Nr. 35/2007 vom 30.08.2007

Der unruhende Pol

Ein Land nach dem anderen schickt Expeditionen zum Nordpol. Viel Öl werden sie dort allerdings nicht finden.

Von Carlos Hanimann

25 Prozent der weltweit noch unerschlossenen Rohstoffe lagern im arktischen Meeresboden. Das steht in einer Studie des Geologischen Dienstes des US-Innenministeriums. Was heute noch unter dickem Packeis gefangen ist, kann schon morgen für die Ausbeutung freigeschmolzen sein. So stellen sich die Arktisstaaten die Zukunft vor. Und hoffen in der Tiefe auf Gold, Silber, Kupfer, Rohdiamanten zu stossen - auf Erdöl und Erdgas vor allem.

Seit einem Monat geht es heiss zu und her im eisigen Norden. Eine Nordpol-Schlagzeile jagte die nächste. Es war ein mediales Spektakel, verursacht durch einen Tauchgang russischer U-Boote auf den Meeresgrund des Nordpols. Sie sammelten Gesteinsproben, um zu beweisen, dass der Lomonossow-Rücken, ein Unterwassergebirge am Nordpol, Teil des russischen Festlandsockels ist. Damit könnte das Land einen grossen Teil des Polarmeers für sich beanspruchen. Andere Arktisstaaten hatten ebenfalls Expeditionen geschickt, die beweisen sollten, dass der Nordpol auch ein bisschen ihnen gehört.

«Nutzloses Grundeigentum» - so beschreibt der Geologieprofessor David Macdonald aus Aberdeen den von Russland geforderten Meeresboden. Denn: Die meisten Rohstoffe liegen gar nicht am Nordpol. «Wir können mit Gewissheit sagen, dass man dort kein Öl finden wird.» Christian Reichert von der deutschen Bundesanstalt für Geowissenschaften bestätigt diese Einschätzung: «Die Chance, dass man am Nordpol Öl findet, ist minimal. Viel mehr Ölfelder liegen in den erreichbaren Gebieten.» Das heisst, die grössten Rohstoffvorkommen befinden sich innerhalb der 200-Seemeilen-Zone der Arktisstaaten Dänemark, Kanada, Norwegen, Russland und USA, liegen also bereits jetzt in ihren Wirtschaftszonen. Wenn der grosse Schatz aber im rechtlich unumstrittenen Kontinentalschelf zu finden ist, weshalb das grosse Rennen auf den Nordpol?

«Wenn wir es nicht holen ...»

Russland - im Gegensatz zu den anderen Staaten seit Jahrzehnten am Arktischen Ozean interessiert - reichte deshalb bei der Festlandsockel-Grenzkommission (CLCS) 2001 einen Antrag ein, in dem es seine Ansprüche auf den Nordpol festhielt. Bis heute ist es der einzige formelle Arktisantrag bei der CLCS. Er wurde allerdings umgehend zurückgewiesen. 2004 entsandte Dänemark ein Forschungsteam in die Arktis, das seinerseits Beweise für die Zugehörigkeit des Lomonossow-Rückens zur dänischen Insel Grönland finden sollte.

Bis Anfang August dieses Jahres blieben solche Expeditionen in der Öffentlichkeit relativ unbeachtet. Dann schickte Russland zwei Mini-U-Boote auf den arktischen Meeresgrund - eine propagandistische Sonderleistung, die für so viel Aufsehen und Verwirrung sorgte, dass die anderen Arktisstaaten nicht mehr wussten, ob sie über die (rechtlich völlig irrelevante) Aktion lächeln oder doch vorsichtshalber die Armee zum Nordpol schicken sollten. «Reine Propaganda», kommentieren die einen; «Prophylaxe», sagen andere.

So oder so sind die Forderungen aller fünf Staaten verständlich: Russland muss seine erneuerten Ansprüche bis spätestens 2009 bei der CLCS anmelden. Sollte es gelingen, sie wissenschaftlich zu belegen, dann würde rund die Hälfte des Polarmeers zu russischem Territorium. Ebenso würde Dänemarks Fläche viermal grösser, wenn die CLCS dem dänischen Antrag stattgäbe. Auch die USA könnten rund 600 000 Quadratkilometer des alaskischen Kontinentalschelfs für sich beanspruchen, wo Öl im Wert von rund 650 Milliarden US-Dollar vermutet wird. Allerdings müssten sie erst noch das Uno-Seerechtsübereinkommen ratifizieren, das in den Achtzigern wegen Souveränitätsbedenken von rechten PolitikerInnen im Senat abgelehnt wurde. Im kommenden Herbst soll diese Schönheitskorrektur erfolgen.

