem grossen Stein mit der Schweizer und der Urner Fahne darauf, entdeckte ich einen Mann in einem grünen Gewand. Er trug ein grünes Hütchen, sodass ich sein Gesicht nicht richtig sehen konnte. Trotzdem glaubte ich, dass es der aus dem Restaurant war. Er winkte und deutete auf den kleinen Parkplatz neben dem Stein. Ich bog ab. Der Parkplatz war leer, und während ich mich noch fragte, wie der Mann hierhergekommen war, klopfte er schon an mein Fenster.

«Suchen Sie etwas?», fragte er.

«Nein», antwortete ich abweisend.

«Auch keine Antworten?»

Ich wollte das Fenster schliessen.

Der Mann lachte. Er trug einen dichten schwarzen Bart, so wie ihn ältere Älpler oder coole junge Männer in der Stadt zu tragen pflegen.

«Wissen Sie, was das da ist?»

Er deutete auf den Fels.

Ich schüttelte den Kopf.

«Das ist der Teufelsstein. Wussten Sie, dass der Brocken um 300 Meter versetzt werden musste, damit der Strassentunnel gebaut werden konnte?»

«Nein», gab ich zu, «das wusste ich nicht.»

«Aber die Sage kennen Sie schon?»

«Die mit der Teufelsbrücke?» Ich kramte in meiner Erinnerung: «Der Teufel baute die Brücke und verlangte dafür die erste Seele, die sie überquerte. Die Urner schickten einen Ziegenbock, der Teufel holte vor Wut den Stein im Tal, um die Brücke zu zerschmettern. Jemand aber malte ein Kreuz drauf, und dadurch wurde er zu schwer. Irgendwie so?»

Der Mann lachte. «So ähnlich lautet die offizielle Version. Kommen Sie, fahren wir zur Teufelsbrücke hinauf.»

Ehe ich protestieren konnte, ging der Mann um das Auto herum, sein Gang war flink, aber seltsam, er schien zu hinken, und setzte sich neben mich auf den Beifahrersitz. Er roch seltsam. Es war ein herber, süsslicher Duft, der an Haschisch erinnerte. Am rechten Fuss trug er einen seltsamen runden Spezialschuh, so, als hätte er einen verkrüppelten Fuss.



Ich fuhr los. Die Schöllenenschlucht war atemberaubend, die hoch aufragenden Felswände schienen abweisend und unüberwindbar.

Mein Beifahrer hiess mich abbiegen, und wir gingen die paar Schritte auf die Brücke hinunter, blieben in der Mitte stehen und schauten hinab in die Schlucht.

«Hier hat alles angefangen», sagte der Mann. «Hier haben der Legende nach die Urner den Teufel überlistet.»

«Ich glaube nicht an den Teufel», sagte ich.

«Es ist nur ein Name», winkte der Mann ab. «Wenn es Wesen an der Oberfläche der Erde gibt, warum soll es dann nicht auch darunter welche geben? Wenn die Oberfläche aufbricht, wie bei der Alpenfaltung, wenn Schluchten wie diese entstehen, kann es schon vorkommen, dass solche von unten nach oben gelangen. Mit Gut und Böse, Gott und Teufel hat das nichts zu tun, da haben Sie recht.»

Ich wollte etwas einwenden. Ich war kein Freund handgezimmerter naturreligiöser Theorien.

«Wenn wir nun so ein Wesen, das aus der Hitze des Erdinnern kommt, der Einfachheit halber ‹Teufel› nennen: Dann wäre es doch interessant, wie die Geschichte aus Sicht dieses Teufels lauten würde.»

«Ja», sagte ich, weil ich wusste, dass ich ihn nicht loswürde, ehe er seine Geschichte erzählt hätte.

«Fahren wir auf den Pass», sagte er.

«Eigentlich wollte ich in Göschenen übernachten», wandte ich ein.

«Dort unten ist alles geschlossen. Sie müssen bis nach Andermatt.»

«Sind Sie von da?», fragte ich.

«Sagen wir, ich war dort in den letzten Jahren vermehrt tätig», antwortete er gut gelaunt.



Wir stiegen ein, und ich startete den Wagen. Am Radio eine weitere Staumeldung, diesmal mit dem Hinweis, dass sich die Fahrt über den Pass nicht empfehle, wegen der Baustelle in der Schöllenen.

Die Baustelle begann genau oberhalb der Ausfahrt, bei der mich mein Beifahrer hatte abbiegen lassen.

«Dass man die Strecke ausgerechnet jetzt sanieren muss und nicht gewartet hat, bis der Basistunnel in Betrieb ist!», versuchte ich das Gespräch in Bahnen zu lenken, die mich interessierten.

Mein Fahrgast ging nicht darauf ein und schwieg. Die Ampel vor uns schaltete auf Grün, und ich fuhr den Berg hinan.

«Teufel können Dinge tun, die Menschen nicht vermögen», sagte er dann. «Zumindest konnten sie es lange Zeit – unterdessen ist es schwieriger geworden. Für ihre Dienste verlangen sie einen Preis.»

«Eine Seele», sagte ich.

Er winkte verärgert ab. «Ach was, Seelen. Menschen bilden sich wahnsinnig viel auf ihre Seelen ein, aber sie sind nur das: Einbildung. Die Schöllenen war lange Zeit unüberwindbar. Bis es einer doch schaffte und bei seiner Rückkehr vom guten Wein schwärmte, den es auf der anderen Seite gab. So fing alles an. Als mit der Zeit immer mehr Leute auf die andere Seite wollten, musste eine Brücke her, aber niemand konnte sie bauen. Ausser ein Teufel. Er warnte die Leute: Wenn die Brücke steht, setzt sich der Verkehr in Bewegung und ist nicht mehr aufzuhalten. Darum wollte er dem Ersten, der über die Brücke ging, zeigen, wohin das führt mit dem Verkehr. Für einen Teufel sind tausend Jahre eine kurze Zeit, und er kann nicht nur zurückblicken. Die Leute sollten wissen, was auf sie zukam, und dann entscheiden, ob sie das wollten. Der erste Mensch, der über die Brücke ging, hätte es ihnen schildern können. Stattdessen schickten sie einen Ziegenbock. Der Teufel legte noch den Stein an die Stelle, an der, wie er wusste, eines Tages ein Tunnel kommen würde. Damit sie noch mal überlegen konnten, ob es so weitergehen sollte: ein Weg, eine Brücke, eine neue Brücke, eine Strasse, noch eine neue Strasse, ein Eisenbahntunnel, ein Autotunnel, noch ein Eisenbahntunnel, und noch ein Autobahntunnel. Mit dem Verschieben des Steins war die Chance, sich die Sache noch einmal zu überlegen, vertan.»



Wir hatten Andermatt und Hospental hinter uns gelassen. Das Wetter war gut, und ich erfreute mich an der Landschaft, die trotz allem unberührt und wild wirkte. Vielleicht war es doch gut gewesen, den Mann einsteigen zu lassen, auch wenn er zu viel quatschte.

«Dort, wo der Stein steht, ist seither die Stelle im Urner Nationalstrassennetz, an der es die meisten Unfälle gibt», sagte der Mann und schüttelte den Kopf. «Aber die Menschen sind wankelmütig. Nach der Eröffnung des Tunnels begannen sich die Urner zu hinterfragen. Es gab Stimmen, die fanden, dass der Verkehr nicht nur ein Segen war. Sie versuchten auf einmal, ihn einzudämmen, und lehnen jetzt die zweite Röhre ab. Ist das zu glauben?»

«Aber die bringt doch gar keinen Mehrverkehr, es ist nur ein Entlastungstunnel», spielte ich Anwalt des Teufels.

Wir hatten die Passhöhe erreicht. Eigentlich wollte ich oben anhalten, fuhr dann aber weiter.

«Sind Sie wirklich so naiv?» Jetzt musste der Mann laut lachen. «Nein, den Tunnel braucht es, damit der Verkehr rollt, damit er zunimmt. Das war die Abmachung. Verkehr wollten sie haben, Verkehr sollen sie bekommen. Der Verkehr hat Wohlstand gebracht und Fortschritt. Da kann man nicht einfach umkehren.»

«Ist das nicht eine Frage der Menge?» Ich musste mich auf die Strasse konzentrieren. Mir schien, dass ich viel schneller fuhr, als der Tacho anzeigte.

«Alles ist eine Frage der Menge. Nur wurde diese in der Abmachung nicht bestimmt. Aber eigentlich wollten Sie doch wissen, warum am Gotthard immer Stau herrscht, auch wenn gar keiner ist, oder?»

«Wollen Sie damit sagen, dass der Teufel hinter all den Staumeldungen steckt?» Ich warf einen Blick auf meinen Beifahrer.

«Steter Tropfen höhlt den Stein – wer wüsste das besser als jemand, für den tausend Jahre nichts sind, der aus dem Gestein kommt?»

Der Mann lachte immer lauter. Ich schwitzte. Wir rasten talwärts, und mir war, als hätte ich die Herrschaft über mein Fahrzeug verloren. Als sei es jemand anderes, der es steuerte.

«Wenn die Leute glauben, dass die Röhre ständig Stau verursacht und ihre Sanierung eine Katastrophe wird, werden sie für eine zweite Röhre sein, selbst wenn sie diese weder brauchen noch benutzen. Sie wollen einfach, dass das Problem gelöst wird. Meinen Sie etwa, dass der Teufel sich austricksen lässt?»