Obwohl also die grössten Rohstoffvorkommen im Bereich des Festlandsockels vermutet werden, will niemand das Feld den anderen überlassen. Denn es ist ungewiss, welche Mineralien in den Tiefen unter dem Nordpol zu finden sind. Frits Schlingemann, ehemaliger Direktor des Uno-Umweltprogramms (Unep) in Europa, beschreibt die territorialen Begierden der Arktisstaaten folgendermassen: «Wenn wir es uns nicht holen, dann schnappen es sich die anderen.»

Schlingemann hält die Nordpolansprüche Russlands oder Dänemarks für ein politisches Spiel ohne weitere Bedeutung. «Entscheidend wird allein die CLCS sein.» Laut verschiedenen ExpertInnen ist es allerdings unwahrscheinlich, dass die CLCS einem Land das halbe Polarmeer zuspricht. Die internationalen Gewässer, in welchen der Nordpol liegt, müssten «gemeinsames Erbe der Menschheit» bleiben.

Arktischer Rat als Lösung?

Dennoch betrachtet Schlingemann das arktische Treiben mit Skepsis. «Es gibt immer weniger neu erschliessbare Energiequellen. Es war klar, dass es früher oder später eine Diskussion über die Arktis geben würde.» Für ihn ist es wichtig, dass sich die verschiedenen Interessengruppen nun an einen Tisch setzen, um über die Zukunft der Arktis zu diskutieren. «Wenn es den Anrainerstaaten nicht gelingt, untereinander ein verbindliches Abkommen zu schliessen, werden umstrittene Gebiete bilateral aufgeteilt.» Und dann, so fürchtet Schlingemann, würden die Staaten versuchen, so viel wie möglich aus dem Meeresboden zu holen, ohne Rücksicht auf die Umwelt oder die BewohnerInnen der Arktis.

Auch Onno Gross, Vorsitzender der Meeresschutzorganisation Deepwave, hält die Jagd auf Rohstoffe in der Arktis für problematisch. Gerade der Mineralienabbau und die Ölförderung seien gefährlich für die empfindlichen polaren Ökosysteme. «Ein Ölunfall hätte weitreichende Folgen, da es zurzeit keine Methoden gibt, im Eis eingeschlossenes Öl zu beseitigen.» Sollte bei der Förderung Öl ausfliessen, würde es jahrelang die Umwelt beeinträchtigen. Es werde aber nicht möglich sein, die Nutzung der arktischen Ressourcen aufzuhalten, sagt Gross. Allerdings müssten Schutzgebiete für die Natur zugesichert und technische Auflagen bestimmt werden, damit es nicht zu Unfällen komme. «Die Förderung der Rohstoffe darf nicht in Wildwestmanier geschehen.»

Für eine Regulierung der künftigen Ölförderung wäre der Arktische Rat geeignet. In diesem Forum, das noch in den Neunzigern gegründet wurde, sind alle Arktisstaaten vertreten. Ausserdem gehören internationale Organisationen, die für die Interessen der indigenen Völker einstehen, gemeinsam mit nichtarktischen Beobachterstaaten diesem Rat an. Ziel ist es, die Umwelt und die Rechte der indigenen BewohnerInnen der Arktis zu schützen.

Der Arktische Rat habe eine ganze Reihe von Organisationen und Programmen begründet, sagt Peter Prokosch, Generaldirektor von GRID Arendal, der Arktisorganisation der Unep. Mit verschiedenen Studien habe der Rat die Öffentlichkeit auf die Klimaerwärmung und ihre Folgen für die Arktis hingewiesen. Es sei einzigartig auf der Welt, dass sich so viele Nationen für Umweltprojekte in einer derart grossen Gegend einsetzten. Aber die Macht des Arktischen Rats sei beschränkt, sagt Frits Schlingemann.

«Es gibt zwar gewisse Abmachungen unter den Ländern des Arktischen Rats», sagt Prokosch. Gerade in Fragen der Rohstoffförderung, die vorwiegend innerhalb des Festlandsockels stattfinden wird, ist der Einfluss aber gering. Prokosch, der jahrelang Leiter von WWF Deutschland und des Arktisprogramms war, sagt, dass ein Arktischer Vertrag unter den Anrainerstaaten ein Beitrag dazu sein könnte, die Umwelt und die BewohnerInnen der Arktis zu schützen. Der WWF und andere Organisationen streben ein Abkommen an mit dem Zweck, international verbindliche Regeln aufzustellen.

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