Langsam wurde mir die Sache unheimlich. Ich versuchte zu bremsen, aber es half nichts. Erst vor dem Rotlicht einer Baustelle kurz vor Airolo gelang es mir, anzuhalten.

«Sie wollten wissen, wie diese Staus entstehen, die Sie nicht sehen können?» Bereits hatte der Mann die Beifahrertür geöffnet, als er sich noch einmal umdrehte und mir zwei Finger auf die Stirn legte.



Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als ich weit entfernt eine Stimme hörte: Pannenfahrzeug im Gotthardtunnel, Stau vor dem Südportal. Die Stimme war am Radio. Jemand klopfte an die Scheibe meines Autos. Ich erwartete den grünen Mann, aber es war ein anderer, ein glatt rasierter mit einer gelben Weste. Ich öffnete das Fenster.

«Brauchen Sie Hilfe?», fragte der Mann. «Haben Sie eine Panne? Warum fahren Sie nicht weiter?»

Ich schaute mich verwirrt um. Ich stand mitten im Tunnel. Hinter mir hatte sich ein Stau gebildet. Ein richtiger.

Stephan Pörtner (49) wurde bekannt durch seine Krimis mit Köbi Robert, einem Detektiv wider Willen. Zuletzt ist von Pörtner im Applaus-Verlag der Kriminalroman «Mordgarten» erschienen (2013). WOZ-LeserInnen dürfte Pörtner auch als Autor der Kolumne «100 Wörter» bekannt sein. Hundert davon erscheinen im Dezember im WOZ-Verlag.

Der Autor dankt seiner Schriftstellerkollegin Susanna Schwager für die sachdienlichen Hinweise. Ihre Verkehrsbeobachtungen am Gotthard anlässlich ihrer Autofahrten in den Süden haben Pörtner zu diesem Text inspiriert. Kürzlich erschien im Verlag Wörterseh Schwagers neuer dokumentarischer Roman «Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich».

Zweite Gotthardröhre

Wie Stau gefördert und verbreitet wird

Im Juni 2012 entschied sich der Bundesrat für eine zweite Gotthardröhre – mit der Begründung, dass so der erste Strassentunnel repariert werden könne. Ende September dieses Jahrs stimmte auch der Nationalrat einer zweiten Röhre zu. Geplant ist der Bau ab 2020. Danach soll der alte Strassentunnel gesperrt und saniert werden – ab 2030 sollen dann beide Tunnels je einspurig betrieben werden können.

Seit Oktober sammeln die GegnerInnen Unterschriften für eine Volksabstimmung gegen den Bau der zweiten Röhre. Bis 15. Januar benötigt das Bündnis, angeführt vom Verkehrs-Club Schweiz und dem Verein Alpen-Initiative, 50 000 Unterschriften.

Die geplante Vorschrift, nie mehr als zwei Spuren zu öffnen, sei ein Trick, so der Verein Nein zur 2. Gotthardröhre. Eine zweite Röhre öffne die Schleusen für noch mehr Lastwagen und verhindere die Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene. Die BefürworterInnen versuchten damit, den seit 1994 gültigen Alpenschutzartikel zu umgehen. Dieser verlangt, dass die Transitstrassenkapazität im Alpengebiet nicht erhöht werden darf.

Eine «Staustudie», mit der der Verein Alpen-Initiative die Metron Verkehrsplanung AG beauftragt hatte, kam 2011 zum Schluss, dass ein Lkw-Verlad im Eisenbahnbasistunnel den Verkehr auf der A2 am Gotthard erheblich entlasten würde. So etwa würde die Gesamtlänge aller Stauereignisse um rund ein Viertel sinken.

Die Staumeldungen werden von der Viasuisse AG verbreitet. Zu dreissig Prozent daran beteiligt ist auch der Touring-Club Schweiz, der für die zweite Gotthardröhre ist. Dazu passt, dass sich auf der TCS-Website der Kanton Tessin für die zweite Röhre ausspricht. Wohingegen der Kanton Uri, dessen Bevölkerung vor drei Jahren deutlich Nein zur zweiten Röhre gesagt hat, nicht präsent ist.

Gegenüber der WOZ lässt Viasuisse verlauten, dass die Gotthardstaumeldungen jeweils vom Bundesamt für Strassen Astra «erstellt, regelmässig angepasst und auch revoziert» werden. Anhand dieser Staumeldungen würden auch die Radiobulletins erstellt und Infokanäle beliefert.

Wie häufig und zu welchem Zeitpunkt die Meldungen verbreitet werden, bestimmen die Kunden von Viasuisse. Für Radio SRF werden halbstündlich zur halben und zur vollen Stunde Verkehrsmeldungen verschickt.

Adrian Riklin

